Donnerstag, 15. Mai 2014

Gedanken über Leiterschaftsstufen und fünffältigen Dienst anhand von Dave und Jon Fergusons “Exponential“ (Teil 2)

Im nächsten Schritt beschreiben Dave und Jon Ferguson ihren Prozess der Leiterschaftsentwicklung vom Individuum bis hin zum Leiter eines ganzen Netzwerkes, denn gut ausgebildete Leiter sind für sie das A und O. Dabei kommen im Kern zwei Aspekte zum Vorschein:

Erstens bauen die zwei auf beziehungsorientierte Ausbildung, wie Jesus selbst es vorgelegt hat (vgl. Mk 3,13,15). Dies beinhaltet für sie vier Charakteristika:

1. Auswahl - Jesus suchte sich gezielt seine Nachfolger aus.
2. Erwartung - mit der Bezeichnung “Apostel“ für “Gesandte“ war das Ziel der Sendung und Multiplikation klar vorgegeben.
3. Vorbereitung - Im direkten Kontakt mit Jesus lernten die Jünger von ihm.
4. Graduierung - Letztendlich konnten die Jünger die irdischen Fähigkeiten Jesu voll übernehmen.

Zweitens legen Dave und Jon Wert sowohl auf Tempo bei der Ausbildung als auch auf Masse, sprich sie schlagen Profit aus einer Masse von spirituell Wachsenden und gehen davon aus, dass auch hier der Synergie-Effekt zum Tragen kommt.

Worüber Dave und Jon nicht reden, ist der Stellenwert von zusätzlichen Schulungen oder gar Studieninhalten. Denn es geht ja hierbei nicht nur um die Leiterschaftsentwicklung hin zum Hauskreisleiter, der hauptsächlich in emotionaler Intelligenz bzw. Soft Skills geschult sein sollte, sondern die zwei reden auch von einem potentiellen Campus-Pastor, Gemeindegründer oder gar Netzwerk-Leiter, von dem ich persönlich ein gewisses theologisches Know-How erwarte, sprich Hard Skills. 


Jesus selbst hat zwar die Vermittlung von Hard Skills leisten können wie auch andere Rabbis seiner Zeit; darauf bauen Dave und Jon wahrscheinlich auf. Allerdings muss man dabei die Kultur berücksichtigen: Ein Rabbi war kein Priester oder Levit, d.h. unser heutiges Pastorenamt war damals relativ klar zwischen kultischem und lehrendem Dienst getrennt. Jesus hatte also keine feste Gemeinde zu versorgen, er musste nicht zwangsläufig predigen, beseelsorgen usw., mal ganz abgesehen von dem ganzen bürokratischen Apparat, der manchen Pastoren fast erschlägt. Man findet Jesus auch in relativ wenig Kasualien eingebunden, ich weiß also beispielsweise von keiner Hochzeit oder Beerdigung, die er zu halten gehabt hätte; das letzte Abendmahl wäre hier höchstens zu nennen. Ergo hatte Jesus offenbar mehr Spielraum, als es bei heutigen Leitern oft der Fall ist. Jesu Multiplikationsstil lässt sich also nicht zu 100% auf die Gegenwart übertragen (mit vielleicht ganz wenigen Ausnahmen). Im Großen und Ganzen spielen also unsere Bibelschulen, Seminare, Unis und sonstige Ausbildungsstätten eine nicht ganz unerhebliche Rolle; besonders sei auf die dualen Ausbildungskonzepte hinzuweisen - die also genau diese beiden Pole von persönlicher Schulung und Vermittlung von Hard Skills (theologischen Inhalten) bauen -, wie man sie u.a. bei “Ths - Akademie für pastorale Führungskräfte“ und dem “IGW“ (Institut für Gemeindebau und Weltmission) vorfindet. Beim IGW läuft das beispielsweise so:



Was mir innerhalb des Leiterschaftskonzepts von Dave und Jon Ferguson außerdem wirklich fehlt, ist das Bewusstsein für den fünffältigen Dienst; zumindest höre ich davon auf den ersten 80 Seiten bislang nichts. Womöglich mag hier auch wieder Jesus das Paradebeispiel sein, der alle möglichen Facetten von Emotionalität wie auch logischer Intelligenz und Gelehrsamkeit abdeckt; nur hat Jesus eben doch nicht ein Netzwerk geleitet oder organisiert. Er war eine Art Wanderprediger, dem zwar eine Menge an Leuten nachlief, aber de facto organisierte er doch nur einen kleinen Kreis von Menschen um sich herum (der Punkt liegt auf “organisierte“). Nicht jeder Leiter ist identisch, und nicht jeder von den behandelten Leiterschafts-“Stufen“ erfordert die gleichen Skills. von meinem Hauskreisleiter/meiner Hauskreisleiterin beispielsweise würde erwarten, das er/sie eine besondere Stärke im menschlichen Umgang hat, empathisch ist, Fähigkeiten in der Seelsorge und im Coaching mitbringt, also den Blick fürs Detail besitzt. Ein Leiter eines Campuses oder gar eines Netzwerkes muss dagegen aus meiner Sicht sehr gut abstrahieren und das große Bild im Auge behalten können, also eine Vision o.ä., um zu wissen, wo es eigentlich hingehen soll in Sachen jenseits des reinen Prinzips der Multiplikation. Irgendjemand muss ja außerdem immer wieder den Gedanken der Multiplikation streuen und die Hauskreise aufbrechen, die es sich besonders bequem machen wollen, weil es so schön kuschelig ist. Ich glaube also nicht, dass jeder alles und gleichwertig erlernen kann, wenn man sich nicht völlig verbiegen will (dass jeder Leiter ein gewisses Maß an emotionaler Intelligenz wie auch den Blick für die Vision erlernen sollte, ist dabei natürlich klar). Ich würde somit bewusster den fünffältigen Dienst in das multiplikative Leiterschaftssystem integrieren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen