Donnerstag, 29. Oktober 2009

Lernen von D. Bonhoeffer, Teil 1: Christus-Erkenntnis und Missionsstrategien

Als ich gestern im Zuge der Vorbereitung einer meiner mündlichen Diplomprüfungen Dietrich Bonhoeffers Christologie-Vorlesung (eine Rekonstruktion aus verschiedenen Mitschriften) zur Hand nahm, war ich mal wieder - wie immer eigentlich bei ihm - sofort inspiriert und fühlte mich in Anbetracht seines tragischen Lebensendes mitgerissen, da bei ihm die Gedankenwelt nie nur trockene Theorie blieb, sondern er vielmehr authentisch das lebte, was er auch theologisch denkend verbreitete. Besonders ein Gedanke fesselte meine Aufmerksamkeit:

"Allein durch das Wort freier Selbstoffenbarung erschließt sich die Person Christi und damit ihr Werk.'' (D. Bonhoeffer, Wer ist und wer war Jesus Christus, Hamburg 1962, S.25)

Was Bonhoeffer hier sagen will, ist zweierlei:

1. Nur Jesus Christus selbst kann sich dem Menschen offenbaren. Damit geht (nach seiner Meinung) jeder Bekehrung eines Individuums zu Gott/Christus bereits die konkrete Offenbarung Christi voraus. Es reiche dagegen nicht, so (oder so ähnlich) sagte er, auf historische Begebenheiten oder das irdische Wirken Jesu von Nazareth zu verweisen, weil damit weder etwas erwiesen noch negiert werden könne (klingt schon beinahe postmodern-relativistisch:-).
Praktisch bedeutet das (für mich), daß wir als Christen niemanden missionieren können oder gar zur Bekehrung anhand bestimmer biblischer Berichte überzeugen können. Denn Christus macht immer den ersten und entscheidenden Schritt, was die persönliche Begegnung angeht. Unser Part ist dagegen, möglichst viele und individuell/kulturell passende Räume zu schaffen, in denen Christus durch den Heiligen Geist dem einzelnen begegnen kann. Das mag das gesprochene Bibelwort sein, wie sich das bei der Begegnung zwischen der Purpurhändlerin Lydia und dem Apostel Paulus in Philippi zugetragen haben mag (Apg 16,14: "Dieser tat der Herr das Herz auf..."). Andere bevorzugen da vielleicht einen eher spirituellen oder enthusiastischen Zugang. Entscheidend ist aber letztendlich, daß wir als Christen nichts produzieren können, was durchaus auch einen gewissen Druck wegnehmen kann.

2. Nur wenn ich Christus erkannt habe, kann ich auch auf sein Werk schließen, was sowohl das irdische Wirken vor der Passion als auch Kreuzigung, Auferstehung und Versöhnung mit Gott betrifft.
In diesem Zusammenhang ist für mich eine Sache besonders wichtig: Wenn ich mich durch die "Emerging Church"-Literatur lese, wird immer wieder ein Aspekt Jesu betont, nämlich der prophetische. Dadurch wird der Fokus solcher theologischer Ansätze besonders auf Dinge wie soziale Gerechtigkeit o.ä. gelegt. Zurecht wird dort kritisiert, daß dieser Aspekt Jesu in den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte zu genüge vergessen worden ist und stattdessen, gerade durch Paulus und Luther gefördert, oftmals das Evangelium auf die Rechtfertigung des Menschen vor Gott und Vergebung der Sünden reduziert wurde.
Nun darf man jedoch aus meiner Sicht auch nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen und fast ausschließlich auf den historischen Jesus und gerade seine prophetischen Aktivitäten schauen. Denn damit würde man das Evangelium geradezu minimieren auf ein bißchen Moral oder soziale Gerechtigkeit. Leider finde ich aber diese Tendenz durchaus auch bei renommierten Lehrern der "Emerging Church" - Szene. Die Konsequenz ist, daß man mit allem und jedem - egal welcher Religion angehörig und sonst wie orientiert - die Welt nach sozialen Maßstäben verbessern will. Das ist prinzipiell auch ein sehr guter Ansatz in einem bestimmten Bereich, zumal ich als Christ sicherlich auch einiges vom Buddhismus oder Islam lernen kann. Dennoch sind Buddha und Mohammed eben nicht von gleicher Art wie Christus. Wenn es uns nicht bloß um Weltverbesserung und eine irgendwie geartete gemeinsame Spiritualität gehen soll, darf sich sowohl unsere Rezeption Christi nicht allein auf den historischen Wirkbereich Jesu von Nazareth beschränken und wir in gleichem Atemzug unser Christsein auf primär zwischenmenschliche Aktivitäten reduzieren, sondern sollten gerade die lebendige Beziehung zu Gott durch Jesus Christus im Heiligen Geist als absolut essentiell ernst nehmen. Das bedeutet dann aber gerade, daß es mir nicht egal sein kann, ob jemand Christus kennen- und lieben lernt oder nicht. Denn das wäre aus meiner Sicht lieblos.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Freiheit: Wovon und Wozu


Ich und Predigen?!
Als mich neulich ein guter Bekannter fragte, ob ich bei einem Lobpreisgottesdienst, den er leitet, einen Input zum Thema „Freiheit” halten würde, war ich zunächst skeptisch, da ich eigentlich nicht der eloquente Prediger bin, der gern frontal zu Menschen redet, sondern vielmehr im Gespräch mit anderen Gedanken entwickelt und in Dialogform erarbeitet.
Dies sagte ich ihm dann auch so, bat ihn aber trotzdem um eine Woche Bedenkzeit. Weil ich das aber nicht einfach so entscheiden wollte, entschloß ich mich kurzerhand, Gott mit (in etwa) folgenden Worten einzubinden:„Herr, wenn Du möchtest, daß ich den Input zu „Freiheit” mache, rede bitte mit mir und/oder gib mir ein Zeichen. Du kennst ja meine Skepsis.”
Was dann in jener folgenden Woche passierte, war für mich ziemlich phänomenal: Nach und nach in völlig alltäglichen Situationen kamen mir Gedanken zu dem Input, sodaß ich am Freitag nach der Anfrage alles wesentliche zusammen hatte, was ich sagen würde, ohne daß ich mir bewußt ein paar Stunden zur Entwicklung von Gedanken hätte nehmen müssen. Da wurde mir wieder einmal bewußt, wie wichtig der lebendige Austausch mit Gott war.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit...
Der Grundgedanke kommt aus dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Galatien:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit, so steht nun fest und laßt Euch nun nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!” (Gal 5,1)

Der Bibelvers inspirierte mich zu
zwei Grundausrichtungen von Freiheit, nämlich: 1. Freiheit wovon als Antwort auf Gesetzlichkeit („als Christ mußt Du...”), 2. Freiheit wofür als Antwort auf Beliebigkeit („Anything goes, alles paßt schon irgendwie, Hauptsache, Du hast Dich mal entschieden...”).

Gesetzlichkeit
Der Hauptgrund, weshalb Paulus seinen Galaterbrief schreibt, ist offensichtlich der, daß er die dortige Gemeinde verdächtigt, sich trotz der erfahrenen Befreiung durch Christus zu Einhaltung des jüdischen Gesetzes nötigen zu lassen, um statt durch Christus durch das Gesetz vor Gott gerecht zu werden. Paulus stattdessen pocht auf die Freiheit und Gerechtigkeit allein durch Christus, was er u.a. an seiner eigenen Bekehrung (Kap. 1) oder auch dem sog. „antiochenischen Zwischenfall” (Kap. 2), bei dem Paulus Petrus wegen des Rückfalls in die Gesetzlichkeit anklagen muß, weil dieser aus Angst vor den jüdischen Christen wieder davon abgelassen hat, mit den Heiden zu essen (war nach jüdischem Gesetz verboten), was natürlich auch ein gemeinsames Abendmahl verhindert.
Heutzutage treffe ich solch eine Gesetzlichkeit vor allem in besonders evangelikal - konservativen Kreisen. Aus eigener Erfahrung, z.B. durch ein Gemeindepraktikum in einer Baptistengemeinde in Nashville, kenne ich das, zumal ich noch vor einigen Jahren selbst sehr gesetzlich ausgerichtet war. Das Problem ist folgendes: Solch ein Christentum steht vor allem dafür,
wogegen es ist: Kein Sex vor der Ehe; keine Homosexualität; Du mußt Dich bekehren, sonst kommst Du in die Hölle, usw.
Rob Bell, ein amerikanischer Gemeindegründer und Buchautor, vergleicht diese Art von Glauben mit einer Mauer -> der Glaube ist statisch, und wenn ein Stein - ein Glaubensdogma - aus der Mauer herausbricht, stürzt die ganze Mauer in sich ein und der Glaube ist dahin. Genau diese Problematik erlebte ich während meines Theologiestudiums, als ich feststellen mußte, daß die Bibel eben doch nicht als perfektes Buch ohne jeglichen Widerspruch vom Himmel gefallen ist. Bis dato hatte ich doch tatsächlich geglaubt, daß der Glaube an die Irrtumslosigkeit der Bibel für einen „echten” Christen grundlegend sei.
Paulus geht aber gegen genau diese Gesetzlichkeit an, indem er auf Jesus verweist:

„Doch weil wir wissen, daß der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen”. (Gal 2,16a)

Und trotzdem geraten so viele Christen immer wieder in diesen Zustand der Gesetzlichkeit.
Als alternatives Bild zum gesetzlichen Glauben schlägt Rob Bell das Bild des Trampolins vor, auf das man steigen soll, um den Glauben auszuleben und dynamisch zu erleben. Die Federn an den Seiten um die eigentliche Sprungfläche herum haben dabei die Funktion von Sätzen, an die wir glauben (etwa: Jesus ist von den Toten auferweckt worden, er war der Sohn Gottes, etc.). Diese müssen aber beweglich sein und ab und zu ausgetauscht werden, weil sie nicht mehr tragen. Und so ist es auch mit den Glaubenssätzen, die immer wieder neu hinterfragt und durchdacht werden müssen, um lebendige Funktion für unseren Glauben, für unser Kirchenwesen und die Welt zu haben. Sie können zum Fluch werden, wenn sie zu steif und statisch gesehen werden (s.o.), aber ohne sie kann auch nicht gesprungen werden. Diese Glaubenssätze sind aber nicht allein Dinge, an Dir wir statisch glauben sollen im Sinne von: „Das ist wahr, das ist nicht wahr” - genau das passiert leider zu oft in der hoch-
modernen Theologie -, sondern vielmehr sollen sie auch immer praktische Relevanz haben.

Beliebigkeit
Unglücklicherweise tendieren Menschen dann gern zum anderen Extrem und wollen gleich alle Federn weglassen, weil diese nur einengen, was dann zur
Beliebigkeit führt. Dabei geht beinahe alles, denn Jesus ist ja bereits am Kreuz gestorben, und gut lutherisch beruft man sich dann grundsätzlich auf das sola gratia, allein aus Gnade, was besagt, daß man gar nichts mehr zu seinem Heil hinzufügen könne. Damit sei dann alles erledigt, und im alten Leben verändert sich rein gar nichts.
Dietrich Bonhoeffer beschreibt dieses Problem der Beliebigkeit in seinem Buch „Nachfolge” relativ deutlich und nennt es „billige Gnade”, die er von der teuren „Gnade” absetzt:

„Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament [. . . ]. Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Vergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. [. . . ] Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. [. . . ] Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte.” (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, 2. Auflage Gütersloh 2005, S.29f.)

Offensichtlich ist damit Beliebigkeit und billige Gnade auch nicht der richtige Weg. Daß Gnade natürlich auch nichts mit Werkgerechtigkeit zu tun hat, d.h. daß ich etwas dafür tun muß, daß mich Gott annimmt, haben wir oben an Paulus schon gesehen. Ich glaube, daß ein wesentlicher Punkt des Problems unser Verständnis von „Glaube” ist. Denn wenn Paulus uns dazu auffordert, an Jesus zu glauben, verstehen wir das i.d.R. statisch, d.h. wir halten es für wahr, daß Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist. Punkt. Aber damit mißverstehen wir die jüdische Intention davon. Denn nach jüdischem Verständnis hat(te) Erkenntnis - in diesem Fall, daß Jesus für unsere Sünden gestorben ist -, immer eine praktische Konsequenz. Das ist aber ein ganz anderes Denkmuster als bei uns. Deshalb fügt Paulus seinen Briefen immer Ermahnungen bei, wie sie sich richtig verhalten sollen. Das ist für ihn völlig selbstverständlich. Am besten wird das in diesem Fall aus meiner Sicht deutlich, wenn wir uns dem zweiten Aspekt von Freiheit zuwenden, nämlich:

Freiheit: Wofür? Wozu? In welcher Hinsicht?
Dieser Aspekt wird aus meiner Sicht viel zu oft vergessen. Wir stellen uns Freiheit ja meist so vor, daß wir endlich tun und lassen können, was wir wollen, z.B.: „Mit 18 können mir meine Eltern endlich nichts mehr sagen. Dann kann ich frei entscheiden, was ich tun und lassen will.” Zu ersterem würde ich sagen: „Stimmt”. Zweiteres stimmt aber so nicht. Denn egal, was ich tue, es hat Konsequenzen, sei es für mich oder für andere. Mal abgesehen davon, daß mich natürlich doch gewisse äußere Umstände bei meinen Entscheidungen mitbeeinflussen, muß geklärt werden, was ich eigentlich mit meiner Freiheit anfangen soll.

Oberstes Ziel: Die radikale Jesus - Nachfolge und das Doppelgebot
der Liebe
An diesem Punkt macht es aus meiner Sicht am meisten Sinn, sich Jesus selbst anzuschauen. Wenn er Menschen frei machte, sei es von Krankheiten, dämonischen Bedrückungen oder einfach ihrem alten ziellosen Leben, was war seine „Standardaufforderung? -> „Folge mir nach!” Jesus will vorausgehen, ich soll hinterhergehen. Wenn er predigte, sprach er nicht von einem abstrakten Glauben, sondern von Umkehr und Nachfolge. Ich glaube, daß genau dies der Kern von „Freiheit wofür” ist: Nachfolge Jesu, was sowohl intensive, lebendige Beziehung mit Gott ist als auch lebendige Beziehung zu meinem Nächsten betrifft.
Und dies drückt sich in dem
Doppelgebot der Liebe aus: als Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt wurde, nannte er genau diese beiden (Du sollst Gott lieben, und Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst; vgl. Mt 22,37-39). Durch bestimmte Auslegungsmethoden seiner Zeit verknüpfte er diese beiden Gebote untrennbar miteinander, was zweierlei meinte: 1. Du kannst Gott nicht lieben, ohne Deinen Nächsten zu lieben, und 2. Wenn Du Gott lieben willst, liebe Deinen Nächsten. Damit war aber immer etwas Aktives gemeint, nicht allein nett finden, sondern Gutes tun.
Bonhoeffer hat diesen Sachverhalt theologisch mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen (vgl. Gen 1,26f.) begründet: Weil Gott für den Menschen frei sein will und in Jesus Christus Mensch wurde und bei den Menschen ist - also auf ihn bezogen ist -, muß auch der Mensch, der nach Gott geschaffen ist, auf seinen Nächsten hin frei sein. Wenn wir aber die Menschen sein wollen, als die Gott uns geschaffen hat, müssen wir in Beziehung zu und für unsere Nächsten leben. Zwar entspricht das nicht dem subjektivistischen Geist unserer Zeit, daß sich also mein Leben nur um mich dreht, aber genau das meint Bonhoeffer, und Jesus ebenso (s.o.).

Praktische Konsequenzen
Was hat das nun für Konsequenzen für mein Leben und meinen Glauben? Wie sieht lebendiger Glaube und ein
freies Leben jenseits von Gesetzlichkeit und Beliebigkeit aus? Am Bild vom Trampolin läßt sich dies wiederum gut verdeutlichen: Grundsätzlich ist wichtig, überhaupt auf diesem Trampolin zu springen und bewußt Gott zu erleben und Beziehung mit ihm zu pflegen, z.B. durch Gebet, Bibellesen, usw. (um seinen eigenen geistlichen Stil zu finden, durch den man besonders intensiv Gott begegnet, sei an dieser Stelle auf das aktuelle Buch von Christian A. Schwarz, die 3 Farben Deiner Spiritualität, Glashütten 2009, verwiesen.), und zwar ganz natürlich, mit den Problemen, die ich habe, und an den Orten wo ich bin, also nicht allein am Sonntag und hinter Kirchenwänden. Das bedeutet auch, daß ich mit Gott über Themen, die mich nicht loslassen, ringen darf und soll, z.B. warum hat mich mein Freund/Freundin verlassen/warum sterben Menschen usw., also Warum - oder Wozu - Fragen. Denn viele Dinge passieren im Endeffekt nicht umsonst bzw. wir können, auch wenn sie schmerzhaft sind, viel daran lernen.
Um im Bild des Trampolins zu bleiben: Auf den Nächsten hin frei zu sein, heißt, daß wir Leute mit auf das Trampolin nehmen sollen, damit sie auch Gott in ihrem Leben erleben. Dafür muß ich dann auch mal das Trampolin verlassen, um sie hinaufzuführen, was praktisch mit Arbeit verbunden ist und vielleicht nicht immer nur Spaß bringt. Wenn sich jemand immerzu bei Dir ausheult, kann das schon Geduld abverlangen. Bei zwei Leuten müssen dann manchmal übrigens auch diese Federn erneuert werden, weil, bildlich gesprochen, zwei Leute schwerer als einer sind. Der andere kann mit seinen Fragen und Problemen meinen Glauben ebenso herausfordern und dadurch stärken und lebendig erhalten.
Diese Lebendigkeit des Glaubens können und sollen wir auf alle Bereiche unseres Lebens übertragen. Um an die Gesetzlichkeit anzuknüpfen, von der ich ganz am Anfang gesprochen habe: Ich muß nicht dem evangelikal geprägten Gesetz „Kein Sex vor der Ehe” folgen, denn ich bin durch Jesus frei geworden vom Gesetz. Allerdings: wenn ich wirklich frei sein will, muß ich die Konsequenzen für mich und vor allem für meinen Partner, meinen Nächsten, bedenken und verantworten. Mit Freiheit kommt auch eben Verantwortung auf mich zu. Ich kann entscheiden, es liegt an mir. Aber wenn ich das Doppelgebot der Liebe ernst nehme, entscheide ich aus meiner Beziehung zu Gott, wie ich mich in solchen Situationen verhalte, also: „What would Jesus do?”

Samstag, 24. Oktober 2009

Back to the roots mit D. Bonhoeffer

"[…] [U]nser Christsein wir heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun." - Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung, 18. Auflage 2005, S.157)

Als ich vor einigen Tagen o.g. Zitat während meiner Stillen Zeit las, mußte ich mal wieder darüber nachdenken, wie innovativ Dietrich Bonhoeffer für seine Zeit bereits war. Mit seinen Briefen aus der Haft u.v.a hat er die (deutsche) Kirche der Nachkriegsgeneration entscheidend geprägt. Auch heute noch kann man sicherlich viel von ihm lernen, zumal seine Integrität von Lehre und Lebensführung mir immer wieder deutlich macht, daß es nicht reicht, allein abstrakt über Dinge nachzudenken. Vielmehr muß ich sie praktisch umsetzen, genau wie mein Glaube nicht nur die Zustimmung zu bestimmten Dogmen sein kann.

Bonhoeffer trifft mit diesem Zitat für mich genau ins Schwarze: Es geht in unserem Christsein um Beziehung, zu Gott und zu den Mitmenschen, und zwar auf aktive Art und Weise. Statt "Tun des Gerechten" würden wir im Emerging-Kontext vielleicht von "Reich Gottes bauen" reden, meint aber prinzipiell dasselbe. Bonhoeffer führt dies theologisch auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und den damit verbundenen Gedanken der Freiheit (Schöpfung und Fall, 3. Auflage 1955, S.41) zurück: Wie Gott auf die Schöpfung hin frei ist, ist auch der Mensch auf seinen Nächsten hin zur Freiheit geschaffen. Da Freiheit bei Bonhoeffer aber immer etwas ist, was der Mensch für den anderen/Nächsten hat, muß der einzelne konkret für seinen Nächsten leben. Das spitzt sich dann eben im tun der Gerechtigkeit zu. Ohne Tun des Gerechten lebe ich im Umkehrschluß also nicht so, wie Gott mich eigentlich geschaffen hat.

An diesen beiden Dingen, also der Beziehung zu Gott und den Mitmenschen, muß sich das, was sich soziologisch als Kirche darstellt, messen. Keine Äußerlichkeit hat einen Eigenwert, wenn sie nicht der Beziehung zu Gott und den Menschen bzw. dem Tun des Gerechten auf der Welt dient. Jürgen Moltmann (Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes, 2. Auflage München 1989, S.82) kann dann sogar schreiben: "Die wahre Kirche ist die Gemeinschaft der Liebe." Auf diesen Kern sollten wir immer wieder zurückkommen, wenn wir darüber nachdenken, wie Kirche eigentlich sein sollte, getreu dem Motto: "Ecclesia semper reformanda est."