Donnerstag, 1. Dezember 2011

Hans Jonas, der rollende Castor und vom Sinn des Lebens

Mittlerweile ist es über 30 Jahre her, daß Hans Jonas sein stark rezipiertes Werk “Das Prinzip Verantwortung“ (Frankfurt 2003 [1979]) veröffentlichte - vor Tschernobyl und Fukushima, vor all den genetischen Errungenschaft der letzten Jahre wie Stammzellenforschung. Und es scheint mir so, als ob es nichts an seiner Aktualität verloren habe - im Gegenteil: Gerade in Zeiten von Fukushima und dem erneut rollenden Castor-Transport hat sein Werk nichts an Brisanz verloren. Denn die These seines Buches lautet,

“daß mit gewissen Entwicklungen unserer Macht sich das Wesen menschlichen Handelns geändert hat; und da Ethik es mit Handeln zu tun hat, muß die weitere Behauptung sein, daß die veränderte Natur menschlichen Handelns auch eine Änderung in der Ethik erforderlich macht.“ (15)

Aber was genau sind die Entwicklungen unserer Macht, von denen Jonas spricht, die Konsequenzen auf unsere Ethik bzw. unser Verhalten haben? Während alle bisherige Ethik, so Jonas, “anthropozentrisch“ war, auf das jeweilige Hier und Jetzt beschränkt und ohne tiefergehende Wirkung auf “nichtmenschliche Objekte“ (22f.), gilt dies für die gegenwärtige Welt nicht mehr, denn:

Die moderne Technik hat Handlungen von so neuer Größenordnung, mit so neuartigen Objekten und so neuartigen Folgen eingeführt, daß der Rahmen früherer Ethik sie nicht mehr fassen kann.” (26; Herv. v. mir)

Jonas rekurriert deshalb - dem Titel seines Werkes entsprechend und in Abgrenzung zu Ernst Blochs “Prinzip Hoffnung“ - auf die Verantwortung eines jeden Menschen, was ihn zu einem neuen Imperativ kantischer Art führt:

„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden; oder negativ ausgedrückt: ,Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens’; oder einfach: ,Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschen auf Erden’; oder wieder positiv gewendet: ,Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein.’ ” (36)

Nun ist Jonas allerdings mit einem Problem konfrontiert, das er unter der “Das ethische Vakuum“ subsummiert. Und zwar fragt er, “ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben und auszuüben beinahe gezwungen sind.” (57)

Jonas ist sich also der Schwierigkeit bewußt, überhaupt ein Interesse dem Nächsten gegenüber geschweige denn der Natur aufzubringen, wenn ich jeglicher Kategorie der Heiligkeit des Lebens widerspreche. Als Jude hätte er relativ einfach auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen verweisen können. Da er sich aber - zumindest in seinem öffentlichen Wirken - zu allererst als Philosoph verstand, geht er in der nachfolgenden Untersuchung den langen und beschwerlichen Weg der “atheistischen“ Argumentation. Ob sich Jonas mit der Problematisierung des Fehlens der Kategorie der Heiligkeit auf Peter Singer bezieht, muß an dieser Stelle offenbleiben (Singer veröffentliche im selben Jahr 1979 seine “Praktische Ethik“, in der er im Zusammenhang von Abtreibung immerhin in Erwägung zog, daß ein Töten von Säuglingen - aus Gründen der Vernunft und der Selbstbestimmung - durchaus vertretbar sei, da selbige Vernunft beim Säugling noch nicht vorhanden sei, die dem Menschen erst einen Wert zuspreche).

Ich kann die genaue Argumentation von Jonas hier nicht im Detail nachzeichnen, denn das Buch hat immerhin ca. 350 Seiten. Nur so viel zum Grundargument: Jonas geht von einer Teleologie - also mit einem Ziel ausgestattet - des (menschlichen) Lebens aus: Dem Menschen sei der Lebenswille angeboren. Das belegt er z.B. mit dem Verhältnis eines Säuglings zu seinen Eltern: Eltern würden sich intuitiv um ihr hilfsbedürftiges Kind kümmern und übernähmen somit Verantwortung und sorgten sich um die nachfolgende Generation (240-242). Aus dieser Verantwortung wächst nach Jonas auch die Sorge um die Umwelt, die z.B. Fragen rund um die Atomenergie oder Biotechnologie tangiert. Er selbst würde konservativ zugunsten des Lebens argumentieren, wenn die Konsequenzen nicht überschaubar sind. Notfalls würde das auch einen Verzicht auf eine vielversprechende Technologie bedeuten (er nennt dies “Heuristik der Furcht“, vgl. 63f.)

Die für mich interessanten Gedanken gestalten sich nun wie folgt:

Einerseits finde ich den Ansatz von Jonas faszinierend und sinnvoll, auf religiöse Argumentation zu verzichten, um ein möglichst großes Publikum erreichen zu können. Wenn man dies mit z.B. Bonhoeffers Gedanken vom Religionslosen Christentum verbindet, sollten wir uns i.d.T. erneut die Frage stellen, was von unseren Glaubensargumenten überhaupt noch notwendig ist, was trägt usw. Diese Herausforderung finde ich spannend und bedarf sicherlich noch intensiveren Nachdenkens.

Andererseits stelle ich mir aber die Frage, inwiefern solch eine Argumentation, wie Jonas sie präsentiert, tatsächlich sinnstiftend ist. Vielleicht kann man über diesen Weg zu einer allgemeingültigen Ethik kommen, die unabhängig von Religion und Kultur funktionieren kann. Aber ist vielleicht das Problem nicht nur ein ethisches Vakuum, sondern vielmehr ein  - im wörtlichen Sinne - theologisches Vakuum, also ein Fehlen des Redens Gottes? Jonas spricht ja der Gattung Mensch einen Wert durch seine inhärente Teleologie zu. Aber dies berührt ja nicht das Individuum, hat mit den Einzelschicksalen und jeweiligen Lebenswelten der Menschen wenig zu tun und gibt ihnen doch keinen metaphysischen Sinn (dieser Vorwurf ist Jonas übrigens mehrfach gemacht worden).

Zusammenfassend denke ich, lohnt es sich in jedem Fall, den Ansatz von Jonas als Beispiel zu nehmen, “atheistisch“ zu denken und zu argumentieren (im religiösen Kontext hat Jonas übrigens dezidiert die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und Schöpfungsdenken in seine Argumentation einbezogen). Gleichzeitig sollte man die Schwächen einer “atheistischen“ Argumentation kennen: Sie kann dem Individuum eben doch keinen Sinn zusprechen. Um die Dimension Gottes komme ich in meiner Argumentation wohl doch nicht herum, und wenn ich Ihn als guten Schöpfer allen Lebens betrachte, dann gehe ich auch von einer Heiligkeit des Lebens aus. 


Aber was das nun konkret für Theologie und Kirche bedeutet, wird die spannende Frage sein.