Sonntag, 29. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel über "Empfänglichkeit für Gott"

"Wirkliche Empfänglichkeit für Gott wird dem zerbrochenen Herzen gewährt, dem Geist, der seine eigene Weisheit hinter sich läßt. In der Erkenntnis, daß wir bescheiden und überheblich, selbstverleugnend und anmaßend zugleich sind, daß unser Beten und Preisen nichts anderes als ein unverdientes Geschenk ist, eröffnen wir uns dem Unaussprechlichen in uns. Und je tiefer die Not, in die wir durch unsere Ohnmacht versetzt werden, ist, desto mehr enthüllen wir uns in unserem eigentlichen Wesen und werden selbst zum Ausdruck. Gebet ist dann mehr als Kommunikation, und der Mensch ist mehr als das Wort." - Abraham Heschel, Der Mensch fragt nach Gott. Untersuchungen zum Gebet und zur Symbolik, Neukirchen-Vluyn 1989 , S.26

Donnerstag, 26. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel über das "Feiern"

"Mir geht es beim Feiern um eine innere Würdigung, denn den Alltagshandlungen soll eine spirituelle Gestalt verliehen werden. Den erhabenen und feierlichen Aspekten des Lebens soll Aufmerksamkeit geschenkt werden, um über die Grenzen des Gebrauchs und Verbrauchs hinaus zu gelangen. Feiern meint, an einer größeren Freude teilzunehmen, Anteil am ewigen Drama zu erhalten. Die Absicht ist, Gott zu erheben, seinen Geist zu preisen, die Quelle allen Segens. Feiern bedeutet, Seine Gegenwart zu rufen, die in Seiner Abwesenheit verborgen ist." - Abraham Heschel, Who ist Man, Stanford 1965, S.118 (in deutscher Übersetzung von B. Dolna)

Mir kamen beim Lesen dieses Zitats spontan zwei Gedanken:
  1. Ich bin immer wieder fasziniert darüber, wie spirituell die - aus westlicher Sicht - profanen Dinge des Alltags im Judentum gesehen werden. Ich möchte gern erlernen, mehr und mehr solch eine Sichtweise, wie Heschel sie hier beschreibt, ganz praktisch in mein leben zu integrieren. Ganz konkret könnte das bedeuten: Dankbarkeit für den neuen Tag, für meinen Wohlstand, meine Frau und andere "Selbstverständlichkeiten". Ich wünsche mir, jenseits des Offensichtlichen Verknüpfungen zu Gott, seiner Herrlichkeit, Gnade und Liebe zu entdecken und zu erleben.
  2. Während in vielen christlichen Kreisen das Feiern Jahrhunderte über als teilweise teuflisch betrachtet wurde - gar in manchen Kirchen das Tanzen bis heute hin noch verboten ist -, benennt Heschel das Feiern als wesentlichen Bestandteil des Judentums. Normalerweise höre ich das "Feiern Gehen" eher im Umfeld meiner Schülerinnen und Schüler, da ich selbst eher introvertiert und Büchern zugewandt bin. Dennoch bin ich irgendwie inspiriert von der Art und Weise, wie Heschel vom Feiern spricht. Allerdings wünsche ich mir diesen spirituellen Tiefgang, der unterbewußt in den profansten Dingen wahrgenommen werden kann. Damit meine ich keine Vergeistlichung o.ä.; ich möchte somit keine billigen Klischees erfüllen im Sinne von "ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben", etc. Aber ich bin davon überzeugt, daß wenn wir als diejenigen, die Gott kennen und den Heiligen Geist in uns haben, auch in Parties die spirituelle Dimension erkennen, zu Seiner Ehre feiern und diese größere Freude erleben; dann werden Menschen, die Gott bislang nicht kennen, auch Hunger nach dieser Art des Feierns bekommen.

Sonntag, 22. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel zu "Erlösung"

"Ein Mensch sollte sich stets als zur Hälfte schuldig und zur Hälfe als anerkennenswert betrachten. Wenn er eine gute Tat vollbringt, gesegnet sei er. Denn er läßt die Waagschale der Verdienste sinken; wenn er eine Übertretung begeht, wehe ihm. Denn er senkt die Schale der Schuld. Jeder Mensch hat zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt. Aber nicht nur das Individuum, die ganze Welt lebt in einem Schwebezustand. Die einzige Tat eines einzelnen Menschen kann über das Schicksal der Welt entscheiden. Wenn er eine gute Tat vollbringt, gesegnet sei er, denn er senkt die Waagschale für sich selbst und für die ganze Welt auf die Seite des Verdienstes; wenn er eine Übertretung begeht, wehe ihm, denn er bringt sich und die ganze Welt auf die Seite der Schuld." (Hervorh. v. Verf.) - A. J. Heschel, Gott sucht den Menschen, Neukirchen-Vluyn 1989, S.220
Harter Stoff, den Heschel hier zum besten gibt, besonders die Aussage, der Mensch habe zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt. Klassisch christlich-konservativ würde man vermutlich argumentieren, daß Adam und in ihm alle Menschen gesündigt hätten - quasi Erbsünde -; gleichzeitig habe Jesus allein am Kreuz für die Sünden der Welt bezahlt und dadurch Erlösung vollbracht.

Nun war Abraham Heschel aber Jude und kein (zumindest wissentlicher) Nachfolger Jesu. Trotzdem hatte er ein biblisches Menschenbild vor Augen, und gerade seine Ablehnung der klassisch-augustinischen Erbsündenlehre klingt für mich sehr sympatisch und biblischer als Augustins Lehre. Da mich gerade die Thematik über den Anteil des Menschen an der Erlösung sehr interessiert, werde ich Heschels Gedanken weiter nachgehen und bin gespannt, welche neuen Perspektiven er mir fürs Bibel-, Menschen- und v.a. Gottesverständnis aufschließt.

Freitag, 13. August 2010

Was wäre, wenn Dietrich Bonhoeffer heute noch leben würde? Teil 1: Zur Einführung

Flapsig ausgedrückt: Er wäre rein rechnerisch 104 Jahre alt - sicherlich nicht unmöglich, wie andere Leute beweisen.

Meine Gedanke zielt letztlich in folgende Richtung: Wie sähe unsere Kirchenkultur wohl heutzutage aus, wenn Dietrich Bonhoeffer doch den Zweiten Weltkrieg überlebt und nicht am 9. April 1945 (nur 21 Tage vor Hitlers Tod!) im KZ Flossenbürg hingerichtet worden wäre?

Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, daß ich schon desöfteren irgendetwas über Dietrich Bonhoeffer hier verfaßt habe. Desweiteren habe ich bereits vor einiger Zeit angekündigt, den ein oder anderen Blogeintrag zu Gemeinsamkeiten zwischen Bonhoeffer und postmoderner Kirche/Emerging Church zu verfassen. Allerdings frage ich mich mittlerweile, welchen Sinn es wohl haben könnte aufzuzeigen, wo sich Überschneidungen finden lassen.

Interessanter erscheint mir folgender Ansatz: Wenn es eine Vielzahl an grundlegenden Gemeinsamkeiten zwischen Bonhoeffer und postmoderner/Emerging Church-Theologie gibt, wäre es doch spannend zu überlegen, wie sich Kirche nach Ende des Zweiten Weltkrieges hätte entwickeln können unter dem Wirken eines solch bedeutenden und einflußreichen Mannes wie Dietrich Bonhoeffer. Daß er das war, steht für mich außer Frage; zumindest ist Eberhard Bethges große Bonhoeffer-Biographie sehr eindeutig in diesem Punkt.

Ich möchte deshalb in weiteren Blogeinträgen immer mal wieder einen Aspekt herauspicken, der einen Konsens in der Emerging Church-Szene darstellt oder zumindest irgendwie damit im Zusammenhang steht, aber gleichzeitig von Bonhoeffer thematisiert oder angerissen wurde und wiederum für seine Zeit ganz untypisch ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Evangelische Kirche in Deutschland vor einem entscheidenden Neuanfang, und Bonhoeffer hätte sicherlich maßgeblich dazu beigetragen, dieser Kirche eine entsprechende Form samt Inhalt zu geben.


Doch dazu ist es, wie wir ja wissen, nie gekommen. Deshalb: Wie hätte sich möglicherweise Kirche in Deutschland anders entwickelt, hätte Bonhoeffer sie maßgeblich geprägt?

Folgende Bereiche kommen mir in den Sinn und werde ich nach und nach durchdenken (für Ergänzungen bin ich selbstverständlich offen und interessiert):
  1. Kirchenstruktur/-organisation/Formales
  2. Inkarnation Christi
  3. Theologenausbildung
  4. Persönliche Spiritualität
  5. Religionsloses Christentum
  6. Alttestamentliche Eschatologie
  7. Ganzheitliche Nachfolge
  8. Kollektivethik vs. Individualethik