Donnerstag, 29. März 2012

Zum Nachdenken: Dietrich Bonhoeffer über Christsein und Leid(en Gottes)

“Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.“

(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, 18. Aufl. Gütersloh 2005, S.193)

Freitag, 23. März 2012

come-and-see Tage bei “Ths - Akademie für pastorale Führungskräfte“ am 26.05. 2012

Ich habe ja vor kurzem schon einmal grundsätzlich Ths vorgestellt. Jetzt wird es konkret: Die Bewerbungfristen für zukünftige Studenten laufen bereits, und wenn Du über “Ths - Akademie für pastorale Führungskräfte“ mehr wissen und/oder einfach mal die Leute kennenlernen willst, die dahinter stehen, dann schau doch einfach mal am come-and-see Tag am 26.05. 2012 in Gau-Algesheim (Nähe Mainz/Wiesbaden) vorbei.

P.S. Wer sich wundert: In der Tat wurde der Zusatz-Name von Ths aus rechtlichen Gründen geändert zu “Akademie für pastorale Führungskräfte“. Dabei sei erwähnt, dass mit “pastoral“ der Fokus nicht lediglich auf einem der fünf Dienste im Sinne von Eph 4,11 liegt, sondern ein synonym sein soll für grundsätzliche geistliche Leitung.  

Montag, 19. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 3: Das Dilemma und der Mythos (1. Hälfte)

Weil Jonas im Gegenüber zu seinen vornehmlich christlich geprägten Zuhörern betont, dass (nach seiner Vorstellung) Gott als “Herr der Geschichte“ für den Juden bedeute, im Diesseits göttliche Schöpfung, Gerechtigkeit und Erlösung zu suchen/finden, stelle Auschwitz den traditionell-jüdischen Gottesbegriff infrage (14). Als Antwort auf dieses Dilemma zwischen scheinbarer Allmacht und Untätigkeit Gottes entfaltet Jonas seinen Gottesbegriff anhand eines selbsterdachten Mythos, der es an Bezügen v.a. zur Kabbala, einer der wichtigsten mittelalter-mystischen Richtungen innerhalb des Judentums, nicht fehlen lässt.
Gott - bzw. der “göttliche Grund des Seins“ (15) - habe zunächst, wie auch nach kabbalistischer Vorstellung, alles ausgefüllt (“En Ssof“) und sich, um den Schöpfungsakt zu ermöglichen und die Schöpfung zu erhalten, zurückgezogen, um der entstehenden Schöpfung Raum zu geben (“Zimzum“) (15f.; 45f.). Jonas versteht das Sich-Zurückziehen Gottes im Gegensatz zur Kabbala jedoch vollständig (16f.; vgl. 46):

Vielmehr, damit Welt sei, und für sich selbst sei, entsagte Gott seinem eigenen Sein; er entkleidete sich seiner Gottheit, um sie zurückzuempfangen von der Odyssee der Zeit, beladen mit der Zufallsernte unvorhersehbarer zeitlicher Erfahrung, verklärt oder vielleicht auch entstellt durch sie.


Drei Probleme werden an dieser Stelle deutlich, die direkt thematisiert werden sollen, auch wenn sie im Verlauf des Vortrags immer wieder auftauchen:

Der erste Einwand, der erhoben werden kann, ist, dass Jonas zu sehr von einem schwarz-weiß-Denken, was seinem philosophischen Erbe anzulasten sein dürfte (Heidegger & Bultmann). Wieso gibt es nur die zwei Möglichkeiten, dass Gott in seinem “göttlichen Sein“ entweder überall ist oder nirgends? Hierauf fußt Jonas ganze Argumentation, womit er nicht nur das Leid in der Welt und damit auch Auschwitz erklären, sondern auch die Güte Gottes hochhalten kann: Er habe sich “zugunsten der Welt“ (17) entäußert. Aber gerade deshalb wirkt es eher wie ein Wunsch, um Gott zu entlasten.

Das zweite Problem ist, dass der Gott nach der Vorstellung von Jonas während seines Schöpfungs- Aktes vollständig “einging in das Abenteuer von Raum und Zeit“ (15). Damit droht aber Gott - oder passender, wie Jonas es treffend formuliert, unpersönlich: “die Gottheit“ (15) - in “bedingungslose[r] Immanenz“ (16) mit seiner Schöpfung gleich zu werden. Man müsste somit mindestens von einem Panentheismus sprechen. Gott selbst ist bei Jonas einer Evolution in gleicher Art und Weise wie der Materie unterworfen (20f.), ebenso das Bild Gottes (23). Ein Ziel der Schöpfung gibt es demnach nicht wirklich, und kennen tut die Gottheit dies dementsprechend auch nicht. Von einer Vorhersehung Gottes (providentia) lässt sich in Jonas Fall keineswegs sprechen. Vielmehr (23f.):

“Mit dem Erscheinen des Menschen erwachte die Transzendenz [= die Gottheit; d. Verf.] zu sich selbst und begleitet hinfort sein Tun mit angehaltenem Atem, hoffend und werbend, mit Freude und mit Trauer, mit Befriedigung und Enttäuschung - und, wie ich glauben möchte, sich ihm fühlbar machend ohne doch in die Dynamik des weltlichen Schauplatzes einzugreifen“.

Daraus resultiert wiederum ein drittes Problem: Wenn jegliche Entwicklungsprozesse innerhalb der Schöpfung als Produkte des Zufalls bzw. der Abenteuer-Lust der Gottheit anzusehen sind, dann betrifft dies letztlich ebenso Auschwitz. Die Gottheit konnte dies nicht wissen; aber offensichtlich wollte sie diese Möglichkeit auch nicht in Betracht ziehen. Damit lässt sich aber folgendes fragen: Während der Mensch von Jonas aufs Tiefste dazu aufgerufen wird, sich einer “Ethik der Fernverantwortung“ (Jonas, Prinzip Verantwortung, 63) zu unterstellen, agiert “seine“ Gottheit völlig verantwortungslos (21; Herv. v. mir): “So kann denn, diesseits von Gut und Böse, Gott im großen Glücksspiel der Entwicklung nicht verlieren.“ Auch an dieser Stelle entsteht der Eindruck, dass hier der Wunsch Vater des Gedankens ist, nämlich Gottes uneingeschränkte Güte mit der Tatsache von Auschwitz irgendwie zu harmonisieren. Konsequenterweise knüpft Jonas damit sämtliche Verantwortung an den Menschen (47), sodass seine Ethik der Verantwortung nicht nur ein Ausdruck seiner a-theistischen Argumentation ist, sondern auch seiner Theologischen.

Montag, 5. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 2: Der stumme Gott

Der Punkt, bei dem Jonas startet und den er als eine Kernbeobachtung vorausschickt, ist die Erfahrung, dass Gott während der Schoa geschwiegen und damit nicht eingegriffen habe, während sein Volk - und v.a. seine Mutter - vernichtet worden sei; bereits in den ersten Sätzen seines Vortrages springt dem Leser dieser Punkt ins Auge - und dem Hörer ins Gehör (7) -, auf den Jonas im folgenden hinarbeitet und der nach den Vorüberlegungen den zweiten Rahmen zu seinem eigentlichen Kernstück, dem selbsterdachten Mythos (kommt noch:-), bildet.

Bevor jedoch Jonas auf Grundlage der Kernbeobachtung seine Theologie/-gonie über den Mythos entwickelt, die nicht nur zutiefst von der Erfahrung der Schoa geprägt ist, sondern auch zentrale Elemente seines philosophischen Denkens in sich vereint, unterscheidet er die allgemeine Frage nach dem Übel von der Frage nach dem Leid der Juden als erwähltes Volk Gottes. Zwar setzt er zunächst mit dem Bezug zur Untreue des Volkes Israel und zur Idee der Zeugenschaft Ansätze zur Erklärung des Leides an Israel selbst an (11); tatsächlich gilt sein Interesse aber der allgemeinen Frage nach dem Leid, wenn Jonas mit seinem Gottesbild zwar auf einer eklektischen jüdischen Tradition (später mehr:-) fußt, dann aber die Schoa qualitativ von jeder anderen Verfolgung gegen Juden unterscheidet. Denn während der Schoa sei Juden gerade nicht die Wahl zur Taufe gelassen worden, wie dies zuvor der Fall gewesen sei, womit die religiöse Motivation der Verfolgung der Juden ausgeschlossen sei. Vielmehr spricht Jonas von “Dehumanisierung“ (12) aufgrund einer “Fiktion der Rasse“ (13), womit er auf ein evolutionäres Konstrukt des Nationalsozialismus anspielt. Weil Jonas ebenfalls evolutionistisch-philosophisch denkt und gleichsam am Gottesbegriff festhalten möchte, stellt er sich der Frage, wie dieser Gott beschaffen sein muss, der solch ein Leid (bzw. dann auch grundsätzlich Leid in der Welt) zulassen kann.

Freitag, 2. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 1

Bereits vor gut drei Monaten habe ich über Hans Jonas gebloggt, und zwar im Zuge seiner Verantwortungsethik. Jonas war allerdings nicht nur ein einflussreicher (jüdischer) Denker in der Ethik, sondern letztlich auch in der theologisch-philosophischen Debatte über das Theodizee-Problem. Zwar bietet Jonas eine Extrem-Position, dürfte aber deshalb für die Emerging-Szene interessant sein, weil er konsequent nach der Vereinbarkeit von Erfahrung und Theologie fragt und somit gerade nicht in der Theorie verharrt, wie sich etwas irgendwie verhalten müsste. Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, seine Gedanken an dieser Stelle kritisch nachzuzeichnen, um dann zu fragen, wie relevante Theologie im 21. Jahrhundert davon profitieren kann.

Der “Gottesbegriff nach Auschwitz“ geht zurück auf einen Vortrag, den Hans Jonas 1984 in Tübingen
im Zuge seiner Verleihung des Dr. Leopold - Lucas - Preises der Evangelisch - theologischen Fakultät der
Eberhard - Karls - Universität gehalten hat (7). Weil beide Mütter - sowohl die von Jonas als auch die von
Lucas - in Auschwitz gestorben seien, habe sich Jonas das Thema des Vortrags aufgedrängt (7). Die emotionale Verbindung zum Thema liegt somit auf der Hand, und es ist klar, dass Jonas nicht rein theoretisch über den Gottesbegriff redet; aus dieser Not macht er eine Tugend und setzt als Philosoph dezidiert die Erfahrung als wesentliches Instrument zur Gotteserkenntnis voraus. Dies nennt er “ein Stück unverhüllt spekulativer Theologie“ (7; vgl. auch 9f.), weil er einerseits tatsächlich anhand eines Mythos über den Gottesbegriff spekulieren wird, sich andererseits bewusst sein dürfte, dass die auf Offenbarung Gottes pochende klassische Theologie zumeist irgendwie bei der Bibel ansetzt und daraus hervorgehend versucht, die Welt zu erklären. Mit möglicherweise impliziter Anspielung auf Yosef Hayim Yerushalmis “Zachor“, das im Englischen zum ersten Mal 1982 erschienen ist, versteht Jonas die Bibel als Verschriftlichung des jüdischen Kollektivgedächtnisses (10), womit sowohl Raum für die Erfahrung wie auch Offenbarung innerhalb der Entstehung der Bibel gegeben ist.
Dass Jonas aber nicht nur spekulieren möchte, macht er dadurch deutlich, dass er das Thema “mit Furcht und Zittern“ (7) gewählt habe, was nicht nur wörtlich auf eine der Schriften Søren Kierkegaards anspielt, in der es um den Glaubensgehorsam Abrahams im Zuge seiner Opferung Isaaks geht (im Gegensatz zu manch anderem tragischen Helden wie Agamemnon, Jephta oder Brutus besteht ja kein rationaler Grund zu dieser Tat); auch prominente christliche und jüdische Theologen des 20. Jahrhunderts wie Dietrich Bonhoeffer und Abraham Joshua Heschel verweisen auf die ehrfürchtige Haltung Gott gegenüber beim Theologie-Betreiben bzw. Erkenntnisgewinn, zu denen Jonas sich dadurch einreiht. Gleichsam ist der Vortrag gerahmt von Aussagen darüber, dass Jonas selbstverständlich keinen Anspruch auf Richtigkeit erhebt, sodass der Vortrag wie ein demütiger Versuch wirkt, Lobpreis Gottes zu sein.