Samstag, 28. April 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 3: Das Dilemma und der Mythos (2. Hälfte)

Nachdem Jonas die Darstellung seines Mythos beendet hat, zieht er daraus Schlussfolgerungen. Erstens steht für ihn fest, dass “das Verhältnis Gottes zur Welt vom Augenblick der Schöpfung an, und gewiß von der Schöpfung des Menschen an, ein Leiden seitens Gottes beinhaltet.“ (25f.) Dass dies im Widerspruch zu biblischen Schöpfungsberichten steht, meint Jonas selbst zu erkennen; dennoch schenkt er dieser Diskrepanz keine weitere Beachtung, somit auch nicht beispielsweise der Aussage aus Gen 1,31, wo es heißt, dass Gott seine Schöpfung ansieht und sie mit “sehr gut“ (טוב מאוד) bewertet.
 
Diesen Schöpfungsbericht und v.a. den Zweiten (Gen 2,4b-25) dürfte Jonas deshalb außer acht gelassen haben, weil sie nicht mit seinem evolutionistischen Denken verträglich sind. Evolution setzt notwendigerweise den Tod und damit Leid voraus, während das Leid - und wohl auch der Tod - nach der biblischen Schöpfungsgeschichte erst infolge des Sündenfalls (Gen 3) in Existenz tritt.

Stattdessen verweist Jonas auf den biblischen Propheten Hosea, der in der Tat von einem leidenden Gott spricht. Zwar hat Abraham Joshua Heschel diesen Gedanken bereits 20 Jahre vor ihm ausführlich dargelegt (vgl. ders., the prophets, New York 2001, 289); das dürfte aber den meisten Hörern/Lesern nicht präsent (gewesen) sein, sodass es frappierend erscheint, dass die Leidenschaft Gott selbst betrifft, menschliches Handeln ernsthaft Gott tangiert (25f.; 28). Tatsächlich frappierend ist jedoch die Tatsache, dass Jonas dem Namen nach die “platonisch-aristotelische Überlieferung philosophischer Theologie“, und damit “klassisches Denken zwischen Sein und Werden“ (27), verwirft, de facto aber im Gegensatz zu Heschel genauso platonisch-aristotelisch argumentiert, wenn er über Gott ontologisch spekuliert (27; 29).