Mittwoch, 20. Oktober 2010

Was wäre, wenn D. Bonhoeffer heute noch lebte, Teil II: Kirchenstruktur/-organisation/Formales

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) wuchs in einer gut betuchten Familie mit langer Tradition auf (sowohl kirchlich als auch profan). Sein Vater war zudem als Lehrstuhlinhaber in Berlin einer der führenden deutschen Psychiatrieprofessoren, was dazu führte, daß Bonhoeffer früh in den führenden akademischen Kreis Berliner Theologen (u.a. Adolf v. Harnack) eingeführt wurde und nach seiner Entscheidung für die Theologie u.a. über diese Verbindungen erste akademische Erfolge verzeichnete (Dissertation mit 21 Jahren, Habillitation mit 24 Jahren!!). Der Weg zum Lehrstuhl war geebnet, gleichzeitig stand ihm nach den kirchlichen Examina auch die Tür ins Pfarramt offen. Anfänglich, Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre, schien es so, als ob er sich sehr gut sowohl im akademischen als auch im kirchlichen System zurechtfinden und dort Karriere anstreben werde.

Daß Bonhoeffer sich spätestens 1935 kritisch gegenüber der universitären Theologenausbildung positionierte, läßt sich unter http://phil-mertens.blogspot.com/2010/07/lernen-von-dietrich-bonhoeffer-teil-6.html nachlesen. Dies mag sicherlich auch damit zusammenhängen, daß sich nach der NS-Machtergreifung 1933 ein bedeutender Teil der universitären und kirchlichen Theologen dem Regime gegenüber loyal verhielt. Die Kritik jedoch, die er vorbrachte, bezog sich primär darauf, daß in der universitären Ausbildung die spirituelle Dimension, vornehmlich Gebet und Nachfolge, außen vor gelassen werde. Erst sekundär erwähnte er das Verhältnis zum Staat.

Eng mit der Kritik an der bestehenden Theologenausbildung verbunden, sprach Bonhoeffer zu dieser Zeit, Mitte der 30er Jahre, mehrfach von der Option einer Freikirche
(vgl. Bethge, Bonhoeffer, 362; 374; 379), u.a. angeregt durch seine multikonfessionellen Erfahrungen: Eine Studienreise nach Rom (1924) hatte ihn bereits früh vom Katholizismus beeindruckt, später kamen ein Vikariat in Barcelona (1928) und ein Studienjahr in New York am Union Theological Seminary dazu (1930-31), desweiteren sein ökumenisches Engagement ab 1931. Bonhoeffer bewegte sich also jenseits engstirniger Konfessionsgrenzen, sodaß auch die Option einer Freikirche nicht gänzlich aus dem Rahmen fiel. Seine Theologie jener Zeit, wie er sie dann auch in der "Nachfolge" (1937) niederschrieb, verfolgte ebenfalls die Sammlung der Nachfolgenden jenseits von "billiger Gnade".

Im Jahre 1942 verfaßte Bonhoeffer ein Kladdeentwurf (DBW 16, 589-595; vgl. Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe - Christ - Zeitgenosse, 9. Aufl. Gütersloh 2005) einen Verweis auf ), in dem es heißt, es müsse "vermieden werden, daß die reaktionären Kreise der einstigen Generalsuperintendenten und der kirchenbehördlichen Bürokratie wieder die Leitung in die Hand bekommen." (ebd., 593) Ebenso ist die Rede von einer Neubildung der theologischen Fakultäten, Abschaffung des Kirchenministeriums und überhaupt einer staatsfreien Kirche.

Bonhoeffer wollte aufräumen innerhalb der Staatskirche durch Abspeckung und Abschaffung bestimmter kirchlicher Ministerien, grundsätzlich Trennung der Kirche vom Staat. Offensichtlich hatte er seine Gedanken bzgl. einer Freikirche zwischenzeitlich fallen gelassen und hoffte auf eine gesamtkirchliche Erneuerung. Die theologische Entwicklung in der "Ethik" spricht eine ähnliche Sprache (vgl. Bethge, Bonhoeffer, 805ff.), geht sogar über die gesamtkirchliche Verantwortung hinaus und nicht ganz neu die Welt mit in den Herrschaftsbereich Christi hinein (806; vgl. DBW 6, 39ff.).

Neben vielen anderen Gedanken, die Bonhoeffer bereits zuvor geäußert hatte (gut nachzulesen in "Bonhoeffer als praktischer Theologe" von Peter Zimmerling, Göttingen 2006), sind seine Ausführungen während der Tegeler Gefangenschaft maßgeblich, die er in einem "Entwurf für eine Arbeit" andachte (vgl. D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, 18. Auflage Gütersloh 2005, 203-206). Auf diesen wenigen Seiten skizzierte er folgende interessante Gedanken:
 
  1. Die Bekennende Kirche trete zu stark für die Sache der Kirche ein und zu wenig für persönlichen Christusglauben (203).
  2. "Glaube" sei Teilnahme an Jesu "Dasein-für-andere"; wie dies Jesu Transzendenzerfahrung gewesen sei, sei der "jeweils gegebene erreichbare Nächste […] das Transzendente" (204) des Gläubigen. Transzendenz - und damit Relation zu Gott durch Jesus - drücke sich deshalb im Dasein für andere aus (->; Nächstenliebe: http://phil-mertens.blogspot.com/2010/10/meine-liebe-zu-obdachlosen-gott-und-mir.html. vgl. dazu: D.Bonhoeffer, Ethik (DBW 6), 2. Auflage Gütersloh 1998, S.257ff.).
  3. Über die Möglichkeit der Neuinterpretation biblischer Begriffe steht scheinbar die Frage nach einem notwendigem Glaubensinhalt auf dem Spiel; jedoch beinhalte dieser Ansatz "[ü]berholte Kontroversfragen, speziell interkonfessionell; die lutherisch-reformierten - (teils auch katholischen) Gegensätze sind nicht mehr echt." (204)  Die Konsequenz sei, sich nicht - wie Barth und die Bekennende Kirche - hinter einem "Glauben der Kirche" (205) zu verschanzen, sondern seinen Glauben zu konstatieren. Das klingt in meinen Ohren schon recht postmodern nach Slogans wie "Einheit im Zentrum (Jesus), Vielfältigkeit in den Details."
  4. Für die Kirche bedeute dies anhand von 2. deshalb zunächst (nur), daß sie notwendig Kirche für andere sein müsse, was bedeute, daß sämtliches Kircheneigentum an Arme gegeben werden müsse und Pfarrer von freiwilligen Gaben (= Spenden; vgl. Zimmerling, S.51) - evtl. samt weltlichem Beruf - leben sollten (205). "Helfend" und "dienend" sind seine Begriffe, die sich allerdings nur durch "Vorbild […] Nachdruck und Kraft" (ebd.) bekämen. 
  5. Die "Revision der ,Bekenntnis'frage" (205f.) wirft er erneut auf, ohne sie näher zu erläutert.

Insgesamt deutet vieles darauf hin, daß Bonhoeffer sich nach einer Freikirche folgender Art gesehnt hat: 

  • Intensive Spiritualität und echte Nachfolge der Gläubigen
  • Individualität in "sekundären" Fragen
  • Trennung der Kirche vom Staat
  • Abschaffung des (möglicherweise) größten Teils der kirchlichen Ministerien
  • Versorgung der Pfarrer durch direkte Spenden der Gemeindemitglieder
  • Ausbildung des theologischen Nachwuchses mit dem Schwerpunkt auf Spiritualität und Nachfolge 

Dieses "Programm für die Großkirche" war kein einfacher Geistesblitz Bonhoeffers, sondern entwickelte sich über Jahre und deckt sich mit seiner Theologie. Tatsächlich konnte er sich während des NS-Regimes innerkirchlich damit nicht durchsetzen, was daran deutlich wird, daß er zwischenzeitlich ernsthaft über eine separate Kirche nachdachte. Offen muß natürlich bleiben, welche Stimme er nach 1945 innerhalb der Kirche gehabt hätte. Doch läßt sich einerseits festhalten, daß Bonhoeffers politische Tätigkeiten innerhalb der Kirche nur wenig bis keine Anerkennung fanden (er tauchte beispielsweise nur sehr spät auf Fürbittelisten der Kirche auf). Andererseits hatte er sehr gute politische und kirchliche Beziehungen und wäre vielleicht nach dem NS-Regime mit anderen Augen betrachtet worden - v.a. von internationaler Seite.

Bonhoeffers angedachte Trennung der Kirche vom Staat wäre wohl der größte Einschnitt gewesen und hätte zur Abschaffung der Kirchensteuern geführt und damit die Finanzierung des Kirchenpersonals in die Hände der einzelnen Gemeinden gelegt. Aber darüberhinaus: Wie hätte  es sich dann beispielsweise mit dem schulischen Religionsunterricht verhalten? Welche strukturellen Veränderungen hätte es im diakonischen Bereich gegeben? Und wie hat sich Bonhoeffer die Finanzierung der theologischen Ausbildungsstätten gedacht?

Andererseits: Welch eine Kultur hätten wir wohl innerhalb der evangelischen Kirche(n) heutzutage? Welche politische Stimme hätten damit Repräsentanten dieser Kirche? Wie sähe damit auch die soziale Versorgung in Deutschland aus? 


Hier sind natürlich nur Spekulationen möglich. Aber sich einfach mal die Dimensionen vor Augen zu malen, kann z.B. dabei helfen, seinen Blick einmal jenseits des derzeitig Gegebenen zu wenden. Ich selbst versuche seit einiger Zeit immer wieder, über theologische Bildung und Ausbildung neu zu nachzudenken; daneben immer wieder einzelne theologische Aspekte (Kulturrelevanz, Reich Gottes, jüdisches Denken, etc.). Umso mehr freue ich mich, daß es vor, neben und mit mir schon viele gibt, die sich diesem Erneuerungsprozeß in vielen weiteren Bereichen ebenfalls aussetzen. Meine Hoffnung ist darüberhinaus, daß es nicht nur bei einzelnen bleibt, sondern Kirche in ihrer Gänze revolutioniert wird - und Bonhoeffers Vision wesentlich an Realität gewinnt.

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