Sonntag, 20. Juni 2010

Reich Gottes, soziale Gerechtigkeit und bedingungsloser Pazifismus: Shane Claibornes "The irresistible revolution. Living as an ordinary radical"

Auf den ersten Blick wirkt Shane Claiborne wie ein Hippie bzw. Freak, wie er im Buche steht: Lange Dreadlocks, weite - nicht besonders stylische - Klamotten und redet eigentlich die ganze Zeit über nichts anderes als Frieden und Gerechtigkeit; eben typisch Hippie und damit völlig weltfremd, mag man denken. Doch bei genauerem Hinsehen bzw. Nachlesen seines Buches "The irresistible revolution. Living as an ordinary radical", Michigan 2006 (dt.: "Ich muss verrückt sein, so zu leben. Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe") wurde mir schnell klar, daß hier jemand schreibt, der mehr zu sagen hat, als lediglich abgedroschene Formeln zu wiederholen.

Ich möchte nachfolgend keine ausführliche Buchrezension vorlegen, sondern lediglich ein paar Notizen über das Buch geben, weshalb es sich lohnt, es zu lesen. Ein paar Gedanken meinerseits schließen sich dem an.

Mit etwas mehr 350 Seiten gehört das Buch sicherlich zu den Umfangreicheren des Genres; da aber weder Stil noch Inhalt abstrakt geschrieben sind, sondern Shane die meiste Zeit über Geschichten aus seinem Leben oder dem Leben anderer schildert, läßt es sich sehr gut und flüssig lesen.


Mit dem Stil verbunden ist auch der rote Faden: Es gibt nämlich eigentlich keinen. Zumindest habe ich ihn beim Lesen nicht entdeckt, muß allerdings auch dazu sagen, daß ich es nicht in einer Woche gelesen habe, sondern wohl eher über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten.


Daß dieser rote Faden nicht auf Anhieb zu entdecken ist, mindert keineswegs die Qualität des Buches. Vielmehr versucht Shane, anhand seiner Erlebnisse, verbunden mit theologischen Erläuterungen, seine Punkte deutlich zu machen. Hier schreibt jemand, der nicht nur theoretisch zu einem Ergebnis gekommen ist, z.B. das Feindesliebegebot Jesu wortwörtlich ernst zu nehmen. Denn er berichtet beispielsweise, wie er während des zweiten Golfkrieges in den Irak geflogen ist, um dort mit den Menschen zu leben, sie zu verstehen und von ihnen zu lernen.
Einige der Geschichten, die Shane erlebt hat und mich besonders angesprochen haben, seien nachfolgend kurz genannt:
  • Shane berichtet ausführlich von der Kommunität "The simple way", der er selbst angehört und die Teil der Bewegung "New Monasticism" ist. Hierbei handelt es sich um eine sehr spartanisch eingerichtete Lebensgemeinschaft im sozialen Brennpunkt Philadelphias. Alle Bewohner haben es sich u.a. zur Aufgabe gemacht, den Menschen vor Ort zu dienen und neue Hoffnung zu schenken. Es geht ihnen um den persönlichen Kontakt zu und die Solidarisierung mit Obdachlosen, Prostituierten, usw., denn Shane ist der Ansicht, daß man erst durch tatsächlichen Kontakt auch selbst verändert wird. Mich fordert dieser Gedanke ziemlich heraus, weil ich bislang immer Schwierigkeiten z.B. im Umgang mit Obdachlosen habe; grundsätzlich finde ich den Gedanken aber gut.
  • Ein für mich sehr ernstzunehmendes Thema ist das Hinterfragen bestimmter gesellschaftlicher Gegebenheiten (z.B. Kapitalismus) oder auch einen religiösen Konservatismus, wie er durch G.W. Bush vertreten wird. Shane erzählt sehr bildhaft, wie er während des US-Präsidenten-Wahlkampfes Eintritt zu einer besonderen Veranstaltung Bushs erhält. Als Bush anfängt zu reden, beginnt Shane mit dem Zitieren von Bibelversen, ähnlich wie schon die Propheten des Alten Testaments.
  • Besonders emotional einnehmend empfinde ich auch Shanes Bericht über seine Zeit im Irak. Statt von Irakis getötet zu werden, wie es - salopp formuliert - seine Landsleute mit den Irakis im Krieg ja tun, wird er als Gast herzlich aufgenommen und Leben werden geteilt. Shane macht erneut darauf aufmerksam, daß hinter jedem getöteten Iraki ein Sohn, Bruder und womöglich auch Familienvater bzw. Ehemann steckt. Er tritt damit ein für einen bedingungslosen Pazifismus, dem ich gern zustimmen und ebenfalls umsetzen möchte.
Theologisch verbindet Shane die Berichte immer wieder mit Jesus-Erzählungen und Gedanken zum Reich Gottes. Aus meiner Sicht schafft er es sehr gut, Christentum bzw. Nachfolge Jesu nicht nur auf soziale Gerechtigkeit zu reduzieren. Natürlich ist dies sein Kernthema, aber je mehr ich Jesus verstehe, je mehr ich mich auch mit dem jüdischen Denken und Weltbild auseinandersetze - dem Jesus ja eindeutig entstammt -, desto mehr komme ich zurück zum Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37ff.), bei dem Jesus (nach meinem Verständnis) folgendes sagen möchte (die alten jüdischen Auslegungsregeln berücksichtigend): Wenn Du Gott lieben willst, liebe Deinen Nächsten!


Wir Christen neigen ja gern dazu, die Eschatologie (Endzeit; Rückkehr Jesu; neuer Himmel und neue Erde) vom Hier und Jetzt zu trennen und auf ein unbestimmtes Später zu reduzieren. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, daß unser jetziges Tun Konsequenzen haben wird; nicht (so sehr) im juristischen Denken, daß wir für unsere Taten einstehen müssen. Vielmehr glaube ich, daß es ganz praktische Konsequenzen auf den erneuerten Himmel und die erneuerte Erde haben wird. Wie sich das im Detail verhält, möchte ich gern weiter herauszufinden (für Anregungen Eurerseits bin ich auch sehr dankbar und natürlich für Diskussion offen).

Wie sich das auch immer genauer verhalten mag: ich kann die Auseinandersetzung mit Shanes Gedanken und Erfahrungen nur wärmstens empfehlen, denn neben dem, was Gott bereits getan hat und täglich tut, liegt es an uns, ob wir bereit sind, Sein Reich zu empfangen (wie die Kinder) und es zu leben und weiterzugeben. Deshalb sei jedem die Lektüre dieses Buches wärmstens ans Herz gelegt. Ich selbst habe sehr davon profitiert. Ob ich es auch lebe, steht auf einem anderen Blatt...

Sonntag, 13. Juni 2010

Zum Nachdenken: Attraktivität des Evangeliums?

"I'm not sure the Christian gospel always draws a crowd. People may not stand in line for a Roman cross; after all, it's hard enough to wait in line at the shopping mall. In a culture so in fear of death that we stockpile from terrorists, people may not flock to an invitation to lose their lives."
Shane Claiborne, the irresistible revolution. Living as an ordinary radical, Grand Rapids 2006, S.317.