Sonntag, 30. September 2012

Greg Boyd über “Himmel und Hölle“: Warum Gott vielmehr Bräutigam als Richter ist

Ich fand gerade nachfolgendes Video von Greg Boyd, der für meine Begriffe sehr knackig und anschaulich formuliert, warum die Frage falsch gestellt ist, wer in den Himmel (bzw. in die Hölle) kommt bzw. was man nicht tun darf, um in der Hölle zu landen. Seht selbst:

 

Donnerstag, 20. September 2012

Zum Nachdenken: Heschel über Tiefentheologie statt Theologie


“Gegenstand der Theologie ist der Inhalt des Glaubens. Gegenstand unserer Studie ist der Glaubensakt. Ihre Absicht ist, die Tiefe des Glaubens zu erforschen, die Unterschicht, aus der der Glaube aufsteigt. Man könnte ihre Methode Tiefentheologie nennen.“ 

- Abraham J. Heschel. God in Search of Man. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1997 (1955).



Als ich mich in den letzten Tagen wieder einmal mit Abraham J. Heschel (1907-1972) und seinem Verständnis von Gebet auseinandersetzte, wurde mir erneut klar, wie profund und weitreichend doch seine Gedanken sind. Denn mit der Unterscheidung zwischen Tiefentheologie und Theologie findet man bei ihm eine grundsätzliche Ausrichtung zunächst einmal auf den Glaubensakt, also den Vollzug des Glaubens. Um nichts anderes geht es zunächst einmal in “God in Search of Man“ (dt. “Gott such den Menschen“); denselben Ansatz wählt er in dem ein Jahr früher erschienenen Werk zum Gebet, “Man's Quest for God“ (dt. “Des Menschen Suche nach Gott“), wo er bei der Fragestellung ansetzt, was eigentlich passiert, wenn der Mensch betet.

Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht deshalb interessant, weil wir es gewohnt sind, über Theologie zu diskutieren: Lasse ich mein Kind taufen oder lediglich segnen, je nach biblischem Verständnis? Wie habe ich das Verhältnis von Jesus und Gott zu verstehen? Schickt Gott nun sämtliche Nicht-Gläubige in die Hölle oder errettet er sie doch irgendwie aufgrund seines unendlichen Erbarmens? Und wer ist Gott überhaupt? Redet der Heilige Geist nach wie vor und gibt es so etwas wie das Sprachengebet/Zungenreden immer noch?

Alles das sind theologische Lehrmeinungen, die der eine so, der andere so beantworten würde und die je nach Situation unseren kirchlichen Alltag ziemlich durcheinanderbringen können. Heschel sagt aber nun, dass unsere Theologie - er war übrigens Jude - erst sekundär ist. Zunächst einmal müsse man Gott erleben (und nicht in Selbstzentriertheit verharren), was er unter dem Stichwort “Gebet“ verortet; drei Zugänge zum Gebet kennt er: 1. Leid, 2. seine Gedanken für Gott öffnen, 3. Preisen. Für das Theologiseren ist dabei natürlich besonders der zweite Zugang interessant.

Für das Verhältnis von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist nach Heschel nun entscheidend, dass Glaube im tiefsten Innern der Seele stattfinde, zu Ehrfurcht und Staunen führe, letztlich aber überhaupt nicht hinreichend mit Worten zu beschreiben sei (Heschel nennt dies “vorkonzeptuelles Denken“), was Heschel “Tiefentheologie“ nennt. Zwar verweist er auf die Heiligkeit von Worten, wie er sie v.a. in der (Hebräischen) Bibel findet; gleichzeitig ist er sich aber dessen Grenze bewusst, dass Worte völlig unzureichend seien, um die Herrlichkeit Gottes zu beschreiben. Erst auf dieser Grundlage des Glaubensaktes siedelt Heschel vier Komponenten von religiöser Existenz an, von denen eine Komponente die Theologie/Lehre ist. So ist für ihn die Bibel ebenso wie feste Gebete, Bekenntnisse u.ä. Teil der Tradition, die sich aus dem Glaubensvollzug einzelner herleitet. Heschel entgeht somit einer Autorisierung der biblischen Schrift und darauf aufbauender Theologie durch dogmatische Prämissen, indem er einerseits ihre Autorität an das Zeugnis einzelner bindet, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben (bzw. die Gott zu Seinen Propheten berufen und zu ihnen gesprochen hat); andererseits verweist er auf den göttlichen Charakter der Bibel dadurch, dass es den göttlichen Funken enthalte, der Seelen - also Individuen - entflamme (S. 240). 

Mich persönlich überzeugt dieser Ansatz aus mehreren Gründen:
1. Heschel arbeitet mit relativ wenigen dogmatischen Prämissen.
2. Vielmehr räumt er der eigenen Erfahrung einen eigenen Raum ein.
3. Es lässt die Möglichkeit offen, mehrere Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, was v.a. in Zeiten der Postmoderne interessant ist, aber schon auf das hebräische Weltbild innerhalb der Bibel zurückgehen dürfte und zu allererst mit dem westlich-logischen Denken in Konflikt gerät, das aber auch nicht das Maß aller Dinge ist.
4. Heschel räumt dem Moment der übernatürlichen Offenbarung Raum zur Erkenntnis ein, d.h. nicht nur rationale und wissenschaftliche Schlussfolgerungen können wahr sein, sondern auch “irrationale“ Dinge können Sinn machen (auch wenn der Fehlerquotient hier höher sein mag).

Zahlreiches mehr ließe sich aus diesen wenigen Gedanken Heschels herausholen. Über eine rege Diskussion würde ich mich an dieser Stelle deshalb umso mehr freuen. Besonders wichtig wäre zu diskutieren, wie solch ein Ansatz praktisch umgesetzt werden kann. Darüber verliert Heschel nämlich relativ wenig Worte; auch ist mir noch nicht ganz klar, wie er es sich vorstellt, wenn bestimmte Traditionen grundlegend infrage gestellt werden sollten, was momentan ja durchaus geschieht (man denke nur an die Beschneidungsdebatte; auch spezifisch christliche Themen werden ja immer wieder auf die Waagschale gelegt). Dennoch bin ich persönlich von dieser seiner Stoßrichtung wirklich angetan und werde mich sicherlich weiter mit ihm auseinandersetzen.

Montag, 3. September 2012

Mein Weg zur Auseinandersetzung mit dem Judentum

Für meinen ersten BA-Kurs mit dem Thema “Israel und Torah“, der heute startete, habe ich ein kurzes Statement verfasst, warum ich mich eigentlich mit dem jüdischen Hintergrund des Christentums beschäftige. Vielleicht ist dies auch für den einen oder anderen interessant/hilfreich, der nicht bei dem Kurs war, weshalb ich den Text an dieser Stelle einfach mal wiedergebe:

Mit 22 Christ geworden, befand ich mich gerade einmal ein gutes Jahr später, 2005, in der theologischen Fakultät der Uni Münster wieder. Ich fühlte mich förmlich von der Theologie angezogen und wusste gleichzeitig, dass es kein leichter Weg werden würde; schließlich hatte mir fast jeder Christ in meiner Umgebung davon abgeraten, an der Uni zu studieren. Immerhin könne man dort seinen Glauben verlieren, so hieß es - und bei mir war er ja recht frisch noch. Trotzdem wollte ich diesen Weg gehen und wusste dennoch, dass das mein Weg sein würde.

Zwischenzeitlich war ich mit echt fundamentalistischer Lehre in Berührung gekommen ohne zu wissen, wie giftig dieser Weg war. Umso heftiger trafen mich dann manche Sachen in der Uni. Aber: Zunächst einmal machte es mir dieser Gott, den ich erst noch recht frisch kannte, insofern einfach, als dass ich zwei Seminare bei Dozenten hatte, bei denen sich sehr schnell zeigte, dass sie selbst gläubig und zum persönlichen Austausch bereit waren. Und dies waren dann auch die Inhalte, die mich innerhalb von zwei Wochen davon überzeugten, wie richtig ich überhaupt in diesem Studium war. Besonders die Systematische Theologie haute mich förmlich um brachte mir eine Ehrfurcht Gott gegenüber. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass ich theologisch tiefer graben wollte, als es zu dem Zeitpunkt möglich war.

Gute zwei Jahre später befand ich mich in Nashville/Tennessee wieder, als Praktikant einer Baptisten-Gemeinde. Wenn es eine Sache gibt, die diese Amis drauf haben, dann is es Generosität. U.a. bekam ich innerhalb der ersten Woche dort anonym einen Gutschein über 300 Dollar für Bücher geschenkt - einfach Wahnsinn. Diese Gegebenheit ist aber v.a. deshalb von Belang, weil sie nötig war für einen Wendepunkt in meinem theologischen Denken. Durch bestimmte exegetische Erkenntnisse und auch durch Denker wie Dietrich Bonhoeffer war mir mehr und mehr aufgegangen, dass zahlreiche Dinge im Leben doch nicht so einfach waren, wie es die klassische Systematische Theologie lehrte und v.a. von konservativen christlichen Richtungen vereinfacht wurde: Warum gab es nur schwarz oder weiß, richtig oder falsch? Warum wurden kniffelige ethische Fragen wie zum Thema “Sex vor der Ehe“ oftmals so abgetan, als ob die Antwort doch völlig glasklar war? Ich erkannte nach und nach, dass sich bei dieser Form von Glauben offensichtlich bestimmte Dogmen, also Glaubenssätze, verselbständigen. Statt dessen, so weit war ich spätestens nach der Lektüre von Bonhoeffers “Ethik“, ging es um den Menschen - zuerst und zuletzt. Nur fehlten mir bis dato dafür die richtigen Worte, und zudem musste sich in meinem Denken noch etwas Grundsätzliches ändern.

Ich bestellte mir in Nashville also Bücher - einige -, u.a. auch zwei Bücher von Rob Bell: “Jesus Unplugged“ und “Sex God“. Und endlich fand ich die Sprache und Bilder für Dinge, die mir schon länger im Kopf herumschwirrten, aber nicht wirklich greifbar waren. Rob beschrieb z.B. zwei Glaubensformen, einerseits den statischen Glauben, der wie eine Mauer funktioniert; und sobald man einen Stein - ein Dogma - herauszieht, bricht das ganze Konstrukt, also die Mauer, ein. Andererseits war da das Trampolin, das mit seinen elastischen Federn flexibel war, und sobald ein Dogma - also eine Feder - nicht mehr funktionierte, konnte man sie austauschen; der Glaube - im Bild gesprochen das Springen auf dem Trampolin - musste von den flexiblen Federn getragen werden, gleichzeitig konnte man ihn durch das Springen auch wirklich auf seine Tragfähigkeit hin ausprobieren.

Das Bild überzeugte mich, ich konnte sogar einige meiner bisherigen Erkenntnisse sehr gut damit in Einklang bringen. Allerdings fehlte mir noch eine Art Schlüssel, der mir nicht nur Ideen gab, sondern auch mein Herz für Systematische Theologie befriedigen sollte. Ich benötigte also irgendwie ein ganz neues Denksystem, um tatsächlich auch die Theorie mit der Praxiserfahrung vereinbaren zu können.

Dieser Schlüssel war meine Perspektive auf die Bibel, die Welt, Gott, usw. Während ich von Hause aus - wie im Prinzip jeder westlich denkende Mensch - durch Platon, Aristoteles und Augustin geprägt war, die als westliche Denker von dort die Bibel interpretierten, musste ich erkennen, dass die Bibel, Gott und letztlich auch die Welt aus einem sog. hebräischen Weltbild geschrieben wurden, das ein ganz anderes Denken mit sich bringt und größtenteils implizit Dinge voraussetzt, die man überliest und überdenkt, wenn man sie nicht kennt. Auf diesen neuen Denkansatz kam ich erst durch Rob Bell, der mich in seinen Büchern immer wieder auf Vertreter des sog. “Jewish Roots - Movements“ verwies, von denen mich Dwight A. Pryor am meisten beeinflusst hat.

Beispielsweise: Während wir es gewohnt sind, in logischen Kategorien zu denken, also richtig oder falsch, tendierten die Verfasser vielmehr in Richtung von “Sowohl, als auch“, ganz besonders in der Bibelauslegung. Die Rabbinen - auf die wir noch ausführlicher zu sprechen kommen -, hatten ein Verständnis von mehr-dimensionaler Bibelauslegung. Ein sehr bekannter Spruch ist: “Wende sie und wende sie, denn in ihr ist alles enthalten.“ (Ben Bag-Bag) Es gab also nicht die eine richtige Bibelauslegung, sondern es wurden zahlreiche Auslegungen nebeneinander stehen gelassen. Dies finden wir sowohl in der Mishnah als auch in den späteren Talmudim. Deshalb wurden auch eher mal Spannungen zugelassen, anstatt immer alles und am besten grundsätzlich lösen zu wollen.

Dieser Ansatz ist noch viel umfassender, als ich es hier in den paar Sätzen beschreiben kann. Und natürlich ist es auch immer schwierig, von dem einen hebräischen Denken zu sprechen, so wie es natürlich nicht die eine Systematische Theologie gibt. Aber es geht hier um Tendenzen und Richtungen.

Diese Idee eröffnete mir einen ganz neuen Denkhorizont und ich merkte schnell, wie viel Potenzial darin steckt, weil es innerhalb der christlichen Kirchen überhaupt nur erste Schritte in dieser Hinsicht gab und gibt. Denn das Interessante war, dass dieser “neue“ Ansatz vom hebräischen Denken - oder besser von der Hebräischen Bibel - her auf einmal überzeugende Ideen bot und bietet, den Fragen und Problemen von postmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts ehrlich zu begegnen. Dies war die Weichenstellung, weshalb ich mich für ein weiteres Studium (Judaistik & Religionsphilosophie) entschloss, um noch mehr diese Wurzeln auszugraben und für die Theologie und Kirche des 21. Jahrhunderts fruchtbar zu machen.