Donnerstag, 31. Dezember 2015

Wie “verkaufen“ wir das Evangelium? Teil 1: Einführung zu Simon Sineks “Start with Why“

Simon Sinek ist ein amerikanischer Anthropologe, Professor in New York und international gefragter Berater und Speaker im Bereich Leadership. Wer ihn nicht kennt: Auf jeden Fall das ein oder andere Video auf YouTube ansehen oder sogar seine Bücher lesen! Es lohnt sich definitiv.

Aktuell lese ich sein “Start with Why“. Die Grundidee dahinter ist sehr simpel, und er nennt sie den “golden circle“, der sich in ganz unterschiedliche Bereiche über- tragen lässt. Der Grundgedanke lautet: 

Wenn Du jemanden von Deinem Produkt, Deiner Idee, Deiner Vision etc. überzeugen willst, gib ihm/ihr nicht zu allererst Fakten darüber, was Du tust (WHAT) oder wie (HOW) Du die Dinge umsetzt. Starte vielmehr mit dem warum (WHY)! Bevor ich im nächsten Post meine Gedanken dazu über die Art und Weise gebe, wie wir eigentlich das Evangelium “verkaufen“, schau Dir am besten den kurzen Clip aus seinem TED-Talk (ca. 5min) selbst an:





Donnerstag, 19. November 2015

Kirche als Business? (Social) Entrepreneurship und Kirche im 21. Jahrhundert

Da ich selbst ja seit dem letzten Jahr sozusagen in der Rolle des Gründers unterwegs bin - als Leiter des IGW-Studiencenters in Frankfurt -, habe ich mich in der letzten Zeit auch intensiver mit diversen Business-Büchern auseinander- gesetzt. Eins davon ist Günter Faltins “Kopf schlägt Kapital. Eine ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein“ (München: DTV, 4. Aufl. 2013). Faltin selbst hat als Professor für Unternehmensgründung (FU Berlin) u.a. die Teekampagne gegründet, die in kürzester Zeit aufgrund ihres inno- vativen Ansatzes zum weltweit größten Importeur von Darjeeling-Tee mutiert ist (s. Buch-Rückseite) und deren Entwicklung und Gründungsansatz er in diesem Buch behandelt. Ich möchte nachfolgend ein wenig über das Buch und seinen möglichen Nutzen für die Kirche im westlichen 21. Jahrhundert philosophieren, u.a. deshalb, weil Faltin mit seinem Unternehmensansatz auf dieselben gesellschaftsökonomischen Herausforderungen zu reagieren ver- sucht, denen meiner Ansicht nach auch die Kirche ausgesetzt ist. 

Wie genau stellt sich also dieser gesellschaftsökonomische Umbruch dar? In den letzten Jahren ist in kirchlichen Kreisen viel von “Postmo- derne“ geredet worden, und sicher hängt die Postmoderne auch mit sozioökonomischen Umbrüchen zusammen. Während aber unter dem Diskurs zur Postmoderne v.a. Umbrüche in der Denktradition, in Spiritualität und Jüngerschaft angestoßen werden, fokussiert sich die Auseinandersetzung mit dem sog. “konzeptionellen Zeitalter“ vielmehr auf die konkrete Berufssituation des einzelnen und die damit verbundenen neuen Herausforderungen: 

So gab es im früheren Industriezeitalter klar definierte Jobs samt dazugehöriger Studien- und Ausbildungsgänge, eben passgenau und auf Rest des Lebens angelegt, was jedoch heute nicht mehr so ein- deutig funktioniert. Denn kaum jemand praktiziert noch ein und den- selben Job - womöglich bei demselben Betrieb - bis zur Rente, mit dem er oder sie begonnen hat. Und so öffnen sich gerade im akade- mischen Bereich immer neue Türen und Perspektiven, mit dem Ab- schluss dieser oder jener Arbeit nachzugehen. Und Kreativität spielt eine ganz neue Rolle, wie Daniel Pink schon vor zehn Jahren gezeigt hat, weshalb er seinem Buch gemäß der rechten Gehirnhälfte immer größere Bedeutung zuordnet gegenüber der vorherigen v.a. rationalen Fokussierung. 

Diese Kreativität ist auch, der Faltin eine besondere Rolle beimisst bei der Unternehmensgründung. Und so ist der Entrepreneur für ihn ein ganz anderer Typ von Business-Mensch als der Manager: Wäh- rend der Manager der Bewahrer-Typ ist - also in gewisser funktionaler Nähe zum Pastor -, erfüllt der Entrepreneur die Rolle des Pioniers, der mit jede Menge Idealismus seine Unternehmensidee nach vorne bringt und dafür immer wieder neue, kreative Lösungen finden muss (natürlich auch, um überhaupt zu einer neuer unternehmerischen Idee zu kommen); Faltins konzept-kreativer Ansatz stellt dabei die Idee des Gründers in den Mittelpunkt, lagert möglichst viele Dienst- leistungen aus und bedarf somit i.d.R. keiner größeren Kapitalinve- stitionen. Eine Gewisse inhaltliche Nähe vom Entrepreneur zum Ge- meindegründer ist damit gegeben, der Kirche fürs 21. Jahrhundert neu erfinden muss, um die post-christliche Gesellschaft der (nicht nur) westlichen Welt zu erreichen. Dieser Vergleich wird besonders dann ersichtlich, wenn es sich auch noch um sog. “social entrepre- neurship“ handelt, die unternehmerische Idee also nicht rein markt-orientiert ist, sondern soziale Zwecke erfüllt und trotzdem Kapital abwirft.

Zwar sind die Großkirchen mit teilweise riesigen Ländereien und/oder Immobilien schon “immer“ eigenständige Wirtschaftsunternehmen gewesen. Die Grenze zwischen der als Verein geführten Ortskirche als Non-Profit-Unternehmen war bis dato jedoch von dem Profit-orien- tierten Bereich klar getrennt. Hier und da gab es vereinzelt zwar Chri- sten, die als Individuen sozialunternehmerisch aufgestellte Betriebe führten, aber die stehen natürlich lediglich als Privatpersonen dort. Neu für mich ist nun aber, wie immer präsenter wirtschaftliche Ansät- ze und entrepreneur-mäßiges Denken auch in Kirchen Einzug nimmt, was u.a. damit zusammenhängen dürfte, dass Innovation und die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit resp. Lösungen bei sozialen Nöten zusammentreffen; und auch bei der Suche nach Ergänzun- gen zu Spendengeldern ist dieser Weg interessant, zumal die Ver- marktung über eine gut vernetzte Gemeindeplattform hilfreich sein kann. Ein gutes Beispiel in dieser Richtung ist die Kirche in Aktion, die an mittlerweile etwa zwei Dutzend Standorten im gesamten Rhein-Main-Gebiet auf kreative Art und Weise ambitioniert ist, ein Stückchen Himmel auf Erde zu bringen, bspw. durch das Café “Awake“, dessen Slogan “Social Coffee Company“ lautet.  

“Kirche als Business, darf das denn sein?“ wird sich mancher fragen, und gerade die erste Jerusalemer Gemeinde mit ihrer Gütergemein- schaft scheint, diesen Weg gerade nicht gegangen zu sein (vgl. Apg 2,44f.; 4,32). Aus biblischer bzw. theologischer Perspektive habe ich dabei bislang aber keine prinzipiellen Bedenken, denn:


  1. Anthropologisch betrachtet, ist der Mensch laut Gen 1,28 als Ebenbild des Schöpfergottes selbst erschaffen und damit gemacht, um auch wieder Neues zu erschaffen. Was ist eine kreative Business-Idee zur Lösung sozialer Probleme anderes, als genau dem nachzugehen? Und wenn dadurch auch noch Gelder akquiriert werden für weitere soziale Projekte, die ansonsten durch Spenden abgedeckt hätten werden müssen, finde ich das äußerst fortschrittlich.
  2. Auch soteriologisch ist soziale Start-Up-Mentalität aus meiner Sicht wünschenswert, weil durch soziale Unternehmungen Gottes Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit ein Stückchen realer in dieser Welt (jenseits der Kirchenmauern) umgesetzt werden kann.
  3. Ekklesiologisch-missional: Damit wächst die Kirche jenseits ihrer traditionellen Formate hinein in die Gesellschaft, hat Einfluss und kann gleichzeitig bei Gewinnen wiederum andere soziale Projekte fördern.

Nun bietet IGW und manch anderes Theologiestudium glücklicherweise einiges an Leiterschaftstraining an, das hilfreich ist für jeden (nicht nur) Gemeindeleiter oder -gründer, sondern auch diejenigen, die ein social business starten wollen. Aber bräuchte es nicht darüber hinaus, um dieser gesellschaftsökonomischen Veränderung gerecht zu werden, mehr und mehr Förderung in genau den Bereichen, die Faltin angesprochen hat: Kreativität, konzeptionelles Denken, und einen Blick für ressourcen-sinnvolles (und damit unternehmerisches) Handeln? 



Mittwoch, 23. September 2015

Investment in die nächste Generation: IGW-Start in Frankfurt gelungen

Der ein oder andere mag sich gefragt haben, warum es in den letzten Wochen ein wenig still auf meinem Blog gewesen ist. Die Antwort ist ganz einfach: Ich war echt busy. Denn unser IGW-Studiencenter in Frankfurt hat seine Reise auf geniale Weise begonnen, angefangen mit den sog. “Start-Up-Tagen“ im Studiencenter in Essen Anfang September, wo sich sämtliche deutsche IGW-Studenten für ihre Einführungsveranstaltung ins Studium versammelten (s. Foto). Beachtenswert ist tatsächlich, dass gut ein Drittel aller Erstsemestler Frankfurter Studis sind, d.h. wir haben beinahe 20 Leute hier! Gott hat somit unseren Start wirklich gesegnet - und das nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ mit jede Menge guter Leute, die ihre nächste Zeit (ob im Berufungsjahr oder dem vollen BA-Programm) investieren wollen in Theologie fürs 21. Jahrhundert, Jüngerschaft wie auch Leiterschaft, Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikationsfähigkeiten uvm. Ich freue mich sehr, Teil dieser Entwicklung sein zu dürfen.

Und genau deshalb bin ich in den letzten Woche zeitlich eingespannt gewesen. Denn wir träumen von jungen (und älteren) Nachfolgerinnnen und Nachfolgern Jesu, 
- die ernsthaft dran sind an Ihm und sich verändern lassen wollen, aber genauso auch an der Gesellschaft teilhaben, 
- die opferbereit sind, zB im Zuge des Flüchtlingsstroms, ihren Teil zu leisten
- die sehen wollen, wie Sein Reich hier sichtbarer wird.

Und dafür setze ich gern meine Zeit, Energie und Ressourcen ein. Wenn Du mehr über unsere Arbeit erfahren willst oder gar selbst Deine Zeit, Energie und/oder Ressourcen einbringen möchtest, schreib mir einfach eine Nachricht oder informiere Dich auf www.igw.edu. Ich freu mich, von Dir zu hören.

Montag, 10. August 2015

Zum Nachdenken: Ist unser Christentum relevant?

Ich las gerade bei Reinhold Niebuhr, dem wohl bedeutendsten amerikanischen Sozialethiker des 20. Jahrhunderts, nachfolgendes Statement über das sog. “orthodoxe Christentum“, womit er in etwa das meint, was hier in Deutschland unter dem Evangelikalismus vertreten sein dürfte:

“Das orthodoxe Christentum versucht vergeblich, den sozialen Verworrenheiten einer komplexen Zivilisation mit irrelevanten Vorschriften zu begegnen, indem sie ihre Autorität von ihrer - manchmal recht zufälligen - Bindung an den heiligen Kanon ableitet.“

- Reinhold Niebuhr: An Interpretation of Christian Ethics, San Francisco: Harper & Row, 2. Aufl. 1963 (1935), 2 (meine Übersetzung).

Versuchen wir in unseren christlichen Kirchen immer noch, Antworten zu geben, die im Prinzip irrelevant sind bzw. - einfacher formuliert - zu denen es gar keine wirklichen Fragen gibt?

Freitag, 3. Juli 2015

Neue Bonhoeffer-Biographie von Charles Marsh: Warum noch eine?

Wer war eigentlich Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) und warum geht von ihm nach wie vor solch eine Faszination aus, und das jenseits konfessioneller Grenzen und Prägungen? Wenn es nicht gerade der Griff zu Wikipedia ist, dann liegt es nahe, sich eine der durchaus zahlreichen Biogra- phien zu schnappen, um mehr über ihn zu erfahren. Seit dem letzten Jahr, bzw. seit diesem Frühling auch auf deutsch, ist allerdings der Markt wieder um eine  Biographie reicher geworden, sodass die Auswahl auf den ersten Blick immer schwieriger und unübersichtlicher erscheint. Bei Hännsler ist im letz- ten Jahr noch die deutsche Übersetzung von Eric Metaxas popular- wissenschaftlicher Bonhoeffer-Biographie erschienen, sodass für manch Evangelikalen die Wahl sehr einfach sein mag (zu einfach meiner Ansicht nach; s.u.). Warum also diese neue Biographie von Charles Marsh noch lesen, nachdem es mit (u.a.) Bethge, Wind, Ackermann, Schlingensiepen, Metaxas und zuletzt Tietz doch bereits etliche Vorläufer gegeben hat? Diese Frage habe ich mir lange gestellt.

Zunächst sei vorweggeschickt, dass ich die englische Ausgabe von Charles Marsh gelesen habe und somit nichts zu der deutschen Übersetzung und dem dortigen Satz etc. sagen kann. Ebenso wenig soll ein detaillierter Abriss des Lebens Bonhoeffers gegeben werden, der viel besser in einer der gerade erwähnten Biographien nachge- lesen werden kann. Vielmehr möchte ich nur kurz auf die Alleinstel- lungsmerkmale von Marshs Werk hinweisen und, warum es sich lohnt, gerade diese Biographie zu lesen. Denn - soviel sei vorweg- geschickt - es lohnt sich :-)!

Aber was macht eine gute Biographie eigentlich aus? Hier würde ich mindestens drei (bzw. vier) Komponenten nennen: 1. Einbeziehung von und wissenschaftlich-ausgewogener Umgang mit sämtlichen zugänglichen Quellen (sowohl Veröffentlichungen als auch Briefe, Tagebücher, Zettelnotizen usw.), 2. Verortung der biographierten Person im zeitgenössischen Kontext, 3. Gute Lesbarkeit (und 4. Aktualität, was jedoch direkt mit 1. und 2. zusammenhängt).

Wenn man sich unter diesen Kriterien einmal die bisherigen Biographien anschaut, kann ich zu denen, die ich bisher gelesen habe, folgendes sagen: Als wirklich adäquat wissenschaftliche und ausführliche Biographien mit ebendiesem Anspruch wurden bislang eigentlich nur Bethge und Schlingensiepen anerkannt. Wind hatte trotz ihres akademischen Anspruchs schon allein aufgrund ihres Umfangs und literarischen Stils nicht den Anspruch, eine ausführliche und wissenschaftliche State-of-the-Art-Biographie vorzulegen; d.h. wenn man eine lockere Lektüre zu Bonhoeffer mit kompaktem Umfang wünscht, ist diese Biographie sicher nicht schlecht. Ebenso geht es der brandaktuellen Einführung zu Bonhoeffer von Tietz, die trotz ihrer wissenschaftlichen Genauigkeit sicher nicht den Anspruch als vollwertige Biographie haben will (Ackermann habe ich bislang nicht gelesen, kann dazu also wenig sagen).

Es bleiben somit die vier “Großen“, nämlich Bethge, Schlingensiepen, Metaxas und zuletzt Marsh, wenn man sich fundiert und detailliert mit Bonhoeffer auseinandersetzen will. Bethges Biographie ist trotz zahl- reicher Neuauflagen im Prinzip auf dem Stand der 1960er Jahre, was die Quellenlage und Deutung betrifft. Dennoch ist sie in dem, was sie tut, zuverlässig und trotz ihrer Fülle von mehr als 1000 Seiten gut zu lesen. Sie hat sicherlich den großen Vorteil, dass der Verfasser der beste Freund Bonhoeffers war und somit ein unschätzbar wertvolles Bild von Bonhoeffer liefert.

Schlingensiepen ist mit etwas mehr als 400 Seiten deutlich übersicht- licher, bietet aber trotz bzw. gerade aufgrund seines Anspruches der Aktualisierung von Bethges opus magnum (und durch Bethge selbst beauftragt) kein substantiell neues Bild, obwohl die Quellenlage nach zwischenzeitlich gut 30 Jahren Bonhoeffer-Forschung markant reich- haltiger ist. Wem Bethges 1000 Seiten zu umfangreich sind, der ist mit Schlingensiepen wunderbar bedient, denn beide analysieren aus meiner Sicht (und Erinnerung) hervorragend den deutschen Kontext, dem sie ja selbst entspringen, und zudem Bonhoeffers Werke.

Anders verhält sich dies mit Metaxas und Marsh, denn beide sind dem Namen nach unschwer als Amerikaner zu erkennen. Und genau dieser Unterschied ist es meinem Eindruck nach auch, der sich in den Biographien beider widerspiegelt und worin die Stärke beider liegt. Denn sowohl Metaxas als auch Marsh bietet zahlreiche Hintergrund- informationen (jedoch unterschiedlicher Qualität) gerade für dieje- nigen, die nicht so sehr mit der deutschen Geschichte, Geographie und Politik vertraut sind. Metaxas besticht v.a. durch seinen litera- rischen Stil und macht dabei dem Untertitel seines Werkes alle Ehre: “Pastor, Märtyrer, Prophet, Spion“. Es ist also die Person Bonhoeffer im Fokus, womit auch gleichsam die wesentliche Schwäche dieses Buches schnell deutlich wird: Und zwar werden den zahlreichen Werken Bonhoeffers, angefangen mit seinen universitären Schriften über Vorlesungsskripte und dann natürlich “Nachfolge, “Gemeinsa- mes Leben“, der Ethik und den Gefängnisbriefen, prozentual gesehen kaum Beachtung geschenkt. Was bei den deutschen Biographien die große Stärke ist, wird hier zugunsten einer Darstellung dePerson geopfert, was sich meiner Ansicht nach aber gerade nicht trennen lässt. Auch wenn ich Metaxas Biographie nicht ganz so schlecht in Erinnerung habe, wie Prof. Clifford Green sie hier rezensiert hat, kann ich die zentralen Argumente Greens allesamt nachvollziehen: Metaxas versucht mit allen möglichen Mitteln, Bonhoeffer als schil- lernde Figur des Evangelikalismus darzustellen und von möglichst jeglichem Liberalismus fernzuhalten, was der historischen Quellen- lage de facto nicht entspricht und gerade auch Bonhoeffers Stärke war. Sein Bonhoeffer-Bild ist somit recht einseitig, zumal seine wis- senschaftliche Arbeit sehr dürftig bleibt, auch wenn ihm zu verdanken ist, dass Bonhoeffer endlich wieder einer sehr breiten Leserschaft zugänglich und attraktiv gemacht worden ist.

Kommen wir damit zu Charles Marsh, Professor an der University of Virginia. Kurz gesagt, Marsh legt eine aus meiner Sicht ausgewogene Darstellung Bonhoeffers vor, die:

  1. Sowohl Leben als auch Werk gleichermaßen berücksichtigt, 
  2. Up-to-Date die Quellenlage integriert und wissenschaftlich aufarbeitet,
  3. gute und zutreffende Hintergrundinfos zum zeitgeschichtlichen Geschehen bietet und
  4. sehr gut lesbar ist.

Überdies betont Marshs Werk im Vergleich zu Bethge wesentlich stärker noch die emotional-kreative Seite Bonhoeffers; psycholo- gisierend gesprochen, wird neben der linken Gehirnhälfte sozusagen auch besonders die rechte Gehirnhälfte berücksichtigt (Zentrum von Empathie, Kreativität und sonstigen Emotionen), wodurch ein bedeut- samer Gesamteindruck Bonhoeffers als theologisch-pastorale Führungsperson deutlich wird, von der man im 21. Jahrhundert und besonders unter missionaler Fragestellung noch Zahlreiches lernen kann. Natürlich darf man in dieser Facette auch Marsh nicht unkritisch lesen; fraglich ist etwa seine Tendenz, Bonhoeffers Freundschaft zu Bethge als geradezu homo-erotisch zu färben, wobei selbst in diesem Fall Marshs Perspektive interessant und bereichernd ist und seine Punkte sicher nicht völlig von der Hand zu weisen sind (wobei da natürlich immer noch die Verlobung mit Maria v. Wedemeyer und der früheren “Beziehung“ zu Elisabeth Zinn zu erklären wäre).

Als weitere Stärke Marshs ist sein Kapitel über Bonhoeffers ersten Amerika-Aufenthalt zu nennen, dessen Einfluss auf Bonhoeffers Denken von der deutschen Forschung bislang unterschätzt wurde und von Metaxas nur unzureichend gedeutet wird. Die Frage hierbei ist nicht, ob Bonhoeffer durch diese Zeit geprägt wurde - darüber sind sich alle einig -, sondern was genau und in welche Richtung ihn geprägt hat. Dass es eben weder wesentlich nur Jean Lasserres Pazifismus und Fokus auf die Bergpredigt war (dieser Eindruck entsteht bei Bethge, Schlingensiepen und der sonstigen deutschen Forschung) noch ausschließlich Abyssinian Baptist Church, die ihn erst zum Christen konvertiert hat (so Metaxas), wird bei Marsh ausgewogen thematisiert.

Alles in allem bietet Marsh damit eine bereichernde Perspektive auf das Leben und Werk Bonhoeffers, die gerade bei der kombinierten Lektüre mit Bethge (alternativ Schlingensiepen) voll zur Geltung kommt, aber auch allein für sich stehen kann. Besonders diejenigen, die schon ein wenig über Bonhoeffer gelesen haben, werden hier manchen Überraschungsmoment erleben. Und auch derjenige, der Bonhoeffer als Leiter und Führungspersönlichkeit entdecken will, kommt bei Marsh voll auf seine Kosten.

Sonntag, 26. April 2015

Zum Nachdenken: Kannst Du über Dich selbst lachen?

“Ein Grund dafür, dass Menschen schlecht über sich selbst lachen können, ist, dass sie sich schämen. Wir leben in einer Welt, in der wir angeblich alle perfekt sein müssen, um etwas zu erreichen, ja, um überhaupt halbwegs gut leben zu können. Wer nicht supergut aussieht, reich ist, Erfolg hat, wird nicht respektiert. Man lacht über ihn und er hat auch noch selbst Schuld daran. Das fürchten die meisten Menschen. […]

Das Perfektionismusgebot ist menschenverachtender Blödsinn. Es grenz fast alle aus und zwingt viele von uns in die totale Überforderung. Hören Sie einfach auf, dieses Märchen zu glauben. Und fragen Sie sich, wer etwas davon hat, dass Sie sich für defizitär halten. Es gibt die unterschiedlichsten Wirtschaftszweige, die sehr gut davon leben, dass wir uns in unserer Seele und unserer Haut nicht wohlfühlen.“

- Jumi Vogler: Erfolg lacht! Humor als Erfolgsstrategie, Offenbach 2012, S.30.

Dienstag, 21. April 2015

Mentoring - ein immer noch vernachlässigtes Thema in kirchlichen Kreisen

Letzten Samstag (18.4. 2015) fand zum zweiten Mal der Mentoring-Kongress des “Christlichen Mentoring Netzwerkes“ (cMn) und der “MBS-Akademie“ in Marburg statt. Einen sehr guten Bericht hat Toby Faix bereits verfasst, sodass ich mir Details über den Ablauf an dieser Stelle erspare, zumal die beiden Hauptvorträge hier nachzuhören sind - sehr empfehlenswert!

Mir geht es an dieser Stelle vielmehr erstens darum, für das Thema zu sensibilisieren. Denn auch wenn ich begeistert war über die gut 100 Teilnehmer: Ich hatte mit mindestens der dreifachen Teilnehmerzahl gerechnet und bin davon überzeugt, dass diese Diskrepanz nicht ihren Grund darin hat, dass wir in unseren Kirchen und Werken schon alles darüber wüssten oder es gar konsequent praktizierten - im Gegenteil. Exemplarisch dafür ist auch Monika Bylitzas Feststellung in ihrem Vortrag, dass es die Businesswelt war, in der sie Mentoring kennengelernt habe.

Trotz dieser Diskrepanz war ich erstens umso inspirierter von einer Gruppendiskussion über Leiterförderung durch Mentoring, die von Stefan Pahl verantwortet wurde, dem Leiter von mc2 (Marburger Kreis/Crossover). Denn endlich mal berichtete hier jemand von konkreten Ergebnissen im Umgang mit multiplikativem Denken (in unseren Landen), wie es sich in ähnlicher Weise bei Dave und Jon Fergusons “Exponential“ finden lässt.

Zweitens bestätigte mich diese Gruppendiskussion wieder einmal darin, dass unser IGW-Studium mit der bewusst integrierten theologischen Leiterschaftsausbildung voll auf dem richtigen Kurs liegt, auch wenn ich mir natürlich bewusst bin, dass selbst da noch Optimierung möglich ist.

Nichtsdestotrotz - oder gerade umso mehr - halte ich deshalb am Mentoring fest und hoffe, dass sich dieses Prinzip in unterschiedlichster Ausprägung durch Multiplikatoren wie das cMn, die MBS-Akademie, mc2 und natürlich IGW in den nächsten Jahr weiter in die Kirchen des Landes hineinmanövrieren wird, um den Jüngerschaftsprozess auf jeder Ebene mächtig zu voranzubringen. Denn das ist es ja letztlich, was in unserem Christsein den Unterschied macht,  worauf schon prominente Stimmen der Vergangenheit (z.B. Dietrich Bonhoeffer) und der Gegenwart (z.B. Alan Hirsch) hingewiesen haben - und nicht zu allererst ein fancy Kirchengebäude oder sonstige Vorzeige-Tools (auch wenn ich durchaus auf solche Dinge auch stehe und sie nicht grundsätzlich schlecht reden möchte).

Mittwoch, 11. März 2015

Zeitgemäße Theologie mit rechter Gehirnhälfte? Gedanken zu Daniel H. Pinks “A whole new Mind: Why Right-Brainers will Rule the Future“

Das Buch ist zwar mittlerweile zehn Jahre alt, doch trifft es umso mehr voll ins Schwarze: Daniel H. Pinks “A whole new Mind: Why Right-Brainers will rule the Future“. Selten hat mich ein Buch - und dazu noch ein nicht explizit christliches - so sehr in seinen Bann genommen und mich trotz vieler mir bekannter Ansätze überwältigt und gleichzeitig darin bestätigt, was eigentlich längst vor meiner Nase lag. Kurz gesagt: Pink bringt das auf den Punkt, was sich mir mehr und mehr offenbart hat, und macht quasi aus der Not eine Tugend, die nicht nur mich in vielerlei Hinsicht gedanklich befreit hat, sondern auch vielen Menschen helfen dürfte, ihre Identität bewusst zu ergreifen und zu einer Stärke umzukehren.

Soweit ein erster Ausdruck meiner emotionalen Sicht, wie sie u.a. in diesem Buch bewusst hochgehalten wird - der rechten Gehirnhälfte gemäß; meiner linken Gehirnhälfte entsprechend soll nun aber auch eine strukturierte Analyse folgen, die hoffentlich die Stärken und Notwendigkeit von Pinks Buch zum Ausdruck bringen.

Weil Pinks Buch zu allererst ein Werk aus dem Business-Bereich ist, fokussiert er sich auch v.a. auf den Aspekt von Erfolg, weshalb seine These lautet: “In diesem Buch wirst Du die sechs essentiellen Begabungen (kennen)lernen - die ich “die sechs Sinne“ nenne -, von denen professioneller Erfolg und persönliche Zufriedenheit zunehmend abhängig sein werden. Design. Geschichte. Symphonie. Empathie. Spiel. Bedeutung. Dies sind fundamentale menschliche Fähigkeiten, die jeder bewerkstelligen kann - und mein Ziel ist, Dir dabei zu helfen.“ (2; meine Übersetzung)

Pink greift dafür auf Ergebnisse aus den Neurowissenschaften zurück, auf denen nicht nur seine Thesen fußen, sondern sein Buchtitel: Er ordnet den zwei Gehirnhälften unterschiedliche Fähigkeiten und Charakteristika zu, von denen v.a. Abfolge/Reihenfolge (links; engl. “sequential“) einer Simultanität (rechts) entgegensteht, Text (links) dem Kontext (rechts), und Analytik (links) einer Synthese des großen Bildes (rechts; 17-22). Die letzten Jahrhunderte als Industrie- und  später als Informationszeitalter hätten nun aber, so Pink, mehr und mehr der linken Gehirnhälfte übermäßig viel Aufmerksamkeit und finanzielle Vorzüge gewidmet; Juristen, Ärzte uvm. werden als “knowledge workers“ (29) bezeichnet, die er - berechtigterweise - mit einem gewissen Wohlstand in Verbindung bringt.

Die sechs Sinne bekommen für Pink aus wirtschaftlicher Sicht dadurch ein immer stärkeres Gewicht, dass er anhand der drei Phänomene von Überfluss, Outsourcing und Automatisierung (durch Computer) aufzeigt, wie die Kapazität der linken Gehirnhälfte in ihrer bisherigen Einseitigkeit im angebrochenen sog. “konzeptionellen Zeitalter“ (engl. “conceptual age“) an Bedeutung verliert - in der westlichen Welt -, während die Kapazitäten der rechten Gehirnhälfte gerade an Bedeutung zunehmen (Kap. 2). Zugespitzt formuliert: “Um in diesem Zeitalter zu überlegen, müssen Individuen und Organisationen überprüfen, was sie tun und wie sie ihren Erwerb sichern, indem sie sich drei Fragen stellen:

Kann jemand in Übersee es günstiger?
Kann ein Computer es schneller?
Wird das, was ich anbiete, im Zeitalter des Überfluss Überfluss benötigt?“ (51; meine Übersetzung)

High-Tech allein genügt laut Pink also nicht mehr zum Überleben, weil hoch Konzeptionelles und Anfassbares zu Kernbegabungen der Zukunft werden (Kap. 3). Besonders anschaulich, auch aus wirtschaftlicher Sicht, und überzeugend dürfte dabei sein Verweis darauf sein, dass mittlerweile die Zulassung zu einem Master in Fine Arts (MFA) eingeschränkter sei als ein Master in Business Administration (MBA), denn “ein Master in bildender Kunst, ein MFA (s.o.), gehört mittlerweile zu den heißesten Zeugnissen in der Welt, in der sogar General Motors im Kunstgeschäft tätig ist.“ (54; meine Übersetzung) Auch die Zahl der Grafikdesigner sei um ein Vielfaches in den letzten Jahrzehnten gestiegen, wie er zu belegen versucht (55). Und nicht zuletzt verweist Pink auf Daniel Golemans bahnbrechende Studie zur emotionalen Intelligenz, nach der lediglich 4-10 Prozent des Karriere-Erfolgs vom IQ abhängig sei (57f.).

Ob diese Zahlen allesamt so präzise stimmen oder nicht, sei dahingestellt. Ich jedenfalls nehme eine immer stärkere Nachfrage nach den sog. “Soft Skills“ wahr, besonders was das zunehmende Interesse innerhalb der Business-Welt betrifft.

Auf den weiteren 200 Seiten des Buches entfaltet er seine sog. “sechs Sinne“, womit er herunter gebrochen folgendes sagen will:

Statt reiner Funktion wird zukünftig mehr und mehr das Design eine Rolle spielen, bei der ein Problem auf kreative Art und Weise gelöst wird (DESIGN).
Statt des faktischen, isolierten Argumentes wird es vermehrt um den narrativen Zusammenhang gehen, in den ein Produkt eingebettet ist (STORY).
Nicht allein der Blick ins Detail, sondern das große Bild wird eine wichtige Rolle spielen (SYMPHONY).
Neben die rationale Analyse eines Problems tritt der Aspekt von Mitgefühl, die Bedeutung von Beziehungen und die Sorge für andere (EMPATHY).
Neben Ernsthaftigkeit tritt die Komponente von Lachen, Spaß, Spielen und Humor (PLAY).
Zu der Ansammlung von materiellem Reichtum kommt die transzendente Dimension, die dem Leben einen höheren Sinn gibt (MEANING).

Warum hat mich dieses Buch nun derart inspiriert und zum Nachdenken gebracht? Das möchte ich im Zuge des Schwerpunkt meines Blogs nachfolgend kurz erläutern, und zwar 1. aus persönlicher Sicht, 2. aus theologisch-kirchlicher Sicht und 3. aus edukativer Sicht.

Vorausschicken sollte ich zu Beginn die Tatsache, dass meine Frau Innenarchitektin und Designern ist. Das bedeutet, sie ist genau dieser kreative Kopf, der hervorragend ausgestattet ist mit allen sechs Sinnen, auf die sich Pink konzentriert, während sie aber bsp. zu Schulzeiten oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, da diese Fähigkeiten gegenüber denen der linken Gehirnhälfte nur wenig wertgeschätzt wurden. Umso mehr profitiere ich aber nun besonders von ihrer Design-Affinität, Empathie und dem Versuch, meiner Ernsthaftigkeit einen Strich durch die Rechnung zu machen, weil diese Bereiche bei mir zwar angelegt sind, aber nie geschult wurden (und sie lernt dementsprechend natürlich von meiner Struktur etc.). Mir selbst eröffnet sich dadurch eine ganz neue Dimension von Welt, die einerseits sehr bereichernd ist, mich andererseits aber auch herausfordert. Denn mit einem geschulten Auge und inneren Sinnen für diese Dinge bringt es mir nun auch mehr und mehr Schwierigkeiten, in altbekannten Kontexten zu agieren, die sich einseitig auf die linke Gehirnhälfte konzentrieren: Die Uni, die meisten Kirchen, Arztpraxen etc. Weil diese keine rationalen Dinge, sondern sich eben v.a. mit der rechten Gehirnhälfte verknüpft sind, lassen sich die Emotionen gegenüber fehlendem Design, der Zerstückelung in abstrakte Fakten, das Fehlen des großen Bildes, von Empathie und dem Blick für Transzendenz nicht einfach abschalten oder vergessen. Vieles von diesen Aspekten war mir zuvor schon bekannt, aber nun kann ich es endlich benennen und erklären, was mir früher lediglich ein Gefühl von Unwohlsein bescherte.

Aber lassen sich die sechs Sinne, die Pink uns präsentiert, überhaupt theologisch akzeptieren? Sie lassen sich, würde ich sagen. Man muss nur die Schöpfungsberichte der ersten Kapitel der Bibel ernst genug lesen um zu verstehen, dass Gott kein Gott der Abstraktion, purer Rationalität usw. ist, sondern des Narrativs, der Kreativität, der Empathie und Ganzheitlichkeit. Ich würde sagen, dass wir es hier mit einem klassischen Konflikt zwischen biblisch-hebräischem Weltbild und griechisch-platonisch-aristotelischer Prägung zu tun haben. Um den ganzen Menschen anzusprechen, halte ich es deshalb für unumgänglich, dass nicht nur die Theologie endlich auch die vermeintlich endlichen Dinge als theologisch relevant anerkennt (nicht umsonst bsp. engagiert Gott im Zuge des Baus der Stiftshütte mit Bezalel den Besten der besten Kunstschmiede; vgl. Ex 27ff.). Auch in unseren Kirchen müssen wir ein Gleichgewicht zwischen linker und rechter Gehirnhälfte herstellen; man denke nur an die klassische Predigt, die oftmals abstrakte Gedanken präsentiert statt die Story, von der Pink spricht; 0-8-15-PPTs statt ästhetischer Erlebnisse oder auch vermeintlich richtige Antworten (auf nie gestellte Fragen) statt Mitgefühl - mal ganz pauschal gegenübergestellt. Man könnte das in unterschiedlichste Richtungen weiterdenken; aus Platzgründen halte ich mich an dieser Stelle aber zurück.

Und nicht zuletzt denke ich an den gesamten Zweig des heutigen Bildungssektors. Um nochmals persönlich zu werden: Mehr und mehr fühle ich mich einfach unwohl und fehl am Platz in der klassischen Universität deutsch-humanistischer Prägung - nicht, weil ich nicht durchaus auf höchstem Niveau rational denken, Texte analysieren und abstrakte Gedanken spinnen könnte; aber wenn das das Einzige ist, vernachlässigen wie 50% unserer Lebenswelten, obwohl es eigentlich nicht so sein müsste. Und leider erkenne ich bei den mir bekannten Institutionen und Lehrkörpern auch (so gut wie) keine Bestrebungen, daran etwas zu ändern. Umso mehr freut es mich, dass sich zumindest im privaten Bildungssektor mehr bewegt. Als Studienleiter von IGW weiß ich, wie wichtig uns im Zuge unserer Kompetenz-orientierten Ausbildung Aspekte wie gelebte Spiritualität, Empathie usw. sind; und auch von anderen theologischen Ausbildungsstätten höre ich (zumindest in Teilen) ähnliches.

Wie wäre es, konsequent unsere Leute auch mit den sechs Sinnen auszustatten, sodass unsere Nachwuchsleiter christlicher Prägung nicht nur als Top-Leiter im kirchlichen Sektor gefragt sind, sondern ihre Werte, Persönlichkeit und natürlich sonstigen Skills auch in die klassische Business-Welt tragen könnten, um so wirklich missional zu leben?

Dienstag, 3. März 2015

Das einzigartige Jüngerschaftsjahr: “IGW“ kooperiert mit der “Kirche in Aktion“ (KIA)



“Live.it“ - so heißt die einzigartige Jüngerschaftsschule, die wir von IGW ab diesem September mit der “Kirche in Aktion“ (KIA) im Rhein-Main-Gebiet gemeinsam an den Start bringen werden. Dieses kurze Interview beleuchtet einige Punkte:




Wer mehr wissen möchte, kann sich entweder direkt an mich wenden oder auf der Live.it-Homepage weitere Infos bekommen. Bist Du bereit fürs Abenteuer? Dann melde Dich jetzt an!

Donnerstag, 26. Februar 2015

Zahlreiche News vom IGW-Studiencenter Frankfurt!!!

Nachdem es schon etwas her ist, dass ich an dieser Stelle über den aktuellen Stand von unserem IGW-Studiencenter in Frankfurt (FFM) berichtet habe, wird es doch mal wieder Zeit für ein Update. Denn es ist eine Menge an “Erfolg“ zu verzeichnen, was besonders für all diejenigen interessant und wichtig zu wissen ist, die womöglich mit dem Gedanken spielen, ein Theologiestudium aufzunehmen. Jetzt kommen weitere wichtige Facts, warum es sich lohnt, nach Frankfurt zum Theologiestudium zu kommen :-).

Mit Ende des Kalenderjahres 2014 ereignete sich nach einigen individuellen Gesprächen ein erstes wichtiges Treffen mit zahlreichen Gemeindegründungs-Projekten oder Kirchen, die stark in Gemeinde- gründung investieren (Frankfurt CityChurch, Nordstern, Kirche in Aktion etc.), um nach gemeinsamen Synergien Ausschau zu halten und zu überlegen, wie IGW dem Ziel dienen kann, neue Gemeinde- gründer auszubilden. Dieses erste Schlaglicht war sehr erfolgreich und zeigt(e) u.a., wie wichtig FFM zukünftig in Sachen Gemeinde- gründung und Ausbildung von Gemeindegründern sein dürfte. Unterstützt wurde/wird diese Annahme auch durch Gespräche mit dem in FFM ansässigen “Europäischen Institut für Gemeinde- gründung“, das als Einrichtung des “City Mentoring Programms“ (CMP) v.a. von Dr. Stephen Beck (FTH Gießen), Dr. Philipp Bartholomä und Harald Nikesch (beide Landau) getragen wird.

Zu Beginn dieses Jahres (2015) wurde es noch konkreter. Denn wir haben jüngst eine Kooperation mit der “Kirche in Aktion“ (KIA) über eine gemeinsame einjährige missionale Jüngerschaftsschule unter dem Namen “Live.it“ vereinbart. Die Kandidaten werden von uns mit dem theologisch-theoretischen Know-How samt Schwerpunkt Beru- fungsfindung versorgt, während KIA sämtliche praktischen Rahmen- bedingungen absteckt: Die Kandidaten werden in einem ehemaligen Hotel in Mainz gemeinsam leben und dort auch persönlich betreut, gepaart mit dem ganz praktischen Einsatz in unterschiedlichen Be- reiche der KIA-Arbeit, sei es in einem der Awake-Cafés, im Kranken- haus, Altersheim Jugendtreff, Flüchtlingsheim etc. - ein Jahr, in dem man sich ganz individuell ausprobieren und entdecken kann. Und das Beste: Die Credits werden natürlich sämtlich anerkannt für ein weiteres Studium bei IGW. Sollte Dich dies interessieren oder Du kennst jemanden, dann wende Dich am besten direkt an Christian Tiedeke.

Brandaktuell ist auch der personelle Zuwachs: Denn neben meiner selbst wird Andrea Wettstein das Studiencenter in FFM unterstützen. Andrea war bis zuletzt als Studienleiterin verantwortlich für den Standort Zürich, den sie heiratsbedingt nun gegen FFM eingetauscht hat. Neben ihrer Betreuung der IGW-Fernstudenten wird sich somit ebenfalls in die Studienleitung hier vor Ort mit einsteigen und ihre Stärken u.a. in der Studentenbetreuung entfalten und natürlich ihre ganze Routine aus Zürich mitbringen.

Mir selbst bietet dies enormen Rückhalt, da ich seit einiger Zeit neben dem Aufbau des Studiencenters in FFM auch in der Erarbeitung unseres neuen Master-Programms in Kontextueller Theologie, Schwerpunkt Systematische Theologie, beauftragt bin, das wir von IGW in Kooperation mit der Universität in Südafrika (UNISA) an- bieten. Zukünftig besteht somit auch die Möglichkeit, sich neben dem bisherigen Schwerpunkt in Praktischer Theologie auch intensiv in systematischem Denken zu vertiefen; dafür konnten wir bereits Top-Referenten wie Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann gewinnen.

Frankfurt wächst damit mehr und mehr zu einem attraktiven Studienstandort heran. Neben der IGW-Entwicklung hängt dies definitiv ebenso mit der städtisch-urbanen Situation zusammen, die innerhalb Deutschlands wohl nur Frankfurt zu bieten hat. Sicher auch deshalb florieren derzeitig die innovativen Gemeinde(gründungs)- projekte und nehmen stetig an Zahl zu - die innovativen Projekte der Region sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Wenn Du Teil dieses innovativen, prägenden Spirits sein willst, dann komm nach FFM, zB für ein Studium bei IGW! Ich freu mich, von Dir zu hören.

Dienstag, 13. Januar 2015

Zum Nachdenken: Vor Gottes Größe erblinden? Peter Rollins, “Der orthodoxe Häretiker“

“An diesen Beispielen wird der Gedanke sichtbar, dass Glaube aus einem solch strahlenden Ereignis hervorgeht, dass wir durch sein Eintreten geblendet werden - einem so tief gehenden Ereignis, das uns vollkommen sättigt, einem so gewaltigen Ereignis, vor dessen Größe wir ganz klein werden, und einem so hellen Ereignis, das uns erblinden lässt.“

- Peter Rollins, der orthodoxe Häretiker - und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, S. 150.

Freitag, 9. Januar 2015

Für alle Bonhoeffer-Fans: Demnächst die Bonhoeffer-Werke günstig als Sonderausgabe!

Anlass des 70. Todestages Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) gibt das Gütersloher Verlagshaus die 17-bändige Werkausgabe Bonhoeffer mit allen Werken und (fast allen) Vorträgen, Briefen etc. zu einem unschlagbaren Preis von 298 Euro heraus. Wer sich also immer mal intensiv mit Bonhoeffer auseinandersetzen wollte, hat hiermit geradezu ideale Bedingungen. 

Einziger Wermutstropfen: Nur als Komplettpaket lässt sich dieser Deal nutzen, weshalb er für mich persönlich leider uninteressant ist, da ich schon zu viele der älteren Bände habe. Hätte es die mal vor zehn Jahren schon gegeben :-) …

Mittwoch, 7. Januar 2015

Zum Nachdenken: Sich Gottes Wille widersetzen? Peter Rollins, “Der orthodoxe Häretiker“

“Von diesem Beispiel [Abrahams Verteidigung Sodoms & Gomorrahs gegen Gottes Plan der Zerstörung, vgl. Gen 18; d. Verf.] können wir lernen, dass die Bibel uns dazu auffordert, die Obrig- keit zu hinterfragen, wenn wir davon ausgehen, dass die Obrigkeit die Verfolg- ten nicht verteidigt. Denn das Gesicht eines hilflosen, leidenden Kindes in der Bibel sollte einen größeren Einfluss auf uns haben als jede Institution oder himmlische Stimme. Im Gesicht des leidenden Kindes und in den Wunden eines gefolterten Mannes steht die ethische Forderung Gottes geschrieben.

[…] Wir können uns dem Christentum als einem geerdeten Glauben - tief verwurzelt im Boden dieser Welt - nähern. Indem wir voll und ganz in der Welt leben und die volle Verantwortung für unser Handeln übernehmen, zeigen wir unseren Glauben.“

- Peter Rollins, der orthodoxe Häretiker - und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, S. 118f.

Dienstag, 6. Januar 2015

Zum Nachdenken: Wann hast Du das letzte Mal mit Gott gerungen? Peter Rollins, “Der orthodoxe Häretiker“

“Das Motiv des Ringens mit Gott als Ausdruck eines tiefen und treuen Glaubens scheint ein einzigartiger Aspekt in der jüdisch-christlichen Tradition zu sein. Es erscheint nicht als verurteilens- wert oder als etwas, von dem man dem Gläubigen besser abraten sollte. Lernen wir nicht genau das, wenn wir im 1. Buch Mose davon lesen, dass Gott Jakob mit dem Namen Israel segnet, ein Name, den sich Jakob verdient hatte, weil er wild mit Gott gekämpft hatte? Dieses Wort ist mehr als nur ein Name für eine einzelne Person; es wird zur Bezeichnung eines ganzen Volkes: eines Volkes, das seine Treue und Frömmigkeit durch eine leidenschaftliche - oft unangenehme - Interaktion mit Gott zeigte. Diese Menschen waren bereit dazu, mit ihrem Schöpfer zu ringen, ihm zu widersprechen und ihn sogar anzuklagen. Tatsächlich scheint sich dieses Motiv durch die ganze Bibel zu ziehen.“

- Peter Rollins, der orthodoxe Häretiker - und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, S. 112f.

Sonntag, 4. Januar 2015

Endlich meine Berufung finden in ungewissen Zeiten? “Logbuch Berufung“ von Toby Faix kann definitiv behilflich sein

Eine eierlegende Wollmilchsau, die mich in “7 Schritte[n] zur perfekten Berufung ohne Anstrengung“ führt, ist das “Logbuch Berufung. Navigationshilfen für ein gelingendes Leben“ von Tobias Faix aus dem Jahre 2013 (Verlag der Francke-Buchhandlung) sicherlich nicht. Warum nicht? Weil es dies nicht gibt; und immer, wenn mir ein Buch so etwas suggeriert, weiß ich ziemlich genau, dass es gar nicht recht haben kann. Denn unsere postmoderne, multioptionale Welt dreht sich viel zu schnell und bietet mir viel zu viele Möglichkeiten, als dass ich anhand von einem halben Duzend an Stellschrauben innerhalb kürzester Zeit herausfinden könnte, wofür ich mich den Rest meines Lebens einsetzen sollte.

Glücklicherweise gibt es das “Logbuch Berufung“, das definitiv einen ganz anderen Weg geht. Wie der Titel schon besagt, will es dabei helfen, die eigene Berufung zu entdecken oder - vorsichtiger formuliert - Tools an die Hand geben, um diesem Ziel näher zu kommen. Deshalb handelt es sich auch um ein sog. “Logbuch“ - ein Begriff aus der Schifffahrt zur Navigation -, um sich diesem Thema von unterschiedlichen Seiten anzunähern. Mithilfe von Tagebuch-artigen Einträgen (zur Reflexion und Dokumentation des bisherigen Lebens), dem Navigationsbesteck (zur Anvisierung des Ziels) und dem Fernrohr (zur Markierung wichtiger Punkt und weiterführender Literatur) wird dieses Buch richtig praktisch und nimmt mich als Leser in einen Entwicklungsprozess mit hinein und fordert dabei all meine Sinne. Dies schlägt sich schließlich auch im Erscheinungsbild des Logbuchs nieder, das neben Tabellen und Charts angereichert ist mit etlichen Illustrationen (von Matthias Gieselmann), die nicht nur unterhaltsam sind, sondern auch wichtige Punkte visuell markieren. Zudem schließen zahlreiche persönliche Lebensgeschichten aus dem direkten Umfeld des Verfassers einen jeweiligen Punkt exemplarisch ab.

Auf gut 200 Seiten in acht Kapiteln bietet Toby Faix dem Leser unterschiedliche Bausteine, sich seiner eigenen Berufung anzunähern. Nach einer kurzen Einführung, die o.g. Tools erklärt, nimmt der Verfasser den Leser mit hinein in die Größe “Berufung“, klopft also das Thema theologisch-philosophisch ein wenig ab und fragt bsp. den Leser, was er unter einem gelingenden Leben versteht (40) - mit dem ja das Thema “Berufung“ einhergeht -, und bezieht bewusst von Anfang an auch den Stellenwert der Emotionen mit ein. Wir haben es also definitiv hier nicht mit einem rein analytischen Buch zu tun, das nur für Intellektuelle und Nerds etwas ist.

Auf dem Weg zur eigenen Berufung und dem Verständnis darüber nimmt Toby Faix als erste wichtige Bausteine das Beziehungsgeflecht und die eigene Biographie in den Blick, die maßgeblichen Einfluss auf das Finden der eigenen Berufung haben (Kap. 2); diese zwei Variablen machen deutlich, wie komplex das Unterfangen sein kann, weil das Finden der eigenen Berufung bsp. in der Spannung steht, etwas sehr individuelles zu sein, weil es meine Rolle betrifft, sie gleichzeitig aber (i.d.R.) für eine größere Gemeinschaft gedacht ist (zumindest dann, wenn man - wie der Verfasser - von einem christlichen Welt- und Menschenbild her argumentiert und den Sinn des Menschen nicht in Individualismus, Egozentrismus und/oder Hedonismus verortet).

Dass das Finden der eigenen Berufung gerade in unsicheren Zeiten wie dieser eine wichtige Rolle spielt, legt Toby Faix im dritten Kapitel dar. Der gesellschaftliche Kontext als dritter Baustein erhält somit eine gewisse Stimme, in dem die eigene Berufung Sicherheit bieten soll. Der Blick auf gute Vorbilder, von denen man lernen kann - z.B. durch Mentoring -, unterstütze diese Sicherheit, so der Verfasser.

Als Ausgangspunkt der zukünftigen Berufung wird im anschließenden Kapitel 4 der Baustein des Ist-Zustandes analysiert, die sog. “Identität“. Über fünf Säulen (Mein Körper, soziales Netz, Arbeit & Leistung, materielle Sicherheit, Werte & Glaube) ebenso wie einen Blick in die eigene Lebensphase und das Persönlichkeitsprofil (es wird mit DISG gearbeitet) soll sich der Leser seiner Identität annähern.

Als fünften wichtigen Baustein geht Toby Faix auf Gott ein, der (be)ruft. Dass dieser Ruf aber ganz unterschiedlich aussehen kann, nicht immer in der jeweiligen Lebenssituation sofort ersichtlich ist und u.U. auch durch Umstände (scheinbar?) außer Kraft gesetzt werden kann, erörtert der Verfasser in Auseinandersetzung mit zahlreichen biblischen Gestalten des Alten und Neuen Testaments. Wie bei den biblischen Gestalten, erhält außerdem der Heilige Geist eine praktische Stimme zum Finden der Berufung, auf die es als Leser ebenfalls zu hören gilt. Denn Gott rede heute noch zu jedem, der ihn hören wolle, so die These von Toby Faix; man müsse nur richtig hören lernen.

Mit dem sechsten Kapitel erlaubt Toby Faix einen Rückblick auf bereits Erkanntes, ermutigt zur Bündelung und lädt dazu ein, andere Leute in das eigene Leben sprechen zu lassen, um Hindernisse, (falsche) Erwartungen und Motivationen zu klären und ggf. auszuräumen. Besonders die Hindernisse spielen auch im siebenten Kapitel eine Rolle; der Verfasser bietet einige Hilfen im Umgang mit ihnen und ggf. mit dem Scheitern. Ums Scheitern dreht sich auch das achte und letzte Kapitel, das auf den Veränderungsprozess durch die Auseinandersetzung mit dem “Logbuch Berufung“ zurückschaut und gleichzeitig einen Blick nach vorne wagt und zur Stille ermutigt, um die nötige Veränderung in Richtung Berufung in Gang zu setzen. Sehr praktische Tipps helfen dabei und werden abgerundet durch die Angabe weiterführender Literatur.

Alles in allem ist Toby Faix’ “Logbuch Berufung“ also wirklich ein hilfreiches Tool, das meinem Eindruck nach nicht in Einseitigkeiten verfällt, sondern unterschiedlichste Dimensionen wie Persönlichkeit, Identität, aber auch Gottes Ruf und eigene Wünsche/Erwartungen mit in den Prozess der Berufungsfindung integriert. Auch wenn mir das Buch anfänglich suggeriert, es wolle Menschen in unterschiedlichen Phasen ihrer Berufung helfen, empfinde ich es v.a. für diejenigen bereichernd, die sich bisher nur wenig bis gar nicht mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt haben. Faktisch bietet es aber auch mir, der ich schon etwas fortgeschrittener und zielstrebiger bin, Impulse zum kurzzeitigen Anhalten und Reflektieren, ob ich eigentlich noch auf Kurs bin oder ob sich vielleicht mein Ziel verändert hat usw., sodass Korrekturen möglich oder nötig wären. Besonders gespannt bin ich auch auf die Rückmeldungen derer, denen ich zwischenzeitlich (und auch zukünftig noch) ein Exemplar dieses Logbuchs habe zukommen lassen.

Denn eins muss man noch besonders erwähnen: Solch ein Buch mit 224 Seiten, in ordentlichem Satz samt Illustrationen und mit Hardcover für sage und schreibe 9,95 € ist ein absolutes Schnäppchen!!! Selbst wenn man dem Verfasser in seinem explizit christlichen Welt- und Menschenbild nicht folgen mag, ist das Buch, glaube ich, für jeden hilfreich und bereichernd im Prozess der Berufungsfindung. Und wer weiß, vielleicht regt es ja sogar auch den Leser dazu an, sich (wieder) intensiver mit der Frage zu befassen, welche Rolle eigentlich Gott spielt und ob eine Beziehung zu Ihm nicht schon allein aus “beruflichen“ Gründen sinnvoll ist. Und andersherum: Könnte die Kirche, die ja quasi an der Quelle sitzt, den Menschen aller Gesellschaftsschichten nicht noch besser dienen, indem sie ihnen hilft, ihre Berufung zu finden? Das wäre doch geradezu missional.

Donnerstag, 1. Januar 2015

“Missionale Theologie“ (ab März 2015) von Roland Hardmeier - meine Vorab-Rezension

Mit “Missionale Theologie. Evangelikale auf dem Weg zur Weltverantwortung“ legt Roland Hardmeier, promovierter Missiologie (Universität Südafrika), seinen dritten Forschungsband innerhalb der IGW-Edition beim Neufeld-Verlag vor, der im kommenden März 2015 erschei- nen soll. Ich hatte somit das Privileg, die zwar schon lektorierte, aber noch nicht fertig gesetzte Version zu lesen und hier zu besprechen, wofür ich sehr dankbar bin.

Dem Titel und der Buchrückseite gemäß möchte Hardmeier mit diesem dritten Band eine “umfassende und dennoch leicht verständliche Darstellung der missionalen Theologie“ präsentieren, was ihm - soviel sei schon vorweggenommen - sehr gut gelingt. Denn das sprachliche Niveau wie auch der Anspruch an das Vorwissen des Lesers ist trotz akademischer Tiefe alles andere als komplex; sämtliche Texte, besonders auch die zitierten Quellentexte von Konferenzen und Bekenntnissen, sind allesamt in Deutsch abgedruckt, wodurch der Band geradezu den Charakter einer Einführung in die missionale Theologie besitzt.

Aber nicht nur Form und Sprachniveau sind für den deutschspra- chigen Büchermarkt bereichernd, sondern auch die Tatsache, dass Hardmeiers Buch zur missionalen Theologie tatsächlich eine Lücke schließt. Denn wenn man mal bei Amazon “missionale Theologie“ sucht, findet man lediglich ein Werk aus dem Jahre 2009 von Rainer Ebling und Alfred Meier, das jedoch vergriffen zu sein scheint; alle anderen Bücher mit ähnlichen Titel thematisieren fast ausschließlich die praktischen Seiten missionalen Denkens und weniger Begriff und Herkunft dieser Strömung, zumal die Perspektive all dieser Werke i.d.R. der anglo-amerikanische Raum ist. Gerade Hardmeiers Perspektive auf das Verhältnis von Ökumene zum internationalen Evangelikalismus hat mir nochmal einige neue Insights gegeben.

Aber was macht Hardmeier nun genau in seinem dritten Band? Er entfaltet “die geschichtlichen Meilensteine und die theologischen Eckpunkte der missionalen Theologie“ (Buchrücken), und zwar dezidiert aus der Perspektive des Evangelikalismus, wozu er sich selbst eindeutig zählt. In fünf Kapiteln argumentiert Hardmeier, dass “missional“ kein neues Modewort ist, sondern sich mit dieser Strö- mung ein ganzer Paradigmenwechsel innerhalb der kirchlichen Landschaft vollzieht.

Im ersten einführenden Kapitel zeichnet Hardmeier seine Absichten auf und definiert die Unterschiede zwischen “missional“ und “missio- narisch“; die Rückkehr zur Weltverantwortung ist es für ihn, die für ihn - mit Verweis auf Diskussionen in Büchern und Blogs - den prak- tischen Unterschied macht. Als das der Weltverantwortung bzw. missionalen Theologie zugrunde liegende theologische Konzept nennt Hardmeier die sog. “missio dei“, also dem Gedanken des sendenden Gottes: Wie Gott Seinen Sohn in die “geliebte Welt“ (so der zweite Band Hardmeiers innerhalb der IGW-Edition) gesandt hat, um sie zu retten und wiederherzustellen, so sind auch die Christen als Nachfolger Jesu in die Welt gesandt, um ihr und den Menschen Heil zu bringen. Was dieses Heil bzw. Wiederherstellung bedeutet, hat Hardmeier bereits ausführlich in seinen ersten beiden Bänden “Kirche ist Mission“ und “Geliebte Welt“ thematisiert und geht natür- lich auch im Laufe dieses dritten Bandes darauf ein; kurz gesagt, entfaltet er “Mission“ als ganzheitlichen Sendungsbegriff, in dessen Dienst die Kirche steht. Als weitere zwei Hauptquellen der (evange- likalen) missionalen Theologie rekurriert Hardmeier auf die dem Evangelikalismus entsprungene Bewegung der radikalen Jünger- schaft wie auch die Vision von einem kontextualisierten Evangelium, dessen “Gospel and our Culture Network“ seit den 1980er Jahren in Nordamerika Verbreitung findet.

Mit diesen unterschiedlichen Einflüssen hin zu missionalen Theologie ist auch bereits fast vollständig der Aufbau dieses Werkes genannt. Denn das der missionalen Theologie zugrunde liegende Missio Dei-Konzept ist theologisch nicht wirklich neu, sondern wird (mit Verweis auf Johannes Reimer) bereits 1952 von der ökumenischen Bewegung auf der Weltmissionskonferenz in Willingen zum ersten Mal thematisiert und sprachlich gegriffen, weshalb Hardmeier im zweiten Kapitel dieses Buches die missionstheolgische Entwicklung der ökumenischen Bewegung seit Willingen 1952 nachzeichnet. Als entscheidende Faktoren für ein Neuverständnis von Mission nennt Hardmeier einerseits das Ende der Kolonialepoche mit seinen Missionierungsstrategien und andererseits die “weltweite Ausdeh- nung des Kommunismus“. Mithilfe von überschaubaren, zusammen- fassenden Grafiken erläutert er die Entstehung des missio dei- Konzeptes der ökumenischen Bewegung und deren Schwächen samt erster Gegenbewegungen der Evangelikalen mitsamt des letztlichen Bruches beider voneinander spätestens 1974 mit Lausanne. Au- ßerdem thematisiert Hardmeier die biblischen Grundlagen des sendenden Gottes, worin er dezidiert die Ergebnisse seiner vorherigen Werke zusammenfasst.

Das dritte, weitaus längste Kapitel entfaltet die Entwicklung des evangelikalen Missionsverständnisses von Lausanne 1974 bis hin zur Kapstadt-Erklärung 2010. Besonderes Augenmerk richtet Hardmeier dabei immer wieder auf den stetig zunehmenden Einfluss der 2/3- Welt und der radikalen Evangelikalen, wie er sie nennt - eine Gruppe, nach Lausanne entstanden, mit besonderem Fokus auf an Jesus orientierter Nachfolge. Deutlich wird dabei immer wieder, dass auch die evangelikale Bewegung keine monolithische Strömung darstellt, sondern sehr heterogen zwischen “links und rechts“ agiert und argumentiert, bis in Kapstadt mehr oder minder ein Konsens erzielt wird, der das Evangelium und Mission ganzheitlich versteht und wo explizit von “missional“ die Rede ist.

Der Entstehung des “Gospel and Our Culture Networks“ seit den 1980er Jahren widmet sich Hardmeier im vierten Kapitel und räumt besonders zwei Protagonisten wichtigen Raum ein, Lesslie Newbigin und David Bosch. Während Newbigin v.a. für die Zusammen- gehörigkeit von Kirche und Mission plädiert und daraus konkrete Schlüsse zieht, ist es Bosch, der die Normalität von Paradigmen- wechseln im Missions- und Kirchenverständnis im Zuge der Kirchengeschichte analysiert und propagiert. Anhand von “Missional Church“ aus dem Jahre 1998 (s.u.) untermauert Hardmeier einmal mehr sein Verständnis missionaler Kirche bzw. Theologie als 1. bibisch begründet, 2. ganzheitlich, 3. kontextuell, 4. eschatologisch und 5. für die Praxis - ebenfalls eine Zusammenfassung dessen, was er in vorherigen Veröffentlichungen ausführlich thematisiert hat.

Dass “missional“ tatsächlich mehr als ein Modewort ist und sich gerade genannter Paradigmenwechsel innerhalb der weltweiten Kirche vollzieht, bündelt Hardmeier mit dem fünften und letzten Kapitel. Dieses neue Paradigma kennzeichnet er mit einem Blick für die Armen, kontextuell geprägter Theologie und einem Wandel zur Ganzheitlichkeit: das ganze Evangelium für die ganze Welt, der ganze Jesus zwischen Leben, Tod und Auferstehung; auch ein positives Verhältnis zur Welt trotz der Hoffnung auf die Wiederkehr Christi nennt er erneut, was insgesamt nicht nur inhalte Reflexionen beinhaltet, sondern auch praktische Konsequenzen. Dass dieser Paradigmenwechsel aber nicht nur für die Mission, sondern für die Kirche selbst von höchster Bedeutung ist, bleibt für Hardmeier evident.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Hardmeier mit diesem Werk ein durchaus wichtiger Wurf gelungen ist, wenn man das Buch für sich allein und in diesem Kontext betrachtet, sodass es sehr gut als deutsche Einführungslektüre zum Thema “missionale Theo- logie“ gelten kann. Es führt gut in die wichtigen Eckpunkte missionaler Theologie ein und führt die historische Entwicklung gut auf. Wenn man nun allerdings bereits die ersten beiden Bände von Hardmeier gelesen hat, wirken viele Stellen geradezu redundant, da der Erkenntniszuwachs gegenüber Vorherigem nicht allzu groß ist; im Prinzip werden dieselbe Punkte aufgezeigt und untermauert, wie schon in den ersten beiden Bänden. Aus didaktischer Sicht ist Hardmeiers “Missionale Theologie“ also sicher gerechtfertigt; ob das Werk aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich sinnvoll ist, vermag ich - als Nicht-Missionswissenschaftler - letztlich nicht zu beurteilen.


Am Rande sei noch erwähnt, dass die “Emerging Church“ en pessant zwar genannt, aber nicht thematisiert wird, als ob sie mehr oder weniger deckungsgleich mit der missionalen Bewegung des Evangelikalismus wäre. Theologisch - zumindest in Deutschland - beinhaltet sie aber mindestens ebenso viele Überschneidungen mit der ökumenischen Bewegung und sprengt in vielem, v.a. hermeneutisch, den Rahmen klassischer evangelikaler Theologie. 

In den nächsten Posts werde ich außerdem noch ein paar weitere Gedanken zu Hardmeiers Theologie (aus seinen drei Bänden) schreiben, was an dieser Stelle aber den Rahmen gesprengt hätte.