Samstag, 23. Juni 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 6: Zusammfassung und weiterführende Frage

Jonas liefert mit seinem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ v.a. einen Gottesbegriff, den er mit seiner Leiderfahrung und weltbildlichen Prämissen (v.a. Evolution) zu vereinen versucht. Dies führt ihn anhand der Beobachtung des stummen Gottes zu ontologischen Spekulationen in Form eines Mythos, was jedoch fernab von einer ausgewogenen biblischen Grundlage liegt und die Einbuße bedeutet, dass Gott nicht Herr der Geschichte ist. Denn Jonas spricht von einem ohnmächtigen Gott, der seine Macht zugunsten seiner Schöpfung aufgegeben hat, dabei aber jegliche Verantwortung dem Menschen überlässt. Damit will Jonas die völlige Güte Gottes hochhalten, wovon der Vortrag gerahmt ist, sodass der ganze Vortrag in der Tat als eine Art Lobpreis Gottes bezeichnet werden kann, der im Gegensatz zum erwähnten Hiob kein einziges schlechtes Haar an Gott lässt.

Was man Jonas zugute halten sollte, ist die Tatsache, dass er v.a. im Gegengewicht zur Dialektischen Theologie der menschlichen Erfahrung einen Stellenwert zum Welt- und Gottesverständnis einräumt, was gerade in der christlichen Theologie so nicht üblich zu sein scheint. Dass dies freilich ausgewogener getan werden sollte, als Jonas es tut, versteht sich nach der Analyse von selbst, mindert jedoch nicht die Wertschätzung gegenüber dem, was Jonas trotz aller Kritik auch Positives geleistet hat. Denn hiermit ist eine Randposition innerhalb jüdisch-christlichen Denkens aufgezeigt, an der sich zukünftige Theologien nach Auschwitz zu orientieren und vielleicht auch zu messen haben.

Folgende Frage ergibt sich somit im Anschluss an die Auseinandersetzung mit Jonas, der ich weiterhin nachgehen werde (und gern auch andere Meinungen zu höre):  

Inwieweit kann (christliche) Theologie dem Anspruch gerecht werden, auch in postmoderner Zeit relevant zu bleiben, wo doch durch die zahlreichen Medien die Ereignisse der ganzen Welt innerhalb von Stunden oder gar Minuten allgegenwärtig sein können? In welchem Verhältnis stehen also diese Erfahrungen zu den biblischen Verheißungen wie auch Androhungen? Mit anderen Worten: Kann über - natürlich immer gegebene - “subjektive“ Hermeneutik hinaus bewusst der biblische Text mit der erlebten Realität konfrontiert werden oder sollte der biblische Text mehr als Konstante verstanden werden, die gerade über dem vielleicht momentanen Leid steht und eine positive Zukunft verheißen soll?

Kommentare:

  1. Dorotyna Spieka28. Juli 2012 um 16:19

    Eine evolutionäre Gottesidee wie sie von Hans Jonas formuliert wurde findet sich bereits bei
    C. G. Jung. Jung zufolge kann es sich für uns nicht mehr um den dualistischen Gegensatz zwischen Gott und Mensch handeln, sondern nur um die immanente Spannung im Gottesbegriff selbst, wie sie sich in der Mandala des Mystikers Jakob Böhme in den "Rücken an Rücken" stehenden Kreishälften ausdrückt. Dieses innere Ungleichgewicht, die glorreiche Unvollkommenheit des Lebens, ist das Wirksamkeitsprinzip der Evolution. Die Gottesidee steht hier nicht als ethische Norm über und außerhalb der Evolution, sondern wird echt mystisch in die Entfaltung und Selbstverwirklichung der Evolution selbst hineinverlangt.

    In dieser Hinsicht scheint mir die Auseinandersetzung mit Hans Jonas sehr aussrichtsreich.

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  2. Danke für Deinen Kommentar, Dorotyna. Ohne Jung gelesen oder mich ausführlicher mit Böhme beschäftigt zu haben, würde ich folgendes dem kritisch entgegensetzen: Jonas redet von einem tatsächlichen Gott als Gegenüber zur Schöpfung, und damit befindet er sich auf gut biblischem Grund. In Deinem kurzen Statement verschwimmt aber beides: Der Mensch wird auf einmal zu Gott in Form einer unio mystica o.ä. (das gab's schon im Neuplatonismus), wobei hier ja offensichtlich gar nicht wirklich von Gott als Person, sondern höchstens Idee, die Rede ist. Gott evolviert also vielmehr aus meiner Idee, und schon ist Feuerbach - vereinfacht formuliert - mit seiner Projektionsthese bestätigt. Nein, so einfach denkt Jonas das nicht. Ihm geht es vielmehr darum, Gott als Gott irgendwie in Einklang mit dem Leid in der Welt zu bringen.

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  3. Dorotyna Spieka29. Juli 2012 um 09:30

    "Ihm geht es vielmehr darum, Gott als Gott irgendwie in Einklang mit dem Leid in der Welt zu bringen"

    Ja, dem stimme ich zu. So habe ich das auch verstanden. Im Prinzip geht es wenn man Gott als Idee behandelt, um die Frage der Bestimmbarkeit dieser Idee und damit fällt auch die Frage auf, ob die Unterscheidung von Mensch und Natur einerseits und Mensch und Gott andererseits noch brauchbar ist, insbesondere, wenn man sich auf Schleiermachers Begriff vom "Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit" bezieht. Gemeint ist damit, dass eine Subjekt-Objekt-Unterscheidung als Voraussetzung für das Zustandekommen einer Gottesidee nicht geeignet ist.
    Welche Konsequenz hätte das für die von Jonas verwendete Unterscheidung von Mensch und Natur? Würde die nicht eigentlich obsolet werden?
    Was wird aus diesen Dualismen?

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  4. Mir ist nicht so ganz klar geworden, worauf Du mit den zwei Kategorien Mensch-Natur und Mensch-Gott hinaus wolltest. In jedem Fall würde ich sagen, dass sowohl bei Schleiermacher als auch bei Jonas das Gegenüber von Mensch und Gott - als zwei Subjekte - bestehen bleibt. Nur deshalb entwickelt Jonas diese ganze Theorie, ansonsten hätte er Gott längst über Bord geworfen. Und wem hilft ein Gott oder eine Gottesidee, die rein Fiktion oder Phantasie ist? Wenn Gott oder eine Idee von ihm immer nur reines Objekt bleibt, hätte ich persönlich kein Interesse an ihm. Damit würde er doch notwendigerweise zum Lückenbüßer. Aber womöglich habe ich Dein Anliegen auch noch nicht ganz verstanden.

    Ach so: Jonas redet ja nicht von Gottesidee, sondern von Gottesbegriff. Er geht nach wie vor von einer Offenbarung Gottes aus, Gott bleibt also handelndes Subjekt, auch wenn nach seiner Theorie eben mit eingeschränkten Handlungskompetenzen.

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