Sonntag, 22. August 2010

Zum Nachdenken: Abraham Josua Heschel zu "Erlösung"

"Ein Mensch sollte sich stets als zur Hälfte schuldig und zur Hälfe als anerkennenswert betrachten. Wenn er eine gute Tat vollbringt, gesegnet sei er. Denn er läßt die Waagschale der Verdienste sinken; wenn er eine Übertretung begeht, wehe ihm. Denn er senkt die Schale der Schuld. Jeder Mensch hat zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt. Aber nicht nur das Individuum, die ganze Welt lebt in einem Schwebezustand. Die einzige Tat eines einzelnen Menschen kann über das Schicksal der Welt entscheiden. Wenn er eine gute Tat vollbringt, gesegnet sei er, denn er senkt die Waagschale für sich selbst und für die ganze Welt auf die Seite des Verdienstes; wenn er eine Übertretung begeht, wehe ihm, denn er bringt sich und die ganze Welt auf die Seite der Schuld." (Hervorh. v. Verf.) - A. J. Heschel, Gott sucht den Menschen, Neukirchen-Vluyn 1989, S.220
Harter Stoff, den Heschel hier zum besten gibt, besonders die Aussage, der Mensch habe zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt. Klassisch christlich-konservativ würde man vermutlich argumentieren, daß Adam und in ihm alle Menschen gesündigt hätten - quasi Erbsünde -; gleichzeitig habe Jesus allein am Kreuz für die Sünden der Welt bezahlt und dadurch Erlösung vollbracht.

Nun war Abraham Heschel aber Jude und kein (zumindest wissentlicher) Nachfolger Jesu. Trotzdem hatte er ein biblisches Menschenbild vor Augen, und gerade seine Ablehnung der klassisch-augustinischen Erbsündenlehre klingt für mich sehr sympatisch und biblischer als Augustins Lehre. Da mich gerade die Thematik über den Anteil des Menschen an der Erlösung sehr interessiert, werde ich Heschels Gedanken weiter nachgehen und bin gespannt, welche neuen Perspektiven er mir fürs Bibel-, Menschen- und v.a. Gottesverständnis aufschließt.

Kommentare:

  1. "Klassisch christlich-konservativ würde man vermutlich argumentieren, daß Adam und in ihm alle Menschen gesündigt hätten..." Klar kennt man das in "christlich-konservativer" Variante; aber in Röm 5 steht das doch auch erstmal so, oder? Liest du den Text dort anders?

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  2. Jede Theologie, die davon ausgeht, dass der Mensch die "Waagschale" zugunsten oder zu-ungunsten der Erlösung senken kann, halte ich für verfehlt.
    Denn die Erlösung in Christus ist eine vollkommene Begnadigung - egal, wie schwer die Sünden vorher gewogen haben ...

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  3. Danke Euch beiden für die Kommentare.

    Zunächst einmal zu Röm 5,12: Ich habe mal von Dwight A. Pryor ein paar sehr interessante Teachings zur Erbsündenlehre gehört, in der er Stück für Stück die Probleme beleuchtet und zu dem Schluß kommt, daß Augustin unrecht hat. Gründe sind u.a. Übersetzungsprobleme (Augustin las nur die Vulgata) und v.a. Hermeneutik/Weltbild. Fand seine Argumente beim Hören recht schlüssig. Schick's Dir gern per Mail zu. Die Detail-Untersuchung dazu steht bei mir aber auch noch aus. Vielleicht soviel vorab: Ich wollte keinesfalls andeuten, daß der Mensch nicht sündigt oder so. Die Stoßrichtung ist vielmehr die: Die Annahme, aufgrund des Fehltritts des ersten Menschen seien alle weiteren Menschen von Grund auf schlecht und müßten unter diesem Fehltritt leiden, widerspricht meinen Gottes- als auch Menschenbild.

    Zur Erlösung: Ich gebe Dir recht, Daniel, daß Jesus für sämliche Sünden am Kreuz gestorben ist, egal wie schwerwiegend sie gewesen sein mögen. Ich würde aber gern erstmal klären wollen, wie wir Erlösung definieren, wie Heschel den Begriff inhaltlich füllt usw. Mein derzeitiger Eindruck ist, daß Heschel "Erlösung" relativ synonym zu "Reich Gottes" verwenden könnte, wie es häufig in postmodernen Kreisen kommuniziert wird. Damit würde Heschel den Menschen als Werkzeug Gottes sehen, durch den Er Erlösung schafft. Dem werde ich aber noch nachgehen.

    Meiner Ansicht nach läßt sich bei Heschel aber sehr genau folgendes beobachten:
    Es geht ihm nicht um irgendeine Form von Werksgerechtigkeit. B. Dolna schreibt dazu (An die Gegenwart Gottes preisgeben, Mainz 2001): "Muß der Mensch nicht verzweifeln, weil er nicht fähig ist, vollkommene Reinheit zu erlangen? Heschel meint, daß der Mensch verzweifeln müßte, wenn Vollkommenheit das Ziel wäre. Aber das ist nicht die Absicht des Sühneritus. Der Mensch ist nur zum Tun verpflichtet, Gott vollendet." Reinheit meint bei Heschel dabei soviel wie Eliminierung des Bösen.

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  4. Okay, Riesenthema. Kurz und systematisch gesagt: Ich denke die Erbsündenlehre ist unaufgebbar, sollte aber nicht "historisch-genealogisch" gelesen werden, sondern prinzipiell; es sündigen nicht alle Menschen, weil irgendwann in ferner Vergangenheit mal einer gesündigt hat. Sondern es sündigen alle Menschen; dies ist auch symbolisch in der Adamsgeschichte aussagbar.
    In jedem Fall aber: Erlösung ist primär ein christologisches Geschehen und dann erst sekundär ein Ausagieren im Leben der Nachfolger. Erlösung bestimme ich spontan: Überwindung der Macht des Bösen. Das geschah einmalig im Werk Christus. Seitdem partizipiert daran das Ausagieren dieser Erlösung... Soweit mal, Gruß!

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  5. @Alex: Wenn Du mit prinzipiell meinst, daß der Mensch "einfach" die Neigung zum Sündigen hat bzw. dies tut, gebe ich Dir recht. Das meinst Du vermutlich mit nicht "historisch-genealogisch", richtig? Sehe ich auch so mit der Adamsgeschichte.

    Erlösung darf natürlich nie als ein menschliches Produkt gesehen werden, sondern immer von Gott initiiert, gelenkt, usw. Aber wenn ich an aktuelle Reich-Gottes-Theologien denke, stehen wir als Nachfolger Jesu ja in der Funktion, Sein Reich zu leben, und zwar aus der Beziehung zu Ihm durch die Leitung und die Kraft des Heiligen Geistes. Wenn wir es aber nicht tun und unserer Berufung folgen, wird sich nichts ändern, weil sich Gott an uns Menschen gebunden hat; Er will es durch uns tun - nach meinem Verständnis. Gruß zurück

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