Mittwoch, 19. März 2014

Johannes Reimer über die Wichtigkeit von Willkommenskultur in Kirche und Evangelisation/Mission (Rezension von “Hereinspaziert!“)

Dem Untertitel seines 2013 erschienenen Buches “Hereinspaziert!“ gemäß widmet Johannes Reimer sich in sieben Kapiteln (plus kurzem Nachwort) dem Verhältnis von Evangelisation und Willkommens- kultur. Dabei wird schnell deutlich, dass Reimer “Evangelisation“ freilich grundlegender versteht als eine Aktion wie Traktate Verteilen oder zum Gottesdienst Einladen. “Mir geht es damit um Evangelisation als Prozess der Integration des Menschen in das Erleben des Glaubens“ (16), so schreibt Reimer im ersten Kapitel. Dies beinhaltet für ihn eine grundlegende Auseinandersetzung der Gemeinde mit Kultur und zielt auf eine Ganzheitlichkeit ab, die in der Vergangenheit oft vernachlässigt worden ist. Aus mehreren Einzelaspekten des ersten Kapitels wird auch deutlich, warum es Sinn macht, sich als Gemeinde überhaupt mit Kultur auseinanderzusetzen. Die wohl zwingendste Argumentation zugunsten einer Inkulturation der Gemeinde findet man aber erst im siebenten und letzten Kapitel (147ff.); Reimer setzt sich dort mit dem Prozess des tatsächlichen Hineingehens in die örtliche Kultur auseinander. Dies ist für ihn Grundlage dafür, von den Menschen vor Ort verstanden zu werden (148) und beinhaltet eine Kultur der ständigen Lernbereitschaft (158ff.). Biblisch belegt er dies anhand von Paulus und seiner Aussage, den Juden ein Jude geworden zu sein usw. (1 Kor 9,20ff.), betont aber zugleich (anhand von Joh 17,17ff.), dass Kirche und Welt niemals gleich sein dürften. Was als Begründung leider nur peripher eingestreut wird, ist der theologische Inkarnationsgedanke, der besagt, dass wie Gott in Jesus in diese Welt inkarniert ist (= Fleisch geworden), so auch die Gemeinde als Leib Christi in die Welt inkarnieren soll (Andeutungen z.B. auf 28).

Aufgrund von Orientierungslosigkeit und dem Verlust von Heimatgefühl innerhalb der nicht-christlichen, postmodernen Kultur sieht Reimer deshalb gerade in der Gemeinwesenarbeit eine Chance für ganzheitliche Evangelisation, die die nicht-kirchliche Kultur sozial und/oder kulturell prägen kann und gleichzeitig ernsthaft an ihr teilzunimmt (16ff.). Dies expliziert er im zweiten Kapitel, wobei schnell deutlich, dass Reimers Verständnis von Evangelisation nahezu deckungsgleich zu “Mission“ (im missionalen Sinne) oder auch “Reich Gottes-Bau“ ist, wenn er postuliert, “dass alle Glieder der Gemeinde mit allen ihnen gegebenen Gaben des Heiligen Geistes in den Prozess der Evangelisation hineingenommen sind.“ (25) Deshalb hebt Reimer auch immer wieder die Hilfe von oben - durch den Heiligen Geist - hervor und pocht auf das authentisch dienende Herz  und die damit verbundenene Identifikation der Gläubigen mit den Noch-Nicht-Gläubigen (26f.), selbstverständlich unter o.g. Prämisse der nicht-inhaltlichen Identifikation.

Die tatsächliche Stärke des Buches liegt aus meiner Sicht v.a. in der Analyse der kulturell-sozialen Dimension, sowohl innerhalb der Gemeinde als auch außerhalb, die er in den Kapiteln 3-6 entfaltet. Denn die Außenwahrnehmung der Gemeinde als Vertreter Gottes in der Welt (Reimer spricht von Gemeinde Jesu als “Gottes erwählter Evangelist“; 23) ist ja, wie oben gesehen, ganz entscheidend. Zunächst aber geht es um die Gemeinde selbst und ihr Stärken; Reimer definitert dafür materielle Voraussetzungen (Begabung, Besitz und Infrastruktur der Gemeinde; 47ff.), soziale Voraussetzungen (“Soft Skills“; 49ff.), kognitive Voraussetzungen (Sachkompetenz, problembezogene Kompetenz, projektbezogene Kompetenz; 51ff.) und spirituelle Voraussetzungen (Geistesgaben v.a.; 53ff.). Anschließend wendet er sich den Aspekten von Potenzial und Charakter zu und unterteilt in den individuellen, sozialen und spirituellen Charakter der Gemeinde (61-77); hier fließen sowohl soziologische Ergebnisse ein wie auch ein theologischer Bezug zu den Früchten den Geistes (vgl. Gal 5,21), auf Grundlage derer er sehr ausführlich v.a. die spirituelle Kultur in den Blick nimmt. Umfangreiche Tabellen zur Potenziel- und Charakteranalyse der eigenen Gemeinde runden das Kapitel ab und nehmen neben einigen Grafiken recht viel Platz ein, machen das Ganze aber auch praktisch. Integriert wird in das Kapitel letztlich auch das Spektrum an Kriterien, wie facettenreich die Kultur jenseits der Gemeinde ist, ob sie beispielsweise eher individualistisch oder kollektivistisch ist usw. (65).

Die konsequente These des vierten Kapitels lautet deshalb, dass “auch Evangelisation der Gemeinde […] als bewusstes Kulturangebot formuliert werden“ (98) muss. Dieser Aspekt ist insofern interessant, weil dadurch das Kirchengebäude - das ja die meisten Gemeinden besitzen - einen neuen Stellenwert und v.a. eine Chance bietet. Faktisch setzt Reimer ihn aber erst später um und dekonstruiert zunächst unterschiedliche Evangelisationsstrategien auf ihre kulturelle Prägung Passgenauigkeit hin - denn “[n]ichts wäre für die Effektivität der Evangelisation so abträglich wie ein kulturfremdes Vorgehen“ (98) - und unterscheidet dabei zwischen präsentischer Evangelisation (mit Menschen leben), proklamativer Evangelisation (konkrete Verkündigung) und integrativer Evangelisation (Leben, Gemeinschaft und Zeugnis) (102ff.). Weil Reimer Evangelisation als einen Prozess versteht, gibt es für ihn nicht prinzipiell No-Gos unter den Evangelisationsmethoden, aber alles zu seiner Zeit, weshalb er von einem “Zyklus evangelistischer Verkündigung“ (114) spricht.

Als eine evangelistisch lang vernachlässigte “Methode“ thematisiert Reimer im fünften Kapitel die Gastfreundschaft (121ff.). Neben biblisch-theologischen Grundlagen wirkt v.a. das Nachdenken über internationale Feste und “multikulturelles Kochen“ inspirierend, weil darüber jeder auch Noch-Nicht-Gläubige sich und seine Kultur mit einbringen kann. Dies mündet in Reimers Diktum, dass monokul- tureller Gemeindebau allein für Christen sei, “[u]m ihr geistliches Weiterkommen und Heiligung“ (130) an die erste Stelle zu setzen und darüber höchstwahrscheinlich die Evangelisation zu vernachlässigen.

Den eigentlichen Weg hin zur Willkommenskultur entfaltet Reimer im sechsten Kapitel  (1. Vorintegration, 2. Erstorientierung, 3. Etablierung; 133ff.). Neben dem zuvor thematisierten Prinzip der Gastfreundschaft spricht er offene Räume des Gemeindezentrums an, ein auf den Gast zugeschnittenes Programm der Gemeindever- anstaltungen, in die idealerweise der Gast direkt integriert werden kann (z.B. durch musikalische Beiträge) und v.a. die von Nächstenliebe und Interesse geprägte aktive Partizipation aller Gemeindemitglieder. Etwas überflüssig, weil redundant, wirkt dabei die Zusammenfassung der sieben Charakteristika einer solchen Gemeinde nach Mark Mittelberg (Willowcreek). Überaus wichtig erscheint mir dagegen Reimers Thematisierung der Raumgestaltung, die für den ersten Eindruck und massiv das Wohlbefinden des Gastes verantwortlich ist (142ff.); einige reale Beispiele von Gemeinden geben einen Eindruck. Insgesamt steckt v.a. hinter diesem Kapitel eine theologische Mischung aus missionalem Sendungsgedanken der Kirche in die Welt bei dennoch wissentlichen Nutzen des Gebäudes vor Ort, wie es von Vertretern sog. attraktionalem Denkens befürwortet wird (vgl. mein Blogpost zu missional vs. attraktional).

Neben der für meine Begriffe zeitweise etwas unstrukturierten Argumentation ist zunächst Reimers häufige Bezeichnung “Ungläubigen“ zu kritisieren. Anstatt von - wie ich versucht habe zu korrigieren - Noch-Nicht-Gläubigen zu sprechen, ist diese Bezeichnung doppelt unglücklich, denn zum Einen klingt es für meine Begriffe nicht einladend und auf Augenhöhe begegnend, obwohl Reimer das gerade beabsichtigt, wenn er von dialogischem Dasein (32ff.) spricht. Zum Anderen glaubt kaum jemand wirklich an nichts, der Terminus trifft also auch faktisch nicht den Sachverhalt. Ebenfalls etwas platt-evangelikal wirken seine biblischen Einstreuungen und der Bezug zur Lausanner Verpflichtung (ob man dem jetzt inhaltlich zustimmt oder nicht, sei dahingestellt; mir geht es an dieser Stelle um die rhetorische Präsentation). Das wundert wiederum andererseits etwas, wenn Reimer eine kontextsensitive Vorgehensweise im Evangelisationsprozess, den Zusammenhang von Diakonie und Mission und die Lebenstransformation als Ziel der Evangelisation hervorhebt (28ff.). Er meint dies sicher nicht so einseitig, nehme ich an, aber man könnte aufgrund der Rhetorik an der ein oder anderen Stelle den Eindruck bekommen, als ob dies alles lediglich Strategie ist, damit sich Menschen bekehren, ohne den gerade genannten Ambitionen einen Eigenwert beizumessen.

Leider wird der ansonsten recht gute Inhalt durch einige Rechtschreibfehler, falschen Satzbau und sogar fehlende bibliographische Angaben getrübt. Besonders ärgerlich ist Letzteres, wenn in einer Fußnote via Kurztitel auf ein Buch verwiesen wird, dessen ausführliche Angaben im angehängten Literaturverzeichnis komplett fehlen; “Brüggemann 1993:16“ (113) und “Zimmermann 2009:19f.“ sind mir beispielsweise aufgefallen. Darüber hinaus wird ein Schlagwort David Boschs zitiert (156), ohne die Quelle zu nennen. Sowas darf in einer wissenschaftlichen Publikation eines Professors in dieser Fülle aus meiner Sicht eigentlich nicht passieren. Trotz dieser Mängel bereichert die Lektüre des Buches aber insgesamt dennoch, und positiv zu nennen sei dagegen noch das Personen- und Sachregister zum Schluss des Buches.

Donnerstag, 13. März 2014

Heinrich Christian Rust: Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie (Rezension, Teil 8 + Fazit)

Unter dem Titel “Der Geist der Hoffnung“ beschließt (oder vollendet?:-) Rust mit diesem achten Kapitel seine Pneumatologie, bevor er in einem kurzen Ausblick ein “neues“ Pfingsten anspricht. Der Thematik entsprechend ist das Kapitel recht abstrakt, denn - wie er zurecht darauf hinweist - “fehlen noch tragende und passende Begriffe, um die eschatologische Wirklichkeit des angebrochenen Reiches Gottes auszumalen.“ (327) Überhaupt argumentiert Rust v.a. methodologisch, was aber eine wichtige hermeneutische Funktion hat. So behauptet er, Eschatologie im Zuge einer missionalen Pneumatologie gehöre eigentlich nicht ans Ende (wie in den meisten systematischen Entwürfen zum dritten Glaubensartikel), sondern vielmehr an den Anfang. Denn “[d]ie Eschatologie hilft uns, hier und jetzt schon mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und in der Missio Dei unterwegs zu sein.“ (324) Für den theologisch weniger Geschulten wird dies verständlicher, wenn Rust von “Ineinanderschiebung von Zeitgeschichte und Heilsgeschichte“ (327) spricht und darauf hinaus will, dass in Jesu Tod und Auferweckung wie der Sendung des Heiligen Geistes an Pfingsten das Reich Gottes ja bereits angebrochen ist - heilsgeschichtlich also schon da -, aber eben noch nicht in ganzer Fülle und Vollendung, sodass wir Menschen immer noch Teil der vergänglichen Schöpfung sind.  Genau diese Spannung auszuhalten und nicht auf einer von beiden Seiten vom Pferd zu fallen, ist die Herausforderung.

Exegetisch-Theologisch ist Rust hier übrigens auf der Höhe der Zeit, wenn er neben der Erlösung der Individuen nicht nur auch den ganzen Kosmos in den Blick nimmt, sondern auch von einer leiblichen Auferstehung ausgeht, die unter der Wirkung des Heiligen Geistes eine Transformation all dessen beinhaltet, was zuvor vergänglich gewesen ist (325ff.). Hinsichtlich einer formulierten Eschatologie bedeutet dies für ihn ergo, “dass darin die Gegenwart der Heilserfahrung, ihre missiologische Heilsbedeutung und die aktive Mitgestaltung eingeschlossen und aufgehoben sind.“ (329) Das ist insofern innovativ, als dass es dem alten evangelikalen Klischee entweicht, Christen würden sich der Welt entziehen, weil sie sowieso dem Untergang geweiht sei; vielmehr hat jeder einzelne aktiven Einfluss darauf, wie es werden wird, weil bereits hier und jetzt Facetten des angebrochenen Reiches Gottes realisiert werden können, z.B. durch den Dienst am Nächsten unter Einsatz von Charismen; überhaupt den Prozess der Heiligung versteht Rust als Beginn und Vorgeschmack der Vollendung (334). Die Charismen als Wirkung der Gabe des Geistes sind, so Rust, schon Angeld der kommenden Vollendung, weshalb für ihn Pneumatologie und Eschatologie untrennbar miteinander verbunden sind (334).

Neben der bereits genannten (persönlichen) Heiligung ist für Rust aber auch der Widerstand des Christen Aufgabe gegen das Seufzen und Leiden der Schöpfung (336) - nicht in dem Sinne, dass alles Leid schon hier und jetzt beendet werden könnte (Rust widerspricht explizit der “Glaubensbewegung“ - man müsse nur genügend Glauben haben, dann würde das Wunder oder die Heilung schon eintreffen). Mit-Leiden gehört neben den Transformationsambitionen auf Grundlage der Vollendungshoffnung damit ebenso dazu (342).

Als Ziel und Hoffnung der Vollendung durch den Geist definiert Rust schließlich die ewige Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk, was sowohl die individuelle Auferweckung der Toten beinhaltet als auch die kosmische Vollendung, womit die Mission Gottes zu ihrem Ziel kommt (344f.). Mit Moltmann integriert Rust wiederum das Bild der Shekhina-Vorstellung (346).

Doch zuvor - heilsgeschichtlich gesehen - kann Rust im Zuge eines kurzen Ausblicks noch den Fokus auf ein neues Pfingsten vor der Wiederkunft Christi richten: Ihm geht es um das Reich Gottes, das kosmologische Dimenensionen habe (351). Er spielt damit aber vorwiegend auf eine neue “kirchlich-theologische“ (bzw. pneumato- logische) Strömung an, in dessen Tradition auch sein Buch steht, das er selbst als Denkanstoß versteht (353). Statt selbst gemachter Kirche will Rust damit den Weg bereiten, dass der Geist Gottes - als Initiator - auch tatsächlich fließen kann und die institutionelle(n) Kirche(n) nicht (wieder) im Weg steht.

Fazit:
Rust bietet aus meiner Sicht damit einen gelungenen Entwurf einer konsequent durchgezogenen missionalen Pneumatologie. Die Verknüpfung von theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungsberichten ergeben zusammen eine fundierte und dennoch verständliche Grundlage seiner Denkweise. Besonders hervorheben möchte ich dabei die konsequente Einbettung der Pneumatologie in die Trinität, die dem Charismatiker Rust immer wieder hilft, Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits, Schöpfung und Neuschöpfung zusammenzuhalten. Gleichzeitig argumentiert er sehr nah am biblischen Text, während ihm auch Bibelkritik nicht fremd ist, sie aber genauso wie einen Biblizismus in ihre Schranken weist.

Dieses Gemisch von Bibelnähe, trinitarischem Denken und breitem Erfahrungsschatz führt Rust konsequent zu seiner missionalen Pneumatologie, die eine gute Schneise zwischen dem pfingstlich-charismatischen Lager und der missionalen Bewegung schlägt. Hermeneutisch ist er ebenfalls auf der Höhe der Zeit und argumentiert immer wieder inklusivistisch, d.h. er gesteht auch Nicht-Christen und anderen Religionen zu, eine gewisse Erkenntnis des Geistes Gottes zu haben, auch wenn er sich - als evangelikal geprägter Christ - natürlich sicher ist, dass die letztgültige Offenbarung Gottes die in Jesus Christus bleibt und sich alles andere an ihr messen muss.

Das eigentlich Neue bzw. die konsequente Missionalität in Rusts Entwurf zeichnet sich aber dadurch aus, dass Rust sämtliches Wirken des Geistes immer in den Dienst der Missio Dei, der Sendung Gottes, stellt: Von der Schöpfung bis hin zur Vollendung ist es immer der Geist, der sich in der Sendung befindet und die gesamte Schöpfung mit hineinnehmen möchte in einen Transformationsprozess. Die Christen erlangen ihren Anteil und ihre Aufgabe daran, indem sie aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus von Sünde überführt werden und den Prozess der Heiligung angehen, gleichsam eine neue Gemeinschaft der Heiligen bilden und von dort her, z.B. durch den Gebrauch der ihnen anvertrauten Geistesgaben, Zeugnis geben und sich in den Dienst zur Ausbreitung des Reiches Gottes stellen, bis die vergängliche Schöpfung irgendwann durch den Geist vollendet wird.

Sicher schießt Rust an wenigen Stellen etwas übers Ziel hinaus, wie zuvor bereits angemerkt. Was aber tatsächlich nicht besonders gelungen ist, betrifft die Zeichensetzung. Neben einigen Kommafehlern, sonstigen orthographischen Kleinigkeiten und häufig fehlenden Leerzeichen (besonders auffällig bei Angaben zu biblischen Büchern, die mal mit und mal ohne Leerzeichen angegeben werden) sind leider zahlreiche Literaturverweise mangelhaft. Denn teilweise wird die Angabe der Auflage mit zur Jahreszahl dazu in derselben Größe gedruckt, sodass Literaturverweise entstehen wie “Köberle 20004: 190ff.“ (154) oder “Moltmann, 19892.“ (207; und überhaupt: Warum hier das Komma zur Trennung). Ganz besonders ärgerlich sind aber falsche oder fehlende bibliographische Angaben wie unter Fußnote 315, wenn dort der Verweis auf “Zimmerling 2003³: 154.“ (243) erfolgt, im Literaturverzeichnis aber lediglich “Zimmerling, Peter 2009³“ (368) zu finden ist. Ist Letzteres versehentlicherweise gemeint oder wurde der zweite Eintrag vergessen? 


Nichtsdestotrotz kann ich Rusts pneumatologischen Entwurf wärmstens zur eigenen Lektüre empfehlen und hoffe, dass auch diese Äußerlichkeiten mit der zweiten Auflage behoben sein werden.

Mittwoch, 12. März 2014

Heinrich Christian Rust: Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie (Rezension, Teil 7)

Im siebenten Kapitel, “Der Geist der Gnade“, geht Rust konkret auf die unterschiedlichen Charismen (= Geistesgaben) ein. Konsequent argumentiert er auch hier zugunsten einer missionalen Ekklesiologie, denn die Charismen seien gegeben, “damit der erhöhte Christus in uns durch die Kraft seines Geistes die Missio Dei weiterführen kann. Die pneumatologische Bewegung geht vom Christus für uns (Soteriologie) zum Christus in uns (Heiligung und Ekklesiologie) und weiter zum Christus durch uns (Missiologie).“ (268) Anhand der griechischen Wurzeln verweist Rust dabei ausführlich auf den Aspekt der Gnade: Nichts über den Empfänger oder seine Heiligkeit sage die Gabe damit aus, lediglich insofern, als dass die jeweilige Gabe laut Rust auch von Persönlichkeit, Charakter und Kultur des Gabenträgers beeinflusst ist (272; 292ff.).

Ihre Grundlage entdeckt Rust aber natürlich in dem seit der Wiedergeburt dem Gläubigen innewohnenden Geist Gottes, was Rust dazu verleitet, von einem alles umfassenden “Grund-Charisma“ zu sprechen, von dem sich einzelne Begabungen und Profile erst ableiten ließen (273); im Gegensatz zu den natürlichen Begabungen entstünden diese erst durch die Initiative des Heiligen Geistes, deshalb “Geistesgabe“. So ist die natürliche Begabung des Menschen durch die Schöpfung angelegt, während es es bei den Geistesgaben die Neuschöpfung ist, auf die hin die Charismen wirken (siehe auch den nächsten Post zu “Geist der Hoffnung“).

Anstatt aber auf die einzelnen Charismen einzugehen - er listet 15 Gaben kurz auf, die er aus Röm 12, 1 Kor 12 und Eph 4 ableitet (275-277) -, ist Rust v.a. an Empfang und Entwicklung der Charismen interessiert. Trotz des Gnadencharakters ruft Rust zum Streben bzw. Eifern danach auf, freilich ohne Krampf und mit dienendem Herzen (281f.). Neben dem Gebet lenkt er dabei den Blick auch auf das Gespräch mit anderen Christen als Spiegel, um bisher unentdeckte Gaben zu lokalisieren (283). Dem schließe sich, so Rust, ein Lernprozess an; nicht um die Gabe zu perfektionieren - das sei sie bereits -, sondern um vom Träger mehr und mehr erkannt und im Umgang erlernt zu werden (284ff.). Dies impliziere Geduld, kontinuierliche Begleitung und Offenheit für Korrektur (285ff.); konkret greift Rust dabei exponierte Gaben wie Leitung oder Lehre und Prophetie heraus, bei denen (natürlich) auch Fehler gemacht werden (z.B. falsche Prophetien oder falsche Lehren), zu denen man offen stehen und gleichzeitig in der Gemeinde Vergebung erwarten können sollte (288).

Charakteristisch für Rust ist dabei die Forderung, in der Gemeinde für sämtlich Gaben offen zu sein. Ihm geht es dabei darum, dass seiner Ansicht nach auch Prophetie und Glossolalie (= Sprachengebet) ihren Platz im Gottesdienst haben sollen, da er den daraus resultierenden Segen für höher erachtet als die kulturelle Verschreckung; immerhin kann er ja mit Paulus zurecht auf das Überführungspotenzial der Prophetie hinweisen, wenn Ungläubige in der Gemeinde sind (vgl. 1 Kor 14). Dennoch sollte man meiner Meinung nach ganz individuell prüfen, was der Gemeinde und auch Gästen zuzutrauen ist und wo es wirklich strange wird. Selbst für Christen sind solche Praktiken ja manchmal sehr befremdlich, auch wenn ich theologisch gesehen Rust an dieser Stelle recht geben muss.

Wiederum interessant sind Rusts Gedanken, die er im Zuge der Ausprägung und Intensität von Charismen äußert. So geht er beispielsweise davon aus, dass durch die unterschiedliche Austeilung von Gaben konkrete Ortsgemeinden ein sehr unterschiedliches Gabenprofil haben können, welches er jeweils für ergänzungs- bedürftig hält (296f.). Damit wäre ja, sofern er denn recht hat, gerade die Notwendigkeit nach übergemeindlicher Zusammenarbeit gegeben und böte die Chance, dass sich unterschiedliche Gemeinden nebeneinander etablieren könnten (oder gar müssten) und man gerade nicht nach der einen richtigen Gemeindeform sucht, die es ja sowieso nicht gibt. Denn neben der Verherrlichung Gottes, der Auferbauung der Gemeinde und der eigenen Person selbst ist es ja v.a. die Mission, in deren Dienst die Charismen laut Rust stehen (298ff.), die aber vor Ort je nach Herausforderung und v.a. eigener Zielsetzung (sinnvollerweise anhand vorhandener Charismen) sehr unterschiedlich aussehen kann. Dabei kennt Rust natürlich die klassischen Einsatzorte der Charismen wie im Gottesdienst oder Hauskreis. Aber auch darüber hinaus sieht er Entfaltungspotenzial in Dienstgruppen, die geradezu evangelistisch wirken können (z.B. bei Prophetie oder Heilung), und v.a. im Alltag.

Dienstag, 11. März 2014

Heinrich Christian Rust: Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie (Rezension, Teil 6)

Auch beim Aspekt der versöhnten Gemeinschaft, die Rust in Kapitel 6 spielt der Geist Gottes die federführende Rolle. Denn “die Gemeinde Jesu hat sich nicht selbst berufen, sondern sie wurde von dem Herrn der Gemeinde erwählt (Joh 15,16.19). In der Erwählung liegt der Entschluss des trinitarischen Gottes, nicht allein mit sich zu bleiben.“ (206) Diese Erwählung geschieht effektiv natürlich durch den in der Gemeinde Gottes wohnenden Geist Gottes, auch wenn Rust explizit von christologischer, pneumatologischer und eschatologischer Perspektive der Kirche redet (207).

Die Kirche als Leib Christi verkörpert damit Rust zufolge zunächst einmal eine “corporate identity“ (209), in der es weder hierarchische Strukturen noch bevormundende Ämter gibt und sich der Geist der Liebe Christi offenbart (211f.). Von der Leibmetaphorik leitet Rust des Weiteren die Funktion jenseits der Selbstgenügsamkeit ab (212) und kommt damit auf die klassischen Attribute der altkirchlichen Glaubensbekenntnisse (Einheit, Heiligkeit, Katholizität, Apostolizität) zu sprechen (213ff.).

Die konfessionelle Ausdifferenziertheit will Rust dabei durch die missionale Pneumatologie überwinden, die “die Orthodoxie durch die Würdigung der ‘Gemeinschaft des Geistes‘ auch außerhalb der verfassten Kirchen im Blick auf die gemeinsame Bestimmung der ‘Gemeinschaft der Heiligen‘“ (215) relativiert. Denn es ist die Orthopraxie mit dem Ziel der gemeinsamen Mission, die Rust in den Fokus rückt (218; 2); immer wieder ist es die Verknüpfung von Missionalität und Pneumatologie, die Rust (zurecht) hervorhebt, was zeitweise aber etwas redundant wirkt.

Und so agiert der Geist Gottes nicht nur in der Predigt, sondern auch in der Taufe als “Wahrzeichen der Neuschöpfung“ (Moltmann; 223), im Abendmahl (223ff.) und im Charisma und (nicht-hierarchischem) Amt (228ff.). Der missionale Gedanke schlägt sich bei Rust aber v.a. auch in den fünf Grundfunktionen der Ekklesia (Kirche) nieder: Am Gottesdienst (leiturgia) kritisiert er die Kopflastigkeit, realisiert durch zu wenige Akteure - denn alle Geistbegabten sollen ja Priester sein -, wobei er gleichsam zu einer Glaubenserwartung und Offenheit aufseiten aller Gottesdienstteilnehmer aufruft und die explizite Anrufung des Heiligen Geistes fordert, während einer Ritualisierung vorzubeugen ist (240ff.).

Unter dem Stichwort “koinonia“ (Gemeinschaft) ruft Rust zu einem Neudenken auf hinsichtlich der gemeinschaftsbildenden Formen jenseits von arbeitsorientierten Projektgruppen (247); die klassisch heile, christliche Familie als Zielgruppe und Norm empfindet er in der Postmoderne für nur sehr eingeschränkt praktikabel (248).

Unter “martyria“ versteht Rust “[z]um einen […] das vollmächtige verbale Zeugnis, zum anderen die vom Geist Gottes gewirkte Erfahrung der mitfolgenden Zeichen und Wunder“ (250); weil für ihn die hinter dem Zeugnis stehende Wahrheit personell gebunden ist, und zwar in der Person Jesus Christus (vgl. Joh 14,6), sieht er in der persönlichen Evangelisation einen zunehmenden Stellenwert (251). Neben der Ausrichtung auf Zeichen und Wunder ist v.a. für evangelikalen Kreise Rusts Bewusstsein herausfordernd, dass die menschliche Entscheidung auf das Zeugnis “immer nur ein Echo auf die Ansprache und die von Sünde überführende Kraft des Heiligen Geistes sein“ (253) kann.

Neben der evangelistischen Praxis von Zeichen und Wundern (und der Wortverkündigung) ist es v.a. der Dienst am Nächsten (“diakonia“), den Rust als praktisch entscheidenden “Ausdruck der umfassenden Missio Dei sieht“ (255); in diesem Zuge kritisiert er v.a. die zunehmende Ökonomisierung der karitativen Einrichtungen der Großkirchen und betont die Liebe Gottes als entscheidende Kraftquelle des immerzu Dienenden, damit Diakonie nicht “zu einer kräftezehrenden Eventkultur“ (261) mutiert.

Als letzten der fünf Grundfunktionen thematisiert Rust die didaskalia, also die Lehre und Jüngerschaft, die er - mit den Worten Alan Hirschs - als wichtigstes Element der missionalen DNA bezeichnet (265). Dabei sei, so Rust, die ganze Person in den Blick zu nehmen, und Lehre müsse unter den Aspekten von “Begleitung, Lebenspraxis und Charismen der Lehre, des Wortes der Erkenntnis und der Weisheit“ (264) geschehen, nicht allein durch Vorträge.

Samstag, 8. März 2014

Heinrich Christian Rust: Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie (Rezension, Teil 5)

Auf den sich anschließenden 20 Seiten des nachfolgenden fünften Kapitels widmet sich Rust dem Aspekt von Gotteskindschaft und Heiligung. Auf Grundlage des neutesta- mentlichen Befundes versteht er die Heiligung als Gütesiegel in der Kraft und Gabe des Heiligen Geistes, dem sich ein  ganzheitlicher Transformationsprozess anzuschließen hat, denn “[d]ie empfangene Gabe des Lebens der Ewigkeit (Röm 6,23) will sich ausbreiten in die gesamte menschliche Existenz.“ (183) Auch hier entdeckt Rust also sowohl das eigenmächtige Wirken Gottes als auch die Verantwortung des Menschen.

Diese ganzheitliche Transformation verbindet Rust mit dem Terminus “Reich Gottes“, was sowohl die individuell-persönliche Transformation des Herzens als auch der Gesamtgesellschaft beinhaltet (187). Diese Transformation führt Rust zufolge sogar jenseits der Todesgrenze, da der Geist der Schöpfung eben auch der Geist der Neuschöpfung und der Transformation des Leibes am Ende aller Tage ist, deren eigent- liche Erfahrung in diesem Leben - sozusagen als Angeld - Rust aber “vorwiegend im Bekenntnis des Glaubens und nicht durch eine Vielzahl geöffneter Gräber“ (189f.) verortet.

Diesen Transformationsprozess verknüpft Rust grundlegend mit dem Aspekt von Gemeinschaft, deren Ursprung er bereits in der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes  vorfindet, an dem der Glaubende durch den Heiligen Geist teilnimmt, woraus wiederum Gemeinschaft unter den Gläubigen gestiftet wird (194ff.). Rust befreit sein missionales Christentum somit auch an dieser Stelle von mystischen Verflüchtigungen in eine individualistische Spiritualität. Der Transformationsprozess im Zuge des Reich Gottes-Denkens beinhaltet für Rust außerdem Abhängigkeit und Autorität durch das sog. “Sein in Christus“ - die beiden Seiten (Herrlichkeit und Niedrigkeit), die sich natürlich in Jesus Christus selbst wiederfinden lassen.

Donnerstag, 6. März 2014

Heinrich Christian Rust: Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie (Rezension, Teil 4)

Mehr und mehr tritt die praktische Seite in Rusts Pneumatologie zutage, wenn er im vierten Kapitel die sehr individuell-persönliche Seite der Wirkungen des Heiligen Geistes von den Anfängen des Christseins bis hin zu den höchsten Heraus- forderungen thematisiert. Anhand von zahlreichen persönlich erlebten Taufzeug- nissen legt Rust den Fokus auf die “eindeutige Korrelation von göttlicher Offenbarung und menschlicher Verantwortung“ (144; nach E. Brunner, Dogmatik III, Zürich 1964, 312), die sich “im Prozess der Buße, der Erfahrung der Rechtfertigung aus Glauben, bei der Taufe“ (145) erweise; natürlich ist auch hier wieder das verbindende Element der Heilige Geist. Er sei es, so Rust, der - oftmals in Krisenzeiten - den Menschen zur Buße und zur Erfahrung der Sünde führt, jedoch immer in Kombination mit dem evangelistischen Wort von Kreuz und Auferstehung Jesu (145ff.). Der Geist lädt Rust zufolge ein, wirbt um den Noch-Nicht-Gläubigen, u.U. gefolgt von Zeichen und Wundern, woraufhin die existentielle Frage der eigenen Umkehr zur Sprache kommt (148ff.).

Diesen Initiationsprozess, klassischerweise als Bekehrung oder Wiedergeburt bezeichnet, verknüpft Rust anschließend zurecht mit der sog. “Rechtfertigung aus Glauben“, die für den gläubig werdenden Menschen erfahrbar wird (154ff.). Mit großer theologischer Freiheit reißt er die unterschiedlichen Aspekte (Buße, Bekehrung, Rechtfertigung, Taufe) an, präferiert als Baptist zwar die Erwachsenentaufe, ist sich aber auch dessen bewusst, dass es hier nicht den einen richtigen Weg gibt, der soteriologisch entscheidend ist. Gleichermaßen wichtig sind ihm dabei allerdings die beiden Seiten der Geistwirkung, wie sie sich schon bei Jesus selbst zeigen: Einerseits die Rechtfertigung anhand der Kreuzigung Jesu, andererseits “die Gnade der Neugeburt als Hoffnung durch die Einsetzung in das Erbe auf die Zukunft Gottes“ (157), die Rust mit der Auferstehung Jesu verbindet.

Nach Buße/Bekehrung und Wassertaufe thematisiert Rust das Phänomen der Geistestaufe, die oftmals vom sog. “Zugenbeten“/ “Sprachengebet“ begleitet werde (161ff.). Auch wenn er innerhalb der verschiedenen Strömungen zwischen Erweckungs- und Heiligungs- bewegung, klassischer Pfingstbewegung und sog. “Dritter Welle“ wiederum an eine große theologische Freiheit jenseits von einseitiger Engstirnigkeit appelliert, bekennt sich Rust zu der Geistestaufe als zweitem Phänomen neben Bekehrung und Wassertaufe, gefolgt von wiederholter Erfüllung mit dem Heiligen Geist, auch wenn hier manches theologisch spekulativ und leicht mechanisch wirkt (z.B. die Idee verschiedener Taufarten wie Wassertaufe, Bußtaufe, Blutstaufe, Leidenstaufe und Geistestaufe; 166). Im Sinne der Positionierung des “Mühlheimer Verbandes Evangelischer Freikirchen in Deutschland“ und  in (zumindest impliziter) Anlehnung an John Wimber bekennt sich Rust zu einer Offenheit der Folgen der Geistestaufe, da “mit dem Empfang der Gabe des Heiligen Geistes auch die Anlage für alle Geistesgaben in jedem wiedergeborenen und geistgetauften Christen angelegt ist.“ (170)

Dennoch schenkt Rust der Glossolalie (= Sprachengebet) besondere Aufmerksamkeit und überansprucht den Bibeltext dabei vielleicht etwas, wenn er zunächst im paulinischen Bericht neben dem Vorteil der Prophetie für die Gemeinde (vgl. 1 Kor 14) v.a. die Selbster- bauung der Glossolalie hervorhebt, sie dann aber doch nicht als Charakteristikum für die Geistestaufe ansieht, sondern vielmehr das “vom Geist gewirkte Zeugnis an den Geist des Menschen, dass er ein Kind Gottes ist (Röm 8,14-17)“ (172); nicht, dass die Überlegungen grundsätzlich falsch wären, nur wirken sie hier und auch anderswo teils etwas unausgewogen bis willkürlich und für den Leser nicht zwingend nachvollziehbar, so auch die nochmalige Erwähnung des Geistes zur Initiation zur Mission (173).

Zuletzt erwähnt Rust das für ihn sich wiederholende Erlebnis der Erfüllung mit dem Heiligen Geist als “personale Gegenwart Gottes“ (175) in v.a. besonderen Herausforderungen und Leiderfahrungen. Mit Moltmann vergleicht er dies mit der im Tempel präsenten Shekhina (= Wohnen/Anwesenheit Gottes; 176), wobei er auch Gemeinschaftsaspekt samt integrierter gegenseitiger Unterordnung statt hierarchischem Anspruchsdenken anspricht (178f.).

Mittwoch, 5. März 2014

Heinrich Christian Rust: Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie (Rezension, Teil 3)

Mit dem dritten Kapitel konkretisiert Rust de Heiligen Geist in seiner Rolle zwischen Schöpfung und Neuschöpfung. Typisch für ihn ist die Einleitung durch eine persönliche Begebenheit, in diesem Fall das Krächzen der Vogel in seinem Garten, anhand derer er die Spannung zwischen “geliebte[r] Schöpfung und […] gefallene[r] Welt“ (115) zum Ausdruck bringt. Ihm sind also beide Pole bewusst, und mit Jesus Christus als Kontinuität zwischen geschaffenem Wesen und neuer Schöpfung verwehrt er sich jeglicher Einseitigkeit (v.a. Weltflucht; 117). Dem Thema des Buches gemäß - und dem stimme ich zu - ist es natürlich der Geist Gottes selbst, der diese Kontinuität überhaupt ermöglicht und der hin zum vollendeten Reich Gottes als Zielpunkt die jetzige Schöpfung transformiert (117ff.).

Dieser Transformationsprozess der Schöpfung wird Rust zufolge von einer Vielzahl an Phänomenen begleitet, so zunächst das Staunen und Seufzen - über und in der Schöpfung, über Jesus Christus und die damit verbundenen Heilserfahrungen, allesamt initiiert durch den Heiligen Geist, der ebenfalls seufzt (121ff.). Weil der spiritus vivificans (= lebendigmachender Geist) gleichermaßen spiritus crucis (= Geist des Kreuzes) ist, deutet Rust den Sterbeprozess als Zeichen für neues Leben, was er exemplarisch und initiativ natürlich von der Kreuzigung und leiblichen Auferstehung Jesu ableitet (128f.). Dass die Welt aber tatsächlich verdorben und erlösungsbedürftig sei, müsse jedoch erst von ihr selbst erkannt werden, so Rust, weshalb er wiederum - klassisch missional - die Sendung der Erlösten in die Welt betont (131; 133). Dabei spielt erneut die Dimension des Bösen eine Rolle, auf die Rust schon zuvor hingewiesen hat; gegen sie gilt es, den Kampf des Glaubens zu kämpfen, womit Rust konkret auf geistliche Kampfführung aus ist, deren Art und Weise er anhand einer Befreiung von eigens erlebter, von Ärzten als tödlich diagnostizierter Krankheit beschreibt (134ff.). Einmal mehr wird an dieser Stelle deutlich, wie eng Rust Theorie und Praxis miteinander zu verbinden sucht, um dem Leser ein Gefühl für das Thematisierte zu geben.

Dienstag, 4. März 2014

“Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie“ von Heinrich Christian Rust (Rezension, Teil 2)

Im zweiten Kapitel, unter dem Stichwort “Zugänge zum Geist Gottes“, wird Rust bereits wesentlich konkreter. Zunächst allerdings legt er eine Problemskizze vor, die das Alleinstellungsmerkmal missionaler Pneumatologie hervorhebt: Sie sei “von der Sache her dialogisch“ (85), womit Rust den zuvor gemachten Gedanken aufgreift, dass der Geist Gottes auch jenseits von Kirche und Theologie erfahrbar sei (84f.; vgl. “die immanente Transzendenz“ nach Moltmann). Deshalb hält er nicht nur eine Aufnahme natur- und geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse für ein pneumatologisches Gesamtbild für möglich, sondern anerkennt bei den Nicht-Christen eine gewisse natürliche Gotteserkenntnis und Spiritualität - auch wenn er ebenso die Grenzen deutlich markiert (87); so hält er Erfahrung und Offenbarung für “die beiden Schienenstränge eines Zuggleises“ (91). Dagegen kritisiert er ebenso die klassisch historisch-kritische Wissenschaft mit ihrem geschlossenen Weltbild wie auch ein biblizistisches Schriftverständnis, das das Zeugnis des Geistes ignoriert (91ff.).

Ausführlich thematisiert Rust eine sozusagen “missionale Mystik“, die sowohl - mit den Begriffen Moltmanns - “schweigende Spiritualität“ als auch “bewegende Vitalität“ beinhalte (96). Über sie und auf Grundlage der göttlichen Weisheit, die Rust natürlich aus der Bibel ableitet, kann er sogar von einem “interkulturellen und interreligiösen Dialog“ (ebd.) auf den Ebenen von Kopf, Herz und Tat sprechen.  Anschließend entfaltet er Richard Fosters drei Elemente der Meditation: Sammlung, betrachtendes Gebet und hörendes Gebet, was - sofern man das bei mystischer Thematik sagen kann - recht greifbar wirkt und zum eigenen Handeln anleitet (98ff.).

Das Kapitel abschließend, wendet sich Rust den Fragen nach Offenheit und Verschlossenheit gegenüber dem Heiligen Geist zu. Dies sei seit Pfingsten möglich, da  der Heilige Geist seither für alle Menschen dauerhaft erfahrbar sei und nicht nur für einige Privilegierte (105). Damit verbunden ist für ihn aber der Auftrag zur bewussten Bitte um den Heiligen Geist und ein Streben nach ihm, das mit einem zunehmenden Maß an Heiligung korreliere (106f.); es liegt also, so Rust, an dem Christen und der Gemeinde selbst, dem Heiligen Geist Raum zu geben oder eben nicht. Genauso, wie für Rust der Heilige Geist real ist, ermahnt er dazu, auch das Dämonisch-Diabolische in der Welt ernstzunehmen, weshalb dem Christen ein Unterschei- dungsvermögen durch die Gabe der Geisterunterscheidung, eine Reife im Christsein und eine Kenntnis der biblischen Schrift anheimgestellt sei (108ff.). Etwas scharf jedoch wirkt die Gleich- setzung des Widerstehens gegenüber dem Heiligen Geist (z.B. innerhalb einer biblizistisch ausgerichteten Gemeinde) mit der von Jesus als nicht vergebbar deklarierten Lästerung des Heiligen Geistes (112f.) - auch wenn Rust diese letzte Verknüpfung so nicht formuliert, aber zumindest dem Bibelkenner ins Auge fällt.

Sonntag, 2. März 2014

“Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie“ von Heinrich Christian Rust (Rezension, Teil 1)

Nachdem ich bereits einige sehr positive Rezensionen dazu gelesen hatte, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, mich endlich an Heinrich Christian Rusts neues Buch “Geist Gottes - Quelle des Lebens: Grundlagen einer missionalen Pneumatologie“ zu setzen. Dem Titel gemäß soll es eine Einführung in die Lehre vom Heiligen Geist (= Pneumato- logie) sein, wie sie klassischer- weise der Systematischen Theologie/Dogmatik zugeordnet wird; und tatsächlich reißt Rust viel des dort Diskutierten an, macht es aber durch persönliche Erlebnisse und Geschichten sehr viel lebendiger und auch für weniger theologisch geschulte Menschen anschaulicher, sodass sein Buch tatsächlich als eine Einführung verstanden werden kann.

Der Untertitel “Grundlagen einer missionalen Pneumatologie“ ist übrigens nicht einfach Stilmittel, weil es gerade besonders fancy ist, missional zu sein. Vielmehr berichtet er in der Einführung von seinem Einstieg in die charismatische Szene, macht aber gleichzeitig kritisch darauf aufmerksam, dass die dortige Hoffnung v.a. auf die Erneuerung der einzelnen Person gerichtet (worden) sei (15). Gleicher- maßen stellt er fest, dass die mit dieser Bewegung verbundenen Neugründungen charismatischer Gemeinden weitestgehend dem klassischen (nicht-charismatischen) Gemeindemodell entsprächen (16), die Rust wiederum mit der relativ schnellen Erstarrung auch jener Gemeinden in Verbindung bringt (17ff.). Die These, die er anschließend formuliert, lautet zugespitzt, dass der Heilige Geist ein Geist der Mission sei (22), der gerade deshalb Gemeinden neu belebt und Neues schafft - um der Mission willen (26). Statt “verhängnisvolle[r] Enge der Bewegung“ (28) wegen einseitiger Fokussierung auf die Erneuerung des einzelnen Menschen - was Rust grundsätzlich nicht ablehnt - und wegen “mangelhafte[r] trinitarischer Rückbindung des Geisteswirkens“ (28) entwickelt Rust deshalb eine konsequent trinitarisch-angelegte Pneumatologie mit missionalem Fokus. Zurecht schließt er damit eine Lücke zwischen eben kritisierter charismatischer Bewegung und der missionalen Bewegung, die manchmal auf der anderen Seite vom Pferd fällt und fast wie gemachte Kirche wirkt.

Aufgrund der konsequenten Einbindung der Pneumatologie in die Trinität Gottes wendet Rust sich im ersten von acht Kapiteln zunächst einmal genau jener trinitarischen Grundlegung zu, die von ihrem “theologischen Grundfutter“ her sich gut in die ökumenische Diskussion einfügt, die seit einigen Jahrzehnten auf universitärer Ebene geführt wird. Entgegen der in evangelikal gängigen Sichtweise, dass der Heilige Geist nur in wiedergeborenen Christen wohne (33), betont er auf Grundlage des biblischen Zeugnisses, dass der Heilige Geist bereits bei der Schöpfung aktiv gewesen sei und deshalb nicht nur ein Erlösergeist sei, “der dann folgerichtet seinen Ort auch lediglich unter den Erlösten“ (35) hätte. Vielmehr schlussfolger Rust (38):

“Missionale Pneumatologie spürt das Wirken des Geistes Gottes auch in anderen Kulturen und Religionen auf, um Menschen auf die Quelle dieser Liebe in Jesus Christus hinzuweisen. Zudem ist bei allem Bemühen um eine komparative und dialogische Religions- wissenschaft daran festzuhalten, dass in Jesus Christus die Liebe Gottes erschienen ist und er der Weg zu Vater ist.“

Rust vertritt somit eine inklusivistische Perspektive, denn “[w]enn etwas der Botschaft von Jesus widerspricht, dann kann es nicht vom Geist Gottes stammen.“ (39) In einem kurzen Gang durch die Hebräische Bibel und das Neue Testament thematisiert er die dortigen Wirkungen des Heiligen Geistes: Während es in der vorpfingstlichen Zeit im Wesentlichen Einzelpersonen (Propheten, Priester, Könige) gewesen seien, die den Heiligen Geist empfingen, sei über Jesus als messianischem Träger des Heiligen Geistes seit Pfingsten der Heilige Geist auf das Kollektiv der Gemeinde Jesu gefallen und in ihr präsent (39ff.). In diesem ersten Teil legt Rust damit die tatsächlichen biblischen Grundlagen, wie der Heilige Geist wirkt, was es biblisch mit der Glossolalie (= Zungenreden) auf sich hat und warum beispielsweise ein “Cessationismus“ unbiblisch ist, der die Geistesgaben nach der Generation der Apostel für beendet erklärt (57).

Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang zwei Aspekte: Einerseits sucht Rust danach, seine These zu belegen, dass der Geist Gottes der Geist der Sendung ist, der gleichsam auf die Vollendung hinweist und damit jenseits von Kirche auch in dem gesamten Bereichen des Leben zu suchen ist (56ff.). Andererseits arbeitet Rust die trinitarische Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist aus, die auch eine Anbetung des Heiligen Geistes für machbar hält, weil der Heilige Geist handelndes Subjekt ist und perichoretisch mit dem Vater und dem Sohn verwoben ist, der als dynamis (personelle Kraftquelle) dem Gläubigen und der Gemeinde gegenübersteht (64ff.). Immer wieder ist es der große Tübinger Theologie Jürgen Moltmann, mit dem sich Rust identifiziert und an dem er sich orientiert. Später dazu mehr!