Dienstag, 13. Januar 2015

Zum Nachdenken: Vor Gottes Größe erblinden? Peter Rollins, “Der orthodoxe Häretiker“

“An diesen Beispielen wird der Gedanke sichtbar, dass Glaube aus einem solch strahlenden Ereignis hervorgeht, dass wir durch sein Eintreten geblendet werden - einem so tief gehenden Ereignis, das uns vollkommen sättigt, einem so gewaltigen Ereignis, vor dessen Größe wir ganz klein werden, und einem so hellen Ereignis, das uns erblinden lässt.“

- Peter Rollins, der orthodoxe Häretiker - und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, S. 150.

Freitag, 9. Januar 2015

Für alle Bonhoeffer-Fans: Demnächst die Bonhoeffer-Werke günstig als Sonderausgabe!

Anlass des 70. Todestages Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) gibt das Gütersloher Verlagshaus die 17-bändige Werkausgabe Bonhoeffer mit allen Werken und (fast allen) Vorträgen, Briefen etc. zu einem unschlagbaren Preis von 298 Euro heraus. Wer sich also immer mal intensiv mit Bonhoeffer auseinandersetzen wollte, hat hiermit geradezu ideale Bedingungen. 

Einziger Wermutstropfen: Nur als Komplettpaket lässt sich dieser Deal nutzen, weshalb er für mich persönlich leider uninteressant ist, da ich schon zu viele der älteren Bände habe. Hätte es die mal vor zehn Jahren schon gegeben :-) …

Mittwoch, 7. Januar 2015

Zum Nachdenken: Sich Gottes Wille widersetzen? Peter Rollins, “Der orthodoxe Häretiker“

“Von diesem Beispiel [Abrahams Verteidigung Sodoms & Gomorrahs gegen Gottes Plan der Zerstörung, vgl. Gen 18; d. Verf.] können wir lernen, dass die Bibel uns dazu auffordert, die Obrig- keit zu hinterfragen, wenn wir davon ausgehen, dass die Obrigkeit die Verfolg- ten nicht verteidigt. Denn das Gesicht eines hilflosen, leidenden Kindes in der Bibel sollte einen größeren Einfluss auf uns haben als jede Institution oder himmlische Stimme. Im Gesicht des leidenden Kindes und in den Wunden eines gefolterten Mannes steht die ethische Forderung Gottes geschrieben.

[…] Wir können uns dem Christentum als einem geerdeten Glauben - tief verwurzelt im Boden dieser Welt - nähern. Indem wir voll und ganz in der Welt leben und die volle Verantwortung für unser Handeln übernehmen, zeigen wir unseren Glauben.“

- Peter Rollins, der orthodoxe Häretiker - und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, S. 118f.

Dienstag, 6. Januar 2015

Zum Nachdenken: Wann hast Du das letzte Mal mit Gott gerungen? Peter Rollins, “Der orthodoxe Häretiker“

“Das Motiv des Ringens mit Gott als Ausdruck eines tiefen und treuen Glaubens scheint ein einzigartiger Aspekt in der jüdisch-christlichen Tradition zu sein. Es erscheint nicht als verurteilens- wert oder als etwas, von dem man dem Gläubigen besser abraten sollte. Lernen wir nicht genau das, wenn wir im 1. Buch Mose davon lesen, dass Gott Jakob mit dem Namen Israel segnet, ein Name, den sich Jakob verdient hatte, weil er wild mit Gott gekämpft hatte? Dieses Wort ist mehr als nur ein Name für eine einzelne Person; es wird zur Bezeichnung eines ganzen Volkes: eines Volkes, das seine Treue und Frömmigkeit durch eine leidenschaftliche - oft unangenehme - Interaktion mit Gott zeigte. Diese Menschen waren bereit dazu, mit ihrem Schöpfer zu ringen, ihm zu widersprechen und ihn sogar anzuklagen. Tatsächlich scheint sich dieses Motiv durch die ganze Bibel zu ziehen.“

- Peter Rollins, der orthodoxe Häretiker - und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, S. 112f.

Sonntag, 4. Januar 2015

Endlich meine Berufung finden in ungewissen Zeiten? “Logbuch Berufung“ von Toby Faix kann definitiv behilflich sein

Eine eierlegende Wollmilchsau, die mich in “7 Schritte[n] zur perfekten Berufung ohne Anstrengung“ führt, ist das “Logbuch Berufung. Navigationshilfen für ein gelingendes Leben“ von Tobias Faix aus dem Jahre 2013 (Verlag der Francke-Buchhandlung) sicherlich nicht. Warum nicht? Weil es dies nicht gibt; und immer, wenn mir ein Buch so etwas suggeriert, weiß ich ziemlich genau, dass es gar nicht recht haben kann. Denn unsere postmoderne, multioptionale Welt dreht sich viel zu schnell und bietet mir viel zu viele Möglichkeiten, als dass ich anhand von einem halben Duzend an Stellschrauben innerhalb kürzester Zeit herausfinden könnte, wofür ich mich den Rest meines Lebens einsetzen sollte.

Glücklicherweise gibt es das “Logbuch Berufung“, das definitiv einen ganz anderen Weg geht. Wie der Titel schon besagt, will es dabei helfen, die eigene Berufung zu entdecken oder - vorsichtiger formuliert - Tools an die Hand geben, um diesem Ziel näher zu kommen. Deshalb handelt es sich auch um ein sog. “Logbuch“ - ein Begriff aus der Schifffahrt zur Navigation -, um sich diesem Thema von unterschiedlichen Seiten anzunähern. Mithilfe von Tagebuch-artigen Einträgen (zur Reflexion und Dokumentation des bisherigen Lebens), dem Navigationsbesteck (zur Anvisierung des Ziels) und dem Fernrohr (zur Markierung wichtiger Punkt und weiterführender Literatur) wird dieses Buch richtig praktisch und nimmt mich als Leser in einen Entwicklungsprozess mit hinein und fordert dabei all meine Sinne. Dies schlägt sich schließlich auch im Erscheinungsbild des Logbuchs nieder, das neben Tabellen und Charts angereichert ist mit etlichen Illustrationen (von Matthias Gieselmann), die nicht nur unterhaltsam sind, sondern auch wichtige Punkte visuell markieren. Zudem schließen zahlreiche persönliche Lebensgeschichten aus dem direkten Umfeld des Verfassers einen jeweiligen Punkt exemplarisch ab.

Auf gut 200 Seiten in acht Kapiteln bietet Toby Faix dem Leser unterschiedliche Bausteine, sich seiner eigenen Berufung anzunähern. Nach einer kurzen Einführung, die o.g. Tools erklärt, nimmt der Verfasser den Leser mit hinein in die Größe “Berufung“, klopft also das Thema theologisch-philosophisch ein wenig ab und fragt bsp. den Leser, was er unter einem gelingenden Leben versteht (40) - mit dem ja das Thema “Berufung“ einhergeht -, und bezieht bewusst von Anfang an auch den Stellenwert der Emotionen mit ein. Wir haben es also definitiv hier nicht mit einem rein analytischen Buch zu tun, das nur für Intellektuelle und Nerds etwas ist.

Auf dem Weg zur eigenen Berufung und dem Verständnis darüber nimmt Toby Faix als erste wichtige Bausteine das Beziehungsgeflecht und die eigene Biographie in den Blick, die maßgeblichen Einfluss auf das Finden der eigenen Berufung haben (Kap. 2); diese zwei Variablen machen deutlich, wie komplex das Unterfangen sein kann, weil das Finden der eigenen Berufung bsp. in der Spannung steht, etwas sehr individuelles zu sein, weil es meine Rolle betrifft, sie gleichzeitig aber (i.d.R.) für eine größere Gemeinschaft gedacht ist (zumindest dann, wenn man - wie der Verfasser - von einem christlichen Welt- und Menschenbild her argumentiert und den Sinn des Menschen nicht in Individualismus, Egozentrismus und/oder Hedonismus verortet).

Dass das Finden der eigenen Berufung gerade in unsicheren Zeiten wie dieser eine wichtige Rolle spielt, legt Toby Faix im dritten Kapitel dar. Der gesellschaftliche Kontext als dritter Baustein erhält somit eine gewisse Stimme, in dem die eigene Berufung Sicherheit bieten soll. Der Blick auf gute Vorbilder, von denen man lernen kann - z.B. durch Mentoring -, unterstütze diese Sicherheit, so der Verfasser.

Als Ausgangspunkt der zukünftigen Berufung wird im anschließenden Kapitel 4 der Baustein des Ist-Zustandes analysiert, die sog. “Identität“. Über fünf Säulen (Mein Körper, soziales Netz, Arbeit & Leistung, materielle Sicherheit, Werte & Glaube) ebenso wie einen Blick in die eigene Lebensphase und das Persönlichkeitsprofil (es wird mit DISG gearbeitet) soll sich der Leser seiner Identität annähern.

Als fünften wichtigen Baustein geht Toby Faix auf Gott ein, der (be)ruft. Dass dieser Ruf aber ganz unterschiedlich aussehen kann, nicht immer in der jeweiligen Lebenssituation sofort ersichtlich ist und u.U. auch durch Umstände (scheinbar?) außer Kraft gesetzt werden kann, erörtert der Verfasser in Auseinandersetzung mit zahlreichen biblischen Gestalten des Alten und Neuen Testaments. Wie bei den biblischen Gestalten, erhält außerdem der Heilige Geist eine praktische Stimme zum Finden der Berufung, auf die es als Leser ebenfalls zu hören gilt. Denn Gott rede heute noch zu jedem, der ihn hören wolle, so die These von Toby Faix; man müsse nur richtig hören lernen.

Mit dem sechsten Kapitel erlaubt Toby Faix einen Rückblick auf bereits Erkanntes, ermutigt zur Bündelung und lädt dazu ein, andere Leute in das eigene Leben sprechen zu lassen, um Hindernisse, (falsche) Erwartungen und Motivationen zu klären und ggf. auszuräumen. Besonders die Hindernisse spielen auch im siebenten Kapitel eine Rolle; der Verfasser bietet einige Hilfen im Umgang mit ihnen und ggf. mit dem Scheitern. Ums Scheitern dreht sich auch das achte und letzte Kapitel, das auf den Veränderungsprozess durch die Auseinandersetzung mit dem “Logbuch Berufung“ zurückschaut und gleichzeitig einen Blick nach vorne wagt und zur Stille ermutigt, um die nötige Veränderung in Richtung Berufung in Gang zu setzen. Sehr praktische Tipps helfen dabei und werden abgerundet durch die Angabe weiterführender Literatur.

Alles in allem ist Toby Faix’ “Logbuch Berufung“ also wirklich ein hilfreiches Tool, das meinem Eindruck nach nicht in Einseitigkeiten verfällt, sondern unterschiedlichste Dimensionen wie Persönlichkeit, Identität, aber auch Gottes Ruf und eigene Wünsche/Erwartungen mit in den Prozess der Berufungsfindung integriert. Auch wenn mir das Buch anfänglich suggeriert, es wolle Menschen in unterschiedlichen Phasen ihrer Berufung helfen, empfinde ich es v.a. für diejenigen bereichernd, die sich bisher nur wenig bis gar nicht mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt haben. Faktisch bietet es aber auch mir, der ich schon etwas fortgeschrittener und zielstrebiger bin, Impulse zum kurzzeitigen Anhalten und Reflektieren, ob ich eigentlich noch auf Kurs bin oder ob sich vielleicht mein Ziel verändert hat usw., sodass Korrekturen möglich oder nötig wären. Besonders gespannt bin ich auch auf die Rückmeldungen derer, denen ich zwischenzeitlich (und auch zukünftig noch) ein Exemplar dieses Logbuchs habe zukommen lassen.

Denn eins muss man noch besonders erwähnen: Solch ein Buch mit 224 Seiten, in ordentlichem Satz samt Illustrationen und mit Hardcover für sage und schreibe 9,95 € ist ein absolutes Schnäppchen!!! Selbst wenn man dem Verfasser in seinem explizit christlichen Welt- und Menschenbild nicht folgen mag, ist das Buch, glaube ich, für jeden hilfreich und bereichernd im Prozess der Berufungsfindung. Und wer weiß, vielleicht regt es ja sogar auch den Leser dazu an, sich (wieder) intensiver mit der Frage zu befassen, welche Rolle eigentlich Gott spielt und ob eine Beziehung zu Ihm nicht schon allein aus “beruflichen“ Gründen sinnvoll ist. Und andersherum: Könnte die Kirche, die ja quasi an der Quelle sitzt, den Menschen aller Gesellschaftsschichten nicht noch besser dienen, indem sie ihnen hilft, ihre Berufung zu finden? Das wäre doch geradezu missional.

Donnerstag, 1. Januar 2015

“Missionale Theologie“ (ab März 2015) von Roland Hardmeier - meine Vorab-Rezension

Mit “Missionale Theologie. Evangelikale auf dem Weg zur Weltverantwortung“ legt Roland Hardmeier, promovierter Missiologie (Universität Südafrika), seinen dritten Forschungsband innerhalb der IGW-Edition beim Neufeld-Verlag vor, der im kommenden März 2015 erschei- nen soll. Ich hatte somit das Privileg, die zwar schon lektorierte, aber noch nicht fertig gesetzte Version zu lesen und hier zu besprechen, wofür ich sehr dankbar bin.

Dem Titel und der Buchrückseite gemäß möchte Hardmeier mit diesem dritten Band eine “umfassende und dennoch leicht verständliche Darstellung der missionalen Theologie“ präsentieren, was ihm - soviel sei schon vorweggenommen - sehr gut gelingt. Denn das sprachliche Niveau wie auch der Anspruch an das Vorwissen des Lesers ist trotz akademischer Tiefe alles andere als komplex; sämtliche Texte, besonders auch die zitierten Quellentexte von Konferenzen und Bekenntnissen, sind allesamt in Deutsch abgedruckt, wodurch der Band geradezu den Charakter einer Einführung in die missionale Theologie besitzt.

Aber nicht nur Form und Sprachniveau sind für den deutschspra- chigen Büchermarkt bereichernd, sondern auch die Tatsache, dass Hardmeiers Buch zur missionalen Theologie tatsächlich eine Lücke schließt. Denn wenn man mal bei Amazon “missionale Theologie“ sucht, findet man lediglich ein Werk aus dem Jahre 2009 von Rainer Ebling und Alfred Meier, das jedoch vergriffen zu sein scheint; alle anderen Bücher mit ähnlichen Titel thematisieren fast ausschließlich die praktischen Seiten missionalen Denkens und weniger Begriff und Herkunft dieser Strömung, zumal die Perspektive all dieser Werke i.d.R. der anglo-amerikanische Raum ist. Gerade Hardmeiers Perspektive auf das Verhältnis von Ökumene zum internationalen Evangelikalismus hat mir nochmal einige neue Insights gegeben.

Aber was macht Hardmeier nun genau in seinem dritten Band? Er entfaltet “die geschichtlichen Meilensteine und die theologischen Eckpunkte der missionalen Theologie“ (Buchrücken), und zwar dezidiert aus der Perspektive des Evangelikalismus, wozu er sich selbst eindeutig zählt. In fünf Kapiteln argumentiert Hardmeier, dass “missional“ kein neues Modewort ist, sondern sich mit dieser Strö- mung ein ganzer Paradigmenwechsel innerhalb der kirchlichen Landschaft vollzieht.

Im ersten einführenden Kapitel zeichnet Hardmeier seine Absichten auf und definiert die Unterschiede zwischen “missional“ und “missio- narisch“; die Rückkehr zur Weltverantwortung ist es für ihn, die für ihn - mit Verweis auf Diskussionen in Büchern und Blogs - den prak- tischen Unterschied macht. Als das der Weltverantwortung bzw. missionalen Theologie zugrunde liegende theologische Konzept nennt Hardmeier die sog. “missio dei“, also dem Gedanken des sendenden Gottes: Wie Gott Seinen Sohn in die “geliebte Welt“ (so der zweite Band Hardmeiers innerhalb der IGW-Edition) gesandt hat, um sie zu retten und wiederherzustellen, so sind auch die Christen als Nachfolger Jesu in die Welt gesandt, um ihr und den Menschen Heil zu bringen. Was dieses Heil bzw. Wiederherstellung bedeutet, hat Hardmeier bereits ausführlich in seinen ersten beiden Bänden “Kirche ist Mission“ und “Geliebte Welt“ thematisiert und geht natür- lich auch im Laufe dieses dritten Bandes darauf ein; kurz gesagt, entfaltet er “Mission“ als ganzheitlichen Sendungsbegriff, in dessen Dienst die Kirche steht. Als weitere zwei Hauptquellen der (evange- likalen) missionalen Theologie rekurriert Hardmeier auf die dem Evangelikalismus entsprungene Bewegung der radikalen Jünger- schaft wie auch die Vision von einem kontextualisierten Evangelium, dessen “Gospel and our Culture Network“ seit den 1980er Jahren in Nordamerika Verbreitung findet.

Mit diesen unterschiedlichen Einflüssen hin zu missionalen Theologie ist auch bereits fast vollständig der Aufbau dieses Werkes genannt. Denn das der missionalen Theologie zugrunde liegende Missio Dei-Konzept ist theologisch nicht wirklich neu, sondern wird (mit Verweis auf Johannes Reimer) bereits 1952 von der ökumenischen Bewegung auf der Weltmissionskonferenz in Willingen zum ersten Mal thematisiert und sprachlich gegriffen, weshalb Hardmeier im zweiten Kapitel dieses Buches die missionstheolgische Entwicklung der ökumenischen Bewegung seit Willingen 1952 nachzeichnet. Als entscheidende Faktoren für ein Neuverständnis von Mission nennt Hardmeier einerseits das Ende der Kolonialepoche mit seinen Missionierungsstrategien und andererseits die “weltweite Ausdeh- nung des Kommunismus“. Mithilfe von überschaubaren, zusammen- fassenden Grafiken erläutert er die Entstehung des missio dei- Konzeptes der ökumenischen Bewegung und deren Schwächen samt erster Gegenbewegungen der Evangelikalen mitsamt des letztlichen Bruches beider voneinander spätestens 1974 mit Lausanne. Au- ßerdem thematisiert Hardmeier die biblischen Grundlagen des sendenden Gottes, worin er dezidiert die Ergebnisse seiner vorherigen Werke zusammenfasst.

Das dritte, weitaus längste Kapitel entfaltet die Entwicklung des evangelikalen Missionsverständnisses von Lausanne 1974 bis hin zur Kapstadt-Erklärung 2010. Besonderes Augenmerk richtet Hardmeier dabei immer wieder auf den stetig zunehmenden Einfluss der 2/3- Welt und der radikalen Evangelikalen, wie er sie nennt - eine Gruppe, nach Lausanne entstanden, mit besonderem Fokus auf an Jesus orientierter Nachfolge. Deutlich wird dabei immer wieder, dass auch die evangelikale Bewegung keine monolithische Strömung darstellt, sondern sehr heterogen zwischen “links und rechts“ agiert und argumentiert, bis in Kapstadt mehr oder minder ein Konsens erzielt wird, der das Evangelium und Mission ganzheitlich versteht und wo explizit von “missional“ die Rede ist.

Der Entstehung des “Gospel and Our Culture Networks“ seit den 1980er Jahren widmet sich Hardmeier im vierten Kapitel und räumt besonders zwei Protagonisten wichtigen Raum ein, Lesslie Newbigin und David Bosch. Während Newbigin v.a. für die Zusammen- gehörigkeit von Kirche und Mission plädiert und daraus konkrete Schlüsse zieht, ist es Bosch, der die Normalität von Paradigmen- wechseln im Missions- und Kirchenverständnis im Zuge der Kirchengeschichte analysiert und propagiert. Anhand von “Missional Church“ aus dem Jahre 1998 (s.u.) untermauert Hardmeier einmal mehr sein Verständnis missionaler Kirche bzw. Theologie als 1. bibisch begründet, 2. ganzheitlich, 3. kontextuell, 4. eschatologisch und 5. für die Praxis - ebenfalls eine Zusammenfassung dessen, was er in vorherigen Veröffentlichungen ausführlich thematisiert hat.

Dass “missional“ tatsächlich mehr als ein Modewort ist und sich gerade genannter Paradigmenwechsel innerhalb der weltweiten Kirche vollzieht, bündelt Hardmeier mit dem fünften und letzten Kapitel. Dieses neue Paradigma kennzeichnet er mit einem Blick für die Armen, kontextuell geprägter Theologie und einem Wandel zur Ganzheitlichkeit: das ganze Evangelium für die ganze Welt, der ganze Jesus zwischen Leben, Tod und Auferstehung; auch ein positives Verhältnis zur Welt trotz der Hoffnung auf die Wiederkehr Christi nennt er erneut, was insgesamt nicht nur inhalte Reflexionen beinhaltet, sondern auch praktische Konsequenzen. Dass dieser Paradigmenwechsel aber nicht nur für die Mission, sondern für die Kirche selbst von höchster Bedeutung ist, bleibt für Hardmeier evident.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Hardmeier mit diesem Werk ein durchaus wichtiger Wurf gelungen ist, wenn man das Buch für sich allein und in diesem Kontext betrachtet, sodass es sehr gut als deutsche Einführungslektüre zum Thema “missionale Theo- logie“ gelten kann. Es führt gut in die wichtigen Eckpunkte missionaler Theologie ein und führt die historische Entwicklung gut auf. Wenn man nun allerdings bereits die ersten beiden Bände von Hardmeier gelesen hat, wirken viele Stellen geradezu redundant, da der Erkenntniszuwachs gegenüber Vorherigem nicht allzu groß ist; im Prinzip werden dieselbe Punkte aufgezeigt und untermauert, wie schon in den ersten beiden Bänden. Aus didaktischer Sicht ist Hardmeiers “Missionale Theologie“ also sicher gerechtfertigt; ob das Werk aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich sinnvoll ist, vermag ich - als Nicht-Missionswissenschaftler - letztlich nicht zu beurteilen.


Am Rande sei noch erwähnt, dass die “Emerging Church“ en pessant zwar genannt, aber nicht thematisiert wird, als ob sie mehr oder weniger deckungsgleich mit der missionalen Bewegung des Evangelikalismus wäre. Theologisch - zumindest in Deutschland - beinhaltet sie aber mindestens ebenso viele Überschneidungen mit der ökumenischen Bewegung und sprengt in vielem, v.a. hermeneutisch, den Rahmen klassischer evangelikaler Theologie. 

In den nächsten Posts werde ich außerdem noch ein paar weitere Gedanken zu Hardmeiers Theologie (aus seinen drei Bänden) schreiben, was an dieser Stelle aber den Rahmen gesprengt hätte.