Mittwoch, 19. März 2014

Johannes Reimer über die Wichtigkeit von Willkommenskultur in Kirche und Evangelisation/Mission (Rezension von “Hereinspaziert!“)

Dem Untertitel seines 2013 erschienenen Buches “Hereinspaziert!“ gemäß widmet Johannes Reimer sich in sieben Kapiteln (plus kurzem Nachwort) dem Verhältnis von Evangelisation und Willkommens- kultur. Dabei wird schnell deutlich, dass Reimer “Evangelisation“ freilich grundlegender versteht als eine Aktion wie Traktate Verteilen oder zum Gottesdienst Einladen. “Mir geht es damit um Evangelisation als Prozess der Integration des Menschen in das Erleben des Glaubens“ (16), so schreibt Reimer im ersten Kapitel. Dies beinhaltet für ihn eine grundlegende Auseinandersetzung der Gemeinde mit Kultur und zielt auf eine Ganzheitlichkeit ab, die in der Vergangenheit oft vernachlässigt worden ist. Aus mehreren Einzelaspekten des ersten Kapitels wird auch deutlich, warum es Sinn macht, sich als Gemeinde überhaupt mit Kultur auseinanderzusetzen. Die wohl zwingendste Argumentation zugunsten einer Inkulturation der Gemeinde findet man aber erst im siebenten und letzten Kapitel (147ff.); Reimer setzt sich dort mit dem Prozess des tatsächlichen Hineingehens in die örtliche Kultur auseinander. Dies ist für ihn Grundlage dafür, von den Menschen vor Ort verstanden zu werden (148) und beinhaltet eine Kultur der ständigen Lernbereitschaft (158ff.). Biblisch belegt er dies anhand von Paulus und seiner Aussage, den Juden ein Jude geworden zu sein usw. (1 Kor 9,20ff.), betont aber zugleich (anhand von Joh 17,17ff.), dass Kirche und Welt niemals gleich sein dürften. Was als Begründung leider nur peripher eingestreut wird, ist der theologische Inkarnationsgedanke, der besagt, dass wie Gott in Jesus in diese Welt inkarniert ist (= Fleisch geworden), so auch die Gemeinde als Leib Christi in die Welt inkarnieren soll (Andeutungen z.B. auf 28).

Aufgrund von Orientierungslosigkeit und dem Verlust von Heimatgefühl innerhalb der nicht-christlichen, postmodernen Kultur sieht Reimer deshalb gerade in der Gemeinwesenarbeit eine Chance für ganzheitliche Evangelisation, die die nicht-kirchliche Kultur sozial und/oder kulturell prägen kann und gleichzeitig ernsthaft an ihr teilzunimmt (16ff.). Dies expliziert er im zweiten Kapitel, wobei schnell deutlich, dass Reimers Verständnis von Evangelisation nahezu deckungsgleich zu “Mission“ (im missionalen Sinne) oder auch “Reich Gottes-Bau“ ist, wenn er postuliert, “dass alle Glieder der Gemeinde mit allen ihnen gegebenen Gaben des Heiligen Geistes in den Prozess der Evangelisation hineingenommen sind.“ (25) Deshalb hebt Reimer auch immer wieder die Hilfe von oben - durch den Heiligen Geist - hervor und pocht auf das authentisch dienende Herz  und die damit verbundenene Identifikation der Gläubigen mit den Noch-Nicht-Gläubigen (26f.), selbstverständlich unter o.g. Prämisse der nicht-inhaltlichen Identifikation.

Die tatsächliche Stärke des Buches liegt aus meiner Sicht v.a. in der Analyse der kulturell-sozialen Dimension, sowohl innerhalb der Gemeinde als auch außerhalb, die er in den Kapiteln 3-6 entfaltet. Denn die Außenwahrnehmung der Gemeinde als Vertreter Gottes in der Welt (Reimer spricht von Gemeinde Jesu als “Gottes erwählter Evangelist“; 23) ist ja, wie oben gesehen, ganz entscheidend. Zunächst aber geht es um die Gemeinde selbst und ihr Stärken; Reimer definitert dafür materielle Voraussetzungen (Begabung, Besitz und Infrastruktur der Gemeinde; 47ff.), soziale Voraussetzungen (“Soft Skills“; 49ff.), kognitive Voraussetzungen (Sachkompetenz, problembezogene Kompetenz, projektbezogene Kompetenz; 51ff.) und spirituelle Voraussetzungen (Geistesgaben v.a.; 53ff.). Anschließend wendet er sich den Aspekten von Potenzial und Charakter zu und unterteilt in den individuellen, sozialen und spirituellen Charakter der Gemeinde (61-77); hier fließen sowohl soziologische Ergebnisse ein wie auch ein theologischer Bezug zu den Früchten den Geistes (vgl. Gal 5,21), auf Grundlage derer er sehr ausführlich v.a. die spirituelle Kultur in den Blick nimmt. Umfangreiche Tabellen zur Potenziel- und Charakteranalyse der eigenen Gemeinde runden das Kapitel ab und nehmen neben einigen Grafiken recht viel Platz ein, machen das Ganze aber auch praktisch. Integriert wird in das Kapitel letztlich auch das Spektrum an Kriterien, wie facettenreich die Kultur jenseits der Gemeinde ist, ob sie beispielsweise eher individualistisch oder kollektivistisch ist usw. (65).

Die konsequente These des vierten Kapitels lautet deshalb, dass “auch Evangelisation der Gemeinde […] als bewusstes Kulturangebot formuliert werden“ (98) muss. Dieser Aspekt ist insofern interessant, weil dadurch das Kirchengebäude - das ja die meisten Gemeinden besitzen - einen neuen Stellenwert und v.a. eine Chance bietet. Faktisch setzt Reimer ihn aber erst später um und dekonstruiert zunächst unterschiedliche Evangelisationsstrategien auf ihre kulturelle Prägung Passgenauigkeit hin - denn “[n]ichts wäre für die Effektivität der Evangelisation so abträglich wie ein kulturfremdes Vorgehen“ (98) - und unterscheidet dabei zwischen präsentischer Evangelisation (mit Menschen leben), proklamativer Evangelisation (konkrete Verkündigung) und integrativer Evangelisation (Leben, Gemeinschaft und Zeugnis) (102ff.). Weil Reimer Evangelisation als einen Prozess versteht, gibt es für ihn nicht prinzipiell No-Gos unter den Evangelisationsmethoden, aber alles zu seiner Zeit, weshalb er von einem “Zyklus evangelistischer Verkündigung“ (114) spricht.

Als eine evangelistisch lang vernachlässigte “Methode“ thematisiert Reimer im fünften Kapitel die Gastfreundschaft (121ff.). Neben biblisch-theologischen Grundlagen wirkt v.a. das Nachdenken über internationale Feste und “multikulturelles Kochen“ inspirierend, weil darüber jeder auch Noch-Nicht-Gläubige sich und seine Kultur mit einbringen kann. Dies mündet in Reimers Diktum, dass monokul- tureller Gemeindebau allein für Christen sei, “[u]m ihr geistliches Weiterkommen und Heiligung“ (130) an die erste Stelle zu setzen und darüber höchstwahrscheinlich die Evangelisation zu vernachlässigen.

Den eigentlichen Weg hin zur Willkommenskultur entfaltet Reimer im sechsten Kapitel  (1. Vorintegration, 2. Erstorientierung, 3. Etablierung; 133ff.). Neben dem zuvor thematisierten Prinzip der Gastfreundschaft spricht er offene Räume des Gemeindezentrums an, ein auf den Gast zugeschnittenes Programm der Gemeindever- anstaltungen, in die idealerweise der Gast direkt integriert werden kann (z.B. durch musikalische Beiträge) und v.a. die von Nächstenliebe und Interesse geprägte aktive Partizipation aller Gemeindemitglieder. Etwas überflüssig, weil redundant, wirkt dabei die Zusammenfassung der sieben Charakteristika einer solchen Gemeinde nach Mark Mittelberg (Willowcreek). Überaus wichtig erscheint mir dagegen Reimers Thematisierung der Raumgestaltung, die für den ersten Eindruck und massiv das Wohlbefinden des Gastes verantwortlich ist (142ff.); einige reale Beispiele von Gemeinden geben einen Eindruck. Insgesamt steckt v.a. hinter diesem Kapitel eine theologische Mischung aus missionalem Sendungsgedanken der Kirche in die Welt bei dennoch wissentlichen Nutzen des Gebäudes vor Ort, wie es von Vertretern sog. attraktionalem Denkens befürwortet wird (vgl. mein Blogpost zu missional vs. attraktional).

Neben der für meine Begriffe zeitweise etwas unstrukturierten Argumentation ist zunächst Reimers häufige Bezeichnung “Ungläubigen“ zu kritisieren. Anstatt von - wie ich versucht habe zu korrigieren - Noch-Nicht-Gläubigen zu sprechen, ist diese Bezeichnung doppelt unglücklich, denn zum Einen klingt es für meine Begriffe nicht einladend und auf Augenhöhe begegnend, obwohl Reimer das gerade beabsichtigt, wenn er von dialogischem Dasein (32ff.) spricht. Zum Anderen glaubt kaum jemand wirklich an nichts, der Terminus trifft also auch faktisch nicht den Sachverhalt. Ebenfalls etwas platt-evangelikal wirken seine biblischen Einstreuungen und der Bezug zur Lausanner Verpflichtung (ob man dem jetzt inhaltlich zustimmt oder nicht, sei dahingestellt; mir geht es an dieser Stelle um die rhetorische Präsentation). Das wundert wiederum andererseits etwas, wenn Reimer eine kontextsensitive Vorgehensweise im Evangelisationsprozess, den Zusammenhang von Diakonie und Mission und die Lebenstransformation als Ziel der Evangelisation hervorhebt (28ff.). Er meint dies sicher nicht so einseitig, nehme ich an, aber man könnte aufgrund der Rhetorik an der ein oder anderen Stelle den Eindruck bekommen, als ob dies alles lediglich Strategie ist, damit sich Menschen bekehren, ohne den gerade genannten Ambitionen einen Eigenwert beizumessen.

Leider wird der ansonsten recht gute Inhalt durch einige Rechtschreibfehler, falschen Satzbau und sogar fehlende bibliographische Angaben getrübt. Besonders ärgerlich ist Letzteres, wenn in einer Fußnote via Kurztitel auf ein Buch verwiesen wird, dessen ausführliche Angaben im angehängten Literaturverzeichnis komplett fehlen; “Brüggemann 1993:16“ (113) und “Zimmermann 2009:19f.“ sind mir beispielsweise aufgefallen. Darüber hinaus wird ein Schlagwort David Boschs zitiert (156), ohne die Quelle zu nennen. Sowas darf in einer wissenschaftlichen Publikation eines Professors in dieser Fülle aus meiner Sicht eigentlich nicht passieren. Trotz dieser Mängel bereichert die Lektüre des Buches aber insgesamt dennoch, und positiv zu nennen sei dagegen noch das Personen- und Sachregister zum Schluss des Buches.

Kommentare:

  1. Deine Rezension finde ich Gut. Ich kann zustimmen, Reimer versteht die Methoden bestimmt nicht als MIttel zum Zweck, sondern als Zweckfrei. Wenn das so nicht rübergekommen ist, dann bestimmt nicht - wie du sagtest - absichtlich. Die fehlende Quellen kann ich mir nicht erklären, da er selbst eig. immer darauf Wert legt. Ich kenne Johannes ein wenig und weiß auch das David Bosch nicht nur sein Doktorvater sondern auch ein Freund war. Der Zitat von ihm könnte auch aus einem Gespräch gekommen sein. Wie dem auch sei, weiter so ich geniesse immer wieder deine Rezensionen. Lieben Gruß - Johan, jetzt in Speyer

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  2. Hey Johan,
    danke für Dein Feedback. Gute Idee mit dem Zitat aus dem Gespräch. Dann hätte er es aber dennoch irgendwie kennzeichnen können. Mich wundert es, ehrlich gesagt, mit den fehlenden Literaturangaben, weil einem das ja beim ersten Lesen auffällt. Und normalerweise schaut doch immer jemand anderes darüber. Naja, mal sehen, ob das bei den zukünftigen Publikationen besser wird.

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