Sonntag, 28. März 2010

Warum Geistesgaben eigentlich primär für die Gemeinde?

“Als Vermittlungen und Kräfte des Heiligen Geistes führen sie [die Geistesgaben; d. Verf.] über sich selbst hinaus in die Leiden der Welt und in die Zukunft Gottes. Gerade als Gemeinschaft in Wort und Sakrament und als charismatische Gemeinschaft wird sich die Kirche als messianische Dienstgemeinschaft am Reich Gottes verstehen. Denn die Vermittlungen und Kräfte des Heiligen Geistes sind offen für das, was sie vermitteln und bewirken wollen, und öffnen Menschen durch erweckten Glauben und neue Hoffnung für die Zukunft der neuen Schöpfung.“ - Jürgen Moltmann (Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes, KT 61, 2. Auflage München 1989, S.223)

Schon desöfteren habe ich mich gefragt, wieso eigentlich nur selten der Einsatz von Geistesgaben außerhalb der Gemeinde thematisiert wird. Man könnte ihren Einsatz - klassisch formuliert - als evangelistisches Tool nutzen, also als eine Möglichkeit, Menschen praktisch das Evangelium zu bringen. Um nichts anderes geht es ja bei der Herrschaft/dem Reich Gottes - und dies möchte Moltmann nach meinem Verständnis auch sagen: Gottes Liebe in die Welt tragen und durch seinen Geist stückweise schon etwas von seiner Neuschöpfung bringen, wodurch Menschen sich dem Willen und Wirken Gottes öffnen und ihn als lebendigen Gott erkennen und erleben.

Konkret könnte das bedeuten, daß man jemanden mit einer Lehrbegabung in eine Schule, zur Hausaufgabenbetreuung o.ä. aussendet und unterstützt, vielleicht auch innerhalb der eigenen Gemeinderäume. Jemand mit einem dienenden Herzen könnte in Service-Bereichen (Kellnern z.B.) arbeiten, wo Menschen sein/ihr Dienen zu schätzen erleben.

Sicherlich läßt sich das nicht immer eins zu eins auf die in christlichen Kreisen gängigen Gaben übertragen. Aber mein Eindruck ist zunächst grundsätzlich, daß dies einfach oft gar nicht angesprochen wird, wenn Geistesgaben behandelt werden. Insgesamt fehlt mir persönlich oft der Teil, bei dem mit einzelnen anhand ihrer Gaben über ihren Platz gesprochen wird, wo man sich ausprobieren kann usw., sei es innerhalb oder außerhalb der Gemeinde.

Ist das allein mein Eindruck oder empfinden andere dies auch so? Was könnte der Grund dafür sein, daß wir Geistesgaben und ihr Wirken gern auf die Gemeinde reduzieren? Reicht es darüberhinaus vielleicht nicht, Gaben anhand eines Tests zu eruieren, um diesen Testbogen danach sorgfältig abzuheften und es dabei zu belassen? Wie könnte der Prozeß der Gabenfindung und -umsetzung innerhalb eines komplexeren, ganzheitlichen Jüngerschaftskonzepts aussehen, gerade auch mit Blick auf ihren möglichen Einsatz außerhalb der Gemeinde?

Kirche in der Kraft des Geistes

“Die Kirche in der Kraft des Geistes ist noch nicht das Reich Gottes, sie ist aber dessen Antizipation in der Geschichte. Das Christentum ist noch nicht die neue Schöpfung, es ist aber Wirkung des Geistes der Neuschöpfung. Die Christenheit ist noch nicht die neue Menschheit, sie ist aber deren Vorhut im Widerstand gegen tödliche Verschlossenheit, in Hingabe und Stellvertretung für die Zukunft des Menschen. […] In diesem Sinne ist die Kirche Jesu Christi dasVolk des Reiches Gottes. - Jürgen Moltmann (Kirche in der Kraft des Geistes, KT 61, 2. Auflage München 1989. S. 220f.)

Donnerstag, 25. März 2010

Das Reich Gottes in Gegenwart und Zukunft

“Das griechische Wort basileia kann sowohl das aktuelle Herrschen Gottes in der Welt wie auch das universale Ziel dieses göttlichen Herrschens meinen. Es ist einseitig, die Herrschaft Gottes nur in seinem vollkommenen Reich zu sehen, ebenso wie es mißverständlich ist, das Reich Gottes mit der Aktualität seines Herrschens gleichzusetzen. […] Darum gehören in der Praxis der weltverändernde Gehorsam unter den Willen Gottes und das Gebet um das Kommen des Reiches untrennbar zusammen.“ - Jürgen Moltmann (Kirche in der Kraft des Geistes, KT 61, 2. Auflage, München 1989, S.214)

Während ich in den ersten Jahres meines Christseins den Blick im wesentlichen auf das Kommen der universalen Herrschaft Gottes, Wiederkunft Christi u.ä. richtete, muß ich heutzutage aufpassen, nicht zu sehr die Herrschaft Gottes aufs hier und jetzt zu reduzieren. Genau diese Spannung zwischen jetzt und der Zukunft scheint mir ebenso schwierig zu sein wie zwischen dem, was ich aktiv fürs Reich Gottes tun kann, und dem, was Gott bereits getan hat, jetzt tut und noch tun will. Das ist die große Herausforderung in meinem Leben, da ich gern zum Aktivismus neige und dabei die Power gern mal vergesse, die Gott gibt.

Sonntag, 21. März 2010

Endlich geschafft: Die 750 Seiten Walter Brueggemann - "Theology of the Old Testament"

Nach einigen Monaten habe ich endlich die dicke Theologie von Walter Brueggemann geschafft. So gut der Inhalt auch ist, nun bin ich doch auch froh, den Wälzer erstmal weglegen auf meiner To-Do-Liste abhaken zu können (so funktioniere ich:-).

Zum Inhalt: Walter Brueggemann, emeritierter Professor vom
Columbia Theological Seminary in Georgia, ist einer der renommiertesten amerikanischen Alttestamentler und wird ebenso gern immer wieder in Publikationen aus dem "Emerging Church Movement" zitiert bzw. erwähnt. Dafür gibt es einige Gründe, die ich im folgenden kurz nennen möchte und an denen sich seine Theologie auch gut erläutern läßt.
1. Die Hermeneutik. Brueggemann führt auf den ersten 114 Seiten seiner Theologie die Entwicklung der Alttestamentlichen Theologie seit der Reformation auf. Mir persönlich leuchtet einmal mehr ein, daß keine Theologie im "luftleeren Raum" entsteht:
"It is of great importance for a student of Old Testament theology to notice that in every period of the discipline, the questions, methods, and possibilities in which study is cast arise from the sociointellectual climate in which the work must be done." (S.11)
Er selbst schlägt dabei einen dritten Weg zwischen klassischer historisch-kritischer Exegese, die seiner Meinung nach "tends to yield a minimalist or skeptical account of the matter" (S.62), und einer "canonical perspective" vor, deren Hauptvertreter Brevard Childs als Voraussetzung des Verstehens "the Rule of Faith" betont, dessen Brauchbarkeit Brueggemann aufgrund theologischer Engführung und Reduktionismus deutlich infrage stellt (S.92). Dieser dritte Weg zeichnet sich u.a. dadurch aus, daß er die Rhetorik und damit die Texte selbst als Zeugnisse betrachtet, ähnlich wie bei einem Gerichtsprozeß, der anhand von Angeklagten, Zeugen und Gegenzeugen funktioniert (S.64ff.). Ohne historisch-kritische Ergebnisse per se außen vor zu lassen oder auch zu früh vom Neuen Testament her zu lesen, kann er die biblische Darstellung z.B. als Drama bezeichnen:
"This means that Yahweh is not subject to the norms of critical inquiry, nor to the expectations and categories of classical theology in its commitment to essence. Yahweh is subject only to the rules of the drama itself, in which hearers of the text are invited to participate at second hand." (S.69)
2. Brueggemann hat ein Herz für soziale Gerechtigkeit, das merkt man ihm beim Lesen seiner Theologie auf fast jeder Seite an. Daß auch er natürlich nicht völlig objektiv Theologie betreibt, ist ihm selbst bewußt, obwohl ich persönlich - gerade auch im Vergleich mit anderen Theologien - nicht den Eindruck habe, daß er damit ungesund einseitig wird, wenn er z.B. im Schlußkapitel seiner Theologie zusammenfassend formuliert:

"Theological interpreters of the Old Testament at the end of the twentieth century must, in my judgement, pay primal attention to this irreducible claim of justice, which is, in the most abrasive parts of the testimony, a demanding summons even to Yahweh." (S.740)

3. Zum
Aufbau. Da Brueggemann wert auf die Berücksichtigung der differenzierten Augenzeugenschaft innerhalb des Alten Testaments legt, behandelt er ebenso Texte, die normalerweise nicht dem Main-Stream entsprechen, was sich anhand der Hauptteile seiner Theolgoe deutlich erkennen läßt:
  • Part I: Israel's core testimony
  • Part II: Israel's countertestimony
  • Part III: Israel's unsolicited testimony
  • Part IV: Israel's embodied testimony
  • Part V: Prospects for theological interpretation
Da Brueggemanns Ansatz besonders auf die Rhetorik fokussiert ist, legt er wert auf die sprachliche Ebene und analysiert v.a. in Part I Verben, Adjektive und Substantive, die für die Beschreibung Gottes charakteristisch sind. Dies ist aus meiner Sicht einer der Stärken seiner Theologie, daß zentrale Wort aus dem hebräischen Kontext erklärt werden (sie werden in Umschrift aufgeführt und dann erläutert, was den Gebrauch auch für Nicht-Hebraisten möglich machen dürfte). In den anderen Teilen (Part V ausgenommen) tauchen diese Erläuterungen auch immer wieder auf, wenn auch nicht in solch einer Intensität wie in Part I. Bereits hier im ersten Teil wird deutlich, daß Brueggemann nicht abstrakt von Gott sprechen kann oder will. Gott ist für ihn genuin "God-in-relation".
Part II setzt sich im Gegensatz zum ersten Teil mit teils unbeliebten Themen auseinander wie "the hiddenness of God", "ambiguity and the character of God" oder "God and negativity". Das bedeutet, daß auch gerade die eher unbeliebten Stellen des Alten Testaments nicht ausgelassen werden und stattdessen bewußt zur Sprache kommen.

Diese Vielschichtigkeit der Aussagen über Gott und seinen Charakter werden auch nicht in
Part III übersprungen, wenn es primär um die Partnerschaft Gottes geht. Denn hier werden neben Israel und dem Individuum auch die Völker (Heiden) und die Schöpfung miteinbezogen, was gerade im ersteren Fall natürlich prompt die Frage nach der Erwählung Israels und seiner Exklusivität aufwirft.
Part IV behandelt die Mittlerschaft zwischen Gott und Israel bzw. dem Menschen. Dabei werden folgende Mittler abgehandelt: Torah, König, Prophet, Kult, und Schriftgelehrter/Weise.

Im letzten
Part V wird der Blick noch einmal auf die Hermeneutik gerichtet, wenn es um die Perspektiven alttestamentlicher Theologie im pluralistischen Kontext geht. Brueggemann plädiert für die Auseinandersetzung damit in zwei Bereichen, 1. dem Akademischen, dem er sich selbst verpflichtet fühlt, und 2. dem Kirchlichen. Beide Bereiche ergänzen und brauchten sich seiner Ansicht nach (S.709f.).

Die Frage nach der Möglichkeit alttestamentlicher Theologie im pluralistischen Kontext bejaht Brueggemann grundsätzlich. Sie dürfe dabei aber weder reduktionistisch noch einschränkend sein, wenn sie damit versuche, das Alte Testament lediglich aus Sicht des Neuen Testaments zu lesen und auf dies zu reduzieren. Stattdessen bleibe alttestamentliche Theologie "an ongoing, contested conversation about the character of Yahweh." (S.717)

Um die Frage des Sinnes nach der Auseinandersetzung mit alttestamentlicher Theologie zu beantworten, wirft Brueggemann den terminus des "military consumerism" ein. Diesem stehe das Zeugnis Israels entgegen, welches eine "invitation to community testifies" (S.720). Er schafft somit auch den Transfer in die Gegenwart, in der Konsum und Individualismus stärker vorherrschen denn je.

Insgesamt überzeugt mich die "Theology of the Old Testament" von Walter Brueggemann auf ganzer Linie. Besonders in Ergänzung zu einer anderen, eher klassisch historisch-kritischen Theologie, wird ihr Wert deutlich, da Brueggemann es schafft, einerseits den Bereich der Religionsgeschichte ernst zu nehmen, andererseits eine Sensibilität für den Text und seine Intention zu entwickeln. Klassische Bibelstellen bzw. Themen wie Messiasverheißungen oder Totenauferstehung werden dabei ebenso abgedeckt wie die Frage nach Leid oder Ungerechtigkeit.

Dienstag, 16. März 2010

"The forgotten ways" handbook, Teil I: Erster Eindruck

Bereits vor etwa zwei Jahren hatte ich Alan Hirschs "The forgotten ways" (TFW) gelesen, in dem er anhand von sechs Bausteinen sein postmodernes Modell von missional-inkarnatorischer Gemeinde vorstellt. Dieses Buch wurde dann u.a. auf verschiedenen Konferenzen immer wieder besprochen, ich schrieb eine Uni-Arbeit darüber, und in unserer damaligen Gemeinde wurde es Standard-Lektüre für das Neu-Durchdenken unseres Konzeptes von Gemeinde.
Als wir vor einiger Zeit mit einem kleinen Team unserer derzeitigen Gemeinde in Brainstorming-Meetings anfingen, diese gesamte Thematik aufzurollen - wie verstehen wir eigentlich Gemeinde/Mission/Jüngerschaft, wie hängt alles drei zusammen, was kommt eigentlich zuerst? -, wurde ich, nachdem wir uns dazu entschlossen, auch wieder auf Hirschs TFW als Lektüre-Grundlage zurückzugreifen, auf das ergänzende Handbuch dazu aufmerksam. Der Untertitel "a practical guide for developing missional churches" machte mich neugierig, und ich entschied mich dazu, es zusätzlich zum eigentlichen Buch zu lesen.
Thematisch hangelt sich das Handbuch (logischerweise) sehr eng am Hauptwerk entlang. Dabei stehen, wie auch in TFW selbst, die sechs Bausteine der "missionalen DNA" (mDNA) im Zentrum, die - wie die menschliche DNA - die entscheidenden Informationen für Hirschs Modell von missionaler Kirche sind:
  1. The heart of it all: Jesus is Lord
  2. Disciple Making
  3. Missional-incarnational impulse
  4. Apostolic Environment
  5. Organic Systems
  6. Communitas, not Community
Die einzelnen Bausteine werde ich der Reihe nach in den nächsten Wochen kurz vorstellen. An dieser Stelle sei zunächst einmal der eigentliche Unterschied zwischen TFW und dem dazugehörigen Handbuch erläutert:
Zunächst läßt sich festhalten, daß das Handbuch für selbst verständlich ist. Das heißt: Es wiederholt - natürlich in verkürzter Form - sämtliche Punkte aus TFW. Das bedeutet konkret, daß z.B. in der Einleitung die bereits in TFW genannte Statistik zur Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten erneut aufgegriffen wird. Hirsch geht es zum einen um die Darlegung der Notwendigkeit von Erneuerung der Kirche, zum anderen um die Beobachtung, daß alle 6 der von ihm im folgenden erläuterten Bausteine der mDNA keine Neuerfindung sind, sondern sich ebenso in großen Movements der Vergangenheit finden lassen.
Der entscheidende Unterschied des Handbuchs zu TFW ist, daß Hirsch über die Theorie hinaus ganz konkrete Vorschläge dafür macht, wie man die mDNA auch tatsächlich praktizieren kann. Jedes Kapitel ist, einheitlich strukturiert, somit auf die Praxis ausgelegt und gliedert sich in folgende Unterpunkte:
  1. A summary of each mDNA lement
  2. Suggested habits and practices
  3. A group learning process
Desweiteren befindet sich am Ende jedes Kapitels ein Fragekatalog mit Anregungen für ganze Gruppen, die dieses Buch durcharbeiten:
  1. Explore: Talk about it
  2. Evaluate: Reflect deeper
  3. Employ: Act on it
  4. Personal journal
Was dies konkret bedeutet, werde ich dann im folgenden anhand der sechs Bausteine der mDNA erklären.