Sonntag, 8. Dezember 2013

Abraham J. Heschels “God in Search of Man“: Nr. 10 der 10 für mich entscheidenden Bücher

Zum krönenden Abschluss meiner Serie über die zehn für mich entscheidenden Bücher/Denker komme ich auf den jüdischen Religionsphilosophen Abraham Joshua Heschel zu sprechen, zu dem ich an dieser Stelle schon zahlreich gepostet habe. Heschels Buch “God in Search of Man“ halte ich nicht nur inhaltlich für eins der zehn wichtigsten theologischen Bücher des 20. Jahrhunderts, sondern es ist auch für mich biographisch ganz entscheidend gewesen. Meinen Weg in die Judaistik habe ich ja bereits beschrieben, in dessen Zuge ich auch jüdisch-religionsphilosophische Veranstaltungen besuchen wollte. Denn an der Uni Frankfurt gibt es auch einen Lehrstuhl für jüdische Religionsphilosophie, der mich von Anfang an meines Studiums faszinierte und der just zu meinem ersten wichtigen Semester ein Seminar zu Heschels “God in Search of Man“ anbot; und überhaupt fand ich philosophisches Denken immer spannend, sofern es in irgendeinen Zusammenhang mit den für mich relevanten Fragen zu bringen war. Als sich aber nun herausstellte, dass ich mir die dortigen Veranstaltungen nicht für die Judaistik anrechnen lassen kann, entschied ich mich relativ spontan zur Wahl der Religionsphilosophie, in das ich all die interessanten Themen integrieren konnte und darüber hinaus ein breites Fundament philosophischen Denkens erhielt. Mittlerweile laufen die letzten Magisterprüfungen, und im Anschluss daran werde ich wohl sogar in der Religionsphilosophie und u.a. über Abraham J. Heschel promovieren. Das dürfte Grund genug sein, Heschels Werk hier kurz vorzustellen, zumal dessen Inhalt aus meiner Sicht eine wichtige und bisher oft unberücksichtigte Denktradition für die Kirche im 21. Jahrhundert bereitstellt.

Mit “God in Search of Man“ legt Heschel einen theologisch-religionsphilosophischen Gesamtentwurf, eine Art jüdische “summa theologica“ (so Edward Kaplan, “Spiritual Radical“) in drei Teilen vor, der die metaphysischen Urphänomene Gott, Welt und Mensch in Einklang bringt mit seiner biblisch-hebräischen Perspektive, die letztlich der umfangreichen Darlegung seiner prophetischen Religion dient, angefangen bei der “Charakter“-Beschreibung Gottes (“God“) über den Akt der Offenbarung (“Revelation“) bis hin zum Verhalten aufseiten des Menschen (“Response“). In alledem wird der dialogisch-relationale Charakter von Heschels Judentums-Verständnis deutlich, denn für ihn steht der Glaubensvollzug im Zentrum seiner Untersuchung, den er den Glaubensinhalten gegenüberstellt (die er aber nicht prinzipiell negiert); allein deshalb schon ist Heschels Ansatz aus meiner Sicht für die Postmoderne besonders interessant, in der richtig und falsch oder auch konfessionelle Grenzen mehr und mehr verschwimmen. In diesem Zuge klärt Heschel u.a. epistemologisch-hermeneutische Fragestellungen und bindet die Autorität der Hebräischen Bibel an die Gemeinde; dabei unterscheidet er zwischen der Auslegungsart der “literary-minded“ und der der “mystery-minded“, womit auch bei ihm der relationale Aspekt in das Bibelverständnis hineinspielt, das Heschel bereits durch seine ḥassidische Prägung zumindest ansatzweise mitbekommen hat. Explizit hingewiesen sei weiterhin auf sein Pochen darauf, dass prophetische Inspiration durch die Bezeugung des Heiligen Geistes nach wie vor verfügbar sei, wie er dies bereits anhand von Maimonides angedeutet hat. Deshalb spricht Heschel dem Titel gemäß immerzu von der Suche Gottes nach dem Menschen. Entgegen der klassisch-barthschen Dogmatik des 20. Jahrhunderts vertritt Heschel dabei auch eine natürlich Theologie, nach der der Mensch (im Übrigen im Einklang mit Röm 1) den Weg zu Gott auch über die Schöpfung finden kann.

Aufgrund seines hassidischen Hintergrundes halte ich Heschel auch für christliche Denker besonders interessant, denn die theologischen Grundlagen wie auch die spirituelle Offenheit bieten auf viele Dinge neue, interessante Perspektiven. Von daher kann ich jedem, der etwas interessiert ist an der Thematik, dieses Werk nur ans Herz legen, das es übrigens auch in Deutsch gibt. (für alle Plagiatsjäger: Ja, ich habe tatsächlich ganze Sätze und aus meiner eigenen Magisterarbeit hier wiedergegeben - teils modifiziert - und greife somit auf mein eigenes geistiges Eigentum zurück, was ich hiermit kennzeichne:-).

Samstag, 7. Dezember 2013

N.T. Wright und “The Challenge of Jesus“: Nr. 9 der 10 für mich entscheidenden Bücher

Bei meiner Suche nach und der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Jesus stieß ich immer wieder auch auf den Namen N.T. Wright, zumal er der wohl am meisten zitierte Neutestamentler der Emerging-Church-Bewegung ist. Irgendwann stieg ich ein, als mir ein Bekannter ein Buch von ihm schenkte: “The challenge of Jesus“. Wright thematisiert in gekürztem Umfang das, was ihn v.a. durch “Jesus and the victory of God“ populär gemacht hat. Er verortet Jesus innerhalb seines jüdischen Kontextes des 1. Jahrhunderts und geht dabei der Frage nach, worum es ihm eigentlich gegangen sei. Prophetische Reich-Gottes-Verkündigung steht im Mittelpunkt, jedoch ganz anders, als es beispielsweise noch zum Beginn des 20. Jahrhunderts Vertreter der liberalen Theologie getan haben.

Ohne zu sehr ins Detail gehen zu können, lege ich dieses Buch jedem ans Herz, der immer schon mal was von N.T. Wright lesen wollte (nicht, dass seine anderen Bücher nicht mindestens ebenso lesenswert wären!). Mit diesem Büchlein erhält man einen guten Einstieg in sein Denken, denn an vielen Punkt tauchen Überraschungen auf, die man vielleicht so in den Evangelien noch gar nicht registriert hat. Mit seinem hermeneutischen Ansatz des kritischen Realismus schafft es Tom - so wird er auch genannt - meiner Ansicht nach sehr gut, jenseits von Konservativismus und Liberalismus eine Lesart der Bibel zu etablieren, die v.a. für das postmoderne 21. Jahrhundert zeitgemäß ist. 

Freitag, 6. Dezember 2013

Rob Bell und mein Weg zur Judaistik: Nr. 8 der 10 für mich entscheidenden Bücher

Relativ zeitgleich zu Alan Hirsch und Bill Hybels setzte ich mich - wiederum im Zuge meines Gemeindepraktikums 2007 - das erste Mal mit Rob Bell und seinen beiden Büchern “Velvet Elvis“ (dt. “Jesus Unplugged“) und “Sex God“ auseinander. Mittlerweile ist er ja in aller Munde, spätestens seit “Love Wins“ kennt man ihn und seine provokanten Fragen. Das - sein provokantes Fragen - ist für mich auch eins seiner größten Stärken, was mich irgendwie sehr an die biblischen Propheten erinnert. Rob Bell hinterfragt nämlich immer wieder den Ist-Zustand, den status quo. So geht es ihm in “Velvet Elvis“ um das Hinterfragen des Ist-Zustandes von Christsein, während er auf der Suche nach einem neuen Weg ist, Christsein im 21. Jahrhundert zu leben.

Ich habe bewusst nicht nur ein Werk von Rob Bell in der Titelzeile gewählt, weil sie mich allesamt immer wieder ins Nachdenken bringen und herausfordern. Es sind gar nicht immer die Antworten, die er gibt. Vielmehr ist es der Dialog, den er mit dem Leser eingeht. Und auch wenn manche seine Schriftsprache für etwas zu einfach halten, reißt sie mich mit in genau diesen Dialog. Im Übrigen sind seine Bücher meines Erachtens auch vorzüglich geeignet, um das etwas eingerostete Englisch wieder aufzufrischen (überhaupt würde ich immer zu englischen Original raten, aber in seinem Fall bietet es sich doppelt an).

Für mich persönlich sind Robs Bücher ganz entscheidend geworden, weil ich über sie den Weg zum hebräischen Background des Christentums und zu Dwight A. Pryor gefunden habe, dessen Konsequenz wiederum war, dass ich 2010 das Zweitstudium der Judaistik (und Religionsphilosophie) auf mich genommen habe und aktuell abschließe. Rob ist somit indirekt verantwortlich dafür, dass ich über dieses Studium absolviert habe, was mir gedanklich-theologisch nochmal einen ganz neuen Horizont eröffnet hat. Gerade diese Auseinandersetzung mit der jüdisch-hebräischen Perspektive, nicht nur auf die biblische Tradition, sondern auch die Entwicklungen innerhalb der Kirchengeschichte, sind faszinierend und über die Maßen bereichernd.

Genau diese Perspektive bringt Rob Bell an zahlreichen Stellen seiner Bücher ins Gespräch, weshalb ich jedem die Auseinandersetzung mit ihm empfehle. Jedes seiner Bücher ist bereichernd und provokant; man fange einfach bei dem Thema an, das einen am meisten interessiert: Wie gesagt, “Velvet Elvis“ konzentriert sich vornehmlich auf das persönliche Christsein, “Sex God“ behandelt den Zusammenhang von Sexualität und Spiritualität, “Jesus wants to save Christians“ hinterfragt an etlichen Stellen das Selbstverständnis westlicher Kirchen, “Drops like stars“ thematisiert u.a. die Leidensthematik, “Love Wins“ stellt bestimmte dogmatisierte Ansichten bzgl. Himmel und Hölle anhand des eigenen Gottesbildes infrage (sein aktuelles Buch habe ich leider noch nicht gelesen). Viel Spaß beim Lesen!

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Leiterschaft so oder anders: Billy Hybels‘ “Courageous Leadership“ (dt. “Mutig führen“) - Nr. 7 der 10 für mich entscheidenden Bücher

Wer sich mal intensiver mit Leiterschaft beschäftigt hat, ist sicher nicht an Bill Hybels‘ “Courageous Leadership“ vorbei gekommen, dass es natürlich auch in deutsch gibt. Ich selbst habe es in Englisch gelesen während meiner Praktikumszeit 2007 in einer Baptisten-gemeinde in Nashville/Tennessee; zeitgleich durfte ich dort den “Leadership Summit“ von Willowcreek besuchen, was eine wunderbare Ergänzung war.

Dieses Buch ist deshalb für mich entscheidend gewesen, weil es eins der ersten Bücher war, was mir eine Leiterschaftstheorie vermittelte. Viele Insights hatte ich bereits durch Coachings erhalten, aber einige Essentials waren nochmal richtig gut zu lesen. Und v.a. konnte ich durch die zeitgleiche Lektüre von Alan Hirschs “The forgotten ways“ zwei weitestgehend gegensätzliche Ansätze miteinander vergleichen - eine Aufgabe, an der ich bis heute nage. Denn während Alan ein sehr dezentrales, bottom-up-Modell von Leiterschaft vermittelt, das - der Anschaulichkeit wegen mal extrem vereinfacht und äußerst polarisiert formuliert - den Leiter gegenüber den ihm Anvertrauten als dienend und hochhebend darstellt, stellt Bill ein an Wirtschafts-prinzipien orientiertes top-down-Modell vor, bei dem die Anvertrauten vielmehr dem Leiter dienen, um seine Vision umzusetzen. So ist es für ihn u.a. selbstverständlich, dass jeder Untergebene, der nicht der Vision dienen kann oder will, sich besser einen anderen Platz sucht.

Wie gesagt, die Gegenüberstellung ist etwas überspitzt, trifft aber den Sachverhalt. Und im Grunde genommen lieben dieses Leitschaftsbild alle, die irgendwie visionär ausgerichtet sind - ich auch :-). Und im Grunde genommen ist das Prinzip ja auch sehr einfach: Ich entwickle eine Vision, und die gilt es nun an den Mann/die Frau zu bringen, um sie dafür zu gewinnen usw. Mehr oder weniger so funktionieren all die Organisationen, bei denen ein charismatischer Leiter/eine charis-matische Leiterin das Sagen hat. Und da ist ja auch prinzipiell nichts Schlechtes dran, wenn man diesem hierarchischen Bild von Kirche zustimmt, bei dem es darum geht, Visionen zu entwickeln zu umzu-setzen. Nur frage ich mich seit einiger Zeit immer wieder, ob das tatsächlich das Ziel von Kirche ist - oder zumindest das Ausschließ-liche. In Dietrich Bonhoeffers Dissertation “Sanctorum Communio“ las ich vor einiger Zeit mal sehr schön, dass er die Kirche in ihrer soziologischen Organisationform weder als reine Gemeinschaft ansieht, bei der das Zusammensein im Mittelpunkt steht, noch die Form der Gesellschaft, bei der ein außenstehendes Ziel Mittelpunkt der soziologischen Form ist, sondern es vielmehr als Mischform um beides geht. Ich glaube, dass er recht damit hat, denn auch Willowcreek (Bill Hybels‘ Gemeinde) musste vor einigen Jahren feststellen, dass ihre Theorie nicht aufgegangen ist, dass Menschen geistlich wachsen, wenn sie nur ordentlich im Aufbau der Gemeinde (als firmen-ähnliche Organisation) mit anpacken. Vielleicht ist Alans Ansatz eine gute Ergänzung/Alternative, aber das gilt es, an anderer Stelle zu klären und v.a. auszuprobieren.

Ich kann an dieser Stelle die Diskussion nicht weiterausführen, nur so viel: Trotz aller Kritik, wie gerade gesehen, halte ich Bills Buch nach wie vor für sehr lesenswert und hilfreich. Denn als Leiter komme ich doch immer wieder an den Punkt, dass ich irgendwie eine Vision streuen und verbreiten muss. Egal, für welche Kirchenform ich mich entscheide, spätestens in der one-on-one-Situation (z.B. im Coaching) gebe ich doch meinem Gegenüber irgendein Feedback, z.B. seine/ihre Persönlichkeitsentwicklung betreffend. Und genau dann hilft es sehr, wenn man ein Bild von dem Gegenüber visionär zeichnen kann, das noch gar nicht da ist, ich aber bereits sehen kann, während mein Gegenüber gerade nicht. Denn das ist ja gerade die Qualität eines visionären Leiters, das er Dinge sieht, die noch nicht da sind. Um für diesen und ähnliche Parts halte ich Bills Buch für ausgesprochen hilfreich und pragmatisch-einfach wie inspirierend geschrieben. Ob man hinter dem dahinterstehenden Kirchenbild steht, ist nochmal eine ganz andere Frage.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Alan Hirschs “The forgotten ways“: Nr. 6 der 10 für mich entscheidenden Bücher

Nachdem ich mit Büchern zu postmoderner Theologie usw. in Berührung gekommen war, machte ich auch sehr schnell Bekanntschaft mit Alan Hirschs und Michael Frosts “The shaping of things to come“. Mit diesem Werk begann die Auseinandersetzung damit, Kirche ganz neu zu denken; streng genommen, ist dieses Buch also der Weichensteller für mich gewesen.

Inhaltlich Noch besser ist allerdings Alans “The forgotten ways“, da es sozusagen das erstgenannte Buch kompakt integriert und so die wesentlichen Aspekte und Bausteine - die sog. “missional DNA“ - in sich vereint. Das Buch gestaltet sich somit wie eine Karte, die relativ ausführlich in sämtliche Aspekte der missional church nach Alan Hirsch (und Michael Frost) einführt. Wer mehr zu einem jeweiligen Thema wissen will, schnappt sich einfach eins der zahlreichen anderen Bücher von Alan oder Michael (samt etwaige Co-Autoren), das das jeweilige Thema vertieft. Mittlerweile müsste die “Serie“ eigentlich vollständig vorliegen.

Alans missional DNA besteht aus folgenden sechs Grundbausteinen, die er in “The forgotten ways“ enfaltet: Als Zentrum definiert er Jesus als Herrn; auf Grundlage der Bibel und der Verortung Jesu im Kontext des frühen Judentums kommt Alan zu einer sehr schmalen Christologie, rückt die Inkarnation in den Fokus und ist ansonsten v.a. an einer Orthopraxie interessiert. An dieses Zentrum koppelt Alan ein missionales Jüngerschaftskonzept, legt seinen Ansatz von missional-inkarnatorischer Ekklesiologie aus, führt über “The Apostolic Environment“ u.a. den fünffältigen Dienst als Ersatz des der Pastoren-zentrierten Leiterschaft wieder ein, ersetzt die klassisch-hierarchische Kirchenform durch ein organisches System und nimmt mit der Communitas den Aspekt des Abenteuers und des “Grenzgängertums“ im Zuge von Kirche in den Blick - völlig vereinfacht und verkürzt gesagt.

Der Titel des Buches, “The forgotten ways“, verweist übrigens auf Alans These, dass all diese sechs Grundbausteine der missional DNA bereits in Kirchen (oder gar der Bibel selbst) vorhanden waren, grundsätzlich angelegt sind, jedoch zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten sind. So ist sein Buch eine Anleitung zur Wiederentdeckung des Schatzes, den die Kirche(n) eigentlich bereits in sich tragen. Seine Thesen belegt Hirsch sowohl mit kirchengeschichtlichen Phänomenen vergangener Tage als auch mit aktuellen Beispielen wie der chinesischen Untergrundkirche. An manchen Punkten erscheint es etwas zu theoretisch bzw. mich hat die Idee in der Praxis noch nicht überzeugt, an anderen Stellen muss ich durch persönliches Hintergrundwissen feststellen, dass ein Beispiel leuchtender erscheint, als es in der Realität dann ist. Aber insgesamt ist Alans Ansatz innovativ und konsequent, mit dem sich jeder auseinandersetzen sollte, der irgendwie in dieser Zeit etwas mit dem Bau von Kirche zu tun hat. 
Übrigens gibt es auch ein Handbuch dazu, dass die missional DNA in wiederum verkürzter Version erklärt, dafür aber mit praktischen Ideen und Ansätzen einiges an Material für den konkreten Gemeindebau bereithält; besonders für Gemeindegründungsteams u.ä. ist dies hilfreich, sodass nicht jeder die volle Theorie lesen muss, aber jeder zumindest grundlegend Bescheid weiß, worum es geht. Übrigens gibt es auch ein Handbuch dazu, dass die missional DNA in wiederum verkürzter Version erklärt, dafür aber mit praktischen Ideen und Ansätzen einiges an Material für den konkreten Gemeindebau bereithält; besonders für Gemeindegründungsteams u.ä. ist dies hilfreich, sodass nicht jeder die volle Theorie lesen muss, aber jeder zumindest grundlegend Bescheid weiß, worum es geht.

Montag, 2. Dezember 2013

10 für mich entscheidende Bücher, Nr. 5: Dietrich Bonhoeffers “Ethik“

Die meinen Blog schon etwas länger verfolgen, wissen, wie sehr ich mich DIetrich Bonhoeffer (1906-1945) theologisch verbunden fühle. Die Anfänge - und damit die Weichenstellung - liegen im 5. Semester meines Theologiestudiums, in dem ich ein Seminar über Bonhoeffers “Ethik“ besuchte. Damals wusste ich von ihm nicht fiel, hatte lediglich einen Artikel über seine Nähe zum Pietismus gelesen. Aber dass mir dieses Seminar für so viele wichtige Punkte Augen öffnen würde, hätte ich damals nicht gedacht. Und so stieg ich damals in eine ganz entscheidende theologische Auseinandersetzung ein, die bis heute abhält und auch weitergeht.

Chronologisch ist die “Ethik“ Bonhoeffers Spätwerk oder Spätphase zuzuordnen (entstanden zwischen 1940 und 1943), wenn man seinem besten Freund und wichtigsten Biographien/Chronisten/- Forscher Eberhard Bethge in seiner Dreiteilung von Bonhoeffers Schaffensphase folgt. Inhaltlich spiegelt dieses Werk aber vielmehr seine gesamte Schaffenszeit wider. So hat Bonhoeffer selbst die “Ethik“ als seine “Lebensaufgabe“ angesehen (so E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, 9. Aufl. Gütersloh 2005); sie ist aus meiner Sicht der krönende Abschluss und finale Punkt, wenn man von seinen Gefängnisbriefen (“Widerstand und Ergebung“) mit der “nicht-religiösen Interpretation“ und dem “Religionslosen Christentum“ einmal absehen will, die ja relativ fragmentarisch bleiben; und auch diese Entwicklung ist in der “Ethik“ bereits eingeschlagen, verwurzelt und angedeutet.

Nachdem ich mittlerweile so ziemlich alles von Bonhoeffer gelesen habe, ist die “Ethik“ für mich auch nach wie vor das Hauptwerk, eine Art summa theologica, mögen andere seiner Bücher auch in höheren Auflagen abgesetzt worden sein. Denn sie integriert im Prinzip die ganze Breite von Bonhoeffers Denken; faktisch handelt es sich bei der “Ethik“ nicht so recht um ein Buch, sondern vielmehr ist es zunächst einmal eine Sammlung von Manuskripten - d.h. Roh- oder Grundversionen (dem Worte entsprechend Handschriften Bonhoeffers) -, die er selbst nicht veröffentlicht hat, sondern dessen Veröffentlichung erst nach seinem Tod von Eberhard Bethge in die Wege geleitet wurde. Darum ist die “Ethik“ in mancherlei Hinsicht auch etwas “brüchig“, was aber die Nähe zu dem, worum es Bonhoeffer zu sagen ging, noch näher werden lässt, wie ich meine.

So finden wir in der aktuellen Auflage der “Ethik“ beispielsweise das Manuskript “Christus, die Wirklichkeit und das Gute“, in dem Bonhoeffer ganz im Sinne von “Schöpfung und Fall“ gegen jede Tugendethik zugunsten einer Situationsethik argumentiert: Die Tugendethik setze voraus, dass der Mensch zwischen gut und böse unterscheiden könne, was aber gerade ein Zeichen des gefallenen Menschen sei; vielmehr solle der Christus-Nachfolger nur Christus wissen, von dem er alles erfahre, so Bonhoeffer. In “Ethik als Gestaltung“ nennt er dies den einfältigen Glauben und rückt die imitatio Christi in den Mittelpunkt, womit deutliche Überschneidungen zur “Nachfolge“ gegeben sind. Mit “Erbe und Verfall“ legt Bonhoeffer sein Verständnis der Kirchengeschichte als Verfallsgeschichte dar und spricht dezidiert von dem “Wunder einer neuen Glaubenserweckung“ wie auch der Jüdischkeit Jesu, was besonders in heutiger Zeit wieder prominent in den Vordergrund gerückt wird, zu Bonhoeffers Zeit - im Zweiten Weltkrieg - aber gerade zu revolutionär wirkt. Innovativ wird Bonhoeffer auch mit der Unterscheidung der “letzten und vorletzten Dinge“ im gleichnamigen Manuskript, womit er auf zwei qualitativ unterschiedliche Bereiche hinaus will, einerseits die Zeit vor und andererseits die Zeit mit/nach der Inkarnation, Kreuzigung und Auferstehung Christi; der Christ erlebe und lebe in beiden Bereichen, deren Übergang durch das gnädige Wort Gottes in Jesus Christus initiiert sei und durch den Glauben des Einzelnen fundiert werde, wodurch der Mensch - durch seine relationale Verbindung zu Christus - für “Gott und den Bruder“ frei werde, im Sinne einer Rückführung vor den Fall des Menschen (vgl. “Schöpfung und Fall“; Bonhoeffer versteht Freiheit nämlich nicht nur als frei von Sünde, sondern auch als Freisein für etwas, das in seiner Anthropologie verwurzelt ist). Gleichzeitig meint Bonhoeffer mit der Unterscheidung zwischen letzten und vorletzten Dingen auch das Verhältnis von neuer zu materiell-irdischer Schöpfung, betont dabei aber - auch wenn er dies in den Gefängnisbriefen aus Tegel erst in letzter Konsequenz durchzieht - die Notwendigkeit der irdischen Schöpfung; Bonhoeffer erliegt somit nicht einer mystisch-spirituellen Entfremdung aus dem diesseitigen Leben, wie man zunächst vermuten könnte und wie dies zeitweise im Pietismus und bestimmten freikirchlichen Theologien (wie dem Dispensationalismus) prominent war/ist. Bioethische Überlegungen stellt Bonhoeffer ebenfalls an, und zwar in “Das natürliche Leben“ an, u.a. anhand von Abtreibung oder auch Suizid.

Richtig neu wird es in “Die Geschichte und das Gute [2. Fassung]“, weil Bonhoeffer hier anhand der Theologumena der “Verantwortung“ und “Stellvertretung“ auf Grundlage seiner Christologie seine eigene Teilnahme an der Konspiration gegen Hitler und den Nationalsozialismus rechtfertigt/ableitet: Wie der sündlose Jesus Christus für den Menschen stellvertretend Schuld auf sich genommen hat und so die Schuld von der Menschheit abwendet, so hat der Christ, der auf den Ruf Christi in die Nachfolge antwortet (= Verantwortung), stellvertretend für Andere Schuld auf sich zu nehmen. Bereits in seiner Dissertation über die Soziologie der Kirche, “Sanctorum Communio“, sind die Termini aufgetaucht, aber nun ist Bonhoeffer nicht mehr so sehr auf die “Ausschließlichkeit der Herrschaft Christi“ fixiert, wie dies v.a. in der “Nachfolge“ von ihm ausführlich dargelegt wird, sondern der Fokus liegt auf der “Weite seines [Christi] Herrschaftsbereichs“, nämlich der gesamten Welt jenseits von kirchlichen Mauern u.ä. (aber natürlich schließt das Eine das Andere nicht aus, und das will Bonhoeffer auch gar nicht sagen).

Bonhoeffers “Ethik“ ist somit viel mehr als nur eins von vielen Büchern, die Bonhoeffer im Zuge seines kurzen Lebens verfasst hat. In ihm bündeln sich seine Christologie, seine Anthropologie, sein Weltverständnis, seine Ekklesiologie und all die wichtigen Dinge wie sein relationales Denken, Verantwortung und Stellvertretung etc. Wer ein wenig theologisch geschult ist, dem lege ich stellvertretend für Bonhoeffers Denken die “Ethik“ ans Herz, weil sie eben so viel in sich vereint. Für mich ist die “Ethik“ u.a. deshalb nicht nur eins der zehn entscheidenden Bücher auf meinen Weg in der Nachfolge Christi - in diesem Fall wegen des Beginns der intensiven Auseinandersetzung mit Bonhoeffer -, sondern ich würde dieses Werk auch unter die Top-5 der wichtigsten theologischen Bücher des 20. Jahrhunderts wählen.

Dienstag, 26. November 2013

10 für mich entscheidende Bücher, Nr. 4: Brian McLaren, “A new kind of Christian“

Nachdem ich einige Zeit durch Josh McDowell und andere sehr konservativ-fundamentalistisch geprägt worden war, begegnete ich gut ein Jahr nach Beginn des Theologiestudiums parallel zur dortigen Auseinandersetzung mit kritischer Bibelexegese Brian McLaren und der Postmoderne. McLarens Buch “A new kind of Christian“ war und ist nach wie vor eines der gefährlichsten Bücher, die ich kenne, wenn man zuvor sehr konservativ geprägt worden ist; und genau in solch einer Situation befand ich mich ja, weshalb ich mich eine Zeitlang bodenlos fühlte.

Was McLaren in seinem ersten Band der Trilogie tut, ist zunächst nichts weiter als Dekonstruktion. Anhand einer wunderbar geschriebenen Story eines frustrierten Pastors, der in mehreren Dialogen, E-Mails etc. mit einem Lehrer über seine Situation spricht, werden nach und nach etliche Aspekte seines christlichen Glaubens auf die Waage gelegt und hinterfragt. Grundlage dafür ist eine zu Beginn seiner Reise entwickelte Geschichtstheorie der Postmoderne, wie sie auch bei anderen postmodernen Denkern zu finden ist. McLaren bezieht dies jedoch nicht zu allererst auf das Gemeindesetting, sondern hauptsächlich auf die ganz individuelle Ebene; einer der für mich entscheidenden Punkte war, die Bibel mit ganz neuen Augen zu betrachten, nachdem ich zuvor so auf die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift getrimmt worden war. Wegen dieser persönlichen Ebene war deshalb der Beginn meiner Auseinandersetzung mit der Postmoderne weichenstellend, weil nicht nur mein Gemeindebild auf den Kopf gestellt wurde, sondern ich anfing, sämtliche theologischen Grundlagen zu hinterfragen und neue, eigens durchdachte Fundamente legte.

McLarens “A new kind of Christian“ ist somit sicher nichts für schwache Nerven, da es an die Substanz des eigenen Glaubens geht. Wer aber bereit ist, sein bestehendes, traditionell übernommenes Glaubensfundament zu hinterfragen, um Platz zu schaffen für neue, eigens durchdachte, durchkämpfte und durchbetete Fundamente, dem lege ich dieses Buch sehr ans Herz. Man muss natürlich nicht allen Ansätzen McLarens zustimmen, aber es lohnt sich schon deshalb, weil so viele verschiedene Facetten angerissen werden. Also, Augen zu und durch!

Samstag, 9. November 2013

10 für mich entscheidende Bücher, Nr. 3: Josh McDowell, “Die Fakten des Glaubens“

Nach einer etwas längeren, umzugsbedingten Pause innerhalb der Serie folgt nun das nächste für mich entscheidende Buch: Josh McDowells “Die Fakten des Glaubens“, auch bekannt unter dem Titel “Die Bibel im Test“. Von diesem Buch habe ich mich innerhalb dieser Serie sicherlich am weitesten entfernt, denn McDowell legt mit seinem ziemlich fetten Wälzer eine Apologie par excellence vor, in der er dem Titel gemäß die Wahrheit sämtlicher biblischer Inhalte darlegen will. Darin vertritt er einen eindeutig biblizistischen Ansatz à la John MacArthur und v.a. Bill Bright (“Campus für Christus“). Sehr vereinfacht gesagt, verfolgt er den Ansatz, jegliche biblische Quellenkritik abzuwehren und auf der literalen Grundlage der biblischen Texte recht spitzfindig spezifische Glaubensinhalte zu beweisen. Die Auferstehung Jesu ist ein Paradebeispiel: Zunächst wird die völlig unkritische Lesart der Evangelien dargelegt (oder besser vorausgesetzt), um anschließend z.B. matthäische Details wie die Versieglung des Grabes oder die Bewachung für die Autentizität der Berichte ins Felde zu führen.

Auch wenn ich McDowells hermeneutischen Ansatz - also seine Herangehensweise an und Perspektive auf die Bibel - heute nicht mehr ansatzweise teile, muss man ihm seine Gründlichkeit lassen. Er zieht textkritische Details (handschriftliche Überlieferungen beispielsweise) wie auch historische Parallen (Josephus, Tacitus etc.) zurate, daneben ebenso zeitgenössische Wissenschaftler, auch wenn er dies natürlich sämtlich zur Vertretung seines Ansatzes benutzt. Mir persönlich fehlt aus heutiger Perspektive also der kritische Blick, bestimmte Fakten auch von unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und die eigene Stoßrichtung immer wieder auch auf ihre Schwachstellen hin zu beleuchten. Dass quellenkritische Fragestellungen auch nur im Ansatz eine Berechtigung haben könnten, kommt für ihn überhaupt nicht infrage; statt dessen wird diskutiert, wie Mose - als Verfasser aller fünf Bücher Mose - über seinen eigenen Tod berichten könne (für ihn kann es meiner Erinnerung nach nur Josua gewesen sein).

Trotz all der jetzigen Kritik war McDowells Buch damals für mich ein entscheidender Meilenstein, da er mich dazu gebracht hat, das Theologiestudium zu ergreifen. Ich bekam durch sein Buch viele Rohinformationen, die ich selbständig untersuchen wollte, wofür ich aber zunächst zahlreiche Tools (Sprachen u.e.m.) erlernen musste. In dieser Hinsicht hat McDowells Buch also seinen Zweck erfüllt, sofern seine Absicht war/ist, das Mitdenken des Leser anzuregen. Wie gesagt, aus heutiger Sicht würde ich einen ganz anderen Ansatz wählen, auch wenn ich McDowells Herz dahinter ein Stückweit nachvollziehen kann. Es war/ist ja auch meins, nur würde ich besonders im Zuge postmoderner Hermeneutik und Epistemologie (Erkenntnistheorie) vielmehr darauf hinweisen, dass Glaube in letzter Instanz nur von Gott selbst geschenkt werden kann und nicht durch bestimmte rationale (oder rational erscheinende) Argumentationen. Gute wissenschaftliche Begründungen, um den Glauben zu fundieren, sind dabei sicher hilfreich. Aber jeder, der sich mit fundamentaltheologischen Fragestellungen auseinandergesetzt hat, wird bezeugen können, dass sich sämtliche Ansichten, die den (eben übernatürlichen) Gott belegen wollen, auch anders deuten lassen, zumal in Zeiten von postmodernem Pluralismus sich nur die wenigsten von solcher Argumentation überzeugen lassen, wie McDowell sie vorgelegt hat.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

10 für mich entscheidende Bücher, Nr. 2: Charles Finney

Wenn Bennetts Buch mich neugierig machte auf das Wirken des Heiligen Geistes, tat Charles Finney (1792-1875) dies mindestens ebenso. Als echter Mann des Glaubens prägten mich v.a. sein Hunger nach mehr von Gott und seine Beharrlichkeit im Gebet. Da war jemand, der ehrlich nach der Gegenwart Gottes suchte. Seine Predigten (“Erweckung: Gottes Verheißung und unsere Verantwortung“) wie auch seine Lebenserinnerungen schildern sehr lebhaft, welch geistliche Autorität dieser Mann hatte. Auch wenn ich theologisch in manchen Punkten anders denke, ist mir Finney nach wie vor ein Vorbild dafür, wie nah man Gott sein kann und wie “wirksam“ beharrliches Gebet. Nach so langer Zeit immer noch lesenswert und inspirierend!

Sonntag, 13. Oktober 2013

10 für mich entscheidende Bücher (Einleitung und Nr.1)

Nachdem einige Leute in letzter Zeit auf ihrem Blog für sie wichtige Bücher gepostet bzw. gelistet haben, dachte ich mir, dass ich die Gelegenheit einfach nutze, um Ähnliches zu tun. Das bot sich schon allein deshalb an, weil sich bald mein 10-Jähriges runden wird, dass ich aktiv in eine Beziehung mit Gott investiere. Neben der Bibel waren etliche Bücher für mich prägend; tatsächlich habe ich es aber geschafft - so hoffe ich zumindest -, mich auf im Prinzip zehn Bücher zu konzentrieren, die meinen Weg mit Gott ganz entscheidend beeinflusst haben - sozusagen als Weichensteller. Darüber hinaus gäbe es etliche weitere Bücher, die als wichtig und einflussreich zu nennen wären. Einige werden zumindest en passant, also im Zusammenhang, genannt werden.

Dass ich mich heute von dem ein oder anderen Buch mehr oder weniger inhaltlich-theologisch distanzieren würde, liegt auf der Hand; zu jener Zeit, als ich sie las, waren sie aber eben doch entscheidend und weichenstellend, von daher wichtig. Somit liste ich hiermit keine Top-10-Auswahl der aus meiner Sicht besten Bücher - auch wenn einige ohne Zweifel dazu gehören. Teilweise steht ein Buch auch exemplarisch für einen Autor oder ein Richtung; aber auch das wird jeweils erklärt. Aufgrund der jeweiligen Kommentierung habe ich mich dazu entschieden, pro Blog-Post jeweils nur ein Buch zu nennen, damit die Portionen nicht zu groß werden. Aus eigener Leseerfahrung weiß ich, dass kürzere Posts lieber gelesen werden. Ich werde mich bemühen, die zehn Bücher auch einigermaßen zügig hintereinander zu bringen - falls es jemandem unter den Nägeln brennen sollte ;-)… Here we go:


1. Dennis Bennett, “In der dritten Stunde“


Kurz nach meinem Entschluss für ein bewusstes Leben mit Gott stieß ich auf Bücher von und über die sog. “charismatische Bewegung“, die eng mit der Entstehung der Pfingstkirche verbunden ist; von diesen Büchern war Bennetts das Erste über diese Bewegung. “Markenzeichen“ dieser charismatischen Bewegung ist die Wirkung des Heiligen Geistes, v.a. in Form des sog. “Sprachengebets“ (Beten in unbekannten Sprachen, vielleicht sogar ganz Neuen), oftmals auch verbunden mit Wunderheilungen u.ä. Einerseits irritierte mich das als naturwissenschaftlich gebildetem Menschen natürlich; tatsächlich überwog aber der Reiz, mehr von diesem Gott und Seinem Handeln in der Geschichte zu erfahren bzw. sogar selbst zu erleben. Und da ich blauäugig qua Definition von “Gott“ dachte, dass Er schon irgendwie alles tun kann, stürzte ich mich sozusagen in dieses Abenteuer.



Bennetts Buch war für mich deshalb ein guter Einstieg, weil er zunächst einmal nur davon berichtet, wie er selbst zum ersten Mal mit Menschen in Berührung kommt, die o.g. Phänomene - v.a. das Sprachengebet - gerade selbst empfangen haben. Das Buch ist demnach wenig dogmatisch, wenn ich das nach zehn Jahren noch richtig in Erinnerung habe. Dass das Neue Testament über das Sprachengebet ganz ähnlich berichtet, wie Bennett es dann schließlich auch selbst erlebt, dürfte er im Anschluss an den persönlichen Bericht dargelegt haben.



Im Zuge der Lektüre dieses und anderer solcher Bücher machte ich mich selbst auf die Suche nach der Wirkung des Heiligen Geistes. Auch wenn ich weiß, dass vieles (und viele) innerhalb dieser sehr heterogenen Bewegung befremdlich oder teils gar manipuliert ist, kann ich selbst bezeugen, dass Gott auch heute noch Wunder tut und Menschen in ihnen unbekannten Sprachen beten lässt. Deshalb will ich heute - auch oder gerade in postmoderner Zeit - umso intensiver beten und suchen, dass Gott uns Seinen Heiligen Geist mehr und mehr gibt (Randy Clark‘s Buchtitel gemäß “There is more!“), weil es unsere Welt (und ich persönlich zu allererst) so dringend nötig hat und wir als Christen sowieso schon genug reden. So wichtig und richtig die von Jesus initiierte soziale Revolution auch ist (später dazu mehr:-), so wichtig und richtig ist es, dass Jesus seine Jünger - und damit auch uns als Christen meiner Ansicht nach - mit ebendiesem Heiligen Geist ausgerüstet hat und sogar seine ersten Jünger zum Warten auffordert, bis die Kraft des Heiligen Geistes kommt (vgl. Apg 1,4ff.). Zusammenfassend ist es mir persönlich seitdem ein Anliegen, neben fundierter, zeitgemäßer Theologie auch immer wieder nach Seinem direkten Reden und Handeln zu suchen und womöglich selbst Seine Kraft zu erleben (auch wenn ich darin noch ziemlich am Anfang stehe…). Natürlich soll dies keine Aufforderung zum unkritischen Schlucken sämtlicher Prophetien, Erscheinungen und Berichte sein - in Deutschland wird kritisches Denken zurecht groß geschrieben. Aber Denken allein ist mir persönlich einfach zu einseitig und auch nicht meinem Verständnis des Evangeliums gemäß.

Sonntag, 1. September 2013

Vormerken: Emergent Forum 2013

Nun auch nochmal die Infor-mation von mir zum “Emergent Forum 2013“ in Berlin vom 29.11. - 1.12. Nicht nur für diejenigen, die das Thema “Spiritualität“ interessiert, ist das EF geeignet, sondern aus meiner Sicht ist es zu allererst auch eine super Möglichkeit, sich mit Leuten zu verlinken, Leute endlich mal persönlich kennenzulernen, die man vielleicht sonst nur übers Netz kennt; und überhaupt trifft man dort jede Menge Leute, die jenseits des Alteingesessenen neue Wege gehen wollen. Von daher kann ich es nur jedem ans Herz legen, dorthin zu kommen, sofern die Möglichkeit besteht. Aktuelle Informationen erhaltet Ihr über www.emergent-deutschland.de oder hier.

Donnerstag, 8. August 2013

Zum Nachdenken: Abraham J. Heschel über ein Prophetentum aller Gläubigen

“Vielleicht sollte die Forderung nach einem Priestertum aller Gläubigen ergänzt werden durch die Forderung nach dem Prophetentum aller Gläubigen. Propheten sind die Vorhut, sie stehen in vorderster Linie im Kampf um die Erfüllung des Gotteswillens hier und heute. Das wahre Heiligtum hat keine Mauern; Geist und Hingabe müssen zu Hause so lebendig sein wie in den Kirchen; die ganze Existenz des Menschen ist gefordert.“

- Abraham J. Heschel, Erneuerung des Protestantismus: Eine jüdische Stimme (1963)

Sonntag, 2. Juni 2013

Zum Nachdenken: Leo Baeck über das Verhältnis von Martyrium und Geschichtlichkeit

“Ein Glaubenszeuge ist immer nur der geworden, der von der religiösen Idee so ganz erfüllt war und so durchaus in ihr lebte, daß er gegen den geschichtlichen Erfolg und gegen die sogenannten geschichtlichen Ergebnisse gleichgültig blieb. Nur wer diesen zu widersprechen und sie gering zu schätzen imstande ist, hat die Sicherheit des Überzeugungsmutes, die auch in den Tod führt. Durch historische Forschung wird man nicht zum Märtyrer. Was zum Märtyrer macht, ist in gewisser Hinsicht der ungeschichtliche Sinn. Jedes Genie ist ungeschichtlich, und jede Wahrheit ist es, da sie die begangene Straße verlassen, die gewohnte Bahn der Entwicklung verwerfen heißen. Es gibt nichs ‘Ungeschichtlicheres‘, als für eine Wahrheit zu sterben; denn man opfert sich nur für eine Wahrheit, die anders sein will als die bloße Geschichte.“

- Leo Baeck, Das Wesen des Judentums, Leo Baeck Werke Band 1, Gütersloh 2006, S.92.

Ich fand gerade o.g. Zitat in Leo Baecks wichtigem religionsphilosophischen Werk. Keinesfalls möchte ich damit zu unreflektierten, religiös motivierten Gewalttaten aufrufen. Und Baeck wollte das sicherlich auch nicht - ganz im Gegenteil. Was mir statt dessen beim Lesen dieser Stelle in den Sinn kam, lautet vielmehr: Solange ich mich allein der historischen Wissenschaft widme, kann ich mich auf meiner Objektivität ausruhen, Positionen kritisieren, ohne dass es mich wirklich etwas kostet. Wenn ich aber zu meinen Überzeugungen stehen will, die hoffentlich wohl durchdacht und in guter Absicht sind, muss ich etwas riskieren, auch gegen den Mainstream und gegen jede letzte wissenschaftliche Absicherung (die sowieso nie kommt, weil auch fast jeder wissenschaftliche Standpunkt irgendwann überhöht ist und Wissenschaft gern einmal mehr über den Wissenschaftler selbst sagt als über Wissenschaftlichkeit an sich). Nur so konnten Leute wie Bonhoeffer, Heschel, Luther King, Gandhi und eben genannter Baeck durchhalten und für ihre Überzeugungen bis zum Ende gehen, auch wenn das den Tod bedeutete. 

In den letzten Tagen stoße ich immer wieder (vornehmlich über Facebook) auf ein Interview mit dem Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger, der lang und breit Kritik an der historischen Kritik innerhalb der theologischen Wissenschaft äußert. Sein Hauptpunkt scheint der zu sein, dass dadurch Wunder u.ä. rationalisiert und damit eliminiert würden. So sehr ich seine Ansicht in vielerlei Hinsicht schätze, fehlt mir aber auch ein Einwand gegen die liberale Theologie und ihren Historismus, den spätestens Karl Barth in seinem Römerbriefkommentar und seiner sich daran anknüpfenden Theologie (und der anderer Mitstreiter) geäußert hat. Und zwar hat Barth die Perspektive Gottes und Seiner Offenbarung wieder stark gemacht, Seine Sicht auf die Dinge und v.a. auf mich. 

Ich will damit folgendes sagen: Ich befürworte eine historische Sicht auf die Bibel, die für bestimmte Fragestellungen, Fernhalten von theologischer Fantasterei u.v.m. wichtig ist. Da die historisch-kritische Bibelauslegung ihre Schwächen hat, ist eine Modifikation bzw. ein neuer Weg in dieser Hinsicht wichtig; die Wissenschaft muss schließlich weitergehen. Aber genauso notwendig ist mir eine Auseinandersetzung mit der Bibel, die mich in die Ver-antwortung - ganz im Sinne des ursprünglichen Antwort Geben - zieht, ich also durch die Bibel und den darin redenden Gott angesprochen und unter Umständen aufgerüttelt werde. Das macht doch gerade den entscheidenden Unterschied der Theologie zu sonstigen historischen und kulturwissenschaften Disziplinen aus, dass Gott eine entscheidende Rolle spielt. Warum Ihn dann nicht auch ernst nehmen, wie auch immer das konkret aussehen mag. Spätestens aber, wenn ich im kirchlichen Dienst stehe und die Verantwortung vor und für eine Gemeinde habe (sofern ich sie denn annehme), komme ich allein mit historischen Werkzeugen nicht sonderlich weit.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Zum Nachdenken: Martin Buber über die Liebe als Verantwortung


“Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum größten und von dem selig Geborgnen, dem sein Leben in dem eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagenen, der das Ungeheure vermag und wagt: die Menschen zu lieben.“  
- Martin Buber, Ich und Du, in: Ders., das Dialogische Prinzip, 10. Aufl. Gütersloh 2006, S.19.

Freitag, 15. März 2013

Zum Nachdenken: Dietrich Bonhoeffer und der Raum der Kirche

“Die Kirche kann ihren eigenen Raum auch nur dadurch verteidigen, daß sie nicht um ihn, sondern um das Heil der Welt kämpft. Andernfalls wird die Kirche zur ‘Religionsgesellschaft‘, die in eigener Sache kämpft, und damit aufgehört hat, Kirche Gottes in der Welt zu sein. So ist der erste Auftrag an die, die zur Kirche Gottes gehören, nicht etwas für sich selbst zu sein, also etwa eine religiöse Organisation zu schaffen oder ein frommes Leben zu führen, sondern Zeugen Jesu Christi an die Welt zu sein.“

- Dietrich Bonhoeffer: Ethik, 2. Aufl. Gütersloh 1998, DBW 6, 49f.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Gefühls(über)betonung und fundamentalistische Theologie in christlicher Musik historisch begründet


“Eine christliche Konsumkultur hatte sich in den 1960er Jahren zwar bereits fest etabliert, durch die Jesus Freaks erfand sich diese Kultur allerdings neu […]. Die jungen Christen schöpften alle Möglichkeiten der Popkultur aus, um ihren neu gefundenen Glauben zum Ausdruck zu bringen und öffentlich zur Schau zu stellen. […] Jesus People wollten nicht nur über ihren Glauben lesen, sondern ihn als Konsumenten aktiv praktizieren und demonstrieren. […]
 

Die Bewegung lehnte die institutionalisierten Kirchen klar ab […]. Neben der Vineyard-Bewegung, Hope Chapel und Gospel Outreach, dient vor allem auch Calvary Chapel als prominentes Beispiel für eine aus dem Jesus People Movement hervorgegangene, nicht konfes-sionsgebundene Kirche, deren Zuwachs bis heute ungebrochen ist. […] Zahlreiche bereits bestehende christliche Jugendorganisationen konnten sich während und nach der Bewegung über Neumitglieder freuen, wie zum Beispiel Campus Crusade for Christ, Intervarsity Christian Fellowship, The Navigators, Youth for Christ, und Youth with a Mission.

Obwohl die vielen Gruppen der Jesus People unorganisiert über das ganze Land verteilt waren, ähnelte sich ihre spirituelle Weltan-schauung bis auf wenige Ausnahmen. Als gemeinsamer Nenner galt eine transzendente, emotionale und persönliche Gotteserfahrung. […] Ihre Weltanschauung war von den
‘fundamentals of faith‘ stark geprägt. […] Die historischen und ideologischen Bande zwischen pentekostaler Theologie, dem Jesus Movement und Jesus Rock sind nicht zu leugnen. […]

Die Vernachlässigung von Theologie und Bevorzugung von Gefühlsbetontheit ist bis heute kennzeichnend für Christian Pop.“


Bärbel Harju: Rock & Religion. Eine Kulturgeschichte der christlichen Popmusik in den USA, Bielefeld 2011, S.91-98.

Ich zitiere diese relativ zahlreichen Sätze aus einem etwas größeren Abschnitt deshalb, weil sie mich erneut in meiner Beobachtung bestätigen und gleichzeitig eine historische Erklärung bieten: Wenn Bärbel Harju mit ihrer Analyse recht hat, dann sind die Gründe nicht nur für die fast durchgängigen Einseitigkeiten in Worship- und sonstigen christlichen Songs - die ich bereits öfters angeprangert habe (z.B. hier) -, sondern auch in vielen evangelikalen Kirchen und Organisationen tatsächlich historisch bedingt. Wenn sie von Gefühlsüberbetonung spricht, meint sie nichts anderes als einen Fokus auf die persönliche Liebesbeziehung zu Jesus ; mit “funda-mentals of faith“ bezieht sie sich v.a. auf die Unfehlbarkeitslehre der Bibel, die dispensationalistische Entrückungslehre, wie sie auch durch Bücher wie “Finale“ (engl. “Left behind“) populär geworden ist, und auf die Ausrichtung aufs Jenseits bzw. den Geist.

Diese theologischen Einseitigkeiten und teils falschen Theologien sind dann naheliegenderweise sowohl über die genannten Jugendorganisationen wie auch die Musikszene popularisiert worden. Nun muss man sich gleichzeitig klarmachen, dass Anhänger des Jesus People Movements ja nach vierzig Jahren immer noch die christliche Musikszene (z.B. als Produzenten) wie auch die Kirchen und Jugendorganisationen stark beeinflussen. So ist es kein Wunder, dass diese Einseitigkeiten immer noch bestehen und sich eben massiv auf amerikanische Kirchen und kirchliche Organisationen ausgewirkt haben, von wo wiederum der Einfluss in die ganze Welt unverkennbar ist.

So gut und so wichtig bestimmte Aspekte für die Wiederbelegung zahlreicher Kirchen und der Gesellschaft ab den 1960er Jahren auch war, ebenso wichtig ist es nun, dass wir die positiven Errungen-schaften wertschätzen, aber gleichzeitig auch bei den Einseitigkeiten ansetzen und weitergehen. Musik ist für Menschen jeglicher Kultur und jeglichen Alters präsenter denn je. Warum nicht noch bewusster diese Kommunikationsform nutzen, um gesunde theologische Grundlagen zu vermitteln, sei es innerhalb oder auch außerhalb der Kirche(n)? Bands wie “Gungor“ machen es vor, dass man neue Wege gehen kann (sowohl textlich als auch musikalisch). Dafür scheint es mir aber zwingend erforderlich, dass wir Theologen und Musiker noch enger miteinander ins Gespräch bringen, christliche Musiker theologisch schulen und Pastoren dafür sensibel machen, wie wichtig und v.a. einflussreich der musikalische Part bei der Kommunikation des Evangeliums ist.

Sonntag, 10. Februar 2013

Kirche und Konsum: Geht das zusammen?

“Die besondere Form des amerikanischen Evangelikalismus zeichnet sich durch enthusiastische Übernahme ‘säkularer‘ Geschäftspraktiken und Errungen-schaften aus. Neue Medien und Technologien werden rasch adaptiert, um sie als Evangelisierungsmittel einzu-setzen und um auf dem religions-pluralistischen Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Die Verbreitung der Frohen Botschaft auf wirksamste und modernste Art und Weise ist Leitsatz und Legitimation dieser Handlungsweise zugleich. Zeitschriften, Radio und Fernsehen wurden von religiösen Anführern instrumentalisiert, und auch die Produktwerdung geistlicher Musik trieb man durch Plattenfirmen, Radioshows und Fernsehprogramme voran. Diese Praxis der Annäherung an den marketplace of culture trug und trägt dazu bei, dass evangelikale Glaubensgemeinschaften in den USA keineswegs als weltfremd und verstaubt gelten, sondern ein junges, zeitgemäßes Image pflegen. Die Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen - zu denen in den USA sicherlich der Siegeszug von Konsum, Kommerz und Kapitalismus gehören - ermöglichte es amerikanischen Evangelikalen, kulturell relevant zu bleiben.“

- Bärbel Harju: Rock & Religion. Eine Kulturgeschichte der christlichen Popmusik in den USA, Bielefeld 2011, S.74.


Die Amerikanistin Bärbel Harju legt mit ihrer Dissertation zur Verbindung von christlicher Musik und amerikanischer Kultur eine überzeugende Arbeit vor (auch wenn ich bislang neben “Einleitung“ und “Zusammenfassung“ nur bis S.74 gekommen bin). Interessant und neu war für mich einerseits, dass schon in den ersten amerikanischen Erweckungs-bewegungen ab Ende des 18. Jahrhunderts bewusst die mediale crème de la crème jener Zeit zum Einsatz kam und - ähnlich zu Luther während der Reformation im 16. Jahrhundert - populare Musik umgedichtet und für die eigenen Zwecke genutzt wurde. Dass also erst mit dem Aufkommen der Megachurches in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Art Einzug von Kommerz, Rampenlicht u.ä. in die Kirchen stattgefunden haben soll, wird spätestens mit dieser Untersuchung obsolet; vielmehr dürfte es tatsächlich Teil der amerikanischen DNA sein, dass Kirchen - besonders die Evangelikalen - sich in dieser Bewegung mitbeweg(t)en, zumal ja seit Gründung der Vereinigten Staaten das christliche Element in allen Schichten dominant und immerzu präsent war.

Andererseits fand ich spannend zu lesen, wie sehr auch vermeintlich säkulare Musiker wie Elvis Presley offensichtlich für die Entstehung der christlichen Musikszene maßgeblich waren. Zuvor hatte ich immer gedacht bzw. es so erlebt, als ob die christliche Szene mit ihren Kirchen und Künstlern quasi eine Parallelwelt darstellen würde; anscheinend aber spricht die Geschichte eine andere Sprache, und zumindest an entscheidenden Schnittstellen gibt es diese Durch-lässigkeit in beide Bereiche, wie beispielsweise noch heute an der Country-Szene zu erkennen ist (die zahlreiche christliche Elemente immer wieder in sich vereint).

Was mich theologisch allerdings bei all der stilistisch sicher sinnvollen Anpassung interessiert, ist die Frage, inwiefern Kirche damit noch kritisches Korrektiv zur säkularen Gesellschaft sein kann. Denn nicht nur musikalisch fand und findet hier eine Anpassung statt, sondern auch an den Geist der Marktwirtschaft und des Kapitalismus. Darüber hinaus ist auch eine theologische Reduktion nicht von der Hand zu weisen, sodass christliche Musik nicht nur in Konkurrenz zu säkularer Musik tritt, sondern v.a. seine gesellschaftliche Sprengkraft verliert, da das Evangelium (die frohe Botschaft) weitestgehend auf persönlich-innerliche Erlösung reduziert wird (diesen Aspekt streift Harju als Amerikanistin nur); wie säkulare Musik das Individuum als poten-tiellen Käufer anspricht, so will auch christliche Musik um das Individuum werben.

Das finde ich nicht nur verwerflich; auch ich mag bestimmte christliche Künstler, usw. Aber diese Anpassung hat nun mal auch seinen Preis. Mir persönlich fehlt oftmals die Eigenständigkeit christlicher Künstler, weil dem Trend hinterhergerannt wird; gut laufende Songs werden mehrfach gecovert, anstatt selbst kreativ zu werden. Theologisch innovative Texte findet man ebenfalls nur selten, die jenseits der persönlichen Liebesbeziehung zu Jesus agieren. Dass überhaupt grundsätzlich der kapitalistische Geist in christlichen Texten infrage gestellt würde, der ja gerade besonders in den USA vorherrscht, ist mir bislang ebensfalls nicht begegnet.

Die Frage, auf die ich letzten Endes dann doch immer wieder zurückkomme, lautet: Wie kann ein Weg aussehen, der einseits nicht weltfremd ist, aber andererseits nicht sämtliche Klischees aufnimmt bzw. zu bedienen sucht. Das betrifft sowohl Kirchen, christliche Künstler wie auch die gesamte Industrie, die dahintersteht. In jedem Fall ist mir an dieser Stelle wieder einmal bewusst geworden, wie tief diese Verwurzelung von Theologie und Kultur eigentlich reicht und nicht einfach gegeneinander auszuspielen ist.

Sonntag, 20. Januar 2013

Zum Nachdenken: Lincoln Brewster über Erwartungen an Lobpreis-Musiker

Als ich mir heute morgen auf YouTube einige inspirierende Videos von Lincoln Brewster anschaute, stieß ich auch auf dieses hier:



Mich sprach der Clip deshalb besonders an, weil Lincoln im Intro zunächst ein paar kurze Erfahrungen darüber preisgibt, wie er sich fühlte, als er die ersten Male Teil des Worship-Teams seiner Kirchengemeinde war. Er habe damals Angst gehabt, Leute mit seinem Gitarren-“Lärm“ (meine Worte) zu verschrecken, weshalb er dann nur sehr zaghaft spielte. Gott habe ihm aber anschließend vermittelt, er solle das spielen, was Er ihm aufs Herz gegeben habe.

Wenn man Lincoln Brewster heutzutage hört, merkt man von dieser anfänglichen Angst glücklicherweise nichts mehr; vielmehr rockt er die Bühne und performt an den passenden Stellen die abgefahrensten Soli - zur Ehre Gottes -, weil er überzeugt davon ist, dass jeder das Potenzial verwirklichen soll, was Gott in ihn/sie hineingelegt hat. So sagt er auch in dem Clip.

Dem kann ich mich nur anschließen und würde mir wünschen, noch mehr abgefahrenes Zeug in unseren Kirchen zu sehen und zu hören, wo Leute das präsentieren, was Gott in sie hineingelegt hat, sei es Musik, Tanz, Malerei oder auch die Dinge, die auf uns zunächst ganz unkreativ wirken. 

Und genau für diese kreativen Parts brauchen wir noch mehr Plattformen. Meist sind die kreativen Köpfe diejenigen, die viel Freiheit brauchen, um Neues austesten zu können, wofür aber in unseren Kirchen oftmals kein Platz zu sein scheint. Wenn ich gleichzeitig darüber nachdenke, dass es in den wachsenden Städten oftmals die kreativen Leute sind, die sozial schwache und heruntergewirtschaftete Teile neu beleben, frage ich mich, warum wir als Christen nicht viel häufiger genau diese Tools nutzen, um den Menschen in unserer Stadt Glaube, Hoffnung und Liebe weiterzugeben. Muss unsere Musik, etc. immer hinter unseren Kirchenmauern bleiben oder dürfen unsere Talente nur innerhalb der Kirche genutzt werden? Ist aber das Reich Gottes nicht gerade viel mehr als nur das Kirchengebäude und unsere gut durchplanten Gottesdienste?

Samstag, 19. Januar 2013

Zum Nachdenken: Marktwirtschaft als treibende Kraft der amerikanischen Kirchenlandschaft?

“Erst wenn Denominationen als Firmen, Kirchgänger als Kunden und Religionen selbst als Ware, die es zu vermarkten gilt, verstanden werden, lassen sich Entwicklungen der amerikanischen Religionsgeschichte angemessen nachvollziehen.


- Bärbel Harju, Rock & Religion. Eine Kulturgeschichte der christlichen Popmusik in den USA, Bielefeld 2012, S.26.

Sonntag, 13. Januar 2013

Zum Nachdenken: A.J. Heschel über religiösen Pluralismus

“Ich glaube, dass eine der Errungenschaften dieses Zeitalters die Erkenntnis sein wird, dass in unserem Zeitalter religiöser Pluralismus der Wille Gottes ist, dass die Beziehung zwischen Judentum und Christentum eine von gegenseitiger Ehrerbietung sein wird, dass - ohne Verneinung profuder Verschiedenheiten - Jude und Christ danach suchen werden, sich gegenseitig zu helfen im Verständnis um die jeweils entsprechende Hingabe und vertiefende Wertschätzung dessen, was Gott bedeutet.“

- Abraham Joshua Heschel, The God of Israel and Christian Renewal, in: Moral Grandeur and Spiritual Audacity. Hrsg. v. Susannah Heschel, New York 1997,  S.272 (meine Übersetzung).