Freitag, 19. Oktober 2012

Fehlt es unserem Gott an Kreativität? Ein paar Gedanken zur christlichen Cover-Musik

Als ich heute morgen über iTunes “K-Love“, einen christlichen Mainstream-Radiosender, anstellte, erlebte ich  wieder einmal ein Phänomen, dass mir schon oft negativ aufgefallen ist: Ein Song, der zuvor (vor etwa 1-2 Jahren) durch eine bestimmte Band bekannt geworden ist, wird von einem anderen Interpreten neu arrangiert, aufgenommen und dann dort im Radio gespielt.

Wenn solch ein Phänomen einmalig wäre, hätte ich vermutlich keinerlei Probleme damit. Nun muss man sich aber vorstellen, dass genau solche neu-arrangierten Songs zuvor in den Kirchen wochenlang sonntags und an anderen Tagen bereits rauf und runter gespielt worden sind und dadurch bereits eine gewisse Übersättigung - zumindest in meinen Ohren - herrscht. Das ist der ein Punkt.

Der andere Punkt, den ich allerdings noch viel schlimmer finde, ist der Folgende: Wir reden immer wieder davon, dass unser Gott kreativ sei, schließlich habe er doch uns, die Welt usw. erschaffen. Sollten wir Christen, die als Kern des Glaubens immer wieder den Aspekt von Beziehung zu diesem kreativen Gott in den Vordergrund stellen, nicht eigentlich von Seiner Kreativität profitieren? Also, müsste nicht seine Kreativität eigentlich ein Stückchen (mehr) auf uns abfärben? 

Statt dessen covern und covern wir und hängen dem musikalischen Trend i.d.R. sowieso Meilen hinterher. Sollten wir uns nicht ernsthaft mal fragen, warum Menschen, die diesen wunderbar-kreativen Gott oftmals persönlich gar nicht kennen, warum solche Menschen viel mehr von Seiner Kreativität abbekommen haben bzw. so wirken, weil sie sich trauen, ihre Kreativität umzusetzen? Oder deckeln wir uns (v.a. in unseren Gottesdiensten) einfach zu sehr, weil wir denken, dass wir einem bestimmten Schema entsprechen müssen, das wir uns aber gerade selbst vorgesetzt haben?

Anders herum: Was wäre es für ein Zeugnis, wenn die Kirchen endlich (oder noch mehr) das ausleben würden und dürften, was Gott in uns alle hineingelegt hat, nämlich Seine kreative Schöpfungspower? Denn nichts weiter heißt “kreativ“ ja als (neu-) schöpferisch. Das wäre mein Traum, dass Kirchen aus dem Status von “(überkommene) Wertegemeinschaft“ o.ä. in den Status von (u.a.) “kreative Keimzelle zum Wohle der Nation“ werden. Dass das für unterschiedliche Kirche etwas ganz Unterschiedliches bedeutet, liegt bei dem Wort “Kreativität“ auf der Hand. Also, warum nicht einfach mal die meist selbst gesteckten Begrenzungen entfernen und mit Gottvertrauen neue Bereiche entdecken, die Gott ebenso geschaffen hat und uns eigentlich zugänglich machen will? Ich bin sicher, dass es  noch viel Neuland zu entdecken gibt.   

Sonntag, 14. Oktober 2012

Ist eine interreligiöse theologische Ausbildung möglich? Die Innovation der “Claremont Lincoln University“

Seit einigen Wochen stoße ich immer mal wieder auf ein theologisches Seminar in der Nähe von Los Angeles, das mich mehr und mehr fasziniert: 

“Claremont School of Theology“ - ein auf den ersten Blick relativ gewöhnliches, vielleicht etwas “hipperes“ theologisches Seminar. Was aber auf den ersten Blick als gewöhnlich erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick aus meiner Sicht als revolutionär. Denn das Seminar ist nicht einfach nur interkonfessionell offen trotz des methodistischen Ursprungs, sondern sogar interreligiös ausgerichtet. 

Zwar werden in Claremont ganz klassisch potentielle Pastoren und theologisch Interessierte ausgebildet wie in jedem anderen theologischen Seminar auch. Die Innovation ist aber nun die, dass man dort nicht nur mit Christen zusammen studiert, sondern eben auch mit Juden und Moslems. Denn die “School of Theology“ als dezidiert christliches Department wird im Gesamtkonzept der ganz jungen “Claremont Lincoln University ergänzt u.a. durch die “Academy for Jewish Religion“ und “Bayan Claremont“, wodurch die drei abrahamitischen Religionen vertreten sind; weitere Vertreter für andere Weltreligionen sind ebenfalls geplant (laut Homepage). 

Das allein ist aber noch nicht das Innovative, schließlich könnte man argumentieren, dass es nach nichts weiter klingt als nach einem religionswissenschaftlich ausgerichteten Studium. Während man bei einem religionswissenschaftlichen Studium aber bewusst die Außenperspektive einnimmt und Religionen miteinander vergleicht, geht es hierbeit tatsächlich darum, von seiner ganz persönlichen Innenperspektive aus die anderen Religionen wahrzunehmen und nicht von ihnen abstrakt zu lernen, sondern die anderen Studenten mit ihrer ebenfalls ganz persönlichen Innenperspektive kennenzulernen, um diese Pluralität zu schätzen, den anderen trotz seiner Andersartigkeit stehen zu lassen und sich darin selbst noch ein Stückchen besser kennenzulernen. 

Konkret ist die Universität in drei Levels unterteilt: Das erste Level ist für all diejenigen gedacht, die in jedem Fall ihren konfessionell gebunden Abschluss machen wollen, um dann z.B. als Pastor o.ä. arbeiten zu können; auf diesem Level bereits (laut Homepage) spielt die pluralistische westliche Welt bei der Ausbildung eine wichtige Rolle, was aber von der jeweiligen Schule selbst organisiert bzw. durchgeführt wird. Die jeweils typischen Inhalte theologischer Ausbildung scheinen, im Vordergrund zu stehen (Abschlüsse sind z.B. die ensprechend Christlichen wie ein “Master of Divinty“), auch wenn Kurse von Level II besucht werden können. 

Das zweite Level ist in der übergeordneten “Claremont Lincoln University“ selbst angesiedelt, die interreligiöse Kurse und Abschlüsse anbietet, um noch bewusster kulturell-religiös von anderen zu lernen. Hier scheinen auch, religionswissenschaftliche Methodiken ebenso wie Praxis-orientierte Dinge relevant zu sein. 

Das dritte Level beinhaltet interdisziplinär ausgerichtete Forschungszentren, um gezielt nicht nur interreligiös auszubilden, sondern auch Forschung zu betreiben und Lösungen für v.a. gesellschaftliche Probleme zu bieten.

Insgesamt fällt der starke gesellschaftliche und praktische Bezug der Universität auf, womit wohl auch eine Lücke geschlossen werden soll. Universitäten vermitteln ansonsten ja oftmals zwar viel Theorie, aber die Praxis spielt eine eher untergeordnete Rolle (zumindest ist dies in Deutschland oftmals der Fall). 

Wem das Ganze immer noch sehr theoretisch vorkommt, dem sei nachfolgendes Video ans Herz gelegt. Es dokumentiert eine erst kürzlich stattgefundene Veranstaltung an der “Claremont School of Theology“ zur Frage nach der großen Erweckung der Kirchen im 21. Jahrhundert. Der interreligiöse Dialog spielt auch dort eine Rolle. Einer der drei Sprecher war übrigens Brian McLaren, aber seht selbst: 





Nun lässt sich natürlich separat diskutieren, inwieweit man es selbst überhaupt vertreten kann, sich als Kirche oder sonstige Religionsgemeinschaft auf einen Dialog einzulassen. Habe ich als Kirche beispielsweise nach wie vor Anspruch auf Absolutheit, weil ich als Kirche Jesus besitze, der von sich nach dem Johannes-Evangelium aussagt, er sei “der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), ist zu fragen, ob ein Dialog überhaupt sinnvoll oder möglich ist. Denn schließlich erwartet ein Dialog ja immer, auf gleicher Augenhöhe betreffender Partner stattzufinden. Andererseits ist aber zu berücksichtigen, dass das pluralistische Couleur des westlichen 21. Jahrhunderts ja nicht nur ideologisch solch einer Engführung widerspricht, sondern de facto auch die Welt nicht nur multikulturelle, sondern eben multireligiöse Gestalt annimmt. Will ich mich nicht völlig aus der Gesellschaft zurückziehen, muss ich genau diesen beiden Herausforderungen begegnen. Was das konkret bedeuten kann, soll an anderer Stelle diskutiert werden. Einen enstprechenden Dienst leistet offensichtlich die “Claremont Lincoln University“, die ich hoffentlich in absehbarer Zeit einmal persönlich besuchen kann. Ich bin gespannt!