Donnerstag, 21. Juli 2016

Zum Nachdenken: Heschel über Religion und Rassismus



In Zeiten, in denen es (nicht nur) in Amerika drunter und drüber geht, lohnt es sich, mal wieder eine Dosis Heschel ernst zu nehmen - 40 Jahre alte Gedanken, aber  brandaktuell:

“At the first conference on religion and race, the main participants were Pharaoh and Moses. […]

The outcome of that summit meeting has not come to an end. Pharaoh is not ready to capitulate. The exodus began, but is far from having been completed. In fact, it was easier for the children of Israel to cross the Red Sea that for a Negro to cross certain university campuses. […]

Religion and race. How can the two be uttered together? To act in the spirit of religion is to unite what lies apart, to remember that humanity as a whole is God’s beloved child. To act in the spirit of race is to sunder, to slash, to dismember the flesh of living humanity. Is this the way to honor a father: to torture his child? How can we hear the word ’race’ and feel no self-reproach? […]

As a standard of values and behavior, race operates as a comprehensive doctrine, as racism. And racism is worse than idolatry. Racism is satanism, unimitigated evil. 

Few of us realize that racism is man’s gravest threat to man, the maximum of hatred for a minimum of reason, the maximum of cruelty for a minimum of thinking.“

- Abraham J. Heschel, Religion and Race (1963), in: Ders., The Insecurity of Freedom. Essays on Human Existence, New York: Farrar, Straus & Giroux 1967, 85f.

Freitag, 10. Juni 2016

Zum Nachdenken: Moltmann und messianischer Lebensstil

“Messianischen Lebensstil kann man nicht ’machen’. Nicht Übung macht hier den Meister, sondern das Leiden und die Hoffnung. Dieser Stil wird vom Geist geschaffen, wo Menschen persönlich und gemeinsam ihr Leben und ihre Lebensgeschichte in der umgreifenden Geschichte Christi entdecken und an der Geschichte Gottes mit der Welt teilnehmen. Die Wiedergeburt des einzelnen und der Gemeinschaft wird dann zum Zeichen und Fragment der kommenden Wiedergeburt der ganzen Schöpfung. Die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten führt in die Gemeinschaft der messianischen Leiden der Welt. die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen führt in den Anbruch der Freiheit der messianischen Zeit. Von der messianischen Geschichte Gottes her beginnt das in Schmerzen wiedergeborene Leben zu leuchten, aber nicht aus eigener Kraft. Seine Fragment und Ansätze werden zu gelebten und erlittenen Wegzeichen der Hoffnung für andere. Wer ernsthaft nach dem ’Sakrament des Geistes’ und seinen Zeichen fragt, wird an diesen Zeichen des gelebten Lebens nicht vorübergehen. In der Lebensgemeinschaft mit dem Messias wird sein Leben selbst zum messianischen Zeichen geprägt werden.“

- Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes. Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie, 2. Aufl. Gütersloh 1989, 314f.

Sonntag, 29. Mai 2016

Zum Nachdenken: Moltmann und die Ghettoisierung der Christenheit

“Kirche erschöpft sich nicht darin, daß Menschen zu ’Kirchgängern’ werden. Sie existiert auch nicht nur im Gottesdienst am Sonntagmorgen. Sie ist in der Weltchristenheit familiär, sozial und politisch präsent, aber nicht als Kirche, sondern als Christenheit, nicht durch den Klerus, sondern durch die fälsch ’Laien’ genannten Christen. Für die gottesdienstlichen und gemeindlichen Versammlungen sind die beauftragten Pfarrerinnen und Pfarrer, Pastorinnen und Pastoren zuständig, in den Fragen der Weltchristenheit aber sind sie die ’Laien’ und die Laien sind die beauftragten Spezialisten. […] 

Statt einer hierarchischen Aufteilung in Klerus und Laien und an Stelle der separatistischen Ghettoisierung der Christenheit in der Kirche sprechen wir von den beiden Lebensbewegungen der Christenheit: ihrer Sammlung zur Gemeinde und ihrer Sendung in ihre Berufe an der Gesellschaft.“

- Jürgen Moltmann, Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie, Gütersloh 1991, 247.

Montag, 7. März 2016

Das Theologiestudium: Was es leisten muss bzw. will und was nicht (inkl. kurzer Rezension zu “Handbuch Theologische Ausbildung“ von Bernhard Ott)

Seit einiger Zeit bin ich ja als Studienleiter von IGW am Standort Frankfurt unterwegs und bekomme dadurch zahlreiche Einblicke nicht nur in das Leben meiner Studierenden, sondern auch deren Gemeinden, denn unsere Studis studieren ja dual und erleben so von Beginn an das volle Maß an Praxis. Ich dagegen bringe mit meiner eigenen Bildungsbiographie durch diverse universitäre Studiengänge v.a. theoretisches Know-How mit, dessen Stärken ich absolut schätze. Gleichzeitig hatte ich zu jeder Zeit immer auch das Glück, von fitten Mentoren begleitet und reflektiert zu werden und genügend Einsatz- und Entwicklungs- möglichkeiten in diversen Gemeinde(gründunge)n, sodass ich nun ziemlich gut gerüstet bin für all die Herausforderungen, die mir tagtäglich begegnen. Allerdings: Allein mit dem Uni-Studium hätte das nie geklappt.

Im Zuge dieser und anderer Erfahrungen stellt sich mir deshalb immer wieder die Frage: Was kann und muss ein Theologiestudium leisten und was nicht? Und ist überhaupt “Studium“ die richtige Bezeichnung oder der richtige Ansatz? Egal, ob Du gerade selbst vor der Frage stehst, Theologie zu studieren, oder ob Du das bereits hinter Dir hast und/oder in der Rolle bist, anderen ein solches Studium zu empfehlen, weil Du Potenzial in ihnen als Führungs- persönlichkeiten siehst: Diese Frage betrifft Dich und sollte Dich betreffen. Denn es geht ja nicht nur um die Investitionen Zeit und Geld, sondern auch um entscheidende Prägungen, die jemand mitkriegt (oder eben nicht).

Eine erste wichtige Frage dabei betrifft den Zweck: Wozu studiere ich Theologie? Während die Frage der Motivation (als des Warum) sehr unterschiedlich ist und mit der individuellen Berufung zu tun hat, lässt sich die Motivation zumindest grob in zwei Richtungen aufteilen (die sich natürlich auch überschneiden können), nämlich: 

Will ich v.a. fachwissenschaftlich als Theologe ausgebildet werden oder geht es mir um eine praktische Tätigkeit in der Kirche (bzw. anderswo in der Gesellschaft)? Oder gehört beides gar zwingen- derweise zusammen? 

Je nach dem wird mein Verständnis von “Theologiestudium“ sehr unterschiedlich ausfallen. Ich für meinen Teil kannte bei Eintritt in mein Theologiestudium diese Unterscheidung so nicht, hatte aber das Glück, dass sich meine Wünsche und Erwartungen mit der Realität des Studiums deckten: Ich wollte fachwissenschaftlich tief graben, hatte ich doch meine Motivation zum Studium überhaupt erst durch exegetische Grundlagenliteratur erhalten.

Nun ist dies aber nicht die Realität der meisten Theologiestudie- renden: Zuletzt nochmal auf der EXPONENTIAL-Konferenz im Januar dieses Jahres, aber auch schon seit Einstieg bei IGW bzw. komme ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass wir zu allererst (theologisch kompetente) Führungskräfte ausbilden sollten, weil a) der Großteil der Theologiestudierenden mit dem Ziel der praktischen Arbeit studiert, und weil b) die Praxis ein wichtiger Indikator für die Relevanz von theologischer Forschung ist (am Ende mehr dazu). Zum Theologiestudium gehört deshalb auch ein gehöriges Maß an typisch theologischem Know-How, und mancher hat auch in diesem Bereich einen Schwerpunkt, entweder auf der Gemeindeebene als Lehrer oder gar auf einer übergeordneten Ebene, um durch neue theologische Impulse Kirche und Gesellschaft in eine neue Richtung zu bringen; in ebendieser Funktion sehe ich mich selbst, Dinge vorzudenken und dann weiterzugeben, was aber nicht jedermann/-frau selbst tun muss. 

Mindestens genauso wichtig sind aber die sog. “soft skills“, die Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte, denen Daniel H. Pink im konzeptionellen Zeitalter (in dem wir uns bereits befinden) auch im wirtschaftlichen Sektor höchste Priorität beimisst; spätestens jetzt müssten theologische Ausbildungsstätten also umdenken, sofern man den Anspruch hat, zeitgemäß und v.a. ganzheitlich für den Dienst  auszubilden. Dass das an den Universitäten ja nicht zwingend beabsichtigt ist, kann aufgrund ihrer Forschungs-Orientierung damit also legitim sein, sofern das auch entsprechend kommuniziert wird bzw. dem Interessenten bewusst ist; wenn ich allerdings Pfarrer werden will und auf das universitäre Studium angewiesen bin, müsste das Vikariat zumindest den Bereich der soft skills abdecken (und gleichzeitig können die ersten 5-7 Jahre an der Uni aufgrund ihrer Theorielastigkeit dann zur Qual werden).

Ich kann konkret nur für uns sprechen: Wir von IGW bilden aus diesem Grunde seit dem letzten Jahr konsequent kompetenzorientiert aus, weil wir eben Führungskräfte (sprich: Leiter) ausbilden wollen: Neben der theologischen und Forschungskompetenz ist es uns darum wichtig, dass (zukünftige) Pastoren, Gemeindeleiter und -gründer auch geschult werden in den Bereichen: Spiritualität, Kommunikation, Führung und Sozialkompetenz. D.h. hard und soft skills sind uns gleichermaßen wichtig für eine erfolgreiche Führung bspw. einer Kirchengemeinde. Und ganz nebenbei gesagt: Natürlich ist damit auch der Quereinstieg als Führungskraft im säkularen Business noch viel besser möglich.

Dass diese Theorie-Praxis-Verknüpfung mittlerweile auch bei immer mehr theologischen Ausbildungsstätten an Bedeutung gewinnt, freut mich natürlich besonders. Und auch von wissenschaftlicher Seite aus gibt es bereits seit einigen Jahren das Standardwerk “Handbuch Theologische Ausbildung“ von Bernhard Ott, das ich aus gegebenem Anlass kurz vorstellen möchte. Ott kommt nämlich zu sehr ähnlichen Erkenntnissen, wie schon der Buchtitel “Theologische Ausbildung“ erahnen lässt. Ausgehend von der Umbruchssituation im Bildungssektor (Ökonomisierung, Internationalisierung, Individualisierung, Qualitätsmanagement), erörtert Ott die spezielle Ausbildung kirchlicher Führungskräfte, und zwar anhand sog. “Grundlagen- und Handlungskompetenzen“ (Kap. 1), die weitestgehend deckungsgleich sind mit denen, die wir bei IGW entwickelt und von denen wir uns natürlich auch inspiriert haben lassen. Während das zweite Kapitel die internationale Diskussion und unterschiedliche theologische Ausbildungskonzepte in den Blick nimmt, geht Ott gleichermaßen auf säkulare bildungstheoretische Grundlagen ein (Kap. 3), gefolgt von biblisch- und systematisch-theologischen Überlegungen für eine Theologie der theologischen Ausbildung (Kap. 4). Davon abgeleitet, hebt er die Zusammenge- hörigkeit von Theorie und Praxis hervor (Kap. 5), leitet daraus curriculare Konsequenzen ab (Kap. 6) und erläutert Grundlagen eines Qualitätsmanagements für theologische Ausbildungsstätten (Kap. 7), bevor er schließlich anhand der Bilder Kopf, Hand und Herz den Stellenwert von Führung in theologischer Ausbildung forciert (Kap. 8). 

Ott ist ein fundiertes und ausgewogenes Werk gelungen, in dem er sich auch nicht davor scheut, kritische Anfragen zu stellen, wenn es bspw. um den theologischen Fächerkanon geht. Im Sinne missionaler Theologie, zu deren Verfechtern er gehört, muss die kirchliche Führungskraft ja dafür sorgen können, dass ihre Gemeinde Teil der Mission Gottes wird, sich also auf den Weg macht und unter der Leitung des Heiligen Geistes die Stadt transformiert. Aber: Was von der traditionellen theologischen Lehre hilft dabei wirklich und was müsste ggf. durch anderes ersetzt werden, um den Umfang des Curriculums nicht völlig zu sprengen? Ohne die Antworten darauf an dieser Stelle leichtfertig zu verraten, sei lediglich gesagt, dass Ott mit seiner biblisch-historischen und systematischen Herangehensweise diese Frage in Kap. 4 tiefgründig angeht, was exemplarisch die hohe Qualität des Werkes widerspiegelt. Wer mit theologischer Ausbildung zu tun hat - sei es als Studienleiter, Dozent oder auch als (zukünftiger) Student -, dem lege ich dieses Werk deshalb wärmstens ans Herz. Denn es bietet etliche Facetten, um dem Nutzen eines Theologiestudiums auf den Grund zu gehen. Sicher kann und darf und soll damit auch völlig zweckfrei studiert werden; in den meisten Fällen sieht das aber doch anders aus.

Ob im Sinne Otts damit besser von “theologischer Ausbildung“ zu sprechen ist, weil es sich ihm zufolge um das Erlernen von Handwerkszeug handelt, sei mal dahingestellt. Denn das hängt maßgeblich davon ab, ob ich einen Schwerpunkt in der Praxis oder mehr in der Theorie lege. Dass aber beides unweigerlich zusammengehört, bleibt für mich außer Frage, denn Theologie ohne Praxisanbindung verkommt zu schnell zu trockener und v.a. irrelevanter Theorie. Sollte sie aber nicht immer im Dienst und zum Wohl der Kirche sein? So jedenfalls lautet mein Verständnis, was natürlich nicht heißt, dass Theologie nicht gerade auch die Funktion des kritischen Korrektivs besitzt. Und in ebendieser Weise sollten dann doch auch ihre Verantwortungsträger ausgebildet werden, oder nicht?! Das muss nicht zwingend IGW sein, sondern kann auch über die Uni funktionieren. Mir jedenfalls zeigt aber die Praxis, dass die theologische Ausbildung/das Theologiestudium doch nicht ganz unausschlaggebend für die spätere Laufbahn ist.

Freitag, 5. Februar 2016

“Der beste Job der Welt“


“Pfarrerinnen und Pfarrer üben einen faszinierenden Beruf aus. Er ist vielfältig, herausfordernd und immer dicht am Menschen. 26 Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Gemeinden berichten in diesem Buch ehrlich und persönlich von ihrer Motivation, dieser besonderen Berufung nachzugehen; von ihrem beruflichen Werdegang sowie über Freuden und Herausforderungen ihres Alltags im Diest für Gott.

Herausgekommen ist dabei ein Ermutigungsbuch - und eine spannende Lektüre für Theologiestudierende und Gemeindemitglieder, aber natürlich auch für Pastoren aller Denominationen.“ 

- Fritz Peyer-Müller (Hg.), Der beste Job der Welt. Theologen, Pfarrer und Pastoren über ihre Berufung. Schwarzenfeld: Neufeld, 2015 (Zitat von der Rückseite)


Mit diesem Zitat ist der Nagel des neuen Bandes der IGW-Edition aus dem Neufeld-Verlag tatsächlich auf den Kopf getroffen. Wer ihn bisher (immer) noch nicht zur Kenntnis genommen hat, sollte dies schnellstens nachholen. Denn es handelt sich tatsächlich um ein Ermutigungsbuch. Die Struktur der persönlichen Stories sind weitestgehend einheitlich gestaltet, aber natürlich ist ihr Inhalt so unterschiedlich, wie Menschen unterschiedlich sind. Beiträge stammen u.a. von Steffen Beck und Leo Bigger (ICF), Martin Bühlmann (Vineyard), Toby Faix (CVJM-Hochschule Kassel), Freimut Haverkamp (Hillsong Germany) und Artur Siegert (Kirche für Oberberg). Und so lege ich jedem dieses Buch ans Herz, der/die

a) Ermutigende Lebenszeugnisse gern liest,
b) Ermutigung darin findet zu sehen, in welch breitem Spektrum Gott von Frömmigkeit aber auch Führungsposition Gott Seine Leute einsetzt,
c) selbst auf der Suche nach der eigenen Berufung ist und ermutigt werden möchte, dass es eben nie den Ideal-Standard-Weg der Berufung gibt, sondern Gott mit jedem/r einzelnen Seine ganz eigene Geschichte schreibt.

Montag, 25. Januar 2016

Rückblick: EXPONENTIAL-Deutschland (Duisburg)

“Wie wäre es, wenn durch unsere Kirchen mehr Menschen den Weg zu Gott fänden? Wenn junge Christen nicht nur Besucher von Veranstaltungen wären, sondern aktive Nachfolger von Jesus? Wenn Mentoren ihnen helfen würden, ihr Potential und Gottes Berufung zu entdecken und zu entfalten? Und das auch an ihren Arbeitsplätzen, bei ihren Freunden, in ihren Vereinen und Familien?“ 

So lauten die ersten Sätze von Lothar Krauss in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Dave und Jon Fergusons “Exponential. How You and Your Friends can start a Missional Church Movement“. Klingt das nicht nach dem, was man allgemein hin als “Erweckung“ bezeichnen würde? Und welcher Christ will das nicht? Um uns dabei zu helfen bzw. ein sog. “missional movement“ zu starten, kam Dave in der letzten Woche extra für uns zu zwei Konferenzen nach Deutschland, in dessen Zuge auch die deutsche Ausgabe herausgegeben wurde. Ich selbst durfte an der Konferenz in Duisburg teilnehmen, mich inspirieren und herausfordern lassen. Da ich die englische Fassung bereits vor einiger Zeit in mehreren Blogposts rezensiert habe (die deutsche Fassung unterscheidet sich im Wesentlichen vom Original durch das Fehlen des letzten Kapitels über die Multiplikation von ganzen Gemeindenetzwerken und kann hier bestellt werden; ihr habe ich nachfolgende Illustrationen entnommen), versuche ich an dieser Stelle, den roten Faden der Konferenz nachzuzeichnen und die für mich prägenden Inhalte kurz anzureißen. So seien lediglich der Grundgedanken an dieser Stelle erwähnt; Details können in meinen vorherigen Blogposts zur englischen Ausgabe und natürlich im Buch selbst nachgelesen werden. 

Dem Titel “Exponential“ entsprechend könnte man vermuten, dass es sich bei der Konferenz bzw. dem Buch um eine neue Strategie handelt. Dass sich irgendwie dazwischen auch Strategien befinden und eine gewisse für die Amerikaner bekannte Pragmatik vorhanden ist, lässt sich nicht verleugnen. Aber tatsächlich geht es in allererster Linie um Jüngerschaft bzw. dann auch Führung nach dem Vorbild Jesu, um nichts anderes - keine abstrakte Strategie oder “fünf Schritte“-Theorien zum erfolgreichen Pastoren- bzw. Gemeinde-Dasein. All das mag und darf als Konsequenz daraus erwachsen, doch geht es in allererster Linie um die Vision (bzw. Realität, wie in Daves Gemeinde und Netzwerken), dass Menschen ihren Weg zurück zu Gott finden, hingegebene Nachfolger Jesu werden und letztendlich eine missionale Bewegung entsteht, die nicht nur große Kirchengemeinden nach sich zieht, sondern v.a. transformierte Menschen und eine sogar transformierte Gesellschaft. Und genau das erlebt Dave in und durch seine Community Christian Church, die er mit seinem Bruder Jon und weiteren Freunden in Großraum Chicago gegründet hat und die mittlerweile nicht nur etliche Standorte mit über 7000 Mitgliedern umfasst, sondern aus der auch etliche Gemeindeneugründungen und -netzwerke überall in Amerika und sogar weltweit entstanden sind. 

Daves Grundgedanke, den er an den drei Tagen (Donnerstag bis Samstag) immer wieder kommunizierte, lautet, dass es für eine missionale Bewegung mit einem entsprechenden Momentum (durch Masse x Geschwindigkeit) zwei Faktoren brauche: Sich reproduzierende Gemeinden und missionale Menschen. Beides ist für ihn notwendig, worin er übrigens den mittlerweile allgegenwärtigen scheinbaren Gegensatz von missional und attraktional auflöst. Er stützt(e) sich dafür immer wieder auf vier für ihn zentrale Bibelstellen:

  1. Mt 16,18: “Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“
  2. Mt 28,19: “Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
  3. Apg 1,8: “Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“
  4. 2 Tim 2,2: “Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.“

Den meisten von uns sollten diese Bibelstellen bekannt sein. Und so sind auch die Prinzipien, die er mit seiner Gemeinde und den daraus folgenden Netzwerken abgeleitet hat, inhaltlich keinesfalls neu. Das, was aber den alles entscheidenden Unterschied macht, ist, dass er diese Prinzipien konsequent lebt und umsetzt

Aber wie sieht das konkret aus? Dave definiert Jüngerschaft als die zentrale Aufgabe von uns Christen (nach Mt 28,19), was er zum einen in der Leitung durch den Heiligen Geist und die daraus resultierende Zeugenschaft praktiziert (nach Apg 1,8); das führt notwendigerweise zu einem missionalen Lebensstil, den jeder Christ also gerade im nicht-christlichen Umfeld zu pflegen hat, damit andere Menschen ihren Weg zurück zu Gott finden. Und so erläuterte er ganz praktisch sein Prinzip von B.L.E.S.S. (englisch für “Segen“), das besagt, dass man mindestens 1x/Tag eines der fünf dahintersteckenden Dinge tun soll: 1. Beginne Deinen Tag mit Gebet!, 2. Listen: Zuhören, 3. Essen (mit Nicht-Christen), 4. Serve: Dienen, 5. Story: Geschichte erzählen (von Jesus). 

Wie die konkrete Gemeindeform dann schließlich aussehen mag, hängt Dave zufolge von der Vision des Leiters ab, die er/sie unter der Leitung des Geistes empfangen hat, weil Jesus Christus selbst es ist, der Seine Gemeinde baut, dessen Zeugen und Mitarbeiter wir sein dürfen (nach Mt 16,18). Unser Job als Christen ist es auf elementarster Ebene dabei, dass wir uns immerzu in Jünger investieren und sie dadurch auch mehr und mehr in Führung(-skompetenzen) anleiten. Und so gehören Jüngerschaft und Führung für ihn aufs Äußerste zusammen, und prinzipiell kann jeder (je nach dem bis zu einem gewissen Grade) leiten. 

Der Schlüssel nun, um Menschen (und gerade auch diejenigen, die ihren Weg erst kürzlich zurück zu Gott gefunden haben; das ist übrigens Daves zentrales Verständnis von Evangelium) in Führung anzuleiten, funktioniert ganz praktisch über das Prinzip von “apprenticeship“, was im Deutschen übersetzt wird mit “Lehrlings-Dasein“, “Azubi Sein“ oder vielleicht sogar besser mit “Trainee Dasein“. Jedenfalls wendet er dieses Prinzip konsequent auf jeder Ebene seiner Ausbildung von Leitern bis hin zur Multiplikation von Gemeinden und Netzwerken (s.u.) an, nämlich dass ein bestehender Leiter sich einen geeigneten Trainee auswählt (zu entsprechenden Kriterien haben wir einiges in den Workshops zur Leiter-Multiplikation bei Artur Siegert und Lothar Krauss gehört). Ihn/sie führt er anschließend durch fünf Schritte: 


Und über diese Schritte werden dann folgende Leiter ausgebildet: 




Und auch die Multiplikation von Künstlern oder missionalen Gruppen funktioniert nach diesem Prinzip. Was das im einzelnen genau bedeutet, kann, wie gesagt, im Buch oder in meinen Blogposts nachgelesen werden. Dies führt bei konsequenter Umsetzung dann zu der einen Hälfte der anfangs geäußerten Gleichung, die eine missionale Bewegung hervorrufen soll. Und so sind es fünf Prinzipien von Reproduktion, die Dave ganz praktisch anwendet:

  1. “Reproduktion erfordert, dass jeder jemanden in Ausbildung hat.“
  2. “Reproduktion ist proaktiv, nicht reaktiv.“
  3. “Reproduktion hängt nicht von Größe ab, sondern von der Bereitschaft der Leiter.“
  4. “Reproduktion hat nicht mit unserem eigenen Königreich, sondern mit dem Reich Gottes zu tun.“
  5. Reproduktion geschieht am Rand und in der Mitte.“

Angereichert wurden die Vorträge von Dave durch zwei Workshops zur Multiplikation von Leitern, Kleingruppen, Gottesdiensten, Standorten und Gemeinden; ich selbst zwar zweimal im Workshop zur Multiplikation von Leitern, einmal mit Artur Siegert, das andere Mal mit Lothar Krauss - wow, selten so weise, leidenschaftliche und mind-blowing Leiter erlebt wie diese beiden. Artur entfaltete zunächst seine Vision von 1 Mio (!!!) neuer Christen in den nächsten zwanzig Jahren in Deutschland, für die wir mindestens 10000 neue Leiter benötigen. Sowas steckt mich natürlich an und lässt mich mitträumen - der Wahnsinn! Was mir nicht bewusst war, ist, dass die von ihm initiierte Leiterakademie im aktuellen 3-Jahres-Programm bereits mehr als 600 Leiter ausbildet. Lothar entfaltete aus seiner Schatzkammer (in der ebenfalls kurzen Zeit von guten 30min) Gedanken dazu, was eigentlich einen Leiter ausmacht (Einfluss, Nachfolger, Charakter) und wonach ich bei einem Azubi-Leiter an Grundvoraussetzungen suche (Verfügbarkeit, geistliche Beweglichkeit, Belehrbarkeit, Einfluss); der/die Azubi wird ihm zufolge - am besten zuerst Projekt-bezogen wegen klarem Anfang und Ende - durch Theorie plus Praxis (Lothar liebt das deutsche duale Ausbildungs- und Studiensystem), Supervision (vonseiten des Leiters) und Üben entsprechend geschult, beobachtet und schließlich eben in seiner Leitung bestätigt oder auch nicht. Danke, Ihr zwei!!! Überhaupt gilt mein ganz besonderer Dank Lothar Krauss, der federführend die Konferenz(en) eingefädelt hat und somit verantwortlich dafür ist, dass Dave überhaupt in Deutschland war: Lothar, danke für Deinen genialen Einsatz!!! Mehr zu seinen Insights findet man übrigens auf dem Leiterblog.

Zum anderen durfte ich als ganz besonderes Highlight zusammen mit meinen beiden Freunden und IGW-Kollegen Michael Girgis und Daniel Janzen und im Zusammensein des Kollegiums vom Theologischen Seminar Beröa an einer Privat-Session mit Dave teilnehmen, wo wir Fragen zur theologischen Ausbildung loswerden konnten. Hab selten so einen nahbaren und lockeren Typen wie Dave erlebt. Wirklich cool! 

Abgerundet wurde die Konferenz einerseits durch eine Podiumsdiskussion mit den Workshopleitern samt Daniel Janzen (Co-Rektor von IGW-Deutschland) um Dave herum, andererseits durch Lothars Vortrag über Chancen und Grenzen von “Exponential“ im deutschen Kontext. 




Lothars äußerst herausfordernder Input rückte den Fokus einmal mehr auf die alles entscheidende Frage, nämlich ob wir als Leiter diese Prinzipien tatsächlich umsetzen oder nicht. So einfach die Idee, so schwierig ist doch das dran Bleiben, weshalb er mit folgender Glaubensherausforderung abschloss:



Was nehme ich nun persönlich mit? 
  1. Die Bedeutung von Freundschaft, v.a. zu meinen beiden Mitstreitern und Kollegen Michael und Daniel; das ist für Dave übrigens auch die Grundlage jeder Trainee/Azubi-Beziehung.
  2. Mich hat das Buch bereits beim ersten Mal überschwänglich inspiriert, aber nun gilt es, die Prinzipien konsequent umzusetzen. Ich möchte als Leiter selbst über mich hinauswachsen, ein neues Level erreichen und in die nächste “Generation“ investieren. Ich will als Jünger Jesu mehr Risiko eingehen, um Teil Seiner Mission zu sein.
  3. Konkret werde ich mir Azubis suchen, in die ich investieren darf und die meine Position früher oder später ergänzen oder gar ersetzen können.
  4. Mit einzelnen Studis werde ich Daves Buch studieren.
  5. Ich möchte diese herausfordernden Gedanken teilen, z.B. in Predigten, Gastvorträgen und in Gemeinden, zu denen ich guten Kontakt habe. Dass dies mit viel Weisheit verbunden ist, versteht sich von selbst.
  6. Ich möchte Teil werden von dem deutschen EXPONENTIAL-Netzwerk, um gemeinsam mit anderen dran zu bleiben.
  7. Ich brauche selbst einen oder mehrere Coaches, die in mich investieren, damit ich weiter wachsen kann. 
  8. Vielleicht ist sogar früher oder später ein Platz in einer Gemeinde(-gründung) wieder dran, wo ich all diese Gedanken platzieren und umsetzen kann.

Gott helfe mir, der mir immer wieder zuruft: “Du schaffst das!“ Ich träume groß und freue mich auf all das, was da noch kommen mag. Und manchmal liebe ich einfach die amerikanische Pragmatik, Dinge anzugehen und nicht so lange Dinge kritisch zu beäugen, bis sämtliche Vision und Inspiration im Sande verlaufen ist. Und so fange ich lieber gleich an. Bist Du mit im Boot? Schreib mir gern Deine Gedanken und Inspirationen dazu, teil meinen Blogpost in den sozialen Netzwerken und kauf Dir möglichst bald Daves Buch (am besten direkt über Lothars Blog), wenn Du es nicht schon längst gelesen hast; im Februar kommt die 2. Auflage der deutschen Übersetzung raus. Und wenn Du Dich selbst als Leiter siehst, aber noch intensiv (auch theologisch) auf diesem Pfad ausgebildet werden willst, schau Dich bei IGW (www.igw.edu) um oder melde Dich direkt bei mir (mertens at igw.edu) zur Beantwortung Deiner Fragen, für ein Interessentengespräch usw. Und wenn Du Pastor bist, Deine eigenen Leiter nach Daves Vorbild ausbilden willst, helfen wir Dir gern dabei. Wie gesagt, wir waren vor Ort und werden ebenso weiterverfolgen, was die Inhalte für uns als  Ausbildungsinstitut für Theologie und Führung bedeuten.


Sonntag, 17. Januar 2016

Wie “verkaufen“ wir das Evangelium? Teil 4: Abkehr vom WHY

“So viele Organisationen sind auf der Stärke einer einzelnen Person aufgebaut, dass ihr Weggang eine entscheidende Störung hervorrufen kann. Die Frage ist nicht, ob das geschieht - alle Gründer gehen oder sterben irgendwann -, sondern die Frage ist, wann und wie die Organisation vorbereitet ist auf diesen unausweichlichen Abgang.“

- Simon Sinek, Start with Why. How great Leaders inspire Everyone to take Action, London: Penguin, 2009, 187 (meine Übertragung).

Sinek spricht ein Phänomen an, dass sich auch bei zahlreichen Kirchen feststellen lässt: Bill Hybels kam nach einziger Zeit zurück als Senior Pastor von Willow Creek, Erwin McManus zurück zu Mosaic. Und bei zahlreicheren kleineren Kirchen und Gründungsprojekten findet man dieses Phänomen, das Sinek beschreibt, sicherlich ebenso häufig. Dass der Verlust dessen, warum diese bestimmte Kirche oder Gründung eigentlich existiert, immer das einzige Problem darstellt, kann und will ich natürlich nicht sagen. Wie könnte ich auch? Aber oftmals spielt meiner Erfahrung nach der Verlust des WARUM/WOZU eine entscheidende Rolle, in die Mittelmäßigkeit abzurutschen. Und das muss nicht zwingend mit dem Verlust des Visionärs zu tun haben, sondern kann auch geschehen, wenn die ursprüngliche Vision (das WARUM/WOZU) unklar wird, weil der Fokus - notgedrungen oftmals - auf ein Großprojekt und damit das WAS gerückt wird. Oder warum scheitern so viele Gemeinden bspw. an einem Bauprojekt? Sicher, es gibt auch Bauprojekte, die eigentlich kontraproduktiv gegenüber der Vision der Gemeinde, aber ist das der Hauptteil?