Montag, 3. September 2012

Mein Weg zur Auseinandersetzung mit dem Judentum

Für meinen ersten BA-Kurs mit dem Thema “Israel und Torah“, der heute startete, habe ich ein kurzes Statement verfasst, warum ich mich eigentlich mit dem jüdischen Hintergrund des Christentums beschäftige. Vielleicht ist dies auch für den einen oder anderen interessant/hilfreich, der nicht bei dem Kurs war, weshalb ich den Text an dieser Stelle einfach mal wiedergebe:

Mit 22 Christ geworden, befand ich mich gerade einmal ein gutes Jahr später, 2005, in der theologischen Fakultät der Uni Münster wieder. Ich fühlte mich förmlich von der Theologie angezogen und wusste gleichzeitig, dass es kein leichter Weg werden würde; schließlich hatte mir fast jeder Christ in meiner Umgebung davon abgeraten, an der Uni zu studieren. Immerhin könne man dort seinen Glauben verlieren, so hieß es - und bei mir war er ja recht frisch noch. Trotzdem wollte ich diesen Weg gehen und wusste dennoch, dass das mein Weg sein würde.

Zwischenzeitlich war ich mit echt fundamentalistischer Lehre in Berührung gekommen ohne zu wissen, wie giftig dieser Weg war. Umso heftiger trafen mich dann manche Sachen in der Uni. Aber: Zunächst einmal machte es mir dieser Gott, den ich erst noch recht frisch kannte, insofern einfach, als dass ich zwei Seminare bei Dozenten hatte, bei denen sich sehr schnell zeigte, dass sie selbst gläubig und zum persönlichen Austausch bereit waren. Und dies waren dann auch die Inhalte, die mich innerhalb von zwei Wochen davon überzeugten, wie richtig ich überhaupt in diesem Studium war. Besonders die Systematische Theologie haute mich förmlich um brachte mir eine Ehrfurcht Gott gegenüber. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass ich theologisch tiefer graben wollte, als es zu dem Zeitpunkt möglich war.

Gute zwei Jahre später befand ich mich in Nashville/Tennessee wieder, als Praktikant einer Baptisten-Gemeinde. Wenn es eine Sache gibt, die diese Amis drauf haben, dann is es Generosität. U.a. bekam ich innerhalb der ersten Woche dort anonym einen Gutschein über 300 Dollar für Bücher geschenkt - einfach Wahnsinn. Diese Gegebenheit ist aber v.a. deshalb von Belang, weil sie nötig war für einen Wendepunkt in meinem theologischen Denken. Durch bestimmte exegetische Erkenntnisse und auch durch Denker wie Dietrich Bonhoeffer war mir mehr und mehr aufgegangen, dass zahlreiche Dinge im Leben doch nicht so einfach waren, wie es die klassische Systematische Theologie lehrte und v.a. von konservativen christlichen Richtungen vereinfacht wurde: Warum gab es nur schwarz oder weiß, richtig oder falsch? Warum wurden kniffelige ethische Fragen wie zum Thema “Sex vor der Ehe“ oftmals so abgetan, als ob die Antwort doch völlig glasklar war? Ich erkannte nach und nach, dass sich bei dieser Form von Glauben offensichtlich bestimmte Dogmen, also Glaubenssätze, verselbständigen. Statt dessen, so weit war ich spätestens nach der Lektüre von Bonhoeffers “Ethik“, ging es um den Menschen - zuerst und zuletzt. Nur fehlten mir bis dato dafür die richtigen Worte, und zudem musste sich in meinem Denken noch etwas Grundsätzliches ändern.

Ich bestellte mir in Nashville also Bücher - einige -, u.a. auch zwei Bücher von Rob Bell: “Jesus Unplugged“ und “Sex God“. Und endlich fand ich die Sprache und Bilder für Dinge, die mir schon länger im Kopf herumschwirrten, aber nicht wirklich greifbar waren. Rob beschrieb z.B. zwei Glaubensformen, einerseits den statischen Glauben, der wie eine Mauer funktioniert; und sobald man einen Stein - ein Dogma - herauszieht, bricht das ganze Konstrukt, also die Mauer, ein. Andererseits war da das Trampolin, das mit seinen elastischen Federn flexibel war, und sobald ein Dogma - also eine Feder - nicht mehr funktionierte, konnte man sie austauschen; der Glaube - im Bild gesprochen das Springen auf dem Trampolin - musste von den flexiblen Federn getragen werden, gleichzeitig konnte man ihn durch das Springen auch wirklich auf seine Tragfähigkeit hin ausprobieren.

Das Bild überzeugte mich, ich konnte sogar einige meiner bisherigen Erkenntnisse sehr gut damit in Einklang bringen. Allerdings fehlte mir noch eine Art Schlüssel, der mir nicht nur Ideen gab, sondern auch mein Herz für Systematische Theologie befriedigen sollte. Ich benötigte also irgendwie ein ganz neues Denksystem, um tatsächlich auch die Theorie mit der Praxiserfahrung vereinbaren zu können.

Dieser Schlüssel war meine Perspektive auf die Bibel, die Welt, Gott, usw. Während ich von Hause aus - wie im Prinzip jeder westlich denkende Mensch - durch Platon, Aristoteles und Augustin geprägt war, die als westliche Denker von dort die Bibel interpretierten, musste ich erkennen, dass die Bibel, Gott und letztlich auch die Welt aus einem sog. hebräischen Weltbild geschrieben wurden, das ein ganz anderes Denken mit sich bringt und größtenteils implizit Dinge voraussetzt, die man überliest und überdenkt, wenn man sie nicht kennt. Auf diesen neuen Denkansatz kam ich erst durch Rob Bell, der mich in seinen Büchern immer wieder auf Vertreter des sog. “Jewish Roots - Movements“ verwies, von denen mich Dwight A. Pryor am meisten beeinflusst hat.

Beispielsweise: Während wir es gewohnt sind, in logischen Kategorien zu denken, also richtig oder falsch, tendierten die Verfasser vielmehr in Richtung von “Sowohl, als auch“, ganz besonders in der Bibelauslegung. Die Rabbinen - auf die wir noch ausführlicher zu sprechen kommen -, hatten ein Verständnis von mehr-dimensionaler Bibelauslegung. Ein sehr bekannter Spruch ist: “Wende sie und wende sie, denn in ihr ist alles enthalten.“ (Ben Bag-Bag) Es gab also nicht die eine richtige Bibelauslegung, sondern es wurden zahlreiche Auslegungen nebeneinander stehen gelassen. Dies finden wir sowohl in der Mishnah als auch in den späteren Talmudim. Deshalb wurden auch eher mal Spannungen zugelassen, anstatt immer alles und am besten grundsätzlich lösen zu wollen.

Dieser Ansatz ist noch viel umfassender, als ich es hier in den paar Sätzen beschreiben kann. Und natürlich ist es auch immer schwierig, von dem einen hebräischen Denken zu sprechen, so wie es natürlich nicht die eine Systematische Theologie gibt. Aber es geht hier um Tendenzen und Richtungen.

Diese Idee eröffnete mir einen ganz neuen Denkhorizont und ich merkte schnell, wie viel Potenzial darin steckt, weil es innerhalb der christlichen Kirchen überhaupt nur erste Schritte in dieser Hinsicht gab und gibt. Denn das Interessante war, dass dieser “neue“ Ansatz vom hebräischen Denken - oder besser von der Hebräischen Bibel - her auf einmal überzeugende Ideen bot und bietet, den Fragen und Problemen von postmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts ehrlich zu begegnen. Dies war die Weichenstellung, weshalb ich mich für ein weiteres Studium (Judaistik & Religionsphilosophie) entschloss, um noch mehr diese Wurzeln auszugraben und für die Theologie und Kirche des 21. Jahrhunderts fruchtbar zu machen.

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