Freitag, 3. September 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel über die Trennung von "Denken und Fühlen"

"Es ist unbiblisch, Emotion oder Leidenschaft vom Geist abzutrennen oder diese gar zu verachten. Diese Verachtung wurde möglich, da man der Ratio eine Macht der Überlegenheit über die Objekte ihres Erfassens zuerkannte. Sie wurde als aktives, bewegendes Prinzip des Denkens bestimmt, der Gegenstand der Erkenntnis jedoch als passives, träges Material aufgefasst, das durch die Ratio erfasst wird. Durch Denken schaffen wir kein Objekt, sondern wir werden durch ein solches herausgefordert. Deshalb ist Denken Teil einer Emotion. Wir denken, weil wir bewegt werden. Das ist eine Tatsache, der wir uns nicht immer bewußt sind. Emotion aber ist unlösbar mit dem Geist verbunden, und Geist selbst ist bewegende Bewegung. Er löst Leidenschaft aus, Energie, erhöhte Vitalität, vermehrte innere Kraft, einen Antrieb. Folglich schließt Geist Leidenschaft und Emotion mit ein, darf aber nicht darauf reduziert werden. Denn er umfasst auch den Sinn und das Gespür für die Teilhabe an einer höchsten überindividuellen Kraft, an Willen und Weisheit ... Es ist nicht möglich, diesen Aspekt des Geistes an sich zu fassen. Er kann am ehesten als eine Richtung, als eine Dynamik verstanden werden, die zu Gott hinwendet: Theotropismus. Der Geist des Judentums ist heiliger Geist. In ihm sind wir uns der Verbundenheit mit dem ,Geist von oben' bewußt. Leidenschaft ist Bewegung. Geist ist bewegende Richtung." - Abraham Heschel, The Prophets, New York 1962, S.316
Als ich gerade in B. Dolnas Dissertation zu Heschel obiges Zitat las, mußte ich wieder einmal mehr darüber schmunzeln, wie weit das griechisch-europäische Weltbild von dem jüdisch-hebräischen entfernt ist, hier bzgl. der Trennung zwischen Emotion und Ratio. Was in guter griechischer Tradition als Kognition und Affektion zu oft auseinander dividiert wird, gehört bei Heschel ganz natürlich zusammen.

Sicherlich mag es Situationen geben, in denen ein Auseinanderhalten beider Komponenten sinnvoll ist; ich merke aber oft (z.B. bei mancher philosophischer Literatur), wie mich etwas zwar denkerisch herausfordert (womöglich kann ich kaum der Sprache folgen), mich in meiner Person aber nicht wirklich tangiert.

Allzu oft habe ich dies auch beim Studium an der Uni erlebt, weshalb bei einer verbesserten Ausbildung zukünftiger Theologen und Leiter im 21. Jahrhundert dieser Punkt in jedem Fall Beachtung finden sollte, um die Ganzheitlichkeit der Ausbildung zu gewähren (es sei nur am Rande wieder einmal auf D. Bonhoeffer verwiesen, der dies bereits vor etwa 70 Jahren forderte:
http://phil-mertens.blogspot.com/2010/07/lernen-von-dietrich-bonhoeffer-teil-6.html).

Damit ist obiges Zitat sicherlich längst nicht ausgeschöpft. Über einige Facetten muß ich weiter nachdenken, zumal man beim losen Überfliegen womöglich über den ein oder anderen Ausdruck stolpern könnte. Grundsätzlich schätze ich aber Heschels Blickwinkel und Herangehenweise und erhoffe mir noch vieles produktive davon. Mal abwarten, was da kommt...

Kommentare:

  1. Interessant! Gerade gestern habe ich mir darüber Gedanken gemacht, dass wir im Westen immer noch glauben, Ratio und Emotionen wären komplett verschiedene Welten! Ich selbst war der größte Verfechter dieser Idee. Und jetz, ganz unmerklich, stelle ich fest, dass Heschel etwas anspricht, was ich tief im Innern schon immer vermutet habe: dass es ganz und gar nicht so ist. Wie sonst kann man erklären, dass gleichermaßen intelligente Menschen sich über die grundlegendsten Sachverhalte nicht einigen können? Oder die Proliferation verschiedenster "Denkschulen" in den Wissenschaften, die doch immer vorgeben quasi die Objektivität für sich gepachtet zu haben? lg, Johann

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  2. Wow! Das erklärt sehr eindrucksvoll, wie eigene Überzeugungen und das daraus resultierende Handeln in einander fließen. "Folglich schließt Geist Leidenschaft und Emotion mit ein, darf aber nicht darauf reduziert werden." (aus A.s.o.)
    Leider geschieht aber diese Reduzierung allzu häufig in bekannten/angesprochenen Kreisen und führt dann zu einem großen Verlust an Kraft und Möglichkeiten, ja ich würde sagen an Chancen.
    Denken kostet halt auch Kraft und Spiritualität auf Emotion reduziert, begeistert schneller die Mehrzahl.
    Die Frage nach Qualität in Verbindung zur Quantität, ohne ausschließlich Quantität auf Kosten der Qualität zu erzielen ... Praxis und Theorie des Denkens und Handelns...
    Handlungsbedarf, es wagen zu Denken, ... beide Seiten müssen teilnehmen am Denkprozess - aber nicht dabei bleiben bzw. Emotion darf nicht aufgegeben, gar vernachlässigt werden ...

    Danke für dieses obige Zitat ... eine Anregung zum Denken und Fühlen !?!?

    LG, Marco

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  3. Hey,
    danke für Deinen Post. Guter Gedanke mit den unterschiedlichen Denkschulen, usw. Es ist den Leuten ja offensichtlich nicht egal, was eindeutig die Emotionen anspricht. Nicht umsonst wurden im Laufe der Kirchengeschicht immer wieder Andersgläubige denunziert, anstatt sich nüchtern von ihnen zu distanzieren oder ihnen ihre Meinung zu lassen. Macht und Genugtuung sind wohl immer mit dem Streben nach Wahrheit verbunden. LG

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  4. @Marco: Auf jeden Fall eine Anregung;-)

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