Freitag, 30. Mai 2014

Zum Nachdenken: Dietrich Bonhoeffer über das Leben als Ziel des Menschen im Sinne Gottes

“Ich bitte um Leben, wie der Knecht seinen Herrn. Leben ist Wohltat Gottes. Leben ist nicht Mittel zum Zweck, sondern es ist in sich selbst Erfüllung. Gott schuf uns, damit wir leben, er versöhnte und erlöste uns, damit wir leben. Er will nicht Ideen triumphieren sehen über einem Trümmer- feld von Leichnamen. Die Ideen sind um des Lebens willen da, nicht das Leben um der Ideen willen. Wo das Leben selbst zur Idee gemacht wird, dort wird das wirkliche geschaffene und erlöste Leben tiefer zerstört als durch irgendeine andere Idee. Das Leben ist Gottes Ziel mit uns. Wird es Mittel zum Zweck, dann tritt in das Leben ein Widerspruch, der es zur Qual werden läßt. Dann wird das Ziel, das Gute, jenseits des Lebens gesucht, das nur mit der Lebensverneinung erkauft werden kann. Das ist der Zustand, in dem wir uns vorfinden, bevor wir das Leben in Gott empfangen und wir sind gelehrt worden, diesen Zustand gut zu nennen. Wir wurden zu Hassern und Verächtern des Lebens und zu Liebhabern und Anbetern der Ideen.“

- Dietrich Bonhoeffer, Meditation über Ps 119, in: Ders., Illegale Theologenausbildung : Sammelvikariate 1937-1940, DBW 15, S.526.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Macht Platz für die Kreativen in unseren Kirchen! Gedanken zu Dave und Jon Fergusons “Exponential“, Kapitel 5

Mit Kapitel 5 von “Exponential“ befinden wir uns in einem meiner Lieblingskapitel des Buches, weil es einen in Kirchen meist vernach- lässigten Bereich beleuchtet: Den Stellenwert der Kreativen und Künstlertypen. Genau genommen, halten Dave und Jon Ferguson neben der Reproduktion von Leitern die Reproduktion von Künstlern für das Essentiellste, um eine missionale Kirchenbewegung reprodu- zierender Kirchen voranzubringen: 



“I am convinced that if we can get these two essentials [Reproduktion von Leitern und von Künstlern; d. Verf.] right, everything else will fall into place.“ (71)

Warum die beiden dies so sehen - und ich würde ihnen dezidiert zustimmen -, wird sich später klären. Zunächst einmal muss ich für meinen Teil feststellen, dass wir in unseren Kirchen an genau diesem Punkt noch viel mehr aufzuholen haben als im Bereich von Leiter- schaft. Denn das Problem ist nicht nur, dass unser protestantisches Erbe, von Luther herkommend, den Fokus sehr einseitig auf die Verkündigung des Wortes gelegt hat und deshalb beispielsweise Lobpreis-Pastoren prozentual deutlich seltener eine kirchliche Anstellung bzw. finanzielle Wertschätzung erleben als konventionelle Pastoren (obwohl die modernen Gottesdienste ja oft beinahe 50/50 aus Predigt und Lobpreis bestehen); sondern der Typus “Kreativling/ Künstler“ - und ich rede jetzt nicht von denen, die irgendwann mal etwas Gitarre gespielt haben - ist i.d.R. charakterlich ganz anders und viel weniger greifbar (oder in Boxen zu packen, weil meist unstruktu- rierter), als es die meisten Leitertypen sind, die in unseren Kirchen das Sagen haben. Im Gegensatz zu Letzteren benötigen die Kreativ- linge extrem viel Freiheit und sind oft weniger zielorientiert, sodass es kontraproduktiv ist, sie in enge Rollen zu stecken oder ihnen zu viele Vorgaben zu machen, da es sonst dahin ist mit der Kreativität.

Soweit mein erstes Intermezzo. Aber warum ist das jetzt überhaupt so wichtig? Dave und Jon verweisen in diesem Kapitel zunächst auf Richard Floridas Buch “The Rise of the Creative Class“, der in seiner Studie zeigt, dass es die Kreativen sind, die eine Region revitali- sieren, demzufolge Immobilenplaner immer häufiger dazu übergehen, zunächst genau diese Gruppierung von Menschen anzuziehen, sobald es darum geht, einen Stadtteil neuzubeleben. Wenn man sich exemplarisch anschaut, wie sich frühere Berliner Brennpunkte - beispielsweise Neukölln - in den letzten Jahren positiv entwickelt haben und wie stark zeitgleich der prozentuale Anteil an Kreativen in diesen Bezirken ist, kann man dem nur zustimmen; dasselbe gilt für New York und zahlreiche andere Großstädte. Und genau deshalb messen Dave und Jon den Kreativlingen ebenfalls in Kirchen einen solch hohen Stellenwert bei:

“Artists and creatives are often the ones leading the way forward, catalyzing the creation of new faith communities“ and “taking new territory for the mission of Jesus.“ (72)

Exemplarisch verweisen Dave und Jon auf 2 Chr 20, wo die Israeliten von einem Chor angeführt werden, um Jericho einzunehmen. Mein Eindruck ist - ohne dies bislang letztgültig biblisch oder anders verifiziert zu haben -, dass das Kreative und das Prophetische sehr eng beieinander liegt. Denn zum einen sind die Kreativen meistens besonders empfindsam und damit auch sensibel für das Reden des Heiligen Geistes, zum anderen stellen sie immer wieder den status quo - v.a. der etablierten Klasse - infrage, was man bei zahlreichen biblischen Propheten (Amos, Jesaja und nicht zuletzt Jesus) sehen kann. Deshalb sind sie auch für kirchliche Leiterschaften so gefährlich und bedrohlich, weil sie dazu tendieren, einem etablierten Gemeinde- Leiter/Pastor den Einfluss streitig zu machen. Sie geben ja vielmehr der breiten Masse Raum zur Entfaltung und sind damit stark demo- kratisch, in politischen Kontexten sogar oftmals links eingestellt (man denke nur an die Hamburger “Schanze“). Wenn also in der Gesellschaft oder in einer Kirche den Kreativlingen ihre Stimme genommen wird, sollte uns das zu denken geben. Das war mein zweites Intermezzo.

Im nächsten Schritt legen Dave und Jon den Finger in eine auch mir gut bekannte Wunde, wenn es darum geht, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen Anziehung von neuen Kreativen und der Reproduktion neuer Kreativer. Denn das Problem besteht darin, dass außenstehende Kreative durch exzellente vorhandene Künstler angezogen werden, was aber im Konflikt damit liegt, will man auch neuen Kreativen eine Chance geben, die ja noch nicht so gut sein können (man denke an den musikalischen Teil im Gottesdienst). Dave und Jon versuchen, das Problem im Sinne eines Fahrrades mit seinen zwei Pedalen zu lösen, die beide abwechselnd nötig zu treten sind, um vorwärts zu kommen. Praktisch bedeutet dies für sie zweierlei. Zum einen saisonales Denken: Zu besonderen Stoßzeiten wie Schuljahres- bzw. Semesterbeginn legt man die Latte besonders hoch, weil dann auch die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, neue Kreativlinge empfangen zu dürfen; zum anderen legen sie einen bestimmten Standard von Exzellenz, der grundsätzlich zu halten ist, auch jenseits der Stoßzeiten.

Um eine Kultur zu entwickeln, die Kreative anzieht, schlagen Dave und Jon fünf Schlüssel vor:
1. Risiken eingehen: Überhaupt den (i.d.R. unstrukturierten) Kreativen in entscheidenden Situationen oder auch Veranstaltungen ihre Freiheit und die Verantwortung dafür zu überlassen, bedeutet für viele andere eine große Herausforderung, da man bei Kunst oft nicht genau weiß, wo es hinführen wird. Trotzdem ist es notwendig! (im Übrigen weiß ich dies ja auch nicht, wenn ich Gottes Reden Raum lasse, meine Pläne zu durchkreuzen)
2. Beziehungen: Kreative Prozesse geschehen oft durch Kollaborationen, zumal viele Kreative beziehungsorientierte Menschen sind; sie müssen damit Raum haben zusammenzukommen, wo sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen können (Dave und Jon schlagen u.a. eine open-mic-night in einer Bar vor).
3. Den Kreativen eine Rolle zuweisen: So früh wie möglich müssen Kreative ihren Platz finden, um sich wohl zu fühlen und anzukommen; bei Musikern sollte das eine Band o.ä. sein usw.
4. Plan zur Reproduktion: Es soll eine Erwartung der Reproduktion geschaffen werden, sprich, dass Musiker sich gegenseitig bzw. neue Musiker nicht nur beeinflussen, sondern wirklich fördern (dies ziel- gerichtete Agieren scheint mir aber, durch strukturiertere Personen angeleitet werden zu müssen)
5. Lasst es rocken: Die Kreativlinge müssen die Freiheit haben, es krachen zu lassen - ohne Einschränkung! (Natürlich muss man in Gottesdiensten Kompromisse finden, was beispielsweise Lautstärke betrifft, aber das ist nochmal eine andere Geschichte und wird in einem späteren Kapitel sehr gut aufgearbeitet)

Die Multiplikation von Kreativen funktioniert ähnlich zu der von Leitern, und zwar sowohl über eine Kette hin zu mehr und mehr Verantwortung, also auch über Azubis (beispielsweise werden in Dave‘s und Jon‘s Kirche Nachwuchs-Lobpreisleiter bewusst für Songs von ihren Mentoren/Coaches auf der Bühne vorgestellt und erhalten so nicht nur Wertschätzung von der Kirchenversammlung, sondern auch den Raum, um sich zu entwickeln und ggf. Fehler zu machen). Ein dritter Punkt, den die beiden nennen, ist eine Schule für Künstler, also so etwas wie ein Kreativzentrum mit Musikunterricht, Bandcoaching und Möglichkeiten, Nachwuchstalente auftreten zu lassen - sehr cool ;-)!

Zuletzt nennen Dave und Jon fünf Faktoren, um grundsätzlich eine Kultur zu pflegen, die Wert auf die Reproduktion von Künstlern legt:
1. Denk “30 Prozent“: So hoch setzen die beiden den Anteil einer Gruppe - also auch der Kirche -an, der theoretisch künstlerisch aktiv werden könnte.
2. “Wir brauchen Künstler“: Jede Möglichkeit muss genutzt werden um zu kommunizieren, dass Künstler tatsächlich erwünscht und gebraucht werden.
3. Die Kreativen sollen andere Kreative rekrutieren: Sobald ein Gottesdienst beendet ist, sollen die Künstler der Kirche Ausschau halten nach kreativen Neulingen in der Kirche (v.a. vor der Bühne, wo sie das benutzte Equipment analysieren:-).
4. Schnellstmöglich nach Kontaktaufnahme zur Tat schreiten: Die beiden betonen, wie wichtig es für zum Einsatz bereite Kreative ist, sofort involviert zu werden. Folglich raten sie, spätestens am näch- sten Tag via E-Mail, SMS etc. die weiteren Schritte anzukündigen. Ohne dass Dave und Jon dies sagen, dürfte der wesentliche Grund der sein, dass eine Inspiration, die ein kreativer Neulinge z.B. im Gottesdienst erhalten hat, schnell verblasst.
5. Lasst Nicht-Christen spielen: Dave und Jon ermutigen explizit dazu, Nicht-Christen als Musiker in Bands - um damit in Gottes- diensten - spielen zu lassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es theoretisch funktionieren kann, wenn praktisch die Kirche auch dahintersteht und den Nicht-Christen (oder oft auch fürchterlicher- weise “Ungläubige“ genannt) nicht nur skeptische Blicke zuwirft.

Dave und Jon schließen das Kapitel mit dem Appell, die Augen immer und überall offen zu halten nach kreativen Leuten, da sie ja davon ausgehen, dass 30 Prozent aller Menschen künstlerische Bega- bungen besitzen. Ob diese Zahl nun tatsächlich stimmt, sei dahin gestellt; in jedem Fall gibt es etliche kreative Menschen, sowohl in unseren Kirchen als auch außerhalb. Ich bin überzeugt davon, dass hier ein bislang stark vernachlässigtes Potenzial schlummert, um nicht nur Außenstehende für unsere Kirchen zu mobilisieren (und sie bitte nicht nur als Missionsopfer zu betrachten!), sondern sie auch unsere Kirchen verändern zu lassen (auch durch Nicht-Christen, wohl gemerkt).

Mittwoch, 28. Mai 2014

Konkrete Schritte zur Multiplikation von Leitern nach Dave und Jon Ferguson (“Exponential“)

Was mir bei Dave und Jon Ferguson einfach gut gefällt, ist ihr Stellenwert, von Leiterschaft innerhalb einer missionalen Kirchenbewegung; so auch in Kapitel 4. Im Prinzip sind es keine neuen Geheimnisse, die hier aufgedeckt werden, oder wundersame Programme, sondern die Konsequenz von Multiplikation, anhand von Leiterschaft umgesetzt. Leiter sind für Dave und Jon der Schlüssel im ganzen Organismus funktionierender missionaler Bewegung.

Anhand von 2 Tim 2,2 sprechen die beiden (in Anlehnung an Neil Cole) von dem 2-2-2-System, wobei sie einen Leiter/eine Leiterin relativ klassisch als Person betrachten, die Nachfolger hat. Genauso wichtig ist ihnen aber auch, dass Leiter Azubis haben, die sie nach bekanntem fünf-Schritt-Modell  (1. zuschauen, 2. mithelfen, 3. helfen lassen, 4. zuschauen lassen und 5. jemand Neues zuschauen lassen; anschließend ist immer die Reflexion darüber wichtig) multiplizieren sollen; es geht ihnen nicht einfach darum, Ersatz für die eigenen Position zu finden, sondern um eine wirkliche Investition der eigenen Leiterschaftsskills in andere hinein, bei denen man das Potenzial dazu entdeckt. Ebenso notwendig empfinden die beiden aber auch die Gemeinschaft von gleichgesinnten Leitern, die durch Austausch von Vision (sehen, was Gott alles bereits tut), gegenseitiger Ermutigung und Rechenschaft und Zurüstung mit neuen Skills (durch Coaches) geprägt ist. Und last but not least betonen sie die Wichtigkeit eines Coaches, der eine Außenperspektive bietet,  und vieles mehr tut, was in Kapitel 8 noch eingehender thematisiert werden wird.

In diesen und anderen Kapiteln fällt beim Lesen immer wieder auf, wie Leiterschaft doch sehr heruntergebrochen wird, und zwar als einen guten Mittelweg zwischen Top-Down-Leiterschaft (geht mit klaren Zielen voran, und wer nicht mitzieht, muss/sollte gehen) und wenig(er) zielorientierter organischer Leiterschaft, die v.a. das Potential jedes einzelnen zu entfalten sucht, aber weniger den Blick für das Ziel das Ganzen hat (mal ganz pauschal formuliert). Denn diese Form von Leiterschaft nach Dave und Jon Ferguson ist insofern intentional, als dass sie grundsätzlich auf Multiplikation ausgelegt ist; aber anders als bei der Megachurch, die einen großen Strategieplan für die nächsten fünf bis zehn Jahre von der Chef-Etage aus entwickelt und anschließend - mal ganz negativ formuliert - dem Fußvolk aufdrückt, kann dieses Prinzip auf jeder Stufe von Leiterschaft ausgeübt werden, und es braucht dafür keine besondere Autorisation oder neue Vision, die erst umfänglich kommuniziert werden müsste (natürlich muss das Prinzip der Multiplikation immer wieder - als Vision - kommuniziert werden, aber das geht zumindest nach und nach in die DNA der Gemeinde über). Zusätzlich kann durch bestimmte zielorientierte Gruppen (dazu später mehr) eine Vision angegangen werden, die zwar Teil der Gesamtgemeinde ist, aber nicht von allen umgesetzt werden muss. Dieses Modell lässt somit relativ viel Freiheit in unterschiedlicher Richtung, sodass zumindest implizit der von mir zuvor als fehlend kritisierte fünffältige Dienst hier zu seinem Recht kommt.

Was in alledem etwas zu kurz kommt, ist der Aspekt von Jüngerschaft. Während Alan Hirsch Leiterschaft nämlich zurecht als Verlängerung von Jüngerschaft versteht und somit lebenslange Jüngerschaft immer als Teil guter Leiterschaft implizit voraussetzt (nachzulesen z.B. in “The forgotten ways“), findet die Bedeutung des Charakters oder auch der Umgang mit Fehlern an dieser Stelle oder auch anderer Stelle nur periphere Erwähnung.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Weitere Facetten zur Leiterschaftsausbildung von Dave und Jon Ferguson (“Exponential“)

Weil Dave und Jon Ferguson das Azubi-Konzept (“Apprenticeship“) - also die strategische Entwicklung von zukünftigen Leitern - als Kernkompetenz eines jeden Movements betrachten, reflektieren sie im dritten Kapitel ihres Buches einige weitere Facetten dazu, auch wenn sich vieles inhaltlich zum Vorherigen und Späteren wiederholt. Denn zunächst einmal werden erneut Jesus und seine Jünger als Vorbild erwähnt und die Notwendigkeit von Ausbildung in der Praxis hervorgehoben.

Was ebenfalls nicht neu ist, aber nicht oft genug gesagt werden kann, ist, als Leiter groß zu träumen. Dies entfalten Dave und Jon auf den nächsten Seiten und fordern genau dazu heraus, groß zu träumen. Dies, so die beiden, beeinflusse die Art und Weise meiner Fragen, ändere meine Gebete, ändern Andere und v.a. natürlich mich selbst. Genau genommen, beginne alles im Kleinen, nämlich bei mir selbst.

Um diesen Prozess tatsächlich konkret zu machen, schließt das Kapitel mit drei Charakteristika eines “Jesus-Azubis“, 1. Leitung durch den Heiligen Geist, 2. Ausbildung in der Mission (“Missional Apprentice“), 3. Reproduzierende Ausbildung. Auf den ersten Blick wirken die Punkte auf mich etwas müde, weil schon oft darüber gelesen und gesprochen, allerdings geben die Autoren innerhalb dieser Seiten ganz brauchbare, praxisrelevante Hinweise. Sicherlich nicht das stärkste Kapitel, aber immerhin wird die spirituelle Dimension in all den strategischen Gedanken nochmals explizit in den Fokus genommen.

Sonntag, 18. Mai 2014

Studientag “Emergente Theologie“: Kurzer Rückblick zum Wochenende mit Thema “Mission“

Von Freitag bis Samstag (16.-17.6. 2013) war ich in Fulda auf dem jährllich stattfindenden “Studientag Emergente Theologie“, der initiiert war durch das Netzwerk “Emergent Deutschland“. Mit etwa 15 Leuten war der Studientag diesmal besonders gut besucht und bot zunächst einmal zahlreiche Möglichkeiten zur Vernetzung, was auch wesentlicher Programmpunkt des Freitag Abends war: Wir tauschten uns in der großen Runde über unsere Stories aus, unseren Bezug zu “Emergent Deutschland“ und über unsere kirchlichen Backgrounds. Nach Abschluss des offiziellen Teils konnte man anschließend bei Einzelnen nachhaken und mehr über beispielsweise deren aktuelle kirchliche Situation erfahren.

Der Samstag drehte sich v.a. um die Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zum Thema “Mission“, die 2013 auf der Konferenz in Busan/Südkorea verabschiedet wurde. In kleineren Gruppieren diskutierten wir unterschiedliche Facetten dieser Erklärung. Ausgehend von einem Missionsverständnis, das bei Gottes Schöpfung ansetzt - das die Schöpfung also bereits als Teil der Mission Gottes versteht -, liegt der Schwerpunkt der Erklärung auf dem Wirken des Heiligen Geistes in der Spannung zwischen Schöpfung und Neuschöpfung, was insgesamt ein ganzheitlicheres Verständnis von Mission und Erlösung/Wiederherstellung etc. beinhaltet. Die ganze Schöpfung wird hierbei mit hineingenommen in den Erlösungsprozess; Facetten wie soziale Gerechtigkeit und - besonders interessant - Mission von den Rändern, beispielsweise den Armen, sollen eine vermehrte Rolle spielen.

Konkret wird Gott immer wieder als “Gott des Lebens“ bezeichnet, und somit soll Mission ein “Leben in Fülle“ bringen. Der Kirche kommt u.a. die Aufgabe zu, Kräfte zu beseitigen, die lebenszerstörend wirken; missionarische Spiritualität wird mit dynamischer Transformationskraft in Verbindung gebracht, während eine Ideologie des Marktes angeprangert wird. Explizit wird dabei nicht nur Missio Dei-Theologie erwähnt, sondern es ist auch die Rede von kirchlichen Erneuerungsbewegungen wie den “Emerging Churches“ und den “Fresh Expressions“, um einfach mal ein paar Schlagworte und Ideen zu nennen. Die Erklärung erscheint damit auf der Höhe der Zeit und findet nicht umsonst zahlreiche Begrüßer.

Was mir persönlich in der Erklärung fehlt, spiegelt ein wenig die Diskussion des Studientags wider. Angeregt (oder aufgeregt?:-) durch eine sehr negative Stellungnahme von Dr. Rolle Hille, einer zentralen Führungsfigur innerhalb der deutschen evangelikalen Bewegung, nahm eine Gruppe bewusst die Soteriologie in den Blick, die dieser Erklärung zugrundeliegt. Hilles Vorwurf wurde nicht bestätigt, denn es finden sich prinzipiell all die Vokabeln und Theologumena darin wieder, die mit Jesu Kreuzestod und Auferstehung in Verbindung stehen. Tatsächlich hatten aber Zahlreiche von uns den Eindruck, dass viele Begriffe überaus schwammig gebraucht werden, was natürlich der Tatsache geschuldet ist, dass sich hier weltweit etliche Kirchen zusammengetan haben, um eine gemeinsame Erklärung zu formulieren. Ich für meinen Teil kann Hilles Bedenken insofern nachvollziehen, als dass mir zumindest die Gewichtung zwischen der Wirkung des Geistes und der des Sohnes zu unverhältnismäßig ist. Durch diesen Pneumatozentrismus und die relativ abstrakte Darstellung der zerstörenden Kräfte (an voran Kapitalismus und zahlreiche Ideologien) entsteht der Eindruck, als ob die Sünde und Boshaftigkeit im Menschen kaum noch eine Rolle spielt. Dabei sind es doch immer Menschen, die sich den Kapitalismus oder eine Ideologie zunutze machen, andere unterdrücken usw. Durch eben diese aus meiner Sicht vernachlässigte Position erhält man aber ein recht positives Menschenbild, das tatsächlich das lutherische Erbe von der Macht der Sünde und der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen durch das Kreuz Christi aus den Augen zu verlieren scheint. Mir fällt auch nur eine Passage ein, wo überhaupt die Rede von der Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer genannt wird, während die kosmisch-universale Dimension von Erlösung sehr präsent ist. Denn die zentrale Frage ist doch, ob bzw. wie der Mensch von seinem bösen Wesen ablassen kann, sich selbst zu bereichern und statt dessen seinen Teil zum Leben in Fülle beizutragen, wenn der Geist zwar schon überall am Werk ist, ich aber doch irgendwie auf ihn aufmerksam werden muss.

Eine zweite größere Diskussion knüpfte an diese Thematik an und befasste sich mit den eschatologischen Konsequenzen der Erklärung. Denn nicht nur von mir wurde kritisch angemerkt, dass beispielsweise die Dimension nach dem Tod nicht wirklich angesprochen bzw. der Übergang (oder Bruch?) zu vollendetem Reich Gottes irdisch-monistisch verstandenem neuen Himmel und neuer Erde nicht recht thematisiert wird. Leider blieb zu wenig Zeit insgesamt, um all diese aufgeworfenen Fragen näher zu klären, ganz zu schweigen von beispielsweise dem Verhältnis dieser Erklärung zu Papst Franziskus‘ apostolischem Schreiben “Evangelii Gaudium“ (“Die Freude des Evangeliums“), das ebenfalls 2013 veröffentlicht wurde und mit seinen teils sehr steilen Thesen wie “Diese Wirtschaft tötet.“ für zahlreichen Sprengstoff in der öffentlichen Debatte auslöste; immerhin konnten wir in einer Gruppe wir dem Verhältnis zwischen beiden Erklärungen in Ansätzen nachfühlen.

Trotz aller Kritik halte ich diese vom ÖRK verabschiedete Erklärung insgesamt für einen Fortschritt, eben weil sie Erlösung und Mission ganzheitlich versteht. Und natürlich kann man die von mir gerade kritisierten Aspekte in der Erklärung wiederfinden bzw. sich hineindenken, weil dies bestimmte Begriffe möglich machen. Aus trinitarischer Sicht würde ich mir zukünftig einfach ein etwas ausgewogeneres Bild wünschen, das Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist konsequent das jeweilige “Recht“ einräumt. Um die Zeit bis zum nächsten “Studientag Emergente Theologie“ zu überbrücken, die Diskussion an dieser Stelle explizit erwünscht. Andernfalls brauchen wir vielleicht im nächsten Jahr noch etwas mehr Luft, diesen und anderen Fragen nachzugehen. Freu mich jetzt schon!

Donnerstag, 15. Mai 2014

Gedanken über Leiterschaftsstufen und fünffältigen Dienst anhand von Dave und Jon Fergusons “Exponential“ (Teil 2)

Im nächsten Schritt beschreiben Dave und Jon Ferguson ihren Prozess der Leiterschaftsentwicklung vom Individuum bis hin zum Leiter eines ganzen Netzwerkes, denn gut ausgebildete Leiter sind für sie das A und O. Dabei kommen im Kern zwei Aspekte zum Vorschein:

Erstens bauen die zwei auf beziehungsorientierte Ausbildung, wie Jesus selbst es vorgelegt hat (vgl. Mk 3,13,15). Dies beinhaltet für sie vier Charakteristika:

1. Auswahl - Jesus suchte sich gezielt seine Nachfolger aus.
2. Erwartung - mit der Bezeichnung “Apostel“ für “Gesandte“ war das Ziel der Sendung und Multiplikation klar vorgegeben.
3. Vorbereitung - Im direkten Kontakt mit Jesus lernten die Jünger von ihm.
4. Graduierung - Letztendlich konnten die Jünger die irdischen Fähigkeiten Jesu voll übernehmen.

Zweitens legen Dave und Jon Wert sowohl auf Tempo bei der Ausbildung als auch auf Masse, sprich sie schlagen Profit aus einer Masse von spirituell Wachsenden und gehen davon aus, dass auch hier der Synergie-Effekt zum Tragen kommt.

Worüber Dave und Jon nicht reden, ist der Stellenwert von zusätzlichen Schulungen oder gar Studieninhalten. Denn es geht ja hierbei nicht nur um die Leiterschaftsentwicklung hin zum Hauskreisleiter, der hauptsächlich in emotionaler Intelligenz bzw. Soft Skills geschult sein sollte, sondern die zwei reden auch von einem potentiellen Campus-Pastor, Gemeindegründer oder gar Netzwerk-Leiter, von dem ich persönlich ein gewisses theologisches Know-How erwarte, sprich Hard Skills. 


Jesus selbst hat zwar die Vermittlung von Hard Skills leisten können wie auch andere Rabbis seiner Zeit; darauf bauen Dave und Jon wahrscheinlich auf. Allerdings muss man dabei die Kultur berücksichtigen: Ein Rabbi war kein Priester oder Levit, d.h. unser heutiges Pastorenamt war damals relativ klar zwischen kultischem und lehrendem Dienst getrennt. Jesus hatte also keine feste Gemeinde zu versorgen, er musste nicht zwangsläufig predigen, beseelsorgen usw., mal ganz abgesehen von dem ganzen bürokratischen Apparat, der manchen Pastoren fast erschlägt. Man findet Jesus auch in relativ wenig Kasualien eingebunden, ich weiß also beispielsweise von keiner Hochzeit oder Beerdigung, die er zu halten gehabt hätte; das letzte Abendmahl wäre hier höchstens zu nennen. Ergo hatte Jesus offenbar mehr Spielraum, als es bei heutigen Leitern oft der Fall ist. Jesu Multiplikationsstil lässt sich also nicht zu 100% auf die Gegenwart übertragen (mit vielleicht ganz wenigen Ausnahmen). Im Großen und Ganzen spielen also unsere Bibelschulen, Seminare, Unis und sonstige Ausbildungsstätten eine nicht ganz unerhebliche Rolle; besonders sei auf die dualen Ausbildungskonzepte hinzuweisen - die also genau diese beiden Pole von persönlicher Schulung und Vermittlung von Hard Skills (theologischen Inhalten) bauen -, wie man sie u.a. bei “Ths - Akademie für pastorale Führungskräfte“ und dem “IGW“ (Institut für Gemeindebau und Weltmission) vorfindet. Beim IGW läuft das beispielsweise so:



Was mir innerhalb des Leiterschaftskonzepts von Dave und Jon Ferguson außerdem wirklich fehlt, ist das Bewusstsein für den fünffältigen Dienst; zumindest höre ich davon auf den ersten 80 Seiten bislang nichts. Womöglich mag hier auch wieder Jesus das Paradebeispiel sein, der alle möglichen Facetten von Emotionalität wie auch logischer Intelligenz und Gelehrsamkeit abdeckt; nur hat Jesus eben doch nicht ein Netzwerk geleitet oder organisiert. Er war eine Art Wanderprediger, dem zwar eine Menge an Leuten nachlief, aber de facto organisierte er doch nur einen kleinen Kreis von Menschen um sich herum (der Punkt liegt auf “organisierte“). Nicht jeder Leiter ist identisch, und nicht jeder von den behandelten Leiterschafts-“Stufen“ erfordert die gleichen Skills. von meinem Hauskreisleiter/meiner Hauskreisleiterin beispielsweise würde erwarten, das er/sie eine besondere Stärke im menschlichen Umgang hat, empathisch ist, Fähigkeiten in der Seelsorge und im Coaching mitbringt, also den Blick fürs Detail besitzt. Ein Leiter eines Campuses oder gar eines Netzwerkes muss dagegen aus meiner Sicht sehr gut abstrahieren und das große Bild im Auge behalten können, also eine Vision o.ä., um zu wissen, wo es eigentlich hingehen soll in Sachen jenseits des reinen Prinzips der Multiplikation. Irgendjemand muss ja außerdem immer wieder den Gedanken der Multiplikation streuen und die Hauskreise aufbrechen, die es sich besonders bequem machen wollen, weil es so schön kuschelig ist. Ich glaube also nicht, dass jeder alles und gleichwertig erlernen kann, wenn man sich nicht völlig verbiegen will (dass jeder Leiter ein gewisses Maß an emotionaler Intelligenz wie auch den Blick für die Vision erlernen sollte, ist dabei natürlich klar). Ich würde somit bewusster den fünffältigen Dienst in das multiplikative Leiterschaftssystem integrieren.

Dienstag, 13. Mai 2014

“Wie Du und Deine Freunde ein missionales Kirchen-Movement starten können“ - Gedanken zu Dave und Jon Fergusons “Exponential“

Seit einigen Tagen lese ich Dave und Jon Fergusons Buch “Exponential“, was endlich mal wieder eins der Bücher ist, das mich von den ersten Seiten an inspiriert. Es sind gar nicht mal die genial neuen Gedanken, die dies auslösen (was ist heutzutage überhaupt noch neu?), sondern vielmehr die Kombination von sinnvollen Leiterschaftsskills und allem voran das Prinzip von Multiplikation, konsequent angewandt auf Gemeindebau und -gründung. Allein der Untertitel “How you and your friends can start a movement“ setzt in mir Tatendrang frei:-). Auch wenn das Buch aus dem Jahr  2010 in unserer schnelllebigen Zeit ja schon fast veraltet ist, kann ich es jedem ans Herz legen, der ein Interesse hat an innovativem Gemeindebau. Und ich kann schon mal so viel vorwegnehmen: Es geht nicht allein um Strukturen…

Nun aber mal von vorne: In vier Teilen mit insgesamt dreizehn Kapiteln erzählen die Autoren, wie sie zusammen eine netzwerkartige Kirche mit etlichen Multisite-Satellitengemeinden und daraus wiederum entstehenden anderen Kirchennetzwerken gegründet haben. Daraus leiten sie allerlei Prinzipien ab, von denen ich die wichtigsten nach und nach vorstellen möchte. 

Die beiden Autoren setzen theologisch das missionale Paradigma voraus, sprich sie verstehen Kirche in ihrer Funktion als gesandt in die Welt, um dort das Evangelium/Reich Gottes zu verbreiten. Damit dies effizient möglich ist, verabschieden sie sich von dem “klassischen“ Gemeindewachstums-Paradigma à la Megachurch, das über Addition geschieht, und bedienen sich statt dessen anhand des Fibonacci-Effekts (rasende Vermehrung von Hasen) dem Prinzip der Multiplikation. Im ersten Kapitel präsentieren sie deshalb zunächst ihre fünf grundlegenden Prinzipien zur Multiplikation bzw. Reproduktion:

  1. Jeder (Leiter) sollte einen Azubi haben: Sobald ich in eine Position gelange, in der ich Menschen anleite, sollte ich schauen, wer von ihnen meine Aufgabe ebenfalls erlernen und anschließend übernehmen kann.
  2. Reproduktion funktioniert proaktiv, nicht reaktiv: Die beiden Autoren geben das Beispiel, dass sie ihren ersten regelmäßigen Gottesdienst schon sehr früh multipliziert hätten, bevor die äußere Notwendigkeit dazu bestanden habe; Dies begründen sie damit, dass Menschen dadurch mehrere Optionen (auch zur eigenen Entfaltung) gegeben würden.
  3. Reproduktion hat nichts mit Zahlen zu tun, sondern mit Leiterschaftsbereitschaft: Es hängt (fast) alles an dem Vorhandensein gut ausgebildeter Leiter.
  4. Es geht nicht um unser, sondern um Gottes Königreich: Der Glaube darf nie fehlen, dass Gott letztlich die Fäden in den Händen hält und Dinge auch einfädelt.
  5. Reproduktion passiert am Rand und im Zentrum: Multiplikation muss nicht immer aus der Mitte der Kirche selbst heraus geschehen, sondern funktioniert auch im Zusammenhang mit ganzen Netzwerken von Kirchen (zugegebenermaßen wird dieser letzte Punkt an dieser Stelle etwas stiefmütterlich thematisiert). 

Soweit das erste Kapitel.