Donnerstag, 21. Februar 2013

Gefühls(über)betonung und fundamentalistische Theologie in christlicher Musik historisch begründet


“Eine christliche Konsumkultur hatte sich in den 1960er Jahren zwar bereits fest etabliert, durch die Jesus Freaks erfand sich diese Kultur allerdings neu […]. Die jungen Christen schöpften alle Möglichkeiten der Popkultur aus, um ihren neu gefundenen Glauben zum Ausdruck zu bringen und öffentlich zur Schau zu stellen. […] Jesus People wollten nicht nur über ihren Glauben lesen, sondern ihn als Konsumenten aktiv praktizieren und demonstrieren. […]
 

Die Bewegung lehnte die institutionalisierten Kirchen klar ab […]. Neben der Vineyard-Bewegung, Hope Chapel und Gospel Outreach, dient vor allem auch Calvary Chapel als prominentes Beispiel für eine aus dem Jesus People Movement hervorgegangene, nicht konfes-sionsgebundene Kirche, deren Zuwachs bis heute ungebrochen ist. […] Zahlreiche bereits bestehende christliche Jugendorganisationen konnten sich während und nach der Bewegung über Neumitglieder freuen, wie zum Beispiel Campus Crusade for Christ, Intervarsity Christian Fellowship, The Navigators, Youth for Christ, und Youth with a Mission.

Obwohl die vielen Gruppen der Jesus People unorganisiert über das ganze Land verteilt waren, ähnelte sich ihre spirituelle Weltan-schauung bis auf wenige Ausnahmen. Als gemeinsamer Nenner galt eine transzendente, emotionale und persönliche Gotteserfahrung. […] Ihre Weltanschauung war von den
‘fundamentals of faith‘ stark geprägt. […] Die historischen und ideologischen Bande zwischen pentekostaler Theologie, dem Jesus Movement und Jesus Rock sind nicht zu leugnen. […]

Die Vernachlässigung von Theologie und Bevorzugung von Gefühlsbetontheit ist bis heute kennzeichnend für Christian Pop.“


Bärbel Harju: Rock & Religion. Eine Kulturgeschichte der christlichen Popmusik in den USA, Bielefeld 2011, S.91-98.

Ich zitiere diese relativ zahlreichen Sätze aus einem etwas größeren Abschnitt deshalb, weil sie mich erneut in meiner Beobachtung bestätigen und gleichzeitig eine historische Erklärung bieten: Wenn Bärbel Harju mit ihrer Analyse recht hat, dann sind die Gründe nicht nur für die fast durchgängigen Einseitigkeiten in Worship- und sonstigen christlichen Songs - die ich bereits öfters angeprangert habe (z.B. hier) -, sondern auch in vielen evangelikalen Kirchen und Organisationen tatsächlich historisch bedingt. Wenn sie von Gefühlsüberbetonung spricht, meint sie nichts anderes als einen Fokus auf die persönliche Liebesbeziehung zu Jesus ; mit “funda-mentals of faith“ bezieht sie sich v.a. auf die Unfehlbarkeitslehre der Bibel, die dispensationalistische Entrückungslehre, wie sie auch durch Bücher wie “Finale“ (engl. “Left behind“) populär geworden ist, und auf die Ausrichtung aufs Jenseits bzw. den Geist.

Diese theologischen Einseitigkeiten und teils falschen Theologien sind dann naheliegenderweise sowohl über die genannten Jugendorganisationen wie auch die Musikszene popularisiert worden. Nun muss man sich gleichzeitig klarmachen, dass Anhänger des Jesus People Movements ja nach vierzig Jahren immer noch die christliche Musikszene (z.B. als Produzenten) wie auch die Kirchen und Jugendorganisationen stark beeinflussen. So ist es kein Wunder, dass diese Einseitigkeiten immer noch bestehen und sich eben massiv auf amerikanische Kirchen und kirchliche Organisationen ausgewirkt haben, von wo wiederum der Einfluss in die ganze Welt unverkennbar ist.

So gut und so wichtig bestimmte Aspekte für die Wiederbelegung zahlreicher Kirchen und der Gesellschaft ab den 1960er Jahren auch war, ebenso wichtig ist es nun, dass wir die positiven Errungen-schaften wertschätzen, aber gleichzeitig auch bei den Einseitigkeiten ansetzen und weitergehen. Musik ist für Menschen jeglicher Kultur und jeglichen Alters präsenter denn je. Warum nicht noch bewusster diese Kommunikationsform nutzen, um gesunde theologische Grundlagen zu vermitteln, sei es innerhalb oder auch außerhalb der Kirche(n)? Bands wie “Gungor“ machen es vor, dass man neue Wege gehen kann (sowohl textlich als auch musikalisch). Dafür scheint es mir aber zwingend erforderlich, dass wir Theologen und Musiker noch enger miteinander ins Gespräch bringen, christliche Musiker theologisch schulen und Pastoren dafür sensibel machen, wie wichtig und v.a. einflussreich der musikalische Part bei der Kommunikation des Evangeliums ist.

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