Sonntag, 25. November 2012

Rückblick Novavox-Konferenz 2012 (mit Frost und 2x Hirsch)

Bin zurück von der Novavox-Konferenz, die diesmal hier in Mainz von Donnerstag abend bis gestern nachmittag (= zweieinhalb Tage lang) stattfand. Key-Speaker waren Alan & Deb Hirsch und Michael Frost. Zusätzlich bereicherten (neben den zahlreichen Gästen aus In- und Ausland) einige Praktiker aus Deutschland den Input, die allesamt dem Thema der Konferenz gemäß bereits ein Projekt betreiben, womit sie missionale Wege gehen und uns dadurch an ihren Erfahrungen und Ideen teilhaben lassen konnten. Neben den Inputs und einem Workshop (jeweils durch Speaker oder Praktiker geleitet) waren aus meiner Sicht v.a. die Gespräche und das Vernetzen das Highlight der gesamten Zeit. Wie immer war natürlich alles viel zu kurz, aber besonders die Gespräche und ein kreativer Think Tank wären es gewesen, was ich gern noch länger und intensiver wahrgenommen hätte. Die Workshops (meiner zum Thema “Kreativität“) waren mit 60min Dauer dabei viel zu knapp bemessen; wir hätten sicherlich noch Stunden verbringen können, um richtig tief einzusteigen. Aber mehr war dann einfach in der Kürze der Zeit nicht möglich. So viel zu den Rahmenbedingungen; nun ein paar inhaltliche Details, die mir wichtig gewesen bzw. hängen geblieben sind.

Freitagabend war, um direkt zum Punkt zu kommen, für mich persönlich von den Inputs her das Highlight - nicht, weil es neu war, sondern weil man wirklich merkte, dass hier spirituell etwas passierte. Der Heilige Geist nahm uns alle irgendwie mit, während Michael erzählte, wie er am eigenen Leib trotz symbolischer Handlung einmal wirklich erlebt hatte, was es heißt, das Nachfolge - und damit missionales Leben - etwas kostet und nicht einfach als “add-on“ bewerkstelligt werden kann. Der theologische Zusammenhang war die Sendung Gottes in Jesu Inkarnation, der Fleisch- bzw. Menschwerdung, die den heiligen Gott wirklich etwas gekostet habe wegen der Niedrigkeit udn Verfallenheit des menschlichen Fleisches. Indem wir das Abendmahl nähmen, würden wir nicht nur an dem Sendungsauftrag nach Joh 20,21 teilnehmen, sondern hätten damit auch an dem Leiden Gottes zu partizipieren. Was Michael in einer Versammlung nun einmal erlebt hatte, war, dass er in einen Müllberg, also in die menschlichen Abfallprodukte, hineinsteigen sollte, um (von) dort das Abendmahl zu nehmen. So würde man tatsächlich erleben, was es den heiligen Gott gekostet hätte, in die Niedrigkeit der menschlichen Welt hinabzusteigen. Uns wurde zwar zuwider beim Hören der Story, konnten aber zumindest ein Stückchen von dem nachfühlen, worum es Michael in diesem Fall ging. Und das war auch der Grundtenor der ganzen Konferenz und auch der anderen Key-Speaker, dass missionales Leben wirklich mit Opfern verbunden ist.

Die übrigen Inputs der Key-Speaker waren - mit einer Ausnahme -  ziemlich genau das, was man auch in deren Büchern nachlesen kann: Alan sprach v.a. über Communitas/Liminality und damit von Abenteuer bzw. auch echte Herausforderung als “Tool“, um (nicht nur) ein Team zusammenzuschweißen und auf Gott zu vertrauen, wodurch jeder aktiv werden muss. Gemeindegründung wäre beispielsweise solch eine Situation; der Idealfall wäre nun, dass eine missionale Kirche tatsächlich immer wieder an den Punkt kommt, echte Herausforderung und damit Communitas/Liminality zu erleben, um v.a. auch dem Status quo zu entgehen. Deb sprach viel von dem, was sie mit Alan schon in “Untamed“ beschrieben hat. Michael ging wesentlich darauf ein, was ich jüngst noch in seinem Buch “The road to missional“ gelesen hatte. Für mich jetzt nicht wirklich Neuland, aber für jeden, der die Bücher nicht kannte, eine gute Gelegenheit, kompakt das Wichtigste von den Verfassern selbst präsentiert zu bekommen.

Eine Ausnahme bildete ein Experiment zum geschlechterspezifischen missionalen Denken bzw. Leben. Dieses Experiment, was dann leider doch recht schwach war, funktionierte so, dass die beiden Männer zunächst zu den Männern sprachen, während die Frauen (Deb und Michaels Frau Caz) entsprechend bei den Frauen waren - hinterher dann umgekehrt. Schwach war es deshalb, weil es nicht nur an der Oberfläche kratze, sondern alle im Wesentlichen versuchten, bestimmte geschlechterspezifische Klischees zu beackern. Die Idee war nicht schlecht, aber zum einen war oftmals der Bezug zur übrigen Thematik der Konferenz von missionalem Leben nicht so recht klar, zum anderen war es einfach argumentativ zu dünn (was sicher auch an der Kürze der Zeit lag).

Als Fazit kann ich sagen, ich auf jeden Fall wieder hinfahren würde zur Novavox-Konferenz. Sehr positiv erstaunt war ich übrigens auch von der Masse an Leuten, die dann tatsächlich dort waren. Meinem (schlechten) Einschätzungsvermögen zufolge würde ich sagen, dass in etwa zwischen 150 und 200 Leute täglich dabei waren, was aus meiner Sicht super ist, zumal man bedenken muss, dass nächste Woche schon das “Emergent Forum“ in Erlangen stattfindet und sich zahlreiche Leute zwischen den beiden Veranstaltungen wohl haben entscheiden müssen. Umso besser insofern, als dass ich eine ganze Reihe neuer Leute kennenlernen durfte, die teils tatsächlich noch relativ unberührt von der Literatur zur Konferenz kamen. Zuletzt einen herzlichen Dank an die großartige Organisation des Novavox-Teams (Andrea & Stefan, Björn und Flo). War super, weiter so!
Für die Zukunft erhoffe ich mir über die bisher bestehenden Sachen, dass es auch jenseits der Konferenzen eine Möglichkeit gibt, sich auszutauschen und gegenseitig zu inspirieren. Ein Forum o.ä. könnte dafür hilfreich sein, da Facebook und Blogs zwar nett sind, aber noch nicht so recht für ein Zusammengehörigkeitsgefühl sorgen. Vielleicht findet sich ja in absehbarer Zeit jemand, der sich bereit erklärt, so etwas zu initiieren. Wie/ob ich mich zukünftig ebenfalls bei Novavox einbringe, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten klären. In jedem Fall kann ich es nur jedem ans Herz legen, sich einzuklingen in die Sache bzw. die Initiative, damit die nova vox (= neue Stimme) immer lauter in deutschen Landen bestehende Kirchen erfrischt und neue Aktivitäten ganz unterschiedlicher Art ins Rollen bringt, um das Evangelium nicht als Lippenbekenntnis im Boden versinken zu lassen, sondern als tatsächlich gute Botschaft kraftvoll Menschen dort zu begegnen, wo sie Ganz- und Heilwerden brauchen.

Freitag, 19. Oktober 2012

Fehlt es unserem Gott an Kreativität? Ein paar Gedanken zur christlichen Cover-Musik

Als ich heute morgen über iTunes “K-Love“, einen christlichen Mainstream-Radiosender, anstellte, erlebte ich  wieder einmal ein Phänomen, dass mir schon oft negativ aufgefallen ist: Ein Song, der zuvor (vor etwa 1-2 Jahren) durch eine bestimmte Band bekannt geworden ist, wird von einem anderen Interpreten neu arrangiert, aufgenommen und dann dort im Radio gespielt.

Wenn solch ein Phänomen einmalig wäre, hätte ich vermutlich keinerlei Probleme damit. Nun muss man sich aber vorstellen, dass genau solche neu-arrangierten Songs zuvor in den Kirchen wochenlang sonntags und an anderen Tagen bereits rauf und runter gespielt worden sind und dadurch bereits eine gewisse Übersättigung - zumindest in meinen Ohren - herrscht. Das ist der ein Punkt.

Der andere Punkt, den ich allerdings noch viel schlimmer finde, ist der Folgende: Wir reden immer wieder davon, dass unser Gott kreativ sei, schließlich habe er doch uns, die Welt usw. erschaffen. Sollten wir Christen, die als Kern des Glaubens immer wieder den Aspekt von Beziehung zu diesem kreativen Gott in den Vordergrund stellen, nicht eigentlich von Seiner Kreativität profitieren? Also, müsste nicht seine Kreativität eigentlich ein Stückchen (mehr) auf uns abfärben? 

Statt dessen covern und covern wir und hängen dem musikalischen Trend i.d.R. sowieso Meilen hinterher. Sollten wir uns nicht ernsthaft mal fragen, warum Menschen, die diesen wunderbar-kreativen Gott oftmals persönlich gar nicht kennen, warum solche Menschen viel mehr von Seiner Kreativität abbekommen haben bzw. so wirken, weil sie sich trauen, ihre Kreativität umzusetzen? Oder deckeln wir uns (v.a. in unseren Gottesdiensten) einfach zu sehr, weil wir denken, dass wir einem bestimmten Schema entsprechen müssen, das wir uns aber gerade selbst vorgesetzt haben?

Anders herum: Was wäre es für ein Zeugnis, wenn die Kirchen endlich (oder noch mehr) das ausleben würden und dürften, was Gott in uns alle hineingelegt hat, nämlich Seine kreative Schöpfungspower? Denn nichts weiter heißt “kreativ“ ja als (neu-) schöpferisch. Das wäre mein Traum, dass Kirchen aus dem Status von “(überkommene) Wertegemeinschaft“ o.ä. in den Status von (u.a.) “kreative Keimzelle zum Wohle der Nation“ werden. Dass das für unterschiedliche Kirche etwas ganz Unterschiedliches bedeutet, liegt bei dem Wort “Kreativität“ auf der Hand. Also, warum nicht einfach mal die meist selbst gesteckten Begrenzungen entfernen und mit Gottvertrauen neue Bereiche entdecken, die Gott ebenso geschaffen hat und uns eigentlich zugänglich machen will? Ich bin sicher, dass es  noch viel Neuland zu entdecken gibt.   

Sonntag, 14. Oktober 2012

Ist eine interreligiöse theologische Ausbildung möglich? Die Innovation der “Claremont Lincoln University“

Seit einigen Wochen stoße ich immer mal wieder auf ein theologisches Seminar in der Nähe von Los Angeles, das mich mehr und mehr fasziniert: 

“Claremont School of Theology“ - ein auf den ersten Blick relativ gewöhnliches, vielleicht etwas “hipperes“ theologisches Seminar. Was aber auf den ersten Blick als gewöhnlich erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick aus meiner Sicht als revolutionär. Denn das Seminar ist nicht einfach nur interkonfessionell offen trotz des methodistischen Ursprungs, sondern sogar interreligiös ausgerichtet. 

Zwar werden in Claremont ganz klassisch potentielle Pastoren und theologisch Interessierte ausgebildet wie in jedem anderen theologischen Seminar auch. Die Innovation ist aber nun die, dass man dort nicht nur mit Christen zusammen studiert, sondern eben auch mit Juden und Moslems. Denn die “School of Theology“ als dezidiert christliches Department wird im Gesamtkonzept der ganz jungen “Claremont Lincoln University ergänzt u.a. durch die “Academy for Jewish Religion“ und “Bayan Claremont“, wodurch die drei abrahamitischen Religionen vertreten sind; weitere Vertreter für andere Weltreligionen sind ebenfalls geplant (laut Homepage). 

Das allein ist aber noch nicht das Innovative, schließlich könnte man argumentieren, dass es nach nichts weiter klingt als nach einem religionswissenschaftlich ausgerichteten Studium. Während man bei einem religionswissenschaftlichen Studium aber bewusst die Außenperspektive einnimmt und Religionen miteinander vergleicht, geht es hierbeit tatsächlich darum, von seiner ganz persönlichen Innenperspektive aus die anderen Religionen wahrzunehmen und nicht von ihnen abstrakt zu lernen, sondern die anderen Studenten mit ihrer ebenfalls ganz persönlichen Innenperspektive kennenzulernen, um diese Pluralität zu schätzen, den anderen trotz seiner Andersartigkeit stehen zu lassen und sich darin selbst noch ein Stückchen besser kennenzulernen. 

Konkret ist die Universität in drei Levels unterteilt: Das erste Level ist für all diejenigen gedacht, die in jedem Fall ihren konfessionell gebunden Abschluss machen wollen, um dann z.B. als Pastor o.ä. arbeiten zu können; auf diesem Level bereits (laut Homepage) spielt die pluralistische westliche Welt bei der Ausbildung eine wichtige Rolle, was aber von der jeweiligen Schule selbst organisiert bzw. durchgeführt wird. Die jeweils typischen Inhalte theologischer Ausbildung scheinen, im Vordergrund zu stehen (Abschlüsse sind z.B. die ensprechend Christlichen wie ein “Master of Divinty“), auch wenn Kurse von Level II besucht werden können. 

Das zweite Level ist in der übergeordneten “Claremont Lincoln University“ selbst angesiedelt, die interreligiöse Kurse und Abschlüsse anbietet, um noch bewusster kulturell-religiös von anderen zu lernen. Hier scheinen auch, religionswissenschaftliche Methodiken ebenso wie Praxis-orientierte Dinge relevant zu sein. 

Das dritte Level beinhaltet interdisziplinär ausgerichtete Forschungszentren, um gezielt nicht nur interreligiös auszubilden, sondern auch Forschung zu betreiben und Lösungen für v.a. gesellschaftliche Probleme zu bieten.

Insgesamt fällt der starke gesellschaftliche und praktische Bezug der Universität auf, womit wohl auch eine Lücke geschlossen werden soll. Universitäten vermitteln ansonsten ja oftmals zwar viel Theorie, aber die Praxis spielt eine eher untergeordnete Rolle (zumindest ist dies in Deutschland oftmals der Fall). 

Wem das Ganze immer noch sehr theoretisch vorkommt, dem sei nachfolgendes Video ans Herz gelegt. Es dokumentiert eine erst kürzlich stattgefundene Veranstaltung an der “Claremont School of Theology“ zur Frage nach der großen Erweckung der Kirchen im 21. Jahrhundert. Der interreligiöse Dialog spielt auch dort eine Rolle. Einer der drei Sprecher war übrigens Brian McLaren, aber seht selbst: 





Nun lässt sich natürlich separat diskutieren, inwieweit man es selbst überhaupt vertreten kann, sich als Kirche oder sonstige Religionsgemeinschaft auf einen Dialog einzulassen. Habe ich als Kirche beispielsweise nach wie vor Anspruch auf Absolutheit, weil ich als Kirche Jesus besitze, der von sich nach dem Johannes-Evangelium aussagt, er sei “der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), ist zu fragen, ob ein Dialog überhaupt sinnvoll oder möglich ist. Denn schließlich erwartet ein Dialog ja immer, auf gleicher Augenhöhe betreffender Partner stattzufinden. Andererseits ist aber zu berücksichtigen, dass das pluralistische Couleur des westlichen 21. Jahrhunderts ja nicht nur ideologisch solch einer Engführung widerspricht, sondern de facto auch die Welt nicht nur multikulturelle, sondern eben multireligiöse Gestalt annimmt. Will ich mich nicht völlig aus der Gesellschaft zurückziehen, muss ich genau diesen beiden Herausforderungen begegnen. Was das konkret bedeuten kann, soll an anderer Stelle diskutiert werden. Einen enstprechenden Dienst leistet offensichtlich die “Claremont Lincoln University“, die ich hoffentlich in absehbarer Zeit einmal persönlich besuchen kann. Ich bin gespannt!

Sonntag, 30. September 2012

Greg Boyd über “Himmel und Hölle“: Warum Gott vielmehr Bräutigam als Richter ist

Ich fand gerade nachfolgendes Video von Greg Boyd, der für meine Begriffe sehr knackig und anschaulich formuliert, warum die Frage falsch gestellt ist, wer in den Himmel (bzw. in die Hölle) kommt bzw. was man nicht tun darf, um in der Hölle zu landen. Seht selbst:

 

Donnerstag, 20. September 2012

Zum Nachdenken: Heschel über Tiefentheologie statt Theologie


“Gegenstand der Theologie ist der Inhalt des Glaubens. Gegenstand unserer Studie ist der Glaubensakt. Ihre Absicht ist, die Tiefe des Glaubens zu erforschen, die Unterschicht, aus der der Glaube aufsteigt. Man könnte ihre Methode Tiefentheologie nennen.“ 

- Abraham J. Heschel. God in Search of Man. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1997 (1955).



Als ich mich in den letzten Tagen wieder einmal mit Abraham J. Heschel (1907-1972) und seinem Verständnis von Gebet auseinandersetzte, wurde mir erneut klar, wie profund und weitreichend doch seine Gedanken sind. Denn mit der Unterscheidung zwischen Tiefentheologie und Theologie findet man bei ihm eine grundsätzliche Ausrichtung zunächst einmal auf den Glaubensakt, also den Vollzug des Glaubens. Um nichts anderes geht es zunächst einmal in “God in Search of Man“ (dt. “Gott such den Menschen“); denselben Ansatz wählt er in dem ein Jahr früher erschienenen Werk zum Gebet, “Man's Quest for God“ (dt. “Des Menschen Suche nach Gott“), wo er bei der Fragestellung ansetzt, was eigentlich passiert, wenn der Mensch betet.

Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht deshalb interessant, weil wir es gewohnt sind, über Theologie zu diskutieren: Lasse ich mein Kind taufen oder lediglich segnen, je nach biblischem Verständnis? Wie habe ich das Verhältnis von Jesus und Gott zu verstehen? Schickt Gott nun sämtliche Nicht-Gläubige in die Hölle oder errettet er sie doch irgendwie aufgrund seines unendlichen Erbarmens? Und wer ist Gott überhaupt? Redet der Heilige Geist nach wie vor und gibt es so etwas wie das Sprachengebet/Zungenreden immer noch?

Alles das sind theologische Lehrmeinungen, die der eine so, der andere so beantworten würde und die je nach Situation unseren kirchlichen Alltag ziemlich durcheinanderbringen können. Heschel sagt aber nun, dass unsere Theologie - er war übrigens Jude - erst sekundär ist. Zunächst einmal müsse man Gott erleben (und nicht in Selbstzentriertheit verharren), was er unter dem Stichwort “Gebet“ verortet; drei Zugänge zum Gebet kennt er: 1. Leid, 2. seine Gedanken für Gott öffnen, 3. Preisen. Für das Theologiseren ist dabei natürlich besonders der zweite Zugang interessant.

Für das Verhältnis von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist nach Heschel nun entscheidend, dass Glaube im tiefsten Innern der Seele stattfinde, zu Ehrfurcht und Staunen führe, letztlich aber überhaupt nicht hinreichend mit Worten zu beschreiben sei (Heschel nennt dies “vorkonzeptuelles Denken“), was Heschel “Tiefentheologie“ nennt. Zwar verweist er auf die Heiligkeit von Worten, wie er sie v.a. in der (Hebräischen) Bibel findet; gleichzeitig ist er sich aber dessen Grenze bewusst, dass Worte völlig unzureichend seien, um die Herrlichkeit Gottes zu beschreiben. Erst auf dieser Grundlage des Glaubensaktes siedelt Heschel vier Komponenten von religiöser Existenz an, von denen eine Komponente die Theologie/Lehre ist. So ist für ihn die Bibel ebenso wie feste Gebete, Bekenntnisse u.ä. Teil der Tradition, die sich aus dem Glaubensvollzug einzelner herleitet. Heschel entgeht somit einer Autorisierung der biblischen Schrift und darauf aufbauender Theologie durch dogmatische Prämissen, indem er einerseits ihre Autorität an das Zeugnis einzelner bindet, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben (bzw. die Gott zu Seinen Propheten berufen und zu ihnen gesprochen hat); andererseits verweist er auf den göttlichen Charakter der Bibel dadurch, dass es den göttlichen Funken enthalte, der Seelen - also Individuen - entflamme (S. 240). 

Mich persönlich überzeugt dieser Ansatz aus mehreren Gründen:
1. Heschel arbeitet mit relativ wenigen dogmatischen Prämissen.
2. Vielmehr räumt er der eigenen Erfahrung einen eigenen Raum ein.
3. Es lässt die Möglichkeit offen, mehrere Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, was v.a. in Zeiten der Postmoderne interessant ist, aber schon auf das hebräische Weltbild innerhalb der Bibel zurückgehen dürfte und zu allererst mit dem westlich-logischen Denken in Konflikt gerät, das aber auch nicht das Maß aller Dinge ist.
4. Heschel räumt dem Moment der übernatürlichen Offenbarung Raum zur Erkenntnis ein, d.h. nicht nur rationale und wissenschaftliche Schlussfolgerungen können wahr sein, sondern auch “irrationale“ Dinge können Sinn machen (auch wenn der Fehlerquotient hier höher sein mag).

Zahlreiches mehr ließe sich aus diesen wenigen Gedanken Heschels herausholen. Über eine rege Diskussion würde ich mich an dieser Stelle deshalb umso mehr freuen. Besonders wichtig wäre zu diskutieren, wie solch ein Ansatz praktisch umgesetzt werden kann. Darüber verliert Heschel nämlich relativ wenig Worte; auch ist mir noch nicht ganz klar, wie er es sich vorstellt, wenn bestimmte Traditionen grundlegend infrage gestellt werden sollten, was momentan ja durchaus geschieht (man denke nur an die Beschneidungsdebatte; auch spezifisch christliche Themen werden ja immer wieder auf die Waagschale gelegt). Dennoch bin ich persönlich von dieser seiner Stoßrichtung wirklich angetan und werde mich sicherlich weiter mit ihm auseinandersetzen.

Montag, 3. September 2012

Mein Weg zur Auseinandersetzung mit dem Judentum

Für meinen ersten BA-Kurs mit dem Thema “Israel und Torah“, der heute startete, habe ich ein kurzes Statement verfasst, warum ich mich eigentlich mit dem jüdischen Hintergrund des Christentums beschäftige. Vielleicht ist dies auch für den einen oder anderen interessant/hilfreich, der nicht bei dem Kurs war, weshalb ich den Text an dieser Stelle einfach mal wiedergebe:

Mit 22 Christ geworden, befand ich mich gerade einmal ein gutes Jahr später, 2005, in der theologischen Fakultät der Uni Münster wieder. Ich fühlte mich förmlich von der Theologie angezogen und wusste gleichzeitig, dass es kein leichter Weg werden würde; schließlich hatte mir fast jeder Christ in meiner Umgebung davon abgeraten, an der Uni zu studieren. Immerhin könne man dort seinen Glauben verlieren, so hieß es - und bei mir war er ja recht frisch noch. Trotzdem wollte ich diesen Weg gehen und wusste dennoch, dass das mein Weg sein würde.

Zwischenzeitlich war ich mit echt fundamentalistischer Lehre in Berührung gekommen ohne zu wissen, wie giftig dieser Weg war. Umso heftiger trafen mich dann manche Sachen in der Uni. Aber: Zunächst einmal machte es mir dieser Gott, den ich erst noch recht frisch kannte, insofern einfach, als dass ich zwei Seminare bei Dozenten hatte, bei denen sich sehr schnell zeigte, dass sie selbst gläubig und zum persönlichen Austausch bereit waren. Und dies waren dann auch die Inhalte, die mich innerhalb von zwei Wochen davon überzeugten, wie richtig ich überhaupt in diesem Studium war. Besonders die Systematische Theologie haute mich förmlich um brachte mir eine Ehrfurcht Gott gegenüber. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass ich theologisch tiefer graben wollte, als es zu dem Zeitpunkt möglich war.

Gute zwei Jahre später befand ich mich in Nashville/Tennessee wieder, als Praktikant einer Baptisten-Gemeinde. Wenn es eine Sache gibt, die diese Amis drauf haben, dann is es Generosität. U.a. bekam ich innerhalb der ersten Woche dort anonym einen Gutschein über 300 Dollar für Bücher geschenkt - einfach Wahnsinn. Diese Gegebenheit ist aber v.a. deshalb von Belang, weil sie nötig war für einen Wendepunkt in meinem theologischen Denken. Durch bestimmte exegetische Erkenntnisse und auch durch Denker wie Dietrich Bonhoeffer war mir mehr und mehr aufgegangen, dass zahlreiche Dinge im Leben doch nicht so einfach waren, wie es die klassische Systematische Theologie lehrte und v.a. von konservativen christlichen Richtungen vereinfacht wurde: Warum gab es nur schwarz oder weiß, richtig oder falsch? Warum wurden kniffelige ethische Fragen wie zum Thema “Sex vor der Ehe“ oftmals so abgetan, als ob die Antwort doch völlig glasklar war? Ich erkannte nach und nach, dass sich bei dieser Form von Glauben offensichtlich bestimmte Dogmen, also Glaubenssätze, verselbständigen. Statt dessen, so weit war ich spätestens nach der Lektüre von Bonhoeffers “Ethik“, ging es um den Menschen - zuerst und zuletzt. Nur fehlten mir bis dato dafür die richtigen Worte, und zudem musste sich in meinem Denken noch etwas Grundsätzliches ändern.

Ich bestellte mir in Nashville also Bücher - einige -, u.a. auch zwei Bücher von Rob Bell: “Jesus Unplugged“ und “Sex God“. Und endlich fand ich die Sprache und Bilder für Dinge, die mir schon länger im Kopf herumschwirrten, aber nicht wirklich greifbar waren. Rob beschrieb z.B. zwei Glaubensformen, einerseits den statischen Glauben, der wie eine Mauer funktioniert; und sobald man einen Stein - ein Dogma - herauszieht, bricht das ganze Konstrukt, also die Mauer, ein. Andererseits war da das Trampolin, das mit seinen elastischen Federn flexibel war, und sobald ein Dogma - also eine Feder - nicht mehr funktionierte, konnte man sie austauschen; der Glaube - im Bild gesprochen das Springen auf dem Trampolin - musste von den flexiblen Federn getragen werden, gleichzeitig konnte man ihn durch das Springen auch wirklich auf seine Tragfähigkeit hin ausprobieren.

Das Bild überzeugte mich, ich konnte sogar einige meiner bisherigen Erkenntnisse sehr gut damit in Einklang bringen. Allerdings fehlte mir noch eine Art Schlüssel, der mir nicht nur Ideen gab, sondern auch mein Herz für Systematische Theologie befriedigen sollte. Ich benötigte also irgendwie ein ganz neues Denksystem, um tatsächlich auch die Theorie mit der Praxiserfahrung vereinbaren zu können.

Dieser Schlüssel war meine Perspektive auf die Bibel, die Welt, Gott, usw. Während ich von Hause aus - wie im Prinzip jeder westlich denkende Mensch - durch Platon, Aristoteles und Augustin geprägt war, die als westliche Denker von dort die Bibel interpretierten, musste ich erkennen, dass die Bibel, Gott und letztlich auch die Welt aus einem sog. hebräischen Weltbild geschrieben wurden, das ein ganz anderes Denken mit sich bringt und größtenteils implizit Dinge voraussetzt, die man überliest und überdenkt, wenn man sie nicht kennt. Auf diesen neuen Denkansatz kam ich erst durch Rob Bell, der mich in seinen Büchern immer wieder auf Vertreter des sog. “Jewish Roots - Movements“ verwies, von denen mich Dwight A. Pryor am meisten beeinflusst hat.

Beispielsweise: Während wir es gewohnt sind, in logischen Kategorien zu denken, also richtig oder falsch, tendierten die Verfasser vielmehr in Richtung von “Sowohl, als auch“, ganz besonders in der Bibelauslegung. Die Rabbinen - auf die wir noch ausführlicher zu sprechen kommen -, hatten ein Verständnis von mehr-dimensionaler Bibelauslegung. Ein sehr bekannter Spruch ist: “Wende sie und wende sie, denn in ihr ist alles enthalten.“ (Ben Bag-Bag) Es gab also nicht die eine richtige Bibelauslegung, sondern es wurden zahlreiche Auslegungen nebeneinander stehen gelassen. Dies finden wir sowohl in der Mishnah als auch in den späteren Talmudim. Deshalb wurden auch eher mal Spannungen zugelassen, anstatt immer alles und am besten grundsätzlich lösen zu wollen.

Dieser Ansatz ist noch viel umfassender, als ich es hier in den paar Sätzen beschreiben kann. Und natürlich ist es auch immer schwierig, von dem einen hebräischen Denken zu sprechen, so wie es natürlich nicht die eine Systematische Theologie gibt. Aber es geht hier um Tendenzen und Richtungen.

Diese Idee eröffnete mir einen ganz neuen Denkhorizont und ich merkte schnell, wie viel Potenzial darin steckt, weil es innerhalb der christlichen Kirchen überhaupt nur erste Schritte in dieser Hinsicht gab und gibt. Denn das Interessante war, dass dieser “neue“ Ansatz vom hebräischen Denken - oder besser von der Hebräischen Bibel - her auf einmal überzeugende Ideen bot und bietet, den Fragen und Problemen von postmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts ehrlich zu begegnen. Dies war die Weichenstellung, weshalb ich mich für ein weiteres Studium (Judaistik & Religionsphilosophie) entschloss, um noch mehr diese Wurzeln auszugraben und für die Theologie und Kirche des 21. Jahrhunderts fruchtbar zu machen.

Donnerstag, 30. August 2012

Zum Nachdenken: Martin Buber über Dialogisches Leben

“Dialogisches Leben ist nicht eins, in dem man viel mit Menschen zu tun hat, sondern eins, in dem man mit den Menschen, mit denen man zu tun hat, wirklich zu tun hat. Monologisch lebend ist nicht der Einsame zu nennen, sondern wer nicht fähig ist, die Gesellschaft, in der er sich schicksalsmäßig bewegt, wesensmäßig zu verwirklichen.“


- Martin Buber, Zwiesprache, in: Ders., Das dialogische Prinzip, 10. Aufl. Gütersloh 2006, 167.

Dienstag, 28. August 2012

Novavox-Konferenz u.a. mit Alan Hirsch & Michael Frost (22.-24.11. 2012)

Im Zuge meines Blogposts zu Alan Hirschs “Right here, right now“ sei noch einmal darauf hingewiesen, dass Alan im November nicht nur mit seiner Frau Deb hier in Deutschland sein wird, sondern auch noch seinen Compagnon Michael Frost mitbringt und einige deutsche Gemeindepraktiker im Gepäck hat. 

Die Konferenz wird hier in Mainz in der EnChristo-Gemeinde vom 22.-24.11. 2012 stattfinden. Es wird sich sicherlich lohnen und inhaltlich auch um das “Right here, right now“ gehen. Also, dabei sein und auf neue Ideen kommen! Mehr Infos unter www.novavox.org.

Sonntag, 26. August 2012

“Right here, right now“ von Alan Hirsch und Lance Ford, Teil 1

Mit “Right here, right now“ legt der bekannte australische Autor Alan Hirsch sein x-tes Buch zur missionalen Kirche vor, diesmal in Kooperation mit dem Amerikaner Lance Ford. Ich war zunächst skeptisch, weil ich bereits zahlreiche Bücher von Alan zuvor gelesen hatte und sich vieles (natürlich) wiederholt hatte. Da ich aber mal wieder etwas Praktisches über Kirche lesen wollte und mir Amazon dann für wenige Euro das Buch anbot, schlug doch zu. Und - um das schon vorwegzunehmen - das Lesen hat sich wirklich gelohnt!

“Right here, right now“ ist gegliedert in drei Sektionen, die allesamt von Lance verfasstes sind. Sie bilden meines Erachtens nach das Kernstück dieses Buchs und waren für mich das Highlight. Gerahmt werden sie von einem “Briefing“ und einem “Debriefing“, beides verfasst von Alan. Besonders für Neulinge auf dem Gebiet der missionalen Kirche sind diese beiden Kapitel erhellend. Damit soll es in diesem ersten Post auch losgehen.

Im sog. “Briefing“, dem einleitenden Kapitel, erklärt Alan zunächst “seine“ missionale Theologie: “Missionalität“ bedeutet aus seiner Sicht eine Form von Mission, die von allen Christen als eine Art Massenbewegung, als “movement“, praktiziert werden muss (31). Praktisch geschehe diese Massenbewegung durch zwei sich ergänzende Missionsformen: Einerseits sei da der apostolische Dienst von Hauptamtlichen im kirchlichem Umfeld und als Dienst am Rest der Christen; dieser Part sei bereits in zahlreichen Büchern reflektiert worden. Andererseits sei aber der full-time Dienst der breiten Masse von Christen notwendig - und das ist eben zentraler Aspekt missionaler Theologie -, die in ihrem ganz alltäglichen Leben als “Missionare“ bewusst unterwegs seien. Erst das ergebe das “transformational Jesus Movement“ (= transformierende Jesus-Bewegung; 32), weshalb “Right here, right now“ sich ganz bewusst dieser zweiten Zielgruppe widme.

Hier fallen auch mittlerweile schon klassisch gewordene Stichpunkte wie:
1. Missio Dei: Wie Jesus der von Gott Gesandte sei und unter den Menschen als einer von ihnen lebte, so sollten auch Christen unter den Menschen leben und sich nicht abgrenzen (35ff.);
2. Third Places (= dritte Plätze): Ein ganz praktische Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Neben dem ersten Platz, der Familie, und dem zweiten Platz, der Arbeit, habe man i.d.R. noch mindestens einen dritten Platz, an dem man sich regelmäßig aufhält, z.B. ein Café, ein Fitness-Studio, ein Verein u.ä.
(40f.);
3. Kultur-übergreifende Mission: Weil immer mehr Menschen den Kirchen und dem Christentum fremd seien, müssten Anknüpfungspunkte gefunden werden (anhand von Apg 17 zeichnet Alan den “athenischen Weg“ von Paulus nach); interessant wird z.B. die Frage, was für heutige Menschen eigentlich “Gute Nachrichten“ (= Evangelium) sind (41f.; 45);
4. Nichtdualistisches Leben/Spiritualität: Gott in Jesus Christus müsse in alle Lebensbereiche hineinreichen, und alle Lebensbereiche würden von seiner Herrschaft transformiert (47ff.).



Damit kommt bereits ein entscheidender Aspekt nicht nur dieses Buches, sondern überhaupt der missionalen Kirche zum Ausdruck: Es geht in erster Instanz um Beziehungen zu Menschen, zu denen man in dem bekannten kirchlichen Umfeld ansonsten keinen Kontakt hätte. Man soll somit sensibilisiert werden für Menschen außerhalb der Kirchenmauern - nicht, indem man sie anwirbt, in die Kirche zu kommen, sondern indem man ganz natürlich bei ihnen und unter ihnen lebt und dort ihr Leben transformiert wird. Das Buch versucht, diesen theoretischen Aspekt mit konkretem Inhalt zu füllen. Theologisch wird damit gleichsam deutlich, dass die beiden Autoren gegen ein Christentum wettern, dass nur mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt ist. Die beiden sind darin alles andere als grundsätzlich gegen Kirche, versuchen aber, Kirche, Welt und Gott wieder in ein rechtes Verhältnis zu rücken. Gerade dieses erste Kapitel “Briefing“ bietet kurz und knapp Gedanken, die Alan zuvor ausführlicher v.a. in den Büchern “The shaping of things to come“, “The Forgotten ways“ (neuerdings auf deutsch unter dem Titel “Vergessene Wege“) oder auch “Untamed“ gesagt hat. Wer sich also mit diesen Themen in kurzer Form befassen will, wird hier fündig.

Dienstag, 31. Juli 2012

Mein Blog nun auch in Englisch

Habe nun endlich die Zeit gefunden, zumindest eine erste Version meines Blogs in Englisch zu publizieren:


Diesmal musste wordpress ran. Für Anregungen bin ich selbstverständlich dankbar. Aber: Es ist definitiv noch nicht die Endversion, also keine Sorge: Es wird sich noch einiges ändern und ist ja sowieso v.a. für die Englisch-Sprachigen interessant. Hier werde ich nun konsequent alle englischen Zitate auch ins Deutsche übersetzen und bitte um Nachsicht, wenn dabei nicht immer alles 100%ig getroffen ist.

Montag, 30. Juli 2012

Zum Nachdenken: Kirche und Konsum, Teil 1

“Ich denke, es ist fair zu behaupten, dass für die meisten Christen im Westen die dominanten Kräfte, die ihr Leben formen, konträr zu denen der Werte Jesu sind. Wie Wochenend-Touristen fließt die christliche Mehrheit offensichtlich mit dem Strom abwärts und saugt sich dabei mit denselben Sorgen, Wünsche und Agenden der vorherrschenden Kultur voll, wo auch immer sie die Gegenwärtige mithinnimmt. Oh, wir haben ja noch die gemeinsamen, Schlagzeilen machenden moralischen Werte und Angelegenheiten, die typischerweise während der Zeiten politischer Wahlen hochkommen. ‘Werte‘ - Aufkleber werden über die Flöße und die inneren Schläuche der christlichen Partei geklebt, wenn sie in dieselbe Richtung fließt wie die, auf die sie mit dem Finger zeigt.“

Alan Hirsch/Lance Ford: Right here, right now. Everyday mission for everyday people, Grand Rapids 2011, 126 (Übersetzung von mir).

Mittwoch, 27. Juni 2012

Novavox-Konferenz “Missionale Wege“ im November (22.-24.11. 2012): Neue Flyer!!





Ich möchte an dieser Stelle nochmals an die bevorstehende Novavox-Konferenz (“Missionale Wege“) hier in Mainz in der EnChristo-Gemeinde vom 22.-24. November (2012) erinnern, die u.a. mit Alan & Deb Hirsch und Michael Frost hochkarätig besetzt ist. Daneben werden zahlreiche nationale Leiter von Kirchen und Organisationen vor Ort sein und uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, wie und wo sie neue Wege gehen. 

Es wird dabei sicherlich nicht ein Vortrag nach dem Anderen folgen; vielmehr gehe ich davon aus, dass sich frontale Inputs mit Diskussionsrunden abwechseln werden, in denen jeder seine eigenen Erfahrungen einbringen, überprüfen und diskutieren kann.

Anlass für meine Erinnerung ist übrigens der neue Flyer zur Konferenz, den Ihr Euch z.B. hier herunterladen könnt. Dort findet Ihr außerdem die direkte Verbindung zum Frühbucherrabbatt, der noch bis zum 31. August gilt. Auf Facebook findet Ihr des weiteren die entsprechende Veranstaltung und seht, wer sich bereits auf diesem Wege der Konferenz verpflichtet fühlt und dabei ist.

Sonntag, 24. Juni 2012

Zum Nachdenken: Shane Claiborne und John M. Perkins über die Demut des Änderns der eigenen Meinung

"I change my mind. I've changed it in the process of making a decision or during a project when I've received more information. Sometimes people don't like that… they call it ,flip-flopping.' Some people, once they have received a direction or opinion, want it to be written in stone, like the tablets Moses got from God. But most of life does not work that way. 

[…]

That's not a sign of weakness, but of strength. Being willing to change and confessing when you are wrong are not only characteristics of good leadership but are also gospel values… and they are very countercultural as well. […] [O]ur culture tends to beat up on people who change their mind (calling the flip-flop a mistake) and on those who really do make mistakes. No wonder no one wants to appear as if we have changed our mind, yet alone come clean."

- Shane Claiborne/John M. Perkins: Follow me to Freedom. Leading and Following as an Ordinary Radical, Ventura/CA: Regal, 2009, 208.

Samstag, 23. Juni 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 6: Zusammfassung und weiterführende Frage

Jonas liefert mit seinem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ v.a. einen Gottesbegriff, den er mit seiner Leiderfahrung und weltbildlichen Prämissen (v.a. Evolution) zu vereinen versucht. Dies führt ihn anhand der Beobachtung des stummen Gottes zu ontologischen Spekulationen in Form eines Mythos, was jedoch fernab von einer ausgewogenen biblischen Grundlage liegt und die Einbuße bedeutet, dass Gott nicht Herr der Geschichte ist. Denn Jonas spricht von einem ohnmächtigen Gott, der seine Macht zugunsten seiner Schöpfung aufgegeben hat, dabei aber jegliche Verantwortung dem Menschen überlässt. Damit will Jonas die völlige Güte Gottes hochhalten, wovon der Vortrag gerahmt ist, sodass der ganze Vortrag in der Tat als eine Art Lobpreis Gottes bezeichnet werden kann, der im Gegensatz zum erwähnten Hiob kein einziges schlechtes Haar an Gott lässt.

Was man Jonas zugute halten sollte, ist die Tatsache, dass er v.a. im Gegengewicht zur Dialektischen Theologie der menschlichen Erfahrung einen Stellenwert zum Welt- und Gottesverständnis einräumt, was gerade in der christlichen Theologie so nicht üblich zu sein scheint. Dass dies freilich ausgewogener getan werden sollte, als Jonas es tut, versteht sich nach der Analyse von selbst, mindert jedoch nicht die Wertschätzung gegenüber dem, was Jonas trotz aller Kritik auch Positives geleistet hat. Denn hiermit ist eine Randposition innerhalb jüdisch-christlichen Denkens aufgezeigt, an der sich zukünftige Theologien nach Auschwitz zu orientieren und vielleicht auch zu messen haben.

Folgende Frage ergibt sich somit im Anschluss an die Auseinandersetzung mit Jonas, der ich weiterhin nachgehen werde (und gern auch andere Meinungen zu höre):  

Inwieweit kann (christliche) Theologie dem Anspruch gerecht werden, auch in postmoderner Zeit relevant zu bleiben, wo doch durch die zahlreichen Medien die Ereignisse der ganzen Welt innerhalb von Stunden oder gar Minuten allgegenwärtig sein können? In welchem Verhältnis stehen also diese Erfahrungen zu den biblischen Verheißungen wie auch Androhungen? Mit anderen Worten: Kann über - natürlich immer gegebene - “subjektive“ Hermeneutik hinaus bewusst der biblische Text mit der erlebten Realität konfrontiert werden oder sollte der biblische Text mehr als Konstante verstanden werden, die gerade über dem vielleicht momentanen Leid steht und eine positive Zukunft verheißen soll?

Sonntag, 17. Juni 2012

Zum Nachdenken: Die Gabe der Frustration

“We need people with the spiritual gift of frustration. Yes, the Church needs sanctified dissention. We need people who see what is wrong. But they can't just be naysayers; they need to be part of the change and a part of leading us out of what's wrong to what's right.“

- Shane Claiborne/John M. Perkins: Follow me to Freedom. Leading and Following as an Ordinary Radical, Ventura/CA: Regal, 2009, 173.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Zum Nachdenken: Der Schlüssel zu echter Leiterschaft…

“The key to real leadership is to enter into the pain of the people. Vicarious suffering is greater than our own suffering. Showing compassion means that you feel the pain because you reckon with the pain. It is one thing to suffer discrimination or go without food; it is another to feel the struggle of the oppressed person or the hungry person and then also walk with him to a place of freedom.“

- Shane Claiborne/John M. Perkins: Follow me to Freedom. Leading and Following as an Ordinary Radical, Ventura/CA: Regal, 2009, 151f.

Montag, 7. Mai 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 5: Jonas eklektischer Zugang zur biblischen Tradition

Dass Gott verstehbar ist, hält Jonas ebenso wie seine Güte hoch, weshalb er die ethischen Anweisungen als Teil der Offenbarung bzw. Verstehbarkeit Gott gelten lässt, zumal sie mit Jonas Verantwortungsethik - besonders die Propheten-Tradition (vgl. Jonas, Erinnerungen, 339) - kompatibel sind. Damit muss Jonas allerdings Kernstücke der jüdischen Identität fallen lassen, so allem voran jede Vorstellung einer creatio continua (42; vgl. Ps 104) und die zu Beginn seines Mythos geschilderte Vorstellung von Gott als “Herr der Geschichte“ (vgl. 2.3); konkret nennt er den Exodus (42), ebenso eschatologische Verheißungen, während er an der Erwählung der Juden festhält (43).

Wichtig ist Jonas dabei das Hochhalten des einen Gottes (vgl. Dtn 6,4) samt der Vorstellung der creatio ex nihilo im Gegensatz zu manichäischem Dualismus (43) - mit dem er sich während seiner Gnosis-Forschungen auseinandergesetzt haben dürfte -, um die Güte Gottes zu erhalten. Der eine Gott soll es sein, der die Schöpfung ins Leben gerufen hat durch freiwillige “Machtentsagung, [...] daß wir sein könnten“ (48f.).

Dienstag, 1. Mai 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 4: Der ohnmächtige Gott

Wenn Jonas gegen Nietzsche auf Grundlage seiner ontologischen Spekulation die “Idee der Wiederkunft des Gleichen“ (29) ablehnt (also kein zirkuläres Zeitverständnis), weil die Gottheit in der Immanenz vollständig aufgehe und deshalb “Gott nicht der gleiche sein wird, nachdem er durch die Erfahrung eines Weltprozesses gegangen ist“ (30), verwundert es nicht, dass es für den Menschen bei Jonas keine wirkliche Ewigkeit geben kann, weil Gott selbst ja vollständig der Zeit unterworfen ist (vgl. 17) aber gleichzeitig ohnmächtig (= ohne Macht) und damit “kein Zauberer ist, der im Akt des Sorgens zugleich auch die Erfüllung seines Sorgeziels herbeiführt.“ (31)

Damit ist die Kernthese von Jonas klar (33): “Dies ist nicht ein allmächtiger Gott.“ So begründet er seine Kernbeobachtung, dass Gott in Auschwitz stumm gewesen sei (vgl. 2.2). Seine logische Begründung überzeugt dabei, wenn er Macht als “Verhältnisbegriff “ darstellt und sie nur ausgeübt werden könne in Beziehung zu etwas, was selbst Macht hat (35) - Allmacht ist, logisch betrachtet, streng genommen also unlogisch.

Was dagegen nicht überzeugt, ist seine Schlussfolgerung, göttliche Allmacht und Güte zusammen setze notwendigerweise gänzliche Unerforschlichkeit und damit Rätselhaftigkeit Gottes voraus, weil sich sonst nicht das Böse in der Welt erklären lasse (37). Jonas beweist erneut, wie schwarz-weiß er denkt, weil es - auch nach biblischer Überlieferung - nicht nur wahlweise den deus absconditus (verborgener Gott) oder den deus revelatus (offenbarter Gott) gibt (vgl. W. Brueggemann, Theology of the Old Testament, Minneapolis 1997, 317ff.). Ein klassisches Erklärungsmodell liefe ja beispielsweise über den freien Willen des Menschen (was im Übrigen logisch auch einer Allmacht Gottes widerspricht).

Indem Jonas explizit nun davon redet, dass Gott keinerlei “Macht der Einmischung in den physischen Verlauf der Weltdinge“ (42) besitze, schließt er den Bogen zu seiner Kernbeobachtung und stellt gleichzeitig eine Brücke zu seiner eklektischen Verwendung der biblischen Tradition her. Denn wenn Gott ohnmächtig, also gänzlich ohne Macht, ist und sich lediglich geistig dem Menschen annähern kann, wie Jonas an anderer Stelle mit explizitem Bezug zu Bultmanns neukantianistischem Welt- und Gottesbild betont (Erinnerungen, Frankfurt a.M. 2005, 345f.), muss geklärt werden, wie Jonas mit seinem jüdischen Erbe umgeht.

Samstag, 28. April 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 3: Das Dilemma und der Mythos (2. Hälfte)

Nachdem Jonas die Darstellung seines Mythos beendet hat, zieht er daraus Schlussfolgerungen. Erstens steht für ihn fest, dass “das Verhältnis Gottes zur Welt vom Augenblick der Schöpfung an, und gewiß von der Schöpfung des Menschen an, ein Leiden seitens Gottes beinhaltet.“ (25f.) Dass dies im Widerspruch zu biblischen Schöpfungsberichten steht, meint Jonas selbst zu erkennen; dennoch schenkt er dieser Diskrepanz keine weitere Beachtung, somit auch nicht beispielsweise der Aussage aus Gen 1,31, wo es heißt, dass Gott seine Schöpfung ansieht und sie mit “sehr gut“ (טוב מאוד) bewertet.
 
Diesen Schöpfungsbericht und v.a. den Zweiten (Gen 2,4b-25) dürfte Jonas deshalb außer acht gelassen haben, weil sie nicht mit seinem evolutionistischen Denken verträglich sind. Evolution setzt notwendigerweise den Tod und damit Leid voraus, während das Leid - und wohl auch der Tod - nach der biblischen Schöpfungsgeschichte erst infolge des Sündenfalls (Gen 3) in Existenz tritt.

Stattdessen verweist Jonas auf den biblischen Propheten Hosea, der in der Tat von einem leidenden Gott spricht. Zwar hat Abraham Joshua Heschel diesen Gedanken bereits 20 Jahre vor ihm ausführlich dargelegt (vgl. ders., the prophets, New York 2001, 289); das dürfte aber den meisten Hörern/Lesern nicht präsent (gewesen) sein, sodass es frappierend erscheint, dass die Leidenschaft Gott selbst betrifft, menschliches Handeln ernsthaft Gott tangiert (25f.; 28). Tatsächlich frappierend ist jedoch die Tatsache, dass Jonas dem Namen nach die “platonisch-aristotelische Überlieferung philosophischer Theologie“, und damit “klassisches Denken zwischen Sein und Werden“ (27), verwirft, de facto aber im Gegensatz zu Heschel genauso platonisch-aristotelisch argumentiert, wenn er über Gott ontologisch spekuliert (27; 29).

Donnerstag, 29. März 2012

Zum Nachdenken: Dietrich Bonhoeffer über Christsein und Leid(en Gottes)

“Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.“

(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, 18. Aufl. Gütersloh 2005, S.193)

Freitag, 23. März 2012

come-and-see Tage bei “Ths - Akademie für pastorale Führungskräfte“ am 26.05. 2012

Ich habe ja vor kurzem schon einmal grundsätzlich Ths vorgestellt. Jetzt wird es konkret: Die Bewerbungfristen für zukünftige Studenten laufen bereits, und wenn Du über “Ths - Akademie für pastorale Führungskräfte“ mehr wissen und/oder einfach mal die Leute kennenlernen willst, die dahinter stehen, dann schau doch einfach mal am come-and-see Tag am 26.05. 2012 in Gau-Algesheim (Nähe Mainz/Wiesbaden) vorbei.

P.S. Wer sich wundert: In der Tat wurde der Zusatz-Name von Ths aus rechtlichen Gründen geändert zu “Akademie für pastorale Führungskräfte“. Dabei sei erwähnt, dass mit “pastoral“ der Fokus nicht lediglich auf einem der fünf Dienste im Sinne von Eph 4,11 liegt, sondern ein synonym sein soll für grundsätzliche geistliche Leitung.  

Montag, 19. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 3: Das Dilemma und der Mythos (1. Hälfte)

Weil Jonas im Gegenüber zu seinen vornehmlich christlich geprägten Zuhörern betont, dass (nach seiner Vorstellung) Gott als “Herr der Geschichte“ für den Juden bedeute, im Diesseits göttliche Schöpfung, Gerechtigkeit und Erlösung zu suchen/finden, stelle Auschwitz den traditionell-jüdischen Gottesbegriff infrage (14). Als Antwort auf dieses Dilemma zwischen scheinbarer Allmacht und Untätigkeit Gottes entfaltet Jonas seinen Gottesbegriff anhand eines selbsterdachten Mythos, der es an Bezügen v.a. zur Kabbala, einer der wichtigsten mittelalter-mystischen Richtungen innerhalb des Judentums, nicht fehlen lässt.
Gott - bzw. der “göttliche Grund des Seins“ (15) - habe zunächst, wie auch nach kabbalistischer Vorstellung, alles ausgefüllt (“En Ssof“) und sich, um den Schöpfungsakt zu ermöglichen und die Schöpfung zu erhalten, zurückgezogen, um der entstehenden Schöpfung Raum zu geben (“Zimzum“) (15f.; 45f.). Jonas versteht das Sich-Zurückziehen Gottes im Gegensatz zur Kabbala jedoch vollständig (16f.; vgl. 46):

Vielmehr, damit Welt sei, und für sich selbst sei, entsagte Gott seinem eigenen Sein; er entkleidete sich seiner Gottheit, um sie zurückzuempfangen von der Odyssee der Zeit, beladen mit der Zufallsernte unvorhersehbarer zeitlicher Erfahrung, verklärt oder vielleicht auch entstellt durch sie.


Drei Probleme werden an dieser Stelle deutlich, die direkt thematisiert werden sollen, auch wenn sie im Verlauf des Vortrags immer wieder auftauchen:

Der erste Einwand, der erhoben werden kann, ist, dass Jonas zu sehr von einem schwarz-weiß-Denken, was seinem philosophischen Erbe anzulasten sein dürfte (Heidegger & Bultmann). Wieso gibt es nur die zwei Möglichkeiten, dass Gott in seinem “göttlichen Sein“ entweder überall ist oder nirgends? Hierauf fußt Jonas ganze Argumentation, womit er nicht nur das Leid in der Welt und damit auch Auschwitz erklären, sondern auch die Güte Gottes hochhalten kann: Er habe sich “zugunsten der Welt“ (17) entäußert. Aber gerade deshalb wirkt es eher wie ein Wunsch, um Gott zu entlasten.

Das zweite Problem ist, dass der Gott nach der Vorstellung von Jonas während seines Schöpfungs- Aktes vollständig “einging in das Abenteuer von Raum und Zeit“ (15). Damit droht aber Gott - oder passender, wie Jonas es treffend formuliert, unpersönlich: “die Gottheit“ (15) - in “bedingungslose[r] Immanenz“ (16) mit seiner Schöpfung gleich zu werden. Man müsste somit mindestens von einem Panentheismus sprechen. Gott selbst ist bei Jonas einer Evolution in gleicher Art und Weise wie der Materie unterworfen (20f.), ebenso das Bild Gottes (23). Ein Ziel der Schöpfung gibt es demnach nicht wirklich, und kennen tut die Gottheit dies dementsprechend auch nicht. Von einer Vorhersehung Gottes (providentia) lässt sich in Jonas Fall keineswegs sprechen. Vielmehr (23f.):

“Mit dem Erscheinen des Menschen erwachte die Transzendenz [= die Gottheit; d. Verf.] zu sich selbst und begleitet hinfort sein Tun mit angehaltenem Atem, hoffend und werbend, mit Freude und mit Trauer, mit Befriedigung und Enttäuschung - und, wie ich glauben möchte, sich ihm fühlbar machend ohne doch in die Dynamik des weltlichen Schauplatzes einzugreifen“.

Daraus resultiert wiederum ein drittes Problem: Wenn jegliche Entwicklungsprozesse innerhalb der Schöpfung als Produkte des Zufalls bzw. der Abenteuer-Lust der Gottheit anzusehen sind, dann betrifft dies letztlich ebenso Auschwitz. Die Gottheit konnte dies nicht wissen; aber offensichtlich wollte sie diese Möglichkeit auch nicht in Betracht ziehen. Damit lässt sich aber folgendes fragen: Während der Mensch von Jonas aufs Tiefste dazu aufgerufen wird, sich einer “Ethik der Fernverantwortung“ (Jonas, Prinzip Verantwortung, 63) zu unterstellen, agiert “seine“ Gottheit völlig verantwortungslos (21; Herv. v. mir): “So kann denn, diesseits von Gut und Böse, Gott im großen Glücksspiel der Entwicklung nicht verlieren.“ Auch an dieser Stelle entsteht der Eindruck, dass hier der Wunsch Vater des Gedankens ist, nämlich Gottes uneingeschränkte Güte mit der Tatsache von Auschwitz irgendwie zu harmonisieren. Konsequenterweise knüpft Jonas damit sämtliche Verantwortung an den Menschen (47), sodass seine Ethik der Verantwortung nicht nur ein Ausdruck seiner a-theistischen Argumentation ist, sondern auch seiner Theologischen.

Montag, 5. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 2: Der stumme Gott

Der Punkt, bei dem Jonas startet und den er als eine Kernbeobachtung vorausschickt, ist die Erfahrung, dass Gott während der Schoa geschwiegen und damit nicht eingegriffen habe, während sein Volk - und v.a. seine Mutter - vernichtet worden sei; bereits in den ersten Sätzen seines Vortrages springt dem Leser dieser Punkt ins Auge - und dem Hörer ins Gehör (7) -, auf den Jonas im folgenden hinarbeitet und der nach den Vorüberlegungen den zweiten Rahmen zu seinem eigentlichen Kernstück, dem selbsterdachten Mythos (kommt noch:-), bildet.

Bevor jedoch Jonas auf Grundlage der Kernbeobachtung seine Theologie/-gonie über den Mythos entwickelt, die nicht nur zutiefst von der Erfahrung der Schoa geprägt ist, sondern auch zentrale Elemente seines philosophischen Denkens in sich vereint, unterscheidet er die allgemeine Frage nach dem Übel von der Frage nach dem Leid der Juden als erwähltes Volk Gottes. Zwar setzt er zunächst mit dem Bezug zur Untreue des Volkes Israel und zur Idee der Zeugenschaft Ansätze zur Erklärung des Leides an Israel selbst an (11); tatsächlich gilt sein Interesse aber der allgemeinen Frage nach dem Leid, wenn Jonas mit seinem Gottesbild zwar auf einer eklektischen jüdischen Tradition (später mehr:-) fußt, dann aber die Schoa qualitativ von jeder anderen Verfolgung gegen Juden unterscheidet. Denn während der Schoa sei Juden gerade nicht die Wahl zur Taufe gelassen worden, wie dies zuvor der Fall gewesen sei, womit die religiöse Motivation der Verfolgung der Juden ausgeschlossen sei. Vielmehr spricht Jonas von “Dehumanisierung“ (12) aufgrund einer “Fiktion der Rasse“ (13), womit er auf ein evolutionäres Konstrukt des Nationalsozialismus anspielt. Weil Jonas ebenfalls evolutionistisch-philosophisch denkt und gleichsam am Gottesbegriff festhalten möchte, stellt er sich der Frage, wie dieser Gott beschaffen sein muss, der solch ein Leid (bzw. dann auch grundsätzlich Leid in der Welt) zulassen kann.

Freitag, 2. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 1

Bereits vor gut drei Monaten habe ich über Hans Jonas gebloggt, und zwar im Zuge seiner Verantwortungsethik. Jonas war allerdings nicht nur ein einflussreicher (jüdischer) Denker in der Ethik, sondern letztlich auch in der theologisch-philosophischen Debatte über das Theodizee-Problem. Zwar bietet Jonas eine Extrem-Position, dürfte aber deshalb für die Emerging-Szene interessant sein, weil er konsequent nach der Vereinbarkeit von Erfahrung und Theologie fragt und somit gerade nicht in der Theorie verharrt, wie sich etwas irgendwie verhalten müsste. Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, seine Gedanken an dieser Stelle kritisch nachzuzeichnen, um dann zu fragen, wie relevante Theologie im 21. Jahrhundert davon profitieren kann.

Der “Gottesbegriff nach Auschwitz“ geht zurück auf einen Vortrag, den Hans Jonas 1984 in Tübingen
im Zuge seiner Verleihung des Dr. Leopold - Lucas - Preises der Evangelisch - theologischen Fakultät der
Eberhard - Karls - Universität gehalten hat (7). Weil beide Mütter - sowohl die von Jonas als auch die von
Lucas - in Auschwitz gestorben seien, habe sich Jonas das Thema des Vortrags aufgedrängt (7). Die emotionale Verbindung zum Thema liegt somit auf der Hand, und es ist klar, dass Jonas nicht rein theoretisch über den Gottesbegriff redet; aus dieser Not macht er eine Tugend und setzt als Philosoph dezidiert die Erfahrung als wesentliches Instrument zur Gotteserkenntnis voraus. Dies nennt er “ein Stück unverhüllt spekulativer Theologie“ (7; vgl. auch 9f.), weil er einerseits tatsächlich anhand eines Mythos über den Gottesbegriff spekulieren wird, sich andererseits bewusst sein dürfte, dass die auf Offenbarung Gottes pochende klassische Theologie zumeist irgendwie bei der Bibel ansetzt und daraus hervorgehend versucht, die Welt zu erklären. Mit möglicherweise impliziter Anspielung auf Yosef Hayim Yerushalmis “Zachor“, das im Englischen zum ersten Mal 1982 erschienen ist, versteht Jonas die Bibel als Verschriftlichung des jüdischen Kollektivgedächtnisses (10), womit sowohl Raum für die Erfahrung wie auch Offenbarung innerhalb der Entstehung der Bibel gegeben ist.
Dass Jonas aber nicht nur spekulieren möchte, macht er dadurch deutlich, dass er das Thema “mit Furcht und Zittern“ (7) gewählt habe, was nicht nur wörtlich auf eine der Schriften Søren Kierkegaards anspielt, in der es um den Glaubensgehorsam Abrahams im Zuge seiner Opferung Isaaks geht (im Gegensatz zu manch anderem tragischen Helden wie Agamemnon, Jephta oder Brutus besteht ja kein rationaler Grund zu dieser Tat); auch prominente christliche und jüdische Theologen des 20. Jahrhunderts wie Dietrich Bonhoeffer und Abraham Joshua Heschel verweisen auf die ehrfürchtige Haltung Gott gegenüber beim Theologie-Betreiben bzw. Erkenntnisgewinn, zu denen Jonas sich dadurch einreiht. Gleichsam ist der Vortrag gerahmt von Aussagen darüber, dass Jonas selbstverständlich keinen Anspruch auf Richtigkeit erhebt, sodass der Vortrag wie ein demütiger Versuch wirkt, Lobpreis Gottes zu sein.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Zum Nachdenken: Dietrich Bonhoeffer über Erneuerung der Kirche

Aus der Erweckung durch den Geist Gottes kommt Erneuerung der Kirche, niemals durch Restauration, niemals durch eigenmächtiges Aufhebenwollen der Gerichte Gottes. Nur durch seine Gerichte hindurch, nicht aber an ihnen vorbei kommt Gott wieder zu seiner Gemeinde.

- Dietrich Bonhoeffer 

(vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer: Theologe - Christ - Zeitgenosse. Eine Biographie 9.Aufl. Gütersloh 2005, 569)

Montag, 6. Februar 2012

Zum Nachdenken: Dietrich Bonhoeffer über die Autorität der Kirche

“(Es ist) gerade das (von allen Autoritäten unterschiedene) Charakteristikum der Autorität der Kirche, daß sie nicht erst Autorität haben und aus dieser Autorität heraus handeln soll, sondern daß sie allein durch dieses ,willkürliche' Sagen des Gebotes, sofern es als Gottes Gebot gehört wird, Autorität hat und mit jedem ihrer Worte ihre ganze Autorität aufs Spiel setzt…“

- Dietrich Bonhoeffer, DBW 12, 39 (zitiert nach E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer: Theologe - Christ - Zeitgenosse. Eine Biographie, 9. Aufl. Gütersloh 2005, 225)

Sonntag, 5. Februar 2012

Zum Nachdenken: Michael Frost über Kreuzes-Nachfolge



“Ich vermute, dass wir einen größeren Sinn dafür entwickeln müssen, wie Kreuzes-Nachfolge (engl. “cruciformity discipleship“) auszusehen hat. Frömmelnde (engl. “pietistic“) Nachfolge - ein voll-engagierter Ansatz - bedarf einiger Überlistung. Es ist eine Sache konstanter Wachsamkeit, Training, und ja, Versuch und Verfehlung. Ich denke, dass die Zurüstung von Menschen in ihrer Nachfolge nach dem kreuzförmigen Paradigma mehr nach einer Ausbildung im Handel aussieht und weniger nach einem Einzug ins Militär. Statt Befehle zu befolgen, wird es mehr aussehen wie ein Spielen mit neuen Werkzeugen, eine Erfahrung von neu entstehendem Bewusstsein und dem Fassungsvermögen, Jesus in allen Umständen zu imitieren. Frömmelnde Nachfolge wird keinen Versuch und Verfehlung erlauben. Nun, es wird Verfehlung überhaupt nicht erlauben. Kreuzes-Nachfolge benötigt ein wachsendes Fassungsvermögen dafür, dass wir Fehler machen oder gelegentlich die Linie übertreten ohne Furcht vor Verdammung oder Verwerfung.

- Michael Frost, The Road to Missional. Journey to the Center of the Church, Michigan 2011 (Übersetzung und Hervorhebung von mir)

Sonntag, 29. Januar 2012

Bachelorstudium “praktische Theologie“ ab Sommer 2012/neue “Ths“-Homepage

Wie der ein oder andere vielleicht schon mitbekommen hat, bin ich Teil des Dozententeams von “Ths - Die theologische Berufsakademie“, einer recht innovativen theologischen Ausbildungsstätte hier im Rhein-Main-Gebiet in der Nähe von Mainz (der Ort heißt Gau-Algesheim, wen's interessiert). Weil wir seit dieser Woche eine neue Homepage haben, dachte ich mir, dass ich kurz die Gelegenheit nutze und die ganze Sache vorstelle.

Anhand von Dietrich Bonhoeffer habe ich hier bereits eine Gedanken zu einer alternativen theologischen Ausbildung gepostet. Seine zentrale Aussage lautete:

"An die Universität glaube ich nicht mehr, habe ja eigentlich nie daran geglaubt - zu ihrem Ärger. Die gesamte Ausbildung des Theologennachwuchses gehört heute in kirchlich-klösterliche Schulen, in denen die reine Lehre, die Bergpredigt und der Kultus ernstgenommen werden - was gerade alles drei auf der Universität nicht der Fall ist und unter gegenwärtigen Umständen unmöglich ist. Es muß auch endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden - es ist ja doch alles nur Angst." - Dietrich Bonhoeffer, DBW 13, S.204f.

Bei “Ths“ werden tatsächlich zahlreiche Aussagen Bonhoeffers umgesetzt - und noch darüber hinaus. Denn i.d.T. lernen die Studierenden nicht nur zusammen, sondern sie leben auch zusammen, was u.a. den Charakter formen und Jüngerschaft fördern soll. Die theologische Fundierung findet an drei Tagen durch praxisnahe Dozenten unterschiedlicher Denominationen statt; zusätzlich ist jede(r) Studierende in eine lokale Kirche eingebunden, lernt dort praktische Tools wie z.B. Leiterschaft u.ä. und wird durch einen Verantwortlichen vor Ort gecoacht, um all das zu erlernen, was man später für die Praxis braucht, und um Kirche im 21. Jahrhundert auch tatsächlich für Menschen der Postmoderne relevant zu machen. Damit bestehen natürlich Ähnlichkeiten zu anderen theologischen Ausbildungsstätten wie “IGW“ (Institut für Gemeindebau und Weltmission) oder auch “AfL“ (Akademie für Leiterschaft). Wir schätzen all diese bereits bestehenden Ausbildungsstätten sehr und versuchen nun, gezielt unser Konzept, angelehnt an die Berufsakademien (und vielleicht auch Jüngerschaftsschulen) im und für das Rhein-Main-Gebiet fruchtbar zu machen.

Sicherlich zielt die Studium/die Ausbildung - die übrigens mit einem Bachelor von der NCIU akkreditiert ist - gerade nicht zu allererst darauf ab, wissenschaftliche Theologen hervorzubringen, sondern eben Praxis-Leute im weitesten Sinn. Dennoch werde ich (im Einklang mit den anderen Dozenten) mein Bestes geben, um den Studierenden nicht nur Wissenschaftlichkeit beizubringen, sondern auch mit Themen infiltrieren/infizieren:-), die mir besonders am Herzen liegen: Missionale Theologie; Verständnis und Kenntnis über das Judentum und jüdisches Denken, um mehr und mehr zurück zu unseren jüdischen Wurzeln zurückzukehren; Hermeneutik und Erkenntnislehre für die postmoderne Zeit; alles, was irgendwie mit Eschatologie im weitesten zu tun hat. Bin wirklich gespannt, wie uns allen das gelingt, und hoffe auf viel Freude neben dem gemeinsamen Arbeiten.

Sollte Dich diese Ausbildungs-/Studienform ansprechen und Du überlegst aktuell, was Du beruflich machen willst, kann ich Dir wirklich ans Herz legen, Dir mal die Homepage von “Ths“ genauer anzuschauen und vielleicht einfach mal vorbeizukommen. Für Fragen stehe ich an dieser Stelle natürlich auch zu Verfügung.   
 

Montag, 23. Januar 2012

Zum Nachdenken: Abraham J. Heschel über das Verhältnis von Engagement und Gnade

“Die scharfe Trennung von Tora (Lehre, Gesetz) und Gnade, von Werken und Glaube stellt eine Hauptabweichung vom hebräischen Denken dar. Die Fixierung auf das persönliche Heil führt anscheinend dazu, daß die Offenheit gegenüber der Geschichte in säkularer und sozialer Hinsicht verstellt wird. Gesellschaftliche Mißstände, die im Verlauf größerer wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen entstehen, haben offenbar die Gefühle der sog. Säkularen weit mehr bewegt und erregt als das Gewissen der Frommen. Eine ähnliche Entwicklung kann man im Judentum feststellen, wenn eine ausschließliche Beschäftigung mit dem Ritual das Empfinden für soziale Fragen abstumpfen kann. In den Tagen der Bibel waren die Propheten erregt, während die Welt schlief; heute ist die Welt erregt, während Kirche und Synagoge sich geschäftig mit Trivialitäten befassen.“ - Abraham J. Heschel 

(Ders.: Erneuerung des Protestantismus. Eine jüdische Stimme [1963], in: Rothschild, F.A.: Christentum aus jüdischer Sicht. Fünf jüdische Denker des 20. Jahrhunderts über das Christentum und sein Verhältnis zum Judentum, Berlin/Düsseldorf 1998, 320.)

Dienstag, 3. Januar 2012

Inno 2012/Novavox 2012


Für alle, die immer noch nicht darüber bescheid wissen und vielleicht interessiert sein könnten: Ende Januar findet in Stuttgart im Zuge des Willowcreek-Kongresses ein Forum innovativer Leiter und Netzwerke statt, das Inno2012. Besonders interessant für diejenigen, die noch nicht so up-to-date sind, welche innovativen Bewegungen innerhalb der Kirche(n) in Deutschland aktuell existieren.

Schon mal hinweisen möchte ich außerdem auf die nächste Novavox-Konferenz Ende November, die mit Deb & Alan Hirsch, Michael Frost und wohl einigen mehr schon jetzt hochkarätig besetzt ist und niemandem entgehen sollte, der an Kirche in der Postmoderne interessiert ist. Dazu wird sie zentral im Rhein-Main-Gebiet stattfinden. Bin gespannt!