Sonntag, 4. Januar 2015

Endlich meine Berufung finden in ungewissen Zeiten? “Logbuch Berufung“ von Toby Faix kann definitiv behilflich sein

Eine eierlegende Wollmilchsau, die mich in “7 Schritte[n] zur perfekten Berufung ohne Anstrengung“ führt, ist das “Logbuch Berufung. Navigationshilfen für ein gelingendes Leben“ von Tobias Faix aus dem Jahre 2013 (Verlag der Francke-Buchhandlung) sicherlich nicht. Warum nicht? Weil es dies nicht gibt; und immer, wenn mir ein Buch so etwas suggeriert, weiß ich ziemlich genau, dass es gar nicht recht haben kann. Denn unsere postmoderne, multioptionale Welt dreht sich viel zu schnell und bietet mir viel zu viele Möglichkeiten, als dass ich anhand von einem halben Duzend an Stellschrauben innerhalb kürzester Zeit herausfinden könnte, wofür ich mich den Rest meines Lebens einsetzen sollte.

Glücklicherweise gibt es das “Logbuch Berufung“, das definitiv einen ganz anderen Weg geht. Wie der Titel schon besagt, will es dabei helfen, die eigene Berufung zu entdecken oder - vorsichtiger formuliert - Tools an die Hand geben, um diesem Ziel näher zu kommen. Deshalb handelt es sich auch um ein sog. “Logbuch“ - ein Begriff aus der Schifffahrt zur Navigation -, um sich diesem Thema von unterschiedlichen Seiten anzunähern. Mithilfe von Tagebuch-artigen Einträgen (zur Reflexion und Dokumentation des bisherigen Lebens), dem Navigationsbesteck (zur Anvisierung des Ziels) und dem Fernrohr (zur Markierung wichtiger Punkt und weiterführender Literatur) wird dieses Buch richtig praktisch und nimmt mich als Leser in einen Entwicklungsprozess mit hinein und fordert dabei all meine Sinne. Dies schlägt sich schließlich auch im Erscheinungsbild des Logbuchs nieder, das neben Tabellen und Charts angereichert ist mit etlichen Illustrationen (von Matthias Gieselmann), die nicht nur unterhaltsam sind, sondern auch wichtige Punkte visuell markieren. Zudem schließen zahlreiche persönliche Lebensgeschichten aus dem direkten Umfeld des Verfassers einen jeweiligen Punkt exemplarisch ab.

Auf gut 200 Seiten in acht Kapiteln bietet Toby Faix dem Leser unterschiedliche Bausteine, sich seiner eigenen Berufung anzunähern. Nach einer kurzen Einführung, die o.g. Tools erklärt, nimmt der Verfasser den Leser mit hinein in die Größe “Berufung“, klopft also das Thema theologisch-philosophisch ein wenig ab und fragt bsp. den Leser, was er unter einem gelingenden Leben versteht (40) - mit dem ja das Thema “Berufung“ einhergeht -, und bezieht bewusst von Anfang an auch den Stellenwert der Emotionen mit ein. Wir haben es also definitiv hier nicht mit einem rein analytischen Buch zu tun, das nur für Intellektuelle und Nerds etwas ist.

Auf dem Weg zur eigenen Berufung und dem Verständnis darüber nimmt Toby Faix als erste wichtige Bausteine das Beziehungsgeflecht und die eigene Biographie in den Blick, die maßgeblichen Einfluss auf das Finden der eigenen Berufung haben (Kap. 2); diese zwei Variablen machen deutlich, wie komplex das Unterfangen sein kann, weil das Finden der eigenen Berufung bsp. in der Spannung steht, etwas sehr individuelles zu sein, weil es meine Rolle betrifft, sie gleichzeitig aber (i.d.R.) für eine größere Gemeinschaft gedacht ist (zumindest dann, wenn man - wie der Verfasser - von einem christlichen Welt- und Menschenbild her argumentiert und den Sinn des Menschen nicht in Individualismus, Egozentrismus und/oder Hedonismus verortet).

Dass das Finden der eigenen Berufung gerade in unsicheren Zeiten wie dieser eine wichtige Rolle spielt, legt Toby Faix im dritten Kapitel dar. Der gesellschaftliche Kontext als dritter Baustein erhält somit eine gewisse Stimme, in dem die eigene Berufung Sicherheit bieten soll. Der Blick auf gute Vorbilder, von denen man lernen kann - z.B. durch Mentoring -, unterstütze diese Sicherheit, so der Verfasser.

Als Ausgangspunkt der zukünftigen Berufung wird im anschließenden Kapitel 4 der Baustein des Ist-Zustandes analysiert, die sog. “Identität“. Über fünf Säulen (Mein Körper, soziales Netz, Arbeit & Leistung, materielle Sicherheit, Werte & Glaube) ebenso wie einen Blick in die eigene Lebensphase und das Persönlichkeitsprofil (es wird mit DISG gearbeitet) soll sich der Leser seiner Identität annähern.

Als fünften wichtigen Baustein geht Toby Faix auf Gott ein, der (be)ruft. Dass dieser Ruf aber ganz unterschiedlich aussehen kann, nicht immer in der jeweiligen Lebenssituation sofort ersichtlich ist und u.U. auch durch Umstände (scheinbar?) außer Kraft gesetzt werden kann, erörtert der Verfasser in Auseinandersetzung mit zahlreichen biblischen Gestalten des Alten und Neuen Testaments. Wie bei den biblischen Gestalten, erhält außerdem der Heilige Geist eine praktische Stimme zum Finden der Berufung, auf die es als Leser ebenfalls zu hören gilt. Denn Gott rede heute noch zu jedem, der ihn hören wolle, so die These von Toby Faix; man müsse nur richtig hören lernen.

Mit dem sechsten Kapitel erlaubt Toby Faix einen Rückblick auf bereits Erkanntes, ermutigt zur Bündelung und lädt dazu ein, andere Leute in das eigene Leben sprechen zu lassen, um Hindernisse, (falsche) Erwartungen und Motivationen zu klären und ggf. auszuräumen. Besonders die Hindernisse spielen auch im siebenten Kapitel eine Rolle; der Verfasser bietet einige Hilfen im Umgang mit ihnen und ggf. mit dem Scheitern. Ums Scheitern dreht sich auch das achte und letzte Kapitel, das auf den Veränderungsprozess durch die Auseinandersetzung mit dem “Logbuch Berufung“ zurückschaut und gleichzeitig einen Blick nach vorne wagt und zur Stille ermutigt, um die nötige Veränderung in Richtung Berufung in Gang zu setzen. Sehr praktische Tipps helfen dabei und werden abgerundet durch die Angabe weiterführender Literatur.

Alles in allem ist Toby Faix’ “Logbuch Berufung“ also wirklich ein hilfreiches Tool, das meinem Eindruck nach nicht in Einseitigkeiten verfällt, sondern unterschiedlichste Dimensionen wie Persönlichkeit, Identität, aber auch Gottes Ruf und eigene Wünsche/Erwartungen mit in den Prozess der Berufungsfindung integriert. Auch wenn mir das Buch anfänglich suggeriert, es wolle Menschen in unterschiedlichen Phasen ihrer Berufung helfen, empfinde ich es v.a. für diejenigen bereichernd, die sich bisher nur wenig bis gar nicht mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt haben. Faktisch bietet es aber auch mir, der ich schon etwas fortgeschrittener und zielstrebiger bin, Impulse zum kurzzeitigen Anhalten und Reflektieren, ob ich eigentlich noch auf Kurs bin oder ob sich vielleicht mein Ziel verändert hat usw., sodass Korrekturen möglich oder nötig wären. Besonders gespannt bin ich auch auf die Rückmeldungen derer, denen ich zwischenzeitlich (und auch zukünftig noch) ein Exemplar dieses Logbuchs habe zukommen lassen.

Denn eins muss man noch besonders erwähnen: Solch ein Buch mit 224 Seiten, in ordentlichem Satz samt Illustrationen und mit Hardcover für sage und schreibe 9,95 € ist ein absolutes Schnäppchen!!! Selbst wenn man dem Verfasser in seinem explizit christlichen Welt- und Menschenbild nicht folgen mag, ist das Buch, glaube ich, für jeden hilfreich und bereichernd im Prozess der Berufungsfindung. Und wer weiß, vielleicht regt es ja sogar auch den Leser dazu an, sich (wieder) intensiver mit der Frage zu befassen, welche Rolle eigentlich Gott spielt und ob eine Beziehung zu Ihm nicht schon allein aus “beruflichen“ Gründen sinnvoll ist. Und andersherum: Könnte die Kirche, die ja quasi an der Quelle sitzt, den Menschen aller Gesellschaftsschichten nicht noch besser dienen, indem sie ihnen hilft, ihre Berufung zu finden? Das wäre doch geradezu missional.

1 Kommentar:

  1. Weil ein einzelnes Buch oft aber zu schmal ist, um der eigenen Berufung wirklich nahe zu kommen, hilft es, mal bewusst eine Auszeit aus dem routinierten Alltag zu nehmen. Hier kann ein einjähriges Jahr zum Finden der eigenen Berufung helfen: http://www.igw.edu/de/meine-ausbildung/kurse/themenangebote/berufungsjahr.php

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