Montag, 28. April 2014

Wen will Kirche eigentlich erreichen? Gedanken zu “Denkt orange!“ von Karsten Böhm und Jonathan Rauer

Vor einigen Wochen erhielt ich nach einem Gespräch mit einem der beiden Autoren, Karsten Böhm, das Buch “Denkt orange! Für eine Generation voller Glaube, Hoffnung und Liebe“ (zusammen mit Jonathan Rauer 2013 bei Gerth Medien erschienen). Wir hatten nur kurz über die Grundidee des Buches gesprochen, sodass ich mit einigen Fragezeichen an das Buch heranging, zumal ich über das Cover lediglich entnehmen konnte, dass Kirche und Familie wieder näher zusammenrücken sollten (oder so ähnlich, zumindest nach meinem ersten Eindruck). Umso gespannter ging ich also - zusammen mit meiner Frau Katharina - an die Lektüre. 

Nachdem die beiden Autoren von ihrer ersten Begebenheit mit “orange“ berichtet haben - denn ursprünglich kommt die Idee von Andy Stanleys “Northpoint Community Church“ in Atlanta -, wird's für mich konzeptionell interessant. Und zwar setzt sich orange - logischerweise - aus den Farben gelb und rot zusammen. Kirche als Licht (in) der Welt, so wird u.a. über den Leuchter in der Stiftshütte berichtet, der die Schaubrote als Gottes Gegenwart in Szene setzt, steht für die Farbe gelb. Familie als Ort der Liebe steht dagegen für die Farbe rot. Wenn man nun beides zusammenbringt, Kirche und Familie, erhält man eben die Farbe orange.

An dieser Stelle sei deshalb auf die grundlegende Frage des Buches “Denkt orange!“ hingewiesen: Wieso konzentrieren wir uns in unseren Kirchen primär oder zu allererst auf das kognitiv voll ausgebildete Individuum, sprich den Mann/die Frau ab Anfang 20? Sicher, ist wahrscheinlich eine ganz pragmatische Entscheidung, weil diese auch diejenigen sind, die aktiv die Kirche unterstützen und sagen können, was sie eigentlich wie wollen (mal abgesehen davon, dass auch sie es sind, die die Kirche finanziell tragen). Zudem steht das Individuum seit der Moderne eben im Zentrum des Denkens/Seins, die Schlussfolgerung ist also ganz dem Zeitgeist entsprechend. 

Die Autoren regen aber statt dessen an, die Familie wieder mehr und mehr in den Fokus von Kirche zu nehmen. Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene den Kirchen den Rücken kehren, stellt sich nämlich berechtigterweise die Frage, warum Kirche - als Gegenüber von Familie gedacht - an den Glauben heran bzw. einführen soll, wenn doch Kinder einen wesentlich größeren Teil ihrer Zeit mit ihren Familien verbringen (zumindest laut dortig angegebener Statistiken)? 

Soweit ich das bisher anhand der Lektüre des Buches sagen kann, sind es zunächst zwei Folgen für die Art und Weise, was sich laut der Autoren an unserem Konzept von Kirche ändern müsste: Zum einen soll jeder Altersklasse volle Priorität beigemessen werden, sodass das Kinderprogramm nicht lediglich Beschäftigung der Kinder ist, während Eltern den Gottesdienst besuchen können. Vielmehr soll zum anderen bei altersgerechter Anpassung nach Möglichkeit derselbe Inhalt vermittelt werden, sodass die Kirche den Diskussions- und Handlungsstoff bietet, mit dem sich anschließend die ganze Familie auseinandersetzen kann. Denn neben den Inhalten spielt dabei der Aspekt “Beziehung“ eine ganz entscheidende Rolle; so v.a. prägen Eltern ihre Kinder und sind ihnen (idealerweise) Vorbild im Glauben. Natürlich sind sich die Autoren der mittlerweile zahlreichen unterschiedlichen Familienkonstellationen bewusst; aber auch beispielsweise in Patchwork-Familien könne diese Grundidee von orange funktionieren, meinen sie. 

Was bisher nicht thematisiert worden ist, ist das Thema des Single-Daseins. Immer mehr Menschen in Deutschland leben ja allein; und überhaupt gibt es ja beispielsweise die große Schar an Studenten, die jenseits der eigenen Familie in der (Groß-)Stadt lebt und somit meist nicht die sofortige Möglichkeit hat, das in der Kirche Gehörte mit der Familie zu diskutieren usw. Auch wird mit der Idee “orange“ nicht unbedingt explizit etwas über die Alltagstauglichkeit des dadurch wachsenden Glaubens ausgesagt, auch wenn die Familie Gesellschaft im Kleinen widerspiegeln mag. Aber das ist nun auch zunächst nicht der Fokus des Buches. Deshalb bin ich umso gespannter, wie's weitergeht.

Dienstag, 15. April 2014

7 Leitungsprinzipien, die sich lohnen zu kennen und anzuwenden - “Das Hirtenprinzip“ von Kevin Leman und William Pentak

In den letzten Wochen und Monaten hörte ich an verschiedenen Stellen immer wieder mal über das “Hirtenprinzip“ von Kevin Leman und William Pentak, obwohl das Buch im Originalen doch schon mittlerweile 10-jähriges Jubiläum feiern kann. Als ich bei Bekannten eines Nachmittags zufällig auf das Buch stieß, nutze ich dann endlich die Gelegenheit, es zu lesen. Mein Urteil vorab: Es ist ein gutes Buch und lohnt sich, zumal man es wirklich zügig an einem Nachmittag runterlesen kann (und das bei einem Preis von 8,99 € im Wilhelm Goldmann-Verlag, 2010).

Warum ist das Buch so gut bzw. warum ist es lesenswert? Dies hängt aus meiner Sicht sowohl mit dem vermittelten Inhalt als auch mit der drumherum konstruierten Story zusammen. Die Story wird eingeleitet durch eine Rahmenerzählung, nach der der Autor William Pentak (als einer der Wenigen) in seinen jungen Jahren mit einem kurz vor der Pensionierung stehenden Firmenleiter ein Interview führen darf. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Firmenleiter, sondern den angesehensten Firmenleiter Amerikas. In besagtem Interview erzählt der Firmenleiter, Ted McBride, seine Geschichte, wie er kurz vor Abschluss seines Studiums von seinem Professor die sieben wichtigsten Grundsätze des Managements erlernt habe. Denn McBride soll im Anschluss an seinen MBA eine Abteilung von neun Leuten leiten, wovor er sich aber fürchtet. Sein Professor, Dr. Neumann, nimmt sich deshalb die kommenden Samstage für ihn frei und lehrt ihn besagte Prinzipien.

Dies tut Dr. Neumann jedoch nicht theoretisch, sondern er überrascht McBride damit, dass er ihm seine eigene Schafherde präsentiert und anhand dieser immer wieder Vergleiche zwischen der Tätigkeit eines Hirten und der der Menschenführung präsentiert. Heruntergebrochen, lauten die sieben Prinzipien wie folgt:

1. Kenne immer genau den Zustand deiner Herde: Dran Sein an seinen Leuten, jeden Einzelnen wirklich kennen und auf ihn/sie persönlich eingehen;
2. Entdecke das Format deiner Schafe: Mitarbeiter Aussuchen nach Stärken, Herz, Einstellung, Charakter und Erfahrungen; “Fang mit gesunden Schafen an, sonst erbst du die Probleme anderer Leute.“ (153)
3. Hilf deinen Schafen, sich mit dir zu identifizieren: Vertrauen, hohe Leistungsstandards, klar kommunizierte Wertvorstellungen und für jeden genau der richtige Platz;
4. Gewährleiste die Sicherheit deines Weideplatzes: Gute Informationen und “Versorgung“ der Mitarbeiter, Einstehen für sie auch bei Fehlern, Ausmerzen von chronischen Meckerern und sonstigen Problemen zu frühem Zeitpunkt;
5. Dein Stab, mit dem du führst: Mit Überzeugungen (statt Zwang) Vorangehen und trotz Grenzen Bewegungsfreiheit schenken, bei Schwierigkeiten Rausholen;
6. Dein Stecken, mit dem du korrigierst: ”Schütze - Weise zurecht - Überprüfe!“
7. Das Herz des Hirten: Führungsqualität als Lebensstil als tägliche Entscheidung mit ihrem Preis.

”Das Hirtenprinzip“ ist nicht unbedingt deshalb ein so gutes Buch, weil der Inhalt oder die Prinzipien grundsätzlich neu wären - ganz im Gegenteil: Grundaussage ist nämlich, dass die Prinzipien des Hirten bereits uralt seien und sich über Jahrtausende immer wieder bewährt hätten. Das Buch bringt diese tatsächlich grundlegenden Prinzipen der Menschenführung kurz und knackig auf den Punkt, die genial einfach (einsichtig) wie grundlegend herausfordernd sind. Dieses auf den Punkt Bringen in Kombination mit dem didaktisch sinnvollen Konzept einer Story (plus nüchterner Zusammenfassung der sieben Prinzipien am Ende des Buches) sind aus meiner Sicht die echten Stärken des Buches und sollten deshalb zur Kernlektüre von jedem gehören, der irgendwie mit Menschen(führung) zu tun hat. Denn es ist Anspruch des Buches, diese Prinzipien auf alle möglichen Lebensbereiche wie Business, Kirche aber auch Familie übertragen zu können. Und damit, also mit irgendeiner Konstellation von menschlichen Beziehungen, hat tatsächlich jeder von uns zu tun. Insgesamt empfand ich die Lektüre darum als inspirierend wie informativ und kann sie auf jeden Fall weiterempfehlen. Sicher kann man im Detail Dinge ergänzen oder modifizieren, aber der grundlegende Tenor hat mich persönlich überzeugt und dazu ermutigt, als Leiter genau solch eine Atmosphäre zu kreieren, in der Menschen gern ihren Tätigkeiten nachgehen.