Sonntag, 18. Mai 2014

Studientag “Emergente Theologie“: Kurzer Rückblick zum Wochenende mit Thema “Mission“

Von Freitag bis Samstag (16.-17.6. 2013) war ich in Fulda auf dem jährllich stattfindenden “Studientag Emergente Theologie“, der initiiert war durch das Netzwerk “Emergent Deutschland“. Mit etwa 15 Leuten war der Studientag diesmal besonders gut besucht und bot zunächst einmal zahlreiche Möglichkeiten zur Vernetzung, was auch wesentlicher Programmpunkt des Freitag Abends war: Wir tauschten uns in der großen Runde über unsere Stories aus, unseren Bezug zu “Emergent Deutschland“ und über unsere kirchlichen Backgrounds. Nach Abschluss des offiziellen Teils konnte man anschließend bei Einzelnen nachhaken und mehr über beispielsweise deren aktuelle kirchliche Situation erfahren.

Der Samstag drehte sich v.a. um die Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zum Thema “Mission“, die 2013 auf der Konferenz in Busan/Südkorea verabschiedet wurde. In kleineren Gruppieren diskutierten wir unterschiedliche Facetten dieser Erklärung. Ausgehend von einem Missionsverständnis, das bei Gottes Schöpfung ansetzt - das die Schöpfung also bereits als Teil der Mission Gottes versteht -, liegt der Schwerpunkt der Erklärung auf dem Wirken des Heiligen Geistes in der Spannung zwischen Schöpfung und Neuschöpfung, was insgesamt ein ganzheitlicheres Verständnis von Mission und Erlösung/Wiederherstellung etc. beinhaltet. Die ganze Schöpfung wird hierbei mit hineingenommen in den Erlösungsprozess; Facetten wie soziale Gerechtigkeit und - besonders interessant - Mission von den Rändern, beispielsweise den Armen, sollen eine vermehrte Rolle spielen.

Konkret wird Gott immer wieder als “Gott des Lebens“ bezeichnet, und somit soll Mission ein “Leben in Fülle“ bringen. Der Kirche kommt u.a. die Aufgabe zu, Kräfte zu beseitigen, die lebenszerstörend wirken; missionarische Spiritualität wird mit dynamischer Transformationskraft in Verbindung gebracht, während eine Ideologie des Marktes angeprangert wird. Explizit wird dabei nicht nur Missio Dei-Theologie erwähnt, sondern es ist auch die Rede von kirchlichen Erneuerungsbewegungen wie den “Emerging Churches“ und den “Fresh Expressions“, um einfach mal ein paar Schlagworte und Ideen zu nennen. Die Erklärung erscheint damit auf der Höhe der Zeit und findet nicht umsonst zahlreiche Begrüßer.

Was mir persönlich in der Erklärung fehlt, spiegelt ein wenig die Diskussion des Studientags wider. Angeregt (oder aufgeregt?:-) durch eine sehr negative Stellungnahme von Dr. Rolle Hille, einer zentralen Führungsfigur innerhalb der deutschen evangelikalen Bewegung, nahm eine Gruppe bewusst die Soteriologie in den Blick, die dieser Erklärung zugrundeliegt. Hilles Vorwurf wurde nicht bestätigt, denn es finden sich prinzipiell all die Vokabeln und Theologumena darin wieder, die mit Jesu Kreuzestod und Auferstehung in Verbindung stehen. Tatsächlich hatten aber Zahlreiche von uns den Eindruck, dass viele Begriffe überaus schwammig gebraucht werden, was natürlich der Tatsache geschuldet ist, dass sich hier weltweit etliche Kirchen zusammengetan haben, um eine gemeinsame Erklärung zu formulieren. Ich für meinen Teil kann Hilles Bedenken insofern nachvollziehen, als dass mir zumindest die Gewichtung zwischen der Wirkung des Geistes und der des Sohnes zu unverhältnismäßig ist. Durch diesen Pneumatozentrismus und die relativ abstrakte Darstellung der zerstörenden Kräfte (an voran Kapitalismus und zahlreiche Ideologien) entsteht der Eindruck, als ob die Sünde und Boshaftigkeit im Menschen kaum noch eine Rolle spielt. Dabei sind es doch immer Menschen, die sich den Kapitalismus oder eine Ideologie zunutze machen, andere unterdrücken usw. Durch eben diese aus meiner Sicht vernachlässigte Position erhält man aber ein recht positives Menschenbild, das tatsächlich das lutherische Erbe von der Macht der Sünde und der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen durch das Kreuz Christi aus den Augen zu verlieren scheint. Mir fällt auch nur eine Passage ein, wo überhaupt die Rede von der Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer genannt wird, während die kosmisch-universale Dimension von Erlösung sehr präsent ist. Denn die zentrale Frage ist doch, ob bzw. wie der Mensch von seinem bösen Wesen ablassen kann, sich selbst zu bereichern und statt dessen seinen Teil zum Leben in Fülle beizutragen, wenn der Geist zwar schon überall am Werk ist, ich aber doch irgendwie auf ihn aufmerksam werden muss.

Eine zweite größere Diskussion knüpfte an diese Thematik an und befasste sich mit den eschatologischen Konsequenzen der Erklärung. Denn nicht nur von mir wurde kritisch angemerkt, dass beispielsweise die Dimension nach dem Tod nicht wirklich angesprochen bzw. der Übergang (oder Bruch?) zu vollendetem Reich Gottes irdisch-monistisch verstandenem neuen Himmel und neuer Erde nicht recht thematisiert wird. Leider blieb zu wenig Zeit insgesamt, um all diese aufgeworfenen Fragen näher zu klären, ganz zu schweigen von beispielsweise dem Verhältnis dieser Erklärung zu Papst Franziskus‘ apostolischem Schreiben “Evangelii Gaudium“ (“Die Freude des Evangeliums“), das ebenfalls 2013 veröffentlicht wurde und mit seinen teils sehr steilen Thesen wie “Diese Wirtschaft tötet.“ für zahlreichen Sprengstoff in der öffentlichen Debatte auslöste; immerhin konnten wir in einer Gruppe wir dem Verhältnis zwischen beiden Erklärungen in Ansätzen nachfühlen.

Trotz aller Kritik halte ich diese vom ÖRK verabschiedete Erklärung insgesamt für einen Fortschritt, eben weil sie Erlösung und Mission ganzheitlich versteht. Und natürlich kann man die von mir gerade kritisierten Aspekte in der Erklärung wiederfinden bzw. sich hineindenken, weil dies bestimmte Begriffe möglich machen. Aus trinitarischer Sicht würde ich mir zukünftig einfach ein etwas ausgewogeneres Bild wünschen, das Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist konsequent das jeweilige “Recht“ einräumt. Um die Zeit bis zum nächsten “Studientag Emergente Theologie“ zu überbrücken, die Diskussion an dieser Stelle explizit erwünscht. Andernfalls brauchen wir vielleicht im nächsten Jahr noch etwas mehr Luft, diesen und anderen Fragen nachzugehen. Freu mich jetzt schon!

Kommentare:

  1. Vielen Dank Philipp! Du bringst es gut auf den Punkt und sprichst mit echt aus dem Herzen!

    AntwortenLöschen
  2. Sehr gern, Heike! Übrigens cool, dass wir uns mal wieder persönlich über den Weg gelaufen sind. Ich merke immer mehr, wie diese Fragen mein Denken bewegen (Verhältnis von Sünde und Erlösung, Wirken des Geistes usw.); ich schätze, dass das in den nächsten Jahren (auch im Zuge meiner Dissertation) eins der zentralen Themen werden könnte.

    AntwortenLöschen
  3. Ich fands auch toll. Hätte die soteriologische Diskussion gerne vertieft, demnächst vielleicht. Jedenfalls eine echte Bereicherung, euch kennengelernt zu haben.

    AntwortenLöschen
  4. "Dabei sind es doch immer Menschen, die sich den Kapitalismus oder eine Ideologie zunutze machen, andere unterdrücken" – ja und nein, Phil. Das ist eben die Erkenntnis der letzten Jahrzehnte, dass es noch eine andere Ebene gibt als die individueller Schuld und Bosheit, nämlich die systemische, in die Menschen verstrickt sind. In der Bibel (und in dem Text, den wir gelesen haben) tauchen diese Kräfte als "Mächte und Gewalten" auf. Und ein "positives Menschenbild", also wohl eines, das die Ambivalenz menschlicher Existenz leugnet (Du nennst es ziemlich drastisch das "böse Wesen"), habe ich in dem Text nicht finden können.

    Es war eine angeregte Diskussion, aber ich denke auch, da ist noch viel offen, wenn ich Deinen Post so lese…

    Viele Grüße, Peter

    AntwortenLöschen
  5. Danke, Peter, für Deinen Post! I.d.T. etwas drastisch formuliert ;-). Liegt wohl daran, dass ich gerade zu viel Lutherisches lese, wo es immer wieder um das “böse Wesen“ oder so ähnlich geht.

    Ganz klar, ich wollte die systemische Schuld damit auch überhaupt nicht ausklammern, empfand in dem Text eben eine gewisse Einseitigkeit; und ja, die ambivalente menschliche Existenz wird nicht, wie Du richtigerweise sagst, geleugnet, aber ich finde sie eben auch nicht bewusst benannt. Ergo mir geht es hier lediglich um Verhältnisse zueinander. Für mein Empfinden neigt die Erklärung eben dazu, etwas zu stark die - nennen wir es jetzt einfach mal - kollektive Perspektive hervorzuheben. Wenn ich danach suche, finde ich natürlich auch andere Perspektiven in der Erklärung, aber für meinen Geschmack unterrepräsentiert.

    Also ja, es gibt noch viel zu diskutieren, klären usw. :-). Lass uns gemeinsam dran bleiben. Bin gespannt auf die nächsten Meetings etc.

    AntwortenLöschen