Sonntag, 19. Dezember 2010

Zum Nachdenken: Abraham J. Heschel über das Gebet

"Genuine prayer does not flow out of concepts. It comes out of awareness of the mystery of God rather than out of information about Him." - Abraham J. Heschel, Man's Quest for God. Studies in Prayer and Symbolism, Santa Fe 1998

Sonntag, 12. Dezember 2010

Abraham J. Heschels "Man's Quest for God" - Einführung und Teil I: The Inner World (1-20)

Abraham Josua Heschel (1907-1972) war ein einflußreicher jüdischer Theologe, Religionsphilosoph, Professor und Aktivist, der auch christlicherseits stark rezipiert worden ist. Da dies aber hauptsächlich im englischsprachigen Raum passiert (ist), ist es mir ein Anliegen, seine Person und sein Denken im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Deshalb werde ich an dieser Stelle sukzessive zunächst einmal eines seiner zentralen Werke vorstellen: „Man‘s Quest for God. Studies in Prayer and Symbolism“ aus dem Jahre 1954 (Die Zahlen in den Klammern verweisen auf die jeweiligen Seiten im Buch).

Heschel diagnostiziert als Ausgangsproblem des Menschen, daß er sich in Selbstzentriertheit vom Gebet fernhalte (4). Warum nicht mal eine Stunde still werden? Der Mensch stelle stattdessen eine „thick screen of self” (ebd.) zwischen Gott und sich.

Um nicht an dieser Diagnose zu verzweifeln, schlägt Heschel als Einstieg ins Gebet vor, die Gedanken für und zu Gott zu öffnen (5). Wir könnten Ihn nicht für uns sichtbar machen, aber uns selbst für Ihn könnten wir sichtbar machen (ebd.). Denn

[t]o pray is to take notice of the wonder, to regain a sense of the mystery that animates all beings, the divine margin in all attainments. Prayer is our humble answer to the inconceivable surprise of living. (ebd.)


Zwar ist Gebet für Heschel kein Allheilmittel (8), aber - mit der richtigen Herzenshaltung (= Kavanah; vgl. 12) - sei es ein Geschenk, Hoffnungen, Sorgen und Wünsche vor ihn zu legen (9); ein Ausschütten des Herzens.

Weil Gebet ein „complete turning of the heart toward God, toward His goodness and power” (15) sei, befähige es uns, von Selbstzentrierheit und eigenen Problemen abzusehen (ebd.) und stattdessen die Welt im Spiegel des Heiligen (Gottes) zu betrachten (7). Gleichzeitig, so Heschel, werde der Beter zum Objekt Gottes und unterscheide sich darin diametral von dem Denker, der Gott zum Objekt mache (10; 12).

In alledem seien die gesprochenenen Worte weniger entscheidend als die Hingabe des Herzens (13). Denn es geht nach Heschel im Gebet darum, Gott einzuladen, in das Leben des Betenden einzugreifen: Gebet sei „opening of a window to Him in our will, an effort to make Him the Lord of our soul.” (15)

Montag, 22. November 2010

Emergent Forum 2010 - Rückblick

Nachdem ich bereits auf einigen Blogs die ersten Rückblicke zum diesjährigen „Emergent Forum“ lesen durfte, das in den letzten Tagen in Essen stattgefunden hat, werde ich nachfolgend auch kurz ein paar Impressionen schildern. Um es schon mal vorwegzunehmen: Es hat sich absolut gelohnt, und ich bin sehr positiv überrascht worden von der ganzen Veranstaltung.
 
Da ich zuvor noch auf keinem Emergent Forum gewesen war, hatte ich keine Ahnung von der dortigen Kultur. Inhaltlich konnte man zwar im Vorfeld einiges nachlesen, aber wie es letztlich sein würde, war nicht abzusehen. Umso gespannter war ich, als wir - ich hatte noch zwei weitere Leute zum Mitkommen bewegen können - ziemlich pünktlich um kurz vor zehn am Samstag morgen beim Weigle-Haus in Essen eintrafen. Dummerweise wußten wir nicht, daß bereits vor den Workshops, die für zehn Uhr angesetzt waren, eine Einführung zu diesen Workshops stattfand. Dies hätte man vielleicht im Vorfeld deutlicher mitteilen können, stellte dann aber auch kein wirkliches Problem dar. Und so suchten wir uns einfach die Dinge heraus, die uns besonders interessierten. 

 
Um 12h fand eine Vernetzungszeit im Plenum mit allen ca. 150 Leuten statt, in der sich verschiedene Initiativen vorstellten. Ich selbst fühlte mich dem Kreis der theologischer Denker verbunden, und wir ungefähr 15 Leute suchten anschließend nach einem gemeinsamen ersten Thema (-> Was ist das Evangelium?) und vereinbarten, daß wir uns im kommenden Jahr für ein gemeinsames Meeting treffen werden.

Mittags gab es ein ziemlich fantastisches Essen, währenddessen man sich sehr gut mit anderen austauschen konnte. Im Anschluß ging es weiter mit Workshops. Abends schloß sich nach einer kleinen Pause, in der wir uns mit teils neuen Leuten austauschten, eine Zusammenfassung mit Impressionen an, gefolgt von einer einstündigen Pause, die wir auf dem Essener Weihnachtsmarkt verbrachten.

Die Workshops haben mich größtenteils bereichert, sei es durch neue Gedanken oder auch Bestärkung in dem, wie ich schon „neu“ denke. Die Themen waren absolut relevant, teilweise mußte ich mich gar ärgern, mich nicht zerteilen zu können. Auch die Art und Weise der Workshops ohne großen Vortrag hat mir total zugesagt. Denn ansonsten nervt's mich eigentlich immer, wenn in Vorträgen Dinge erzählt werden, die ich auch anderswo nachlesen kann oder bereits habe. Ein Austausch stattdessen über Gedanken und v.a. Erfahrungen hat mir dagegen wesentlich mehr gebracht - und anderen hoffentlich ebenso.
 
V.a. ging es mir bei dem ganzen Event darum, Internetbekanntschaften zu vertiefen und neue Leute kennenzulernen, um weitere Netzwerke zu schaffen. Das ist definitiv gelungen, wofür ich sehr dankbar bin. Besonders der Kaffee-Break mit Toby Faix war inspirierend, informativ und einfach cool; habe selten jemanden mit solcher Erfahrung und Publikationsstärke erlebt, der gleichzeitig so demütig und down-to-earth ist. Ebenso die anderen Leute, die nicht einfach nur nett waren, sondern bereit, sich mit anderen auseinanderzusetzen, die in möglicherweise existentiellen Bereichen (wie dem Bibelverständnis) ganz anders dachten. Das hat mich echt beeindruckt. Vielleicht lassen sich beim nächsten Mal solche Diskussionen noch weiter intensivieren bzw. mehr Raum dafür einräumen; wer weiß...

Abends nach den Workshops gab es noch ein paar Erläuterungen zu Emergent Deutschland bzw. der Organisation des Forums, anschließend Impressionen des Tages. Ab 22.00h fand eine offene Gebetszeit statt, die anhand von verschiedenen Stationen samt alternativem Worship von „kontemplatief“ ausgestaltet werden konnte. Für mich war um diese Zeit mein Akku bereits leer (viertel vor sechs aufgestanden), sodaß ich diesen kontemplativen „Raum“ nicht mehr nutzen konnte. Trotzdem haben mich die Ideen der Stationen teils sehr inspiriert, v.a. sich den Wein des Abendmahls aus Blutkonserven zu „zapfen“, die voller Symbolik an einem Holzkreuz hingen. 

 
Insgesamt bin ich froh, dort in Essen gewesen zu sein. Ob nächstes Jahr Berlin klappt, muß ich mal schauen, hat aber sicherlich hohe Priorität. Bis dahin freue ich mich, emergentes Denken vor Ort und in der Region auszuprobieren, zu fördern und mit Gleichgesinnten zu teilen.

Donnerstag, 18. November 2010

Die "Basis Mainz e.V." im Radio!!!

Wir als Kirche waren Anfang letzter Woche auf einem Lokal-Radiosender hier im Rhein-Main-Gebiet zu hören. Nachdem der Radio-Moderator vor kurzem bei einer Sonntags-Session vor Ort in der Basis gewesen war, gab's im Studio einen einstündigen Live-Talk über unsere Entstehung als Kirche, wie wir Kirche leben, 'n bißchen Theologisches ("Relationale Theologie" - I love that term:-), u.v.m.

Ich selbst war nicht im Studio, bin aber ganz angetan, welch guten Job die drei geleistet haben. Richtig inspirierend zu hören. Wen's interessiert und einen ersten Eindruck der "Basis" bekommen möchte oder vielleicht schon einmal dort war und ein bißchen vom Feeling neu mitbekommen möchte, kann sich das Interview auf unserer Homepage direkt anhören: 
 

Dienstag, 16. November 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel zum Sinn des Universums

"Es scheint zwei Stränge menschlichen Denkens zu geben: Der eine beginnt beim Menschen und seinen Bedürfnissen und endet bei der Annahme, daß das Universum eine sinnlose Schau oder eine Energieverschwendung ist; der andere beginnt mit Staunen, Ehrfurcht und Demut und mündet in die Annahme, daß das Universum voll einer Herrlichkeit ist, die über den Menschen und seinen Geist hinausgeht, aber ewige Bedeutung hat für Ihn, der das Sein möglich macht." - Abraham Josua Heschel, Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums, 5. Auflage Berlin 2000, S.79

Freitag, 22. Oktober 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel und geistliches Leben

"The highest peak of spiritual living is not necessarily reached in rare moments of ecstasy; the highest peak lies wherever we are and may be ascended in a common deed. […] Jewish tradition maintains that there is no exterritoriality in the realm of the spirit. […] Judaism begins at the bottom, taking very seriously the forms of one's behavior in relation to the external, even conventional functions and amenities of life,, teaching us how to eat, how to rest, how to act." - Abraham J. Heschel, Man's Quest for God. Studies in prayer and symbolism, Santa Fe 1998, S.111

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Was wäre, wenn D. Bonhoeffer heute noch lebte, Teil II: Kirchenstruktur/-organisation/Formales

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) wuchs in einer gut betuchten Familie mit langer Tradition auf (sowohl kirchlich als auch profan). Sein Vater war zudem als Lehrstuhlinhaber in Berlin einer der führenden deutschen Psychiatrieprofessoren, was dazu führte, daß Bonhoeffer früh in den führenden akademischen Kreis Berliner Theologen (u.a. Adolf v. Harnack) eingeführt wurde und nach seiner Entscheidung für die Theologie u.a. über diese Verbindungen erste akademische Erfolge verzeichnete (Dissertation mit 21 Jahren, Habillitation mit 24 Jahren!!). Der Weg zum Lehrstuhl war geebnet, gleichzeitig stand ihm nach den kirchlichen Examina auch die Tür ins Pfarramt offen. Anfänglich, Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre, schien es so, als ob er sich sehr gut sowohl im akademischen als auch im kirchlichen System zurechtfinden und dort Karriere anstreben werde.

Daß Bonhoeffer sich spätestens 1935 kritisch gegenüber der universitären Theologenausbildung positionierte, läßt sich unter http://phil-mertens.blogspot.com/2010/07/lernen-von-dietrich-bonhoeffer-teil-6.html nachlesen. Dies mag sicherlich auch damit zusammenhängen, daß sich nach der NS-Machtergreifung 1933 ein bedeutender Teil der universitären und kirchlichen Theologen dem Regime gegenüber loyal verhielt. Die Kritik jedoch, die er vorbrachte, bezog sich primär darauf, daß in der universitären Ausbildung die spirituelle Dimension, vornehmlich Gebet und Nachfolge, außen vor gelassen werde. Erst sekundär erwähnte er das Verhältnis zum Staat.

Eng mit der Kritik an der bestehenden Theologenausbildung verbunden, sprach Bonhoeffer zu dieser Zeit, Mitte der 30er Jahre, mehrfach von der Option einer Freikirche
(vgl. Bethge, Bonhoeffer, 362; 374; 379), u.a. angeregt durch seine multikonfessionellen Erfahrungen: Eine Studienreise nach Rom (1924) hatte ihn bereits früh vom Katholizismus beeindruckt, später kamen ein Vikariat in Barcelona (1928) und ein Studienjahr in New York am Union Theological Seminary dazu (1930-31), desweiteren sein ökumenisches Engagement ab 1931. Bonhoeffer bewegte sich also jenseits engstirniger Konfessionsgrenzen, sodaß auch die Option einer Freikirche nicht gänzlich aus dem Rahmen fiel. Seine Theologie jener Zeit, wie er sie dann auch in der "Nachfolge" (1937) niederschrieb, verfolgte ebenfalls die Sammlung der Nachfolgenden jenseits von "billiger Gnade".

Im Jahre 1942 verfaßte Bonhoeffer ein Kladdeentwurf (DBW 16, 589-595; vgl. Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe - Christ - Zeitgenosse, 9. Aufl. Gütersloh 2005) einen Verweis auf ), in dem es heißt, es müsse "vermieden werden, daß die reaktionären Kreise der einstigen Generalsuperintendenten und der kirchenbehördlichen Bürokratie wieder die Leitung in die Hand bekommen." (ebd., 593) Ebenso ist die Rede von einer Neubildung der theologischen Fakultäten, Abschaffung des Kirchenministeriums und überhaupt einer staatsfreien Kirche.

Bonhoeffer wollte aufräumen innerhalb der Staatskirche durch Abspeckung und Abschaffung bestimmter kirchlicher Ministerien, grundsätzlich Trennung der Kirche vom Staat. Offensichtlich hatte er seine Gedanken bzgl. einer Freikirche zwischenzeitlich fallen gelassen und hoffte auf eine gesamtkirchliche Erneuerung. Die theologische Entwicklung in der "Ethik" spricht eine ähnliche Sprache (vgl. Bethge, Bonhoeffer, 805ff.), geht sogar über die gesamtkirchliche Verantwortung hinaus und nicht ganz neu die Welt mit in den Herrschaftsbereich Christi hinein (806; vgl. DBW 6, 39ff.).

Neben vielen anderen Gedanken, die Bonhoeffer bereits zuvor geäußert hatte (gut nachzulesen in "Bonhoeffer als praktischer Theologe" von Peter Zimmerling, Göttingen 2006), sind seine Ausführungen während der Tegeler Gefangenschaft maßgeblich, die er in einem "Entwurf für eine Arbeit" andachte (vgl. D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, 18. Auflage Gütersloh 2005, 203-206). Auf diesen wenigen Seiten skizzierte er folgende interessante Gedanken:
 
  1. Die Bekennende Kirche trete zu stark für die Sache der Kirche ein und zu wenig für persönlichen Christusglauben (203).
  2. "Glaube" sei Teilnahme an Jesu "Dasein-für-andere"; wie dies Jesu Transzendenzerfahrung gewesen sei, sei der "jeweils gegebene erreichbare Nächste […] das Transzendente" (204) des Gläubigen. Transzendenz - und damit Relation zu Gott durch Jesus - drücke sich deshalb im Dasein für andere aus (->; Nächstenliebe: http://phil-mertens.blogspot.com/2010/10/meine-liebe-zu-obdachlosen-gott-und-mir.html. vgl. dazu: D.Bonhoeffer, Ethik (DBW 6), 2. Auflage Gütersloh 1998, S.257ff.).
  3. Über die Möglichkeit der Neuinterpretation biblischer Begriffe steht scheinbar die Frage nach einem notwendigem Glaubensinhalt auf dem Spiel; jedoch beinhalte dieser Ansatz "[ü]berholte Kontroversfragen, speziell interkonfessionell; die lutherisch-reformierten - (teils auch katholischen) Gegensätze sind nicht mehr echt." (204)  Die Konsequenz sei, sich nicht - wie Barth und die Bekennende Kirche - hinter einem "Glauben der Kirche" (205) zu verschanzen, sondern seinen Glauben zu konstatieren. Das klingt in meinen Ohren schon recht postmodern nach Slogans wie "Einheit im Zentrum (Jesus), Vielfältigkeit in den Details."
  4. Für die Kirche bedeute dies anhand von 2. deshalb zunächst (nur), daß sie notwendig Kirche für andere sein müsse, was bedeute, daß sämtliches Kircheneigentum an Arme gegeben werden müsse und Pfarrer von freiwilligen Gaben (= Spenden; vgl. Zimmerling, S.51) - evtl. samt weltlichem Beruf - leben sollten (205). "Helfend" und "dienend" sind seine Begriffe, die sich allerdings nur durch "Vorbild […] Nachdruck und Kraft" (ebd.) bekämen. 
  5. Die "Revision der ,Bekenntnis'frage" (205f.) wirft er erneut auf, ohne sie näher zu erläutert.

Insgesamt deutet vieles darauf hin, daß Bonhoeffer sich nach einer Freikirche folgender Art gesehnt hat: 

  • Intensive Spiritualität und echte Nachfolge der Gläubigen
  • Individualität in "sekundären" Fragen
  • Trennung der Kirche vom Staat
  • Abschaffung des (möglicherweise) größten Teils der kirchlichen Ministerien
  • Versorgung der Pfarrer durch direkte Spenden der Gemeindemitglieder
  • Ausbildung des theologischen Nachwuchses mit dem Schwerpunkt auf Spiritualität und Nachfolge 

Dieses "Programm für die Großkirche" war kein einfacher Geistesblitz Bonhoeffers, sondern entwickelte sich über Jahre und deckt sich mit seiner Theologie. Tatsächlich konnte er sich während des NS-Regimes innerkirchlich damit nicht durchsetzen, was daran deutlich wird, daß er zwischenzeitlich ernsthaft über eine separate Kirche nachdachte. Offen muß natürlich bleiben, welche Stimme er nach 1945 innerhalb der Kirche gehabt hätte. Doch läßt sich einerseits festhalten, daß Bonhoeffers politische Tätigkeiten innerhalb der Kirche nur wenig bis keine Anerkennung fanden (er tauchte beispielsweise nur sehr spät auf Fürbittelisten der Kirche auf). Andererseits hatte er sehr gute politische und kirchliche Beziehungen und wäre vielleicht nach dem NS-Regime mit anderen Augen betrachtet worden - v.a. von internationaler Seite.

Bonhoeffers angedachte Trennung der Kirche vom Staat wäre wohl der größte Einschnitt gewesen und hätte zur Abschaffung der Kirchensteuern geführt und damit die Finanzierung des Kirchenpersonals in die Hände der einzelnen Gemeinden gelegt. Aber darüberhinaus: Wie hätte  es sich dann beispielsweise mit dem schulischen Religionsunterricht verhalten? Welche strukturellen Veränderungen hätte es im diakonischen Bereich gegeben? Und wie hat sich Bonhoeffer die Finanzierung der theologischen Ausbildungsstätten gedacht?

Andererseits: Welch eine Kultur hätten wir wohl innerhalb der evangelischen Kirche(n) heutzutage? Welche politische Stimme hätten damit Repräsentanten dieser Kirche? Wie sähe damit auch die soziale Versorgung in Deutschland aus? 


Hier sind natürlich nur Spekulationen möglich. Aber sich einfach mal die Dimensionen vor Augen zu malen, kann z.B. dabei helfen, seinen Blick einmal jenseits des derzeitig Gegebenen zu wenden. Ich selbst versuche seit einiger Zeit immer wieder, über theologische Bildung und Ausbildung neu zu nachzudenken; daneben immer wieder einzelne theologische Aspekte (Kulturrelevanz, Reich Gottes, jüdisches Denken, etc.). Umso mehr freue ich mich, daß es vor, neben und mit mir schon viele gibt, die sich diesem Erneuerungsprozeß in vielen weiteren Bereichen ebenfalls aussetzen. Meine Hoffnung ist darüberhinaus, daß es nicht nur bei einzelnen bleibt, sondern Kirche in ihrer Gänze revolutioniert wird - und Bonhoeffers Vision wesentlich an Realität gewinnt.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Mainzer verschenken Weihnachtsfreude– Seid dabei

Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Bekannter von KIA Mainz (Kirche in Aktion) von deren Verschenk-Aktion, Bedürftigen in Rumänien ein unvergeßliches Weihnachten bescheren zu wollen. Ich selbst finde die Aktion super und habe deshalb die Infos im nachfolgenden angefügt. Vielleicht findest Du die Aktion ja genauso gut und sponsorst ein eigenes Paket. Ich danke Dir schon an dieser Stelle.
 

"Schön verpackte Päckchen gehören für uns zum Weihnachtsfest dazu wie der traditionelle Mainzer Weihnachtsmarkt. Doch leider kann nicht jeder Weihnachten so verbringen wie wir.

Beispielsweise in Rumänien gibt es viele Menschen, die unter der Armutsgrenze leben.


Wir von Kirche in Aktion Mainz möchten praktisch und konkret dabei helfen, diesen Menschen in Rumänien ein unvergessliches Weihnachtsfest zu bereiten. Deshalb packen wir Pakete mit wichtigen Lebensmitteln und Hygieneartikel. Diese werden dann mithilfe eines Transporters direkt nach Rumänien gebracht.


Dahinter steht die Organisation
Helping Hands e.V., eine Initiative für Entwicklungs- und Katastrophenhilfe.

Werdet auch ihr ein Freudenstifter für Bedürftige in Rumänien! Wir möchten euch einladen, an dieser Paket-Aktion teilzunehmen. Gemeinsam können wir Weihnachsfreude nach Rumänien schicken.


Wie könnt ihr dabei konkret helfen? Für nur 15 Euro kann ein Paket gepackt werden – ganz einfach und unkompliziert.


Auch kleine Dinge, können Großes bewirken. In unsere Weihnachtspäckchen kommen einfache Gegenstände:

viele-Leute-mit-Paeckchen

1 kg Reis (kein Milchreis!)
1 kg Nudeln
500 g Kaffee, gemahlen und vakuumverpackt
1 Tüte Gummibärchen
3 Tafeln Schokolade
2 Pakete Tee
4 Röhrchen Vitamintabletten
1 Shampoo
2 Tuben Zahnpasta
2 Zahnbürsten
2 Stück Seife
1 Deostift
1 Handcreme

Wir kümmern uns darum, dass die Pakete direkt bei den Bedürftigen in Bukarest, Rumänien ankommen. Gerne könnt ihr diese Aktion aber auch mit einer Geldspende unterstützen. Durch eine Spende mit Vermerk "Weihnachtsfreude" auf das Konto von Helping Hands e.V. (Konto-Nr. 22394 bei der Kreissparkasse Gelnhausen, BLZ 507 500 94). Bitte gebt eure vollständige Anschrift an. Ihr erhaltet dafür eine Spendenquittung.


Abgabeort ist im KiA Haus, Wormser Straße 111, 55130 Mainz. Letzter Abgabetermin ist Freitag, der 5. November.


Weitere Infos unter:
">http://eurasia-help.org/helfensiemit/weihnachtspakete.html">

Habt ihr noch Fragen? Wendet euch einfach an Kathrin Arnold (kathrin(at)kiamainz.de)."

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Meine Liebe zu Obdachlosen, Gott und mir selbst

Seitdem ich - nunmehr etwa 1 Jahr - mitten in der Mainzer City (Fußgängerzone) wohne, sehe ich tagtäglich Obdachlose. Und besonders dann, wenn ich zu Fuß von zuhause zur "Basis", unserer Gemeinde, gehe (oder zurück), muß ich über diese Leute nachdenken. In letzter Zeit habe ich regelrecht das Gefühl, daß Gott durch diese "Begegnungen" bewußt an mir arbeiten möchte - besonders über das Doppelgebot der Liebe und eine spezielle Auslegung dazu, die ich im folgenden etwas ausführlicher erläutern möchte.

Und zwar wurde Jesus  zu seiner Zeit seinem Auftreten entsprechend als jüdischer Schriftgelehrter (Rabbi) wahrgenommen. Wie es unter jüdischen Schriftgelehrten üblich war, stand im Mittelpunkt der Diskussion die Frage nach der rechten Auslegung der hebräischen Schrift, des Tanach - heute besser bekannt als "Altes Testament". 

Genau diese Situation finden wir im Zusammenhang der Frage nach dem höchsten Gebot wieder (Mt 22,34-40; Mk 12,28-34; Lk 10,25-28). Bei Lk heißt es explizit, daß ein anderer Schriftgelehrter Jesus versuche, was zunächst nichts weiter bedeutet als, daß er Jesu Auslegung der Schrift hören möchte und was er als höchstes und wichtigstes Gebot ansehe. Jesus erwidert, wie er denn das Gesetz bzw. die Schrift lese (Lk 10,26).

Unter den jüdischen Gelehrten gab es immer wieder das Bestreben, die 613 Gebote der Schrift zusammenzufassen. Regelmäßig stieß man auf die Frage, welches das wichtigste Gebot sei. Eine prominente Antwort damaliger Zeit lautete "Der Gerechte wird aus Glauben leben" (Hab 2,4), was wir später auch bei Paulus wieder finden werden (vgl. Röm 1,17; Gal 3,11). Einer der angesehensten Rabbis namens Hillel formulierte dem gegenüber: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Das ist die ganze Tora, alles andere ist Kommentierung..."

Jesus (oder - bei Lk - der Schriftgelehrte) antwortet mit zwei Geboten: "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deinem Verstand." und "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst." (Mt 22,37-39; Mk 12,30f.; Lk 10,27)

Nach Dwight A. Pryor tut Jesus hier zweierlei, er benutzt zwei Arten der rabbinischen Bibelauslegung (werden o.g. Hillel zugeschrieben): Erstens legt er das eine Gebot durch das andere aus ("Analogieschluß"). Das funktioniert wie folgt: Man sucht zwei Verse, die gleiche Bestandteile haben, in diesem Fall "Du sollst lieben". Das bedeutet praktisch: Wenn Du das Gebot "Du sollst den Herrn lieben" erfüllen willst, erfülle "Du sollst deinen Nächsten lieben". Wenn Du also das Nächstenliebegebot erfüllst, erfüllst Du auch das Gottesliebegebot! Denn in echter Nächstenliebe zeigt sich auch Deine Liebe zu Gott. 

Der zweite Kniff besagt, daß durch diese Kombination aus beiden Geboten faktisch nur noch ein einziges wird. Es lassen sich beide nicht voneinander trennen oder gegeneinander ausspielen, weil sie untrennbar zusammengehören. Jede Überbetonung eines der beiden führt zu Gesetzlichkeit oder reiner Vergeistlichung (von späteren jüdischen Gelehrten wird dies der Zusammenhang von Halacha und Agada/Kavanah genannt werden).


Auf meine persönliche Situation gemünzt, bedeutet das: Wenn ich einem Obdachlosen in irgendeiner Form Liebe entgegenbringe, drücke ich ebenso Gott gegenüber meine Liebe aus. Ich fing tatsächlich damit an, Münzgeld in meinen Taschen zu sammeln, um bei Gelegenheit etwas zu geben - oder weil ich dachte, ich müßte. Dennoch fehlte mir etwas, und ich fragte mich immer wieder, ob das mit dem Geld eigentlich der richtige Weg sei und tatsächlich helfen werde - und ob dies wirklich aus Liebe geschehe.

Bei Abraham Heschel, einem jüdischen Theologen des 20. Jh.s, stieß ich schließlich auf einen für mich sehr hilfreichen Aspekt. Und zwar bestätigt Heschel einerseits die Auslegung Pryors, indem er formuliert: "[T]he way of faith is a way of living" (God in search of Man, New York 1983, S.344), womit er den Ausdruck der Liebe zu Gott letztlich in sämtlichen Geboten gegeben sieht. Entscheidend aber sei dabei das Ziel "to transform the performer" (ebd., S.337). Das Ausführen der Gebote habe neben dem direkten praktischen Nutzen v.a. zwei Ziele: 1. Die Anbetung Gottes, 2. die Veränderung desjenigen, der das Gebot ausführt.

Dieser letzte Gedanke entspannt(e) mich bei der Frage, ob es überhaupt hilfreich ist, einem Obdachlosen einen Euro zu geben. Entscheidender ist zunächst, daß Gott meine innere Einstellung (Menschenfurcht, Berührungsängste, abwertende Gedanken) ändern und dadurch Seine Herrschaft in mir groß machen will. Daraus mag Größeres entstehen, mehr zumindest, als das Geld lieblos zu verschenken.

Es bleibt die Aufgabe herauszufinden, ob jemandem tatsächlich mit einem oder zwei Euro längerfristig geholfen ist. Daß ich aber in diesem Moment des Gebens mindestens drei Parteien einen Liebesdienst erweisen kann - dem Obdachlosen, Gott und mir selbst -, ist nicht von der Hand zu weisen.

Mittwoch, 22. September 2010

UPDATE: 3. Oktober 2010 - 20 Jahre Deutsche Einheit, Gott sei Dank!

Nun steht es also fest: Wir werden uns am 3. Oktober um 12.00h auf dem Bahnhofsvorplatz des Hauptbahnhofs hier in Mainz treffen. Ich freu mich auf jeden, der kommt. Laßt uns Gott danken!

Sonntag, 19. September 2010

3. Oktober 2010 - 20 Jahre Deutsche Einheit, Gott sei Dank!

Der 3. Oktober rückt mal wieder näher, und bislang hatte ich keinen sonderlichen Bezug zur Deutschen Einheit, da ich sie von klein auf immer für selbstverständlich hinnahm. Nun bin ich aber auf eine deutschlandweite Aktion aufmerksam geworden, zu finden unter http://3oktobergottseidank.de/Startseite.html. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, daß die Deutsche Einheit nicht rein politisch zu betrachten ist, sondern vor allem auch geistlich. Denn Gott hat immer wieder durch Völker gehandelt, die (vornehmlich) hebräische Bibel ist voll davon. Und so bin ich sicher, daß Er auch hier maßgeblich seine "Finger" im Spiel hatte.

Deshalb wollen wir hier in Mainz - wie in vielen anderen deutschen Städten auch - unsere Dankbarkeit Gott gegenüber ausdrücken, indem wir uns zu einem Flashmob (= spontanes Meeting von Menschen, organisiert durch die virtuelle Welt) einladen und uns um 12.00h an einem zentralen Mainzer Platz treffen (Bahnhofsvorplatz oder Rathausplatz - genaueres in den nächsten Tagen). Wie in den anderen Städten, so auch bei uns: 2min Stille und 20min Dankbarkeit. Genaueres auch später.

Wer von uns kennt nicht eine Vielzahl an Menschen, die entweder aus Ostdeutschland kommen oder jenseits des "eisernen Vorhangs" gelebt haben? Vermutlich würden wir sie heute gar nicht kennen, gäbe es ihn noch...

An dieser Stelle möchte ich Dich ermutigen, entweder bei uns in Mainz teilzunehmen oder gar selbständig in einer anderen Stadt genau so etwas spontan zu machen, um auch dort Gott gegenüber Dankbarkeit auszudrücken, sollte es sowas dort noch nicht geben. Und wer weiß, welchen Effekt das Ganze neben der Dankbarkeit noch haben mag.

Ich freue mich auf die Aktion und bin jetzt schon für jeden einzelnen dankbar, der seine Dankbarkeit Gott gegenüber ausdrücken möchte. Bei Fragen dazu melde Dich gern!

Sonntag, 12. September 2010

Lobpreis - alles klar, oder?

Ein guter Freund von mir macht derzeitig für seine theologische Abschlußarbeit eine Umfrage zum Thema Lobpreis. Bislang haben sich bereits beinahe 1000 Leute daran beteiligt, was ein super Ergebnis ist. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle all diejenigen ermutigen, die an dieser Umfrage noch nicht teilgenommen haben, auf u.g. Link zu clicken und kurz die Fragen zu beantworten:

http://FreeOnlineSurveys.com/rendersurvey.asp?sid=k4lpvcr2lyo1pw9773572

Der Frabogen ist nicht sonderlich umfangreich, weshalb das Ausfüllen schnell gemacht ist. Die Wirkung könnte aber umso größer sein, da es darum geht, wie wir Lobpreis machen und gleichzeitig wahrnehmen.

Was letztlich dabei herauskommt, werde ich dann ebenfalls demnächst an dieser Stelle posten, auf dessen Ergebnis ich schon sehr gespannt bin. Also, bitte schnell ausfüllen und den Link gern an möglichst viele andere Christen weitergeben. Danke!

Sonntag, 5. September 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel - was ist Gebet?

"Gebet ist die Bindung an das Allerhöchste. Haben wir Gott nicht im Blick, gleichen wir verstreuten Sprossen einer zerbrochenen Leiter. Beten heißt, zur Leiter werden, auf der Gedanken zu Gott aufsteigen; so schließen wir uns der Bewegung an, die unmerklich überall im Weltall zu ihm aufbricht. Im Gebet verschieben wir das Zentrum des Lebens vom Selbstbewußtsein zur Selbsthingabe. Gott is das Zentrum zu dem alle Kräfte hinstreben. Gebet ist Antwort an Gott, indem der Mensch sein Kostbarstes Ihm zuströmen läßt, sein Herz vor ihm ausschüttet und sich für Ihn ansprechbar macht. Die Tiefe des Gebetes ist dann erreicht, wenn der Mensch über seine Freude und Trauer hinaus nur noch bei Gott und seinem Erbarmen zu Hause ist." - Abraham Heschel, der Mensch fragt nach Gott. Untersuchungen zum Gebet und zur Symbolik Neukirchen-Vluyn 1989, S.7

Freitag, 3. September 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel über die Trennung von "Denken und Fühlen"

"Es ist unbiblisch, Emotion oder Leidenschaft vom Geist abzutrennen oder diese gar zu verachten. Diese Verachtung wurde möglich, da man der Ratio eine Macht der Überlegenheit über die Objekte ihres Erfassens zuerkannte. Sie wurde als aktives, bewegendes Prinzip des Denkens bestimmt, der Gegenstand der Erkenntnis jedoch als passives, träges Material aufgefasst, das durch die Ratio erfasst wird. Durch Denken schaffen wir kein Objekt, sondern wir werden durch ein solches herausgefordert. Deshalb ist Denken Teil einer Emotion. Wir denken, weil wir bewegt werden. Das ist eine Tatsache, der wir uns nicht immer bewußt sind. Emotion aber ist unlösbar mit dem Geist verbunden, und Geist selbst ist bewegende Bewegung. Er löst Leidenschaft aus, Energie, erhöhte Vitalität, vermehrte innere Kraft, einen Antrieb. Folglich schließt Geist Leidenschaft und Emotion mit ein, darf aber nicht darauf reduziert werden. Denn er umfasst auch den Sinn und das Gespür für die Teilhabe an einer höchsten überindividuellen Kraft, an Willen und Weisheit ... Es ist nicht möglich, diesen Aspekt des Geistes an sich zu fassen. Er kann am ehesten als eine Richtung, als eine Dynamik verstanden werden, die zu Gott hinwendet: Theotropismus. Der Geist des Judentums ist heiliger Geist. In ihm sind wir uns der Verbundenheit mit dem ,Geist von oben' bewußt. Leidenschaft ist Bewegung. Geist ist bewegende Richtung." - Abraham Heschel, The Prophets, New York 1962, S.316
Als ich gerade in B. Dolnas Dissertation zu Heschel obiges Zitat las, mußte ich wieder einmal mehr darüber schmunzeln, wie weit das griechisch-europäische Weltbild von dem jüdisch-hebräischen entfernt ist, hier bzgl. der Trennung zwischen Emotion und Ratio. Was in guter griechischer Tradition als Kognition und Affektion zu oft auseinander dividiert wird, gehört bei Heschel ganz natürlich zusammen.

Sicherlich mag es Situationen geben, in denen ein Auseinanderhalten beider Komponenten sinnvoll ist; ich merke aber oft (z.B. bei mancher philosophischer Literatur), wie mich etwas zwar denkerisch herausfordert (womöglich kann ich kaum der Sprache folgen), mich in meiner Person aber nicht wirklich tangiert.

Allzu oft habe ich dies auch beim Studium an der Uni erlebt, weshalb bei einer verbesserten Ausbildung zukünftiger Theologen und Leiter im 21. Jahrhundert dieser Punkt in jedem Fall Beachtung finden sollte, um die Ganzheitlichkeit der Ausbildung zu gewähren (es sei nur am Rande wieder einmal auf D. Bonhoeffer verwiesen, der dies bereits vor etwa 70 Jahren forderte:
http://phil-mertens.blogspot.com/2010/07/lernen-von-dietrich-bonhoeffer-teil-6.html).

Damit ist obiges Zitat sicherlich längst nicht ausgeschöpft. Über einige Facetten muß ich weiter nachdenken, zumal man beim losen Überfliegen womöglich über den ein oder anderen Ausdruck stolpern könnte. Grundsätzlich schätze ich aber Heschels Blickwinkel und Herangehenweise und erhoffe mir noch vieles produktive davon. Mal abwarten, was da kommt...

Mittwoch, 1. September 2010

Einladung zum Emergent Forum 2010

Hier auch jetzt der Hinweis von mir aufs Emergent Forum 2010. Auf anderen Blogs lief die Ankündigung schon, ich wiederhole es trotzdem gern nochmal.

100%ig weiß ich leider nicht, ob ich selbst kommen kann, eins dagegen definitiv: Wenn nicht, werde ich vieles verpassen. Deshalb sollte ich mal schleunigst meine Termine klarkriegen; kann dies auch nur jedem anderen empfehlen, der sich dafür interessiert, mit anderen aktiven Leuten über Kirche im 21. Jahrhundert zu sprechen, zu diskutieren und sich gegenseitig zu inspirieren.

Emergent Forum 2010

Sonntag, 29. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel über "Empfänglichkeit für Gott"

"Wirkliche Empfänglichkeit für Gott wird dem zerbrochenen Herzen gewährt, dem Geist, der seine eigene Weisheit hinter sich läßt. In der Erkenntnis, daß wir bescheiden und überheblich, selbstverleugnend und anmaßend zugleich sind, daß unser Beten und Preisen nichts anderes als ein unverdientes Geschenk ist, eröffnen wir uns dem Unaussprechlichen in uns. Und je tiefer die Not, in die wir durch unsere Ohnmacht versetzt werden, ist, desto mehr enthüllen wir uns in unserem eigentlichen Wesen und werden selbst zum Ausdruck. Gebet ist dann mehr als Kommunikation, und der Mensch ist mehr als das Wort." - Abraham Heschel, Der Mensch fragt nach Gott. Untersuchungen zum Gebet und zur Symbolik, Neukirchen-Vluyn 1989 , S.26

Donnerstag, 26. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel über das "Feiern"

"Mir geht es beim Feiern um eine innere Würdigung, denn den Alltagshandlungen soll eine spirituelle Gestalt verliehen werden. Den erhabenen und feierlichen Aspekten des Lebens soll Aufmerksamkeit geschenkt werden, um über die Grenzen des Gebrauchs und Verbrauchs hinaus zu gelangen. Feiern meint, an einer größeren Freude teilzunehmen, Anteil am ewigen Drama zu erhalten. Die Absicht ist, Gott zu erheben, seinen Geist zu preisen, die Quelle allen Segens. Feiern bedeutet, Seine Gegenwart zu rufen, die in Seiner Abwesenheit verborgen ist." - Abraham Heschel, Who ist Man, Stanford 1965, S.118 (in deutscher Übersetzung von B. Dolna)

Mir kamen beim Lesen dieses Zitats spontan zwei Gedanken:
  1. Ich bin immer wieder fasziniert darüber, wie spirituell die - aus westlicher Sicht - profanen Dinge des Alltags im Judentum gesehen werden. Ich möchte gern erlernen, mehr und mehr solch eine Sichtweise, wie Heschel sie hier beschreibt, ganz praktisch in mein leben zu integrieren. Ganz konkret könnte das bedeuten: Dankbarkeit für den neuen Tag, für meinen Wohlstand, meine Frau und andere "Selbstverständlichkeiten". Ich wünsche mir, jenseits des Offensichtlichen Verknüpfungen zu Gott, seiner Herrlichkeit, Gnade und Liebe zu entdecken und zu erleben.
  2. Während in vielen christlichen Kreisen das Feiern Jahrhunderte über als teilweise teuflisch betrachtet wurde - gar in manchen Kirchen das Tanzen bis heute hin noch verboten ist -, benennt Heschel das Feiern als wesentlichen Bestandteil des Judentums. Normalerweise höre ich das "Feiern Gehen" eher im Umfeld meiner Schülerinnen und Schüler, da ich selbst eher introvertiert und Büchern zugewandt bin. Dennoch bin ich irgendwie inspiriert von der Art und Weise, wie Heschel vom Feiern spricht. Allerdings wünsche ich mir diesen spirituellen Tiefgang, der unterbewußt in den profansten Dingen wahrgenommen werden kann. Damit meine ich keine Vergeistlichung o.ä.; ich möchte somit keine billigen Klischees erfüllen im Sinne von "ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben", etc. Aber ich bin davon überzeugt, daß wenn wir als diejenigen, die Gott kennen und den Heiligen Geist in uns haben, auch in Parties die spirituelle Dimension erkennen, zu Seiner Ehre feiern und diese größere Freude erleben; dann werden Menschen, die Gott bislang nicht kennen, auch Hunger nach dieser Art des Feierns bekommen.

Sonntag, 22. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel zu "Erlösung"

"Ein Mensch sollte sich stets als zur Hälfte schuldig und zur Hälfe als anerkennenswert betrachten. Wenn er eine gute Tat vollbringt, gesegnet sei er. Denn er läßt die Waagschale der Verdienste sinken; wenn er eine Übertretung begeht, wehe ihm. Denn er senkt die Schale der Schuld. Jeder Mensch hat zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt. Aber nicht nur das Individuum, die ganze Welt lebt in einem Schwebezustand. Die einzige Tat eines einzelnen Menschen kann über das Schicksal der Welt entscheiden. Wenn er eine gute Tat vollbringt, gesegnet sei er, denn er senkt die Waagschale für sich selbst und für die ganze Welt auf die Seite des Verdienstes; wenn er eine Übertretung begeht, wehe ihm, denn er bringt sich und die ganze Welt auf die Seite der Schuld." (Hervorh. v. Verf.) - A. J. Heschel, Gott sucht den Menschen, Neukirchen-Vluyn 1989, S.220
Harter Stoff, den Heschel hier zum besten gibt, besonders die Aussage, der Mensch habe zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt. Klassisch christlich-konservativ würde man vermutlich argumentieren, daß Adam und in ihm alle Menschen gesündigt hätten - quasi Erbsünde -; gleichzeitig habe Jesus allein am Kreuz für die Sünden der Welt bezahlt und dadurch Erlösung vollbracht.

Nun war Abraham Heschel aber Jude und kein (zumindest wissentlicher) Nachfolger Jesu. Trotzdem hatte er ein biblisches Menschenbild vor Augen, und gerade seine Ablehnung der klassisch-augustinischen Erbsündenlehre klingt für mich sehr sympatisch und biblischer als Augustins Lehre. Da mich gerade die Thematik über den Anteil des Menschen an der Erlösung sehr interessiert, werde ich Heschels Gedanken weiter nachgehen und bin gespannt, welche neuen Perspektiven er mir fürs Bibel-, Menschen- und v.a. Gottesverständnis aufschließt.

Freitag, 13. August 2010

Was wäre, wenn Dietrich Bonhoeffer heute noch leben würde? Teil 1: Zur Einführung

Flapsig ausgedrückt: Er wäre rein rechnerisch 104 Jahre alt - sicherlich nicht unmöglich, wie andere Leute beweisen.

Meine Gedanke zielt letztlich in folgende Richtung: Wie sähe unsere Kirchenkultur wohl heutzutage aus, wenn Dietrich Bonhoeffer doch den Zweiten Weltkrieg überlebt und nicht am 9. April 1945 (nur 21 Tage vor Hitlers Tod!) im KZ Flossenbürg hingerichtet worden wäre?

Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, daß ich schon desöfteren irgendetwas über Dietrich Bonhoeffer hier verfaßt habe. Desweiteren habe ich bereits vor einiger Zeit angekündigt, den ein oder anderen Blogeintrag zu Gemeinsamkeiten zwischen Bonhoeffer und postmoderner Kirche/Emerging Church zu verfassen. Allerdings frage ich mich mittlerweile, welchen Sinn es wohl haben könnte aufzuzeigen, wo sich Überschneidungen finden lassen.

Interessanter erscheint mir folgender Ansatz: Wenn es eine Vielzahl an grundlegenden Gemeinsamkeiten zwischen Bonhoeffer und postmoderner/Emerging Church-Theologie gibt, wäre es doch spannend zu überlegen, wie sich Kirche nach Ende des Zweiten Weltkrieges hätte entwickeln können unter dem Wirken eines solch bedeutenden und einflußreichen Mannes wie Dietrich Bonhoeffer. Daß er das war, steht für mich außer Frage; zumindest ist Eberhard Bethges große Bonhoeffer-Biographie sehr eindeutig in diesem Punkt.

Ich möchte deshalb in weiteren Blogeinträgen immer mal wieder einen Aspekt herauspicken, der einen Konsens in der Emerging Church-Szene darstellt oder zumindest irgendwie damit im Zusammenhang steht, aber gleichzeitig von Bonhoeffer thematisiert oder angerissen wurde und wiederum für seine Zeit ganz untypisch ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Evangelische Kirche in Deutschland vor einem entscheidenden Neuanfang, und Bonhoeffer hätte sicherlich maßgeblich dazu beigetragen, dieser Kirche eine entsprechende Form samt Inhalt zu geben.


Doch dazu ist es, wie wir ja wissen, nie gekommen. Deshalb: Wie hätte sich möglicherweise Kirche in Deutschland anders entwickelt, hätte Bonhoeffer sie maßgeblich geprägt?

Folgende Bereiche kommen mir in den Sinn und werde ich nach und nach durchdenken (für Ergänzungen bin ich selbstverständlich offen und interessiert):
  1. Kirchenstruktur/-organisation/Formales
  2. Inkarnation Christi
  3. Theologenausbildung
  4. Persönliche Spiritualität
  5. Religionsloses Christentum
  6. Alttestamentliche Eschatologie
  7. Ganzheitliche Nachfolge
  8. Kollektivethik vs. Individualethik

Montag, 26. Juli 2010

Zum Nachdenken: Bonhoeffer und die missionale Gemeinde

"So ist der erste Auftrag an die, die zur Kirche Gottes gehören, nicht etwas für sich selbst zu sein, also etwa eine religiöse Organisation zu schaffen oder ein frommes Leben zu führen, sondern Zeugen Jesu Christi an die Welt zu sein." - Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, 2. Auflage Gütersloh 1998, S.50

Als ich obiges Zitat heute bei Bonhoeffer las, mußte ich spontan an zwei Dinge denken:
Erstens bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie innovativ er für seine Zeit bereits dachte (kurz und knapp gesagt).

Zum zweiten (ausführlicher): Bonhoeffer formulierte diesen Satz in einem theologischen Gesamtzusammenhang. Ihm war klar, daß das Zeugnis Geben authentische Nachfolge, ernsthafte Spiritualität u.ä. voraussetzt, was er spätestens seit seiner Finkenwalder Zeit selbst und v.a. mit anderen zusammen praktiziert hatte.

Heutzutage erlebe ich dagegen leider immer wieder Gemeinden, in denen es zwar hip zu sein scheint, das Wort "missional" besonders groß zu schreiben, um Menschen zu erreichen und sich nicht länger hinter den eigenen Mauern zu verschanzen (was ja grundsätzlich gut ist). Unglücklicherweise kommt aber oft der erste Part, das geistliche Leben, zu kurz, wodurch Menschen ausgebrannt sind, die Perspektive fehlt u.v.m. - nicht wegen des falschen Denkens über Kirche und Welt, sondern womöglich, weil "missional" nicht mehr unterstützende Struktur ist, sondern irgendwie doch Ziel, also beinahe verabsolutiert wird, sich verselbständigt.

Dadurch mögen Menschen numerisch dazu kommen und sich auch idealerweise für ein Leben als Nachfolger Jesu entscheiden. Aber wenn gleichzeitig immer wieder die Rede vom Reich Gottes ist, sollte doch der Rahmen vorhanden sein, in dem Menschen als Nachfolger Jesu ihrem Vorbild - Jesus - ähnlicher werden können und das Reich Gottes in der Welt leben und repräsentieren - sei es durch Vorbilder in der Gemeinde (inkl. Mentoring/Coaching/Seelsorge), durch Lehre, Gebet, Musik, etc. Wenn wesentliche Bereiche davon nicht gegeben sind, dürfte es für einen Teil der Nachfolger schwierig werden, da nicht jeder die Persönlichkeit besitzt, sich mit allem Notwendigen geistlich selbst zu versorgen. Nicht jeder ist Individualist, und Programme, solange sie mit Leben gefüllt sind, tatsächlich dienen und möglichst viele aktiv werden, sollten nicht grundsätzlich zum Sündenbock erklärt werden.

Die Konsequenz, die ich nicht selten beobachte, habe ich bereits genannt: Menschen brennen aus, und das eigentliche Ziel, Reich Gottes zu bauen, verläuft im Sande. Dürfte es da nicht sinnvoller sein, aus einer gesunden Spiritualität, die natürlich die Dimension des Gesendetseins einschließt, Reich Gottes zu leben? Sind wir nicht an manchen Punkten vielleicht schon zu müde des Diskutierens über missionale Gemeinde und sollten uns dem Gebet, der Gemeinschaft, der Bibel, der Musik, usw. zuwenden, um aus dieser Kraft heraus Jesus nachzufolgen? Darüberhinaus: Welche Attraktivität auf meine Umgebung strahle ich denn eigentlich aus, wenn nicht erfüllt von der Kraft des Heiligen Geistes?

Mein Statement mag hier etwas schwarz-weiß formuliert sein. Umso dankbarer bin ich über jeden Kommentar und hoffe, intensiv über die Thematik zu diskutieren - v.a. mit dem Ziel, missionale Gemeinde mit intensiver Spiritualität zu sehen und zu erleben.

Montag, 19. Juli 2010

Lernen von Dietrich Bonhoeffer, Teil 6: Ein Plädoyer für eine alternative Theologenausbildung

"An die Universität glaube ich nicht mehr, habe ja eigentlich nie daran geglaubt - zu ihrem Ärger. Die gesamte Ausbildung des Theologennachwuchses gehört heute in kirchlich-klösterliche Schulen, in denen die reine Lehre, die Bergpredigt und der Kultus ernstgenommen werden - was gerade alles drei auf der Universität nicht der Fall ist und unter gegenwärtigen Umständen unmöglich ist. Es muß auch endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden - es ist ja doch alles nur Angst." - Dietrich Bonhoeffer, DBW 13, S.204f.

Dietrich Bonhoeffer, einer der Top-Theologen seiner Zeit
(promoviert mit 21 Jahren, habillitiert mit 24 Jahren), war geradezu prädestiniert für einen Lehrstuhl. Diese Option zog er tatsächlich immer wieder in Betracht, ja war förmlich am Ringen mit ihr, distanzierte sich aber doch innerlich immer mehr und mehr vom klassischen universitären Betrieb, sei es begründet durch ein steigendes kirchliches Interesse oder auch eine Enttäuschung über eine Vielzahl an Professoren, die sich während der NS-Zeit nicht entschieden gegen das Regime abgrenzten.

Unglücklicherweise fand Bonhoeffer ebensowenig Rückhalt und eine entschiedene Opposition gegen die "Deutschen Christen" (arisches Evangelium, etc.) und das Hitler-Regime
innerhalb der deutschen evangelischen Kirche. Denn sowohl seine Gedanken über den rechten Glauben (Bonhoeffer war einer der ersten, der sich 1933 entschieden gegen einen Antisemitismus aussprach; vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, Gütersloh 2005, 9. Auflage) als auch über das rechte Leben als Christen - mit seinem Höhepunkt in der "Nachfolge" von 1937 (= DBW 4) - schien für die damalige Volkskirche zu krass und radikal zu sein - und für die Heutige offenkundig ebenso. Tatsächlich ging es ihm nämlich bei Schlagworten wie "Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt" (DBW 4, S.52) u.a. um "Teilhabe am stellvertretenden Leiden Christi" (Bethge, S.522) oder auch einen für Lutheraner damaliger Zeit geradezu konspirativ-wirkenden Pazifismus, wie man ihn heutzutage z.B. bei Leuten wie Shane Claiborne findet.

Immerhin erhielt Bonhoeffer ab 1935 als Studienleiter eines Predigerseminars in Pommern
die Möglichkeit, mit seinen Studenten o.g. Gedanken zu teilen und zu leben. Es fand somit eine Mischung aus theologischem Nachdenken und Lebenstransformation statt. Er konnte endlich die Kombination von Leben und Lehre als die einzig legitime Form von Glauben kommunizieren.

Als ich all dies von und über Bonhoeffer las, kam ich mal wieder ins Grübeln. Denn mit dem o.g. Statement spricht er aus meiner Sicht etwas ganz Zentrales an, was ich selbst auch so erlebt habe und bei vielen beobachte: Ein Universitätsstudium (oder äquivalentes Bibelschulstudium) verändert nicht notwendigerweise mein eigenes Leben und macht mich nicht zu einem verantwortungsbewußten Gemeindeleiter. Wenn wir für diese Generation Theologen und Leiter ausbilden wollen, die nicht nur mit Head-Knowledge gefüttert sind, brauchen wir eine enge Verknüpfung von Theorie, Praxis und Nachfolge, also ein ganzheitliches Studium. Selbst bei Leuten mit einem sehr starken Interesse für Lehre reicht es nicht aus, sich lediglich mit Büchern und deren Inhalten zu beschäftigen.

Jesus, unser Vorbild von Lehrer und Leiter, hat es ganz ähnlich gemacht. Denn seine oberste Priorität war Jüngerschaft und damit Nachfolge mit keinem geringeren Ziel als das ihm ähnlich Werden. Deutlich formuliert wird dies z.B. im Missionsbefehl
(Mt 28,19): "Machet zu Jüngern...!" Damit wird wiederum zweierlei deutlich: 1. Bonhoeffer folgt niemand anderem als Jesus selbst, 2. müssen wir zurück zum jüdischen Background unserer geistlichen Wurzeln. Denn u.a. durch den griechischen Einfluß auf die Kirche und die Scholastik im Mittelalter ist leider oft die Lehre von der Nachfolge abgekapselt worden. Es ging zu oft mehr um philosophische Erkenntnis einer abstrakten Wahrheitsfrage denn um reales Leben, Nöte, usw. (pauschal beschrieben). Die jüdische Tradition dagegen, in der Jesus lebte, verband beides miteinander.

Folgende zwei Seiten (der einen Medaille) scheinen mir derzeitig am grundlegendsten zu sein (die Bonhoeffer im Zitat oben auch anschneidet):
  1. Theologie zielt letzten Endes immer auf Beziehung mit Gott und Nachfolge Jesu. Sie sollte aus meiner Sicht sogar eine persönliche Form von Anbetung Gottes sein, wie dies andernfalls vielleicht durch Musik oder Gebet geschieht. Sie läßt mich nicht unberührt, denn in der Begegnung mit Gott passiert immer notwendigerweise Veränderung.
  2. Jede Theologie, die auf der Bibel bzw. Jesus selbst und seinem Anspruch auf Jünger-Machen fußen will, muß an irgendeinem Punkt auch praktische Relevanz für Kirche und Welt haben. Falls nicht, betreibt man sie lediglich fürs Bücherregal.
Eine Zeit lang habe ich tatsächlich darüber nachgedacht, wie es wäre, das gesamte theologisch-universitäre Ausbildungssystem nach o.g. Maßstäben zu reformieren. Mittlerweile bin ich aber davon überzeugt, daß das Uni-System an sich nicht dafür gemacht ist, Theologen und Leiter auszubilden. Das fängt mit den Inhalten an, hört aber spätestens bei ihrer genuinen Praxisferne auf: Es läßt sich nicht jemand theoretisch auf die Praxis vorbereiten! Stattdessen erscheint mir folgendes sinnvoll: Eine Verknüpfung von guter Theorie (durch theologische Lehrer, die der Praxis alles andere als fern sind) und praktischer Ausbildung innerhalb der Gemeinden (mittels Mentoring, Seelsorge, Persönlichkeitsentwicklung, etc.), wie es z.B. schon von Ausbildungsstätten wie dem "Institut für Gemeindebau und Weltmission" (IGW) oder auch der "Akademie für Leiterschaft" (AfL) angeboten wird. Dort wird an einigen Tagen pro Woche (gemeinsam) ein Pensum an Theorie bewältigt, das i.d.R. neben den klassisch-theologischen Disziplinen (AT, NT, KG, ST, PT) auch solche Kurse beinhaltet, die tatsächlich für die Gemeindepraxis sinnvoll und hilfreich sind, wie "Gemeindebau im 21.Jh." oder auch Inputs zu kulturrelevanten Themen. Daneben sind die Studenten in ihrer Gemeinde beschäftigt und werden in der Praxis für die Praxis geschult und dürfen sich ausprobieren.

Als Bonhoeffer obiges Zitat formulierte, war er schon mittendrin im Kirchenkampf. Ihm war klar, daß die Verknüpfung von Beziehung zu Gott, der theologischen Schulung und dem eigenen Charakter maßgeblich für den Theologen war, der sich innerhalb dieses Kirchenkampfes zu positionieren hatte. Sicherlich mag auch seine Zeit einen wesentlichen Einfluß auf ihn gehabt haben. Aber in Zeiten von Mißbrauchsskandälen u.v.m. sollte die Einheit von Leben und Lehre das A und O sein, um authentisch Kirche in dieser Welt zu leben und zu repräsentieren.

Um zukünftige Leiter dieser möglichst authentischen Kirche auszubilden, sind Ausbildungsstätten wie das IGW oder die AfL von unschätzbarem Wert, und ich wünsche mir, daß zukünftig noch wesentlich mehr theologische Ausbildungsstätten diesen zwei Vorbildern folgen, und daß ganze kirchliche Bünde an solch einer Ausbildungsstätte ihre Leiter ausbilden lassen. Sicherlich sind auch dort noch an vielen Stellen Verbesserungen möglich, aber die ersten wesentlichen Schritte sind dort mit der Verknüpfung von Theorie und Praxis gegangen. Dietrich Bonhoeffer hat wieder einmal gezeigt, wie innovativ er schon gedacht hat und daß es sich immer wieder lohnt, sich mit seiner Person und seinem Werk auseinanderzusetzen.

Montag, 5. Juli 2010

Gottesdienst/Anbetung - Wem dient das eigentlich?

Gestern hörte ich ein sehr interessantes Teaching über "Anbetung/Worship" von Dwight A. Pryor. Aufbauend auf vielen kleineren, sehr interessanten Facetten über Anbetung/Worship im Alten und Neuen Testament ging er der Frage nach, für wen wir Christen heutzutage eigentlich den Gottesdienst veranstalten und mit welcher Haltung wir demgemäß agieren. U.a. nannte er als mögliche Empfänger den regelmäßigen Gottesdienstbesucher oder auch den "Seeker" (wie es so schön bei Willowcreek u.ä. Gemeinden heißt), der ein möglichst intensives Erlebnis mit Gott haben soll.

Dwight hob dagegen anhand der biblischen Texte hervor, daß der Gottesdienst bzw. die Anbetungselemente zuerst immer Gott als Ziel haben sollte(n), womit er nicht kulturell-geprägte Ausdrucksformen im Blick hat, sondern lediglich nach dem Adressaten fragt. Worship könne seiner Ansicht nach deshalb ebenso in Formen von Hymnen wie in aktuellen Praisesongs verpackt werden. Entscheidend sei aber, daß es zunächst einmal darum gehe, Gott eine Wertschätzung entgegenzubringen (engl. "worship" von "
worth-ship"), und erst sekundär darum, den einzelnen emotional zu ergreifen (was womöglich daraus folge).

Sicherlich darf man nicht beides gegeneinander ausspielen (was Dwight auch nicht beabsichtigt). Und es sollte auch klar sein, daß in jedem Gottesdienst der Mensch als reale Größe wahrzunehmen ist, was bedeutet, daß beispielsweise die Worshipband nicht nur direkt Gott die Ehre gibt, sondern auch immer im Dienst der Gemeinde steht (was ein gewissen musikalisches Niveau voraussetzt, usw.). Eines wurde mir in diesem Zusammenhang aber mal wieder klar: Wenn bei Worship/Anbetung die Richtung vom Menschen zu Gott ist (als Antwort auf Gottes Liebe wohlgemerkt), bedeutet dies an erster Stelle, daß jedes Gegenüber von Akteuren und Teilnehmern des Gottesdienstes überwunden ist: Was Paulus in Gal 3,28 über Juden und Griechen, Männer und Frauen, Sklaven und Freie schreibt - daß sie alle einer sein sollen -, hat in diesem Fall auch Prediger und Zuhörer, Musiker und Hände hebende Anbeter zu betreffen. Sie sollen vor Gott einer sein, nämlich der anbetende Leib Christi. Dabei geschieht auch Erbauung der Gemeinde und des einzelnen; vor allem
aber wird eine Konsumhaltung unterbunden, die in populären Gemeinden wie Willowcreek oder Hillsong gern mal zutage tritt.

Diese Konsumhaltung kann in sämtlichen Bereichen auftreten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß der Konsum von Theologie dazu führen kann, primär etwas über Gott zu erfahren. Nach und nach kann ich dann damit prahlen, wieviel ich schon über Ihn anhand der Bibel weiß, usw. Aber das bringt mich nicht notwendigerweise auch nur einen Schritt näher zu Ihm und führt möglicherweise weder zur Ehrfurcht noch zum anbetenden Niederfallen vor Seiner Herrlichkeit. Mit Worshipsongs gilt dies natürlich ebenso: Ich kann zig Songs auswendig wirklich gut singen können, aber in Gottes Ohren ist es möglicherweise nur "ein tönendes Erz oder eine klingelnde Schelle" (1 Kor 13,1).

Ich denke, daß ich mich in nächster Zeit mal intensiver der Frage widmen werde, was getan werden kann, damit weder die Worship-Session noch die Predigt zum reinen Konsum verführen: Muß beides möglicherweise doch mehr Ecken und Kanten haben? Muß der einzelne noch bewußter mit dieser eben genannten Problematik "konfrontiert" werden? Kann es hilfreich sein, Predigten zu halten, die in Wort (und Bild, Video, etc.) Gottes Wesen, Seine Herrlichkeit und Größe noch mehr in den Vordergrund stellen?

Dies seien nur mal ein paar erste Gedanken. Ich freue mich über jeden, der mit mir in die Konversation darüber einsteigen möchte; ebenso bei Fragen oder Einsprüchen; vieles habe ich noch gar nicht angeschnitten. Ich bin aber mal gespannt, ob sich daraus etwas entwickelt. Warten wir's ab.

Sonntag, 20. Juni 2010

Reich Gottes, soziale Gerechtigkeit und bedingungsloser Pazifismus: Shane Claibornes "The irresistible revolution. Living as an ordinary radical"

Auf den ersten Blick wirkt Shane Claiborne wie ein Hippie bzw. Freak, wie er im Buche steht: Lange Dreadlocks, weite - nicht besonders stylische - Klamotten und redet eigentlich die ganze Zeit über nichts anderes als Frieden und Gerechtigkeit; eben typisch Hippie und damit völlig weltfremd, mag man denken. Doch bei genauerem Hinsehen bzw. Nachlesen seines Buches "The irresistible revolution. Living as an ordinary radical", Michigan 2006 (dt.: "Ich muss verrückt sein, so zu leben. Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe") wurde mir schnell klar, daß hier jemand schreibt, der mehr zu sagen hat, als lediglich abgedroschene Formeln zu wiederholen.

Ich möchte nachfolgend keine ausführliche Buchrezension vorlegen, sondern lediglich ein paar Notizen über das Buch geben, weshalb es sich lohnt, es zu lesen. Ein paar Gedanken meinerseits schließen sich dem an.

Mit etwas mehr 350 Seiten gehört das Buch sicherlich zu den Umfangreicheren des Genres; da aber weder Stil noch Inhalt abstrakt geschrieben sind, sondern Shane die meiste Zeit über Geschichten aus seinem Leben oder dem Leben anderer schildert, läßt es sich sehr gut und flüssig lesen.


Mit dem Stil verbunden ist auch der rote Faden: Es gibt nämlich eigentlich keinen. Zumindest habe ich ihn beim Lesen nicht entdeckt, muß allerdings auch dazu sagen, daß ich es nicht in einer Woche gelesen habe, sondern wohl eher über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten.


Daß dieser rote Faden nicht auf Anhieb zu entdecken ist, mindert keineswegs die Qualität des Buches. Vielmehr versucht Shane, anhand seiner Erlebnisse, verbunden mit theologischen Erläuterungen, seine Punkte deutlich zu machen. Hier schreibt jemand, der nicht nur theoretisch zu einem Ergebnis gekommen ist, z.B. das Feindesliebegebot Jesu wortwörtlich ernst zu nehmen. Denn er berichtet beispielsweise, wie er während des zweiten Golfkrieges in den Irak geflogen ist, um dort mit den Menschen zu leben, sie zu verstehen und von ihnen zu lernen.
Einige der Geschichten, die Shane erlebt hat und mich besonders angesprochen haben, seien nachfolgend kurz genannt:
  • Shane berichtet ausführlich von der Kommunität "The simple way", der er selbst angehört und die Teil der Bewegung "New Monasticism" ist. Hierbei handelt es sich um eine sehr spartanisch eingerichtete Lebensgemeinschaft im sozialen Brennpunkt Philadelphias. Alle Bewohner haben es sich u.a. zur Aufgabe gemacht, den Menschen vor Ort zu dienen und neue Hoffnung zu schenken. Es geht ihnen um den persönlichen Kontakt zu und die Solidarisierung mit Obdachlosen, Prostituierten, usw., denn Shane ist der Ansicht, daß man erst durch tatsächlichen Kontakt auch selbst verändert wird. Mich fordert dieser Gedanke ziemlich heraus, weil ich bislang immer Schwierigkeiten z.B. im Umgang mit Obdachlosen habe; grundsätzlich finde ich den Gedanken aber gut.
  • Ein für mich sehr ernstzunehmendes Thema ist das Hinterfragen bestimmter gesellschaftlicher Gegebenheiten (z.B. Kapitalismus) oder auch einen religiösen Konservatismus, wie er durch G.W. Bush vertreten wird. Shane erzählt sehr bildhaft, wie er während des US-Präsidenten-Wahlkampfes Eintritt zu einer besonderen Veranstaltung Bushs erhält. Als Bush anfängt zu reden, beginnt Shane mit dem Zitieren von Bibelversen, ähnlich wie schon die Propheten des Alten Testaments.
  • Besonders emotional einnehmend empfinde ich auch Shanes Bericht über seine Zeit im Irak. Statt von Irakis getötet zu werden, wie es - salopp formuliert - seine Landsleute mit den Irakis im Krieg ja tun, wird er als Gast herzlich aufgenommen und Leben werden geteilt. Shane macht erneut darauf aufmerksam, daß hinter jedem getöteten Iraki ein Sohn, Bruder und womöglich auch Familienvater bzw. Ehemann steckt. Er tritt damit ein für einen bedingungslosen Pazifismus, dem ich gern zustimmen und ebenfalls umsetzen möchte.
Theologisch verbindet Shane die Berichte immer wieder mit Jesus-Erzählungen und Gedanken zum Reich Gottes. Aus meiner Sicht schafft er es sehr gut, Christentum bzw. Nachfolge Jesu nicht nur auf soziale Gerechtigkeit zu reduzieren. Natürlich ist dies sein Kernthema, aber je mehr ich Jesus verstehe, je mehr ich mich auch mit dem jüdischen Denken und Weltbild auseinandersetze - dem Jesus ja eindeutig entstammt -, desto mehr komme ich zurück zum Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37ff.), bei dem Jesus (nach meinem Verständnis) folgendes sagen möchte (die alten jüdischen Auslegungsregeln berücksichtigend): Wenn Du Gott lieben willst, liebe Deinen Nächsten!


Wir Christen neigen ja gern dazu, die Eschatologie (Endzeit; Rückkehr Jesu; neuer Himmel und neue Erde) vom Hier und Jetzt zu trennen und auf ein unbestimmtes Später zu reduzieren. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, daß unser jetziges Tun Konsequenzen haben wird; nicht (so sehr) im juristischen Denken, daß wir für unsere Taten einstehen müssen. Vielmehr glaube ich, daß es ganz praktische Konsequenzen auf den erneuerten Himmel und die erneuerte Erde haben wird. Wie sich das im Detail verhält, möchte ich gern weiter herauszufinden (für Anregungen Eurerseits bin ich auch sehr dankbar und natürlich für Diskussion offen).

Wie sich das auch immer genauer verhalten mag: ich kann die Auseinandersetzung mit Shanes Gedanken und Erfahrungen nur wärmstens empfehlen, denn neben dem, was Gott bereits getan hat und täglich tut, liegt es an uns, ob wir bereit sind, Sein Reich zu empfangen (wie die Kinder) und es zu leben und weiterzugeben. Deshalb sei jedem die Lektüre dieses Buches wärmstens ans Herz gelegt. Ich selbst habe sehr davon profitiert. Ob ich es auch lebe, steht auf einem anderen Blatt...

Sonntag, 13. Juni 2010

Zum Nachdenken: Attraktivität des Evangeliums?

"I'm not sure the Christian gospel always draws a crowd. People may not stand in line for a Roman cross; after all, it's hard enough to wait in line at the shopping mall. In a culture so in fear of death that we stockpile from terrorists, people may not flock to an invitation to lose their lives."
Shane Claiborne, the irresistible revolution. Living as an ordinary radical, Grand Rapids 2006, S.317.

Sonntag, 30. Mai 2010

Zum Nachdenken: Die Juden und die Fragen der letzten Dinge

"Das Denken der Juden bewegt sich nicht kompulsiv um die Fragen des Seins nach dem Tod. Gott hat jedem Menschen eine Aufgabe hier auf Erden gestellt, die er mit aller Kraft zu erfüllen hat. Die Zukunft überläßt der Jude Gott und seiner Gnade. Es wurde ihm gelehrt, daß alle Israeliten und alle Rechtschaffenden der Völker an der zukünftigen Welt Anteil haben. Es wird berichtet, daß Rabbinen Gott baten, ihnen keine Gewißheit der Erlösung ihrer Seelen zu geben, damit sie Ihm aus reiner Liebe und nicht in Erwartung eines künftigen Lohns dienen konnten."
Leo Trepp, die Juden. Volk, Geschichte, Religion, Reinbek 1998, S.274.

Montag, 24. Mai 2010

...Das Größte aber ist die Liebe...





Als ich neulich mal wieder über meinen Lieblingsfim "Stardust / Sternenwanderer" nachdachte, kam mir sofort die Szene ins Gedächtnis, in der Yvaine über die Liebe redet (s.o.)
. Als Stern konnte sie bis zu ihrem Fall die Erde von der Distanz wahrnehmen und überblicken. Sie beschreibt, wie sie über Jahrhunderte massenweise Kriege, Haß, usw. erlebt habe. Das einzige, was es für sie erträglich gemacht habe, all das Leid zu sehen, sei die Liebe, da schönste, was sich im ganzen Universum finden lasse.

Mich persönlich spricht diese Szene deshalb immer wieder an, weil ich glaube, daß Yvaine (bzw. der Autor der Vorlage) damit eine ganz entscheidende Wahrheit erkennt: Das Größte von allem ist die Liebe. Und ich bin davon überzeugt, daß letztendlich jeder Mensch genau nach dieser Liebe sucht.

Die Bibel bestätigt uns dies. Nicht nur, daß die Liebe von allem das Größte sei, wie Paulus es im 1. Brief an die Korinther schreibt (Kap. 13, V.13); vielmehr wird die Liebe sogar als zentraler Wesenszug Gottes genannt (1 Joh 4,8.16): Gott ist Liebe! Das ist deshalb interessant, weil im gesamten Neuen Testament diese Gleichsetzung ansonsten nur mit einem einzigen Charakterzug geschieht, nämlich "Gott ist Geist" (Joh 4,24). Wenn Gott Liebe ist und echte Liebe immer ihren letzten Ursprung in ihm hat, müßten ja eigentlich auch die allermeisten Leute nach ihr in der Kirche bzw. bei den Vertretern Gottes auf Erden, den Christen, suchen.

Tatsächlich erkennt Yvaine in dieser Szene auch sehr deutlich, daß es auf der Erde vor allem Kriege, Mord und Totschlag gibt/gegeben hat. Dort befindet sich Gottes Liebe offenbar nicht, zumindest nicht erkennbar. Und wenn man sich mit der Kirchengeschichte befaßt, wird sehr schnell deutlich, wie oft selbst innerhalb der Kirche(n) diese Liebe nicht zum Vorschein gekommen ist, sondern genau das Gegenteil. Traurigerweise waren Christen viel zu oft keine guten Repräsentanten des einen Gottes, der sich doch derart in seiner Liebe offenbart hat, daß er sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat (vgl. Röm 8,31).

Es scheint auch, kein Wunder zu sein, wenn Menschen, die nach echter Liebe suchen, die sie eigentlich bei Gott erwarten sollten, doch nicht innerhalb der Kirche(n) fündig werden. Deutlich wird dies z.B. in einer Studie namens "UnChristian" von David Kinnaman, aus der u.a. hervorgeht, daß Christen vielmehr dafür bekannt sind, wogegen sie alles sind, nämlich: Homosexualität, Sex vor der Ehe, Abtreibung, etc. Aber könnte es nicht auch sein, daß jemand, der homosexuelle Gefühle hat, in seinem Innersten genau nach dieser Liebe sucht?

Symptomatisch ist es aus meiner Sicht, wenn Christen o.g. Prägung auf den Himmel verweisen, den Ort, an dem all dies Leid nicht mehr sein werde. Grundsätzlich ist es ja richtig, daß die Welt nicht durch äußere Taten von Menschen durch eine Art Fortschritt immer besser wird, und Johannes berichtet in seiner Offenbarung (Kap. 21) sehr deutlich davon, daß Gott es ist, der Erneuerung schenkt, Leid beendet usw. Aber gern wird dies als Vorwand genommen, sich mit aktuellen Problemen unserer Welt nicht auseinandersetzen zu müssen. Stattdessen konzentriert man sich auf den Himmel und reduziert das Christsein gern darauf, den Weg zum Himmel zu wissen (wo soll der eigentlich sein? Offb 21 berichtet sehr deutlich von einer erneuerten Erde, und Gott wird dort unter seinem Volk sein; ich behaupte in Anlehnung an N.T. Wright, daß es eine Verknüpfung zwischen irdischen Taten und dem gibt, was in Gottes neuer Welt sein wird).

Deshalb bin ich der Überzeugung, daß gerade wir als Nachfolger Jesu dazu aufgerufen sind, diese Liebe Gottes in die Welt zu tragen und in möglichst jeder Situation zu leben. Jemand, der dies aus meiner Sicht wirklich vorbildlich lebt, ist Shane Claiborne, einer der Hauptvertreter der Erneuerungsbewegung "new monasticism". In seinem Buch "The irresistible revolution. Living as a ordinary radical" beschreibt er anhand zahlreicher Stories, wie er bzw. viele andere Menschen neben und vor ihm (von denen er lernt) diese Liebe Gottes ganz praktisch leb(t)en. Z.B. berichtet er von seinem Praktikum bei Mutter Theresa, die unter den Ärmsten der Armen und Kränkesten der Kranken lebte und den Menschen Würde schenkte. Oder während eines Bagdad-Besuchs zur Zeit des Iraks-Krieges lernt er von dortigen Irakis, wie diese ihn als Menschen lieben und schätzen können, während in gleichem Atemzug amerikanische Bomben auf die Dächer der Stadt niederprasseln.

Man mag darüber streiten, wie weit Shane Claiborne in seiner asketischen Lebensweise zu folgen ist, um möglichst Jesus-mäßig zu leben. Mir jedenfalls gibt er grundsätzlich genügend Punkte, durch die ich mein eigenes Leben immer wieder neu hinterfragen kann und möchte, um aus der Beziehung zu Gott heraus zu leben und Seine Liebe in die Welt zu tragen.

Daß Außenstehende von dieser echten Liebe angezogen werden, sich dies auch für ihr Leben wünschen und dadurch nach Gott fragen, ist mein Wunsch. Sicher ist es kein Allerheilmittel, um die Welt zu einem leidfreien Ort zu machen, aber wir können einen Unterschied machen und Jesus-mäßig Liebende sein, die ein Herz für diese Welt und ihre Mitmenschen haben. Shane ist ein ausgezeichnetes Vorbild, daß der Unterschied möglich ist. Und genau das ist aus meiner Sicht das Reich und die Herrschaft Gottes, die bereits in diesem Leben anfängt und wovon Jesus immerzu sprach.

Sonntag, 16. Mai 2010

Worship und musikalisches Know-How, Teil 1: Das "Fließenlassen" und Worship-Medleys

Vor kurzem hatten wir in unserer Gemeinde einen Workshop mit einem erfahrenen, amerikanischen Pastor für Worship und Creative Arts. Die Zeit war sehr intensiv und für viele sehr gesegnet. Ein Punkt dabei, der mir besonders an ihm auffiel, war folgender: Während des Lobpreises wechselte er als Leiter zwischen verschiedenen Songs innerhalb kurzer Zeit, spielte mal einen Refrain des einen Songs an, war dann schon wieder im Nächsten, ohne dabei Pause u.ä. zu machen. Dadurch konnte die Gemeinde sich im Gebet und in der Gegenwart Gottes fallen lassen, ohne dabei durch musikalische Brüche abgelenkt zu werden, und die Texte waren durch die bekannten Refrains in der Regel jedem präsent.

Ich hatte sowas früher, z.B. auf Jugendfreizeiten, auch schon öfters praktiziert, allerdings immer nur allein. Das klappte erwartungsgemäß recht gut. Innerhalb einer ganzen Band sind die Anforderungen aber komplexer. Da der positive Effekt solch eines Aneinanderreihens von Refrains (oder sonstigen markanten Songparts) auf eine Lobpreiszeit sehr hoch sein kann, möchte ich im folgenden dafür ein paar Tips geben. Dabei kann man zwei Herangehensweisen unterscheiden, die jeweils ihre eigenen Herausforderungen haben:
1. Die komplett durchgeplante Lobpreiszeit:

Diese Herangehensweise eignet sich besonders für solche Lobpreisleiter und Bands, die noch nicht allzu viel Erfahrung und/oder musikalische Improvisationsfähigkeiten besitzen. Denn man kann einfach anfangen, z.B. indem man sich die Refrains der gewählten Songs auf ein bzw. mehrere Blätter zusammenkopiert und selbst festlegt, wie oft man was spielen möchte. Hilfreich für den Fluß, den Sound und auch das Gut-Singen-Können ist es, wenn die Parts alle in derselben Tonart sind. Dadurch hat man eine harmonische Einheit, und die Übergänge zwischen den Songs funktionieren fast "wie von selbst".

Wenn man grundsätzlich Schwierigkeiten mit dem Transponieren (Umschreiben) von Songs in eine einheitliche Tonart hat, können zwei Dinge hilfreich sein: Entweder wählt man nur Parts aus, die auch tatsächlich schon in der gleichen Tonarten auf den Noten abgedruckt sind (wenn man aus einem Liederheft spielt), oder man meldet sich bei einer Computer-basierten Lieddatenbank wie "Songselect" (http://www.ccli.de/songselect/index.cfm) an. Dort hat man eine Fülle an Worship-Songs präsent und kann ganz einfach direkt die gewünschte Tonart anwählen. Gleichzeitig erwirbt man bei der Anmeldung die Rechte zum Spielen und Projizieren der Texte innerhalb der Gemeinde. Allerdings ist die Sache (natürlich) kostenpflichtig.

Nur sollte man darauf achten, daß das Ganze nicht zu statisch wird. Denn gern reiht man dann die Parts so hintereinander, daß jeder Teil zwei oder viermal vorkommt, am besten noch mit gleichbleibender Lautstärke. Dadurch kann es sehr schnell "langweilig" werden, weil jede Abwechslung fehlt. Da ist "Dynamik" das Zauberwort, also "lauter und leiser werden".
2. Das spontane (möglicherweise geistgeleitete) Spielen eines "Worship-Medleys":

Wer während der Lobpreiszeit bewußt flexibel sein möchte, um auf die Stimmung im Raum eingehen zu können, dem sei über das unter 1. Gesagte hinaus folgendes ans Herz gelegt:

Am besten sollte jeder involvierte Musiker die Akkordfolgen der zu spielenden Parts auswendig können. Dies hilft ungemein, um schnell auf die Leitung eingehen zu können. Denn der Leiter/die Leiterin wird möglicherweise den ein oder anderen Part komplett rauslassen oder einen bereits Gespielten später noch einmal wiederholen. Dafür ist aber unablässig, daß die anderen Musiker die Parts 1a kennen und auch durchs Hören
erkennen.

Ein weiterer Vorteil ist die (hoffentlich) positive Auswirkung auf die Dynamik: Wer den Ablauf eines solchen Worship-Medleys spontan hält, kann natürlich auch mit der Dynamik spielen, d.h. man kann z.B. ruhig anfangen und sich immer lauter werden. Oder man baut zwischenzeitlich an geeigneter Stelle einen Gebetspart über einen sich wiederholenden Part ein.

Diese zweite Variante bietet sich auch deshalb an, weil ein Großteil der bekannten Worship-Songs ähnliche Harmoniestrukturen verwendet, was bedeutet, daß immer wieder ähnliche oder gar gleichklingende Akkordfolgen gespielt werden, bei denen sich lediglich der Text ändert. Ohne wirkliche Dynamik, die auch noch die Stimmung im Raum aufnimmt, kann es sehr schnell zu einem Herunterleiern verschiedener, sehr ähnlich klingender Songs kommen.

Grundsätzlich können deshalb folgende Tools sehr hilfreich sein:
  1. Lerne Songs auswendig! Wenn Du Musik und Text im Kopf hast, kannst Du immer wieder spontan und flexibel in Lobpreiszeiten leiten, sowohl im Hauskreis als auch in größeren Meetings. Und als Musiker kannst Du flexibel auf die Leitung reagieren.
  2. Beschäftige Dich auch mit Musiktheorie! Es gibt relativ einfache Mittel, wodurch Du lernen kannst, einen Song harmonisch zu durchschauen. Und schnell wirst Du merken, daß viele Songs sehr ähnlich funktionieren. Das hilft auch ungemein beim Auswendiglernen.
  3. Höre bewußt Songs! Du kannst Musik natürlich als Ganzes wahrnehmen und auf Dich wirklich lassen. Aber um dem Grund dieser Gesamtwirkung auf die Schliche zu kommen, macht es Sinn, auch immer wieder hinzugehen und zu "analysieren", was die einzelnen Instrumente zum Ganzen beitragen. Dadurch lernst Du als Leiter, wie Du die Band zu "dirigieren" hast, damit Dynamik und Leben ins Spiel kommt, und als Musiker, wie Du auf die Leitung und die Gesamtstimmung reagieren kannst.
  4. Hört aufeinander! Nur wer die anderen Musiker wahrnimmt und zugunsten des Gesamt-Sounds spielt, trägt auch zur Einheit in der Lobpreiszeit und vor Gott bei. Dies läßt sich ganz praktisch während der Proben üben.

Mittwoch, 28. April 2010

"Seeker-Sensitivity"?

"In our culture of ,seeker sensitivity' and radical inclusivity, the great temptation is to compromise the cost of discipleship in order to draw a larger crowd." - Shane Claiborne, The irresistible revolution. living as an ordinary radical, Grand Rapids 2006

Und, hat er recht? Tun wir dies in unseren deutschen Kirchen auch?

Freitag, 16. April 2010

"Imagine - was wäre, wenn..." - Worship-Event in der Basis mit James Mark Gulley (Waco, Texas), Teil I

Zwei Tage sind rum, die wir in der Basis mit James Mark Gulley, einem der Top-Worship-Leiter aus den Staaten, verbracht haben. Das faszinierende für mich ist, daß schon so viel passiert und mein Leben verändert hat, obwohl es eigentlich richtig erst heute abend losgehen soll.
Die erste Begegnung mit ihm war am Mittwoch abend: Angekündigt war, daß James Mark kurz bei unserer Probe reinschauen würde, um uns kennenzulernen. Tatsächlich kam er aber absolut pünktlich und rockte den ganzen Abend mit, was für mich total phänomenal war, denn immerhin war sein Flieger erst am Morgen desselben Tages gelandet. Aber es lohnte sich, denn es war einfach ein Vergnügen, mit dem Mann auf der Bühne zu stehen.

Der gestrige Abend mit James Mark war wieder Band-intern und v.a. für seine Story, Fragen und eine praktische Übung gedacht. Nachdem mein erster Eindruck von James Mark ja schon sehr positiv gewesen war, durfte ich gestern weitere geniale Facetten kennenlernen. Denn der Mann kann nicht einfach nur gut singen oder Gitarre spielen, sondern sein Herz ist das eines Mannes Gottes, er ist ein echter Worshiper by heart. Schon als er seine Lebensgeschichte erzählte, stieg in mir eine Ehrfurcht Gott gegenüber hoch. Aber als wir zur praktischen Übung übergingen, und James Mark zu spielen und zu singen anfing, lagen die Emotionen blank: Er hatte von den liebenden - aber im Vokabular noch sehr beschränkten - Worten seiner Tochter (3 Jahre) an ihn gesprochen, mit dem sie ihrem Vater ihre Liebe. Und so sollten wir zu unserem himmlischen Vater singen, ob wir nun nach menschlichen Maßstäben singen könnten oder nicht. Mich persönlich setzte diese "Anweisung" unglaublich frei und ich merkte, wie mir in den letzten Monaten genau dies gefehlt hatte. Ich mußte/durfte ein weiteres Mal realisieren, daß über Gott nachdenken doch nicht dasselbe ist, wie für Gott zu singen und sein Herz ihm auf diese Art und Weise hinzulegen, und daß absolut beides von mir will.

Mit Vorfreude blicke ich auf heute abend und bin gespannt, was Gott noch alles tun wird...

Samstag, 10. April 2010

Neue Ansätze für die Nachfolge Jesu: "Untamed" von Alan und Debra Hirsch

Alan Hirsch, einer der Vorrreiter der postmodern-missionalen Gemeindebewegung, hat mit "Untamed" erneut einen zentralen Baustein für Christsein und Gemeinde behandelt: Jüngerschaft - diesmal in Kolaboration mit seiner Frau Debra Hirsch.

Nach einigen Wochen des Wartens habe ich "Untamed" nun auch endlich lesen dürfen, und um die Spannung gleich vorweg etwas aufzulösen: Es hat sich gelohnt!

Logischerweise erinnert mich vieles an das, was ich schon zuvor bei Alan gelesen habe, da die "DNA", also die theologischen Grundsätze dieselben sind; trotzdem lohnt sich die Lektüre, da zum einen auch ganz neue Inhalte angeschnitten werden, zum anderen - vielleicht auch durch die Kolaboration mit Ehefrau Debra - das Buch aufgrund zahlreicher erwähnter Ereignisse persönlicher rüberkommt als Alans andere Werke.


Aufgebaut ist das Buch anhand folgender vier "Bereiche" und ihren Unterkapiteln:
  • The untamed god: 1. Jeebus Made Me do It, 2. Your God Is Too Sick, 3. The Spirit's Edge
  • The untamed culture: 4. Kultcha-Schultcha, 5. The Church That Jesus Built, 6. Refocusing the Family
  • The untamed self: 7. The Lying Mirror, 8. Too Sexy for the Church?
  • The untamed mission: 9. Going Out, Going Deep
Von den bereits in vorherigen Büchern behandelten Themen werden z.B. folgende wieder aufgegriffen: Unsere Ansicht über Jesus (1.), Verbindung von Jüngerschaft und Mission, Shema-Spiritualität (=praktischer Monotheismus) (2.), die Ganzheitlichkeit von Jüngerschaft (right thinking, right acting, right feeling) (2.), der missional-inkarnatorische Aspekt, Consumerism (4.), APEST (5.) u.a., immer unter dem speziellen Fokus von Jüngerschaft.
Neu sind dagegen v.a. Gedanken zu folgenden Themen: "The Spirit's Edge" (3.), "Refocusing the Family" (6.) und "Too Sexy for the Church" (8.).

Der erste Punkt dürfte besonders für charismatisch geprägte Menschen hilfreich sein, die bislang beim Lesen von Alans Literatur die Dimension des Heiligen Geistes etwas vermißt haben; an dieser Stelle wird dem voll Rechnung getragen, ohne dabei aber auf konkrete Praktiken einzugehen:


"After years of being in ministry, we and many others have come to the conclusion that with enough of the right music, preaching, emotively charged atmosphere, and clever group-socialization (crowd-control) processes, you can pretty much grow a church without God." (S.86)
"The challenge for all of us is to get to know the Holy Spirit in deeper ways and to remember that God will not be reduced to a set of ideas and beliefs." (S.91)
"Untamed discipleship is Spirit-filled discipleship." (S.102)

In "Refocusing the Family" machen Alan und Deb auf das (ihrer Ansicht nach) heutige Mißverständnis von Familie als "unit consisting of parents (single or mixed) and 2.2 kids" (S.166) aufmerksam. Auf dem Hintergrund einer materialistischen Prägung des guten Lebens sehen die beiden die Protektion der Familie vor der Außenwelt als Konsequenz, was wiederum ihrer Meinung nach ein zentraler Grund für das Fehlen von Gastfreundschaft ist (vgl. S.165). Stattdessen ist für sie die pefekte Familie, sofern möglich, "not an idealized nuclear unit of consumption, but an inclusive, warm, inviting einvironment where people can get a glimpse of true community, and therefore of heaven." (S.170)

Anhand von Beispielen anderer Kulturen (Nelson Mandela und die afrikanische Kultur; das alte griechisch Oikos-Verständnis) zeigen die beiden auf, daß das Haus vielmehr als Café oder Pub verstanden werden könnte.

Mit "Too Sexy for the Church" wollen Alan und Deb den immer noch präsenten Dualismus zwischen Sexualität und Spiritualität überwinden und versuchen dies zunächst durch folgende recht breit gehaltene Definitionen:

Sexualität: "Essentially it is a longing to know and be known by other people (on physical, emotional, psychological, and spiritual levels)." (S.213)

Spiritualität: "Essentially, it is a longing to know and be known by God (on physical, emotional, psychological, and spiritual levels)." (ebd.)

"Discipleship involves knowing and being known by God through Jesus and living our lives in the kingdom of God." (S.215)

Der Bereich der Sexualität wird dadurch als Teil von Spiritualität, Jüngerschaft und Herrschaft Jesu betrachtet, konsequenterweise dann auch als heilig angesehen. An dieser Stelle werden deshalb nicht, wie manch einer sich das vielleicht wünschen würde, schnelle Antworten darauf gegeben, ob beispielsweise Sex vor der Ehe oder Homosexualität falsch ist. Damit schlagen Alan und Deb einen Weg ähnlich zu Rob Bells "Sex God" ein und ermutigen zur eigenen Auseinandersetzung mit den eben beschriebenen Themen, ohne in eine Gesetzlichkeit zu geraten. Interessanterweise verweisen die beiden in diesem Zusammenhang darauf, daß der Umgang mit Habgier gegenüber dem mit Sexualität einen größeren Impact habe und Jesus mehr über Geld als Sexualität geredet habe, womit sie letzteres nicht lapidarisieren, sondern lediglich das Schriftzitat aus 1 Kor 6 etwas aus der Pflicht nehmen wollen, wo es um die Sünde gegen den eigenen Leib geht.

Insgesamt überzeugt mich das Buch durch viele frische und neue Ideen. Zwar werden viele bereits zuvor veröffentlichen Themen erneut angeschnitten, sodaß der mit Alans Literatur bereits Vertraute zeitweise etwas gelangweilt wird, ist es gerade für solche, die sich noch nicht intensiver mit missionaler Theologie auseinandergesetzt haben, ein sehr guter Einstieg in diesen Bereich. Abgerundet wird jedes Kapitel durch Praxis-Vorschläge und eine Reihe von Fragen, die zum Start in eine Gruppendiskussion sehr hilfreich sein können, sodaß dieses Buch kein reines Theoriewerk bleibt, auch wenn es sicherlich auch nicht als "echtes" Praxiswerk zu verstehen ist.