Donnerstag, 20. September 2012

Zum Nachdenken: Heschel über Tiefentheologie statt Theologie


“Gegenstand der Theologie ist der Inhalt des Glaubens. Gegenstand unserer Studie ist der Glaubensakt. Ihre Absicht ist, die Tiefe des Glaubens zu erforschen, die Unterschicht, aus der der Glaube aufsteigt. Man könnte ihre Methode Tiefentheologie nennen.“ 

- Abraham J. Heschel. God in Search of Man. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1997 (1955).



Als ich mich in den letzten Tagen wieder einmal mit Abraham J. Heschel (1907-1972) und seinem Verständnis von Gebet auseinandersetzte, wurde mir erneut klar, wie profund und weitreichend doch seine Gedanken sind. Denn mit der Unterscheidung zwischen Tiefentheologie und Theologie findet man bei ihm eine grundsätzliche Ausrichtung zunächst einmal auf den Glaubensakt, also den Vollzug des Glaubens. Um nichts anderes geht es zunächst einmal in “God in Search of Man“ (dt. “Gott such den Menschen“); denselben Ansatz wählt er in dem ein Jahr früher erschienenen Werk zum Gebet, “Man's Quest for God“ (dt. “Des Menschen Suche nach Gott“), wo er bei der Fragestellung ansetzt, was eigentlich passiert, wenn der Mensch betet.

Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht deshalb interessant, weil wir es gewohnt sind, über Theologie zu diskutieren: Lasse ich mein Kind taufen oder lediglich segnen, je nach biblischem Verständnis? Wie habe ich das Verhältnis von Jesus und Gott zu verstehen? Schickt Gott nun sämtliche Nicht-Gläubige in die Hölle oder errettet er sie doch irgendwie aufgrund seines unendlichen Erbarmens? Und wer ist Gott überhaupt? Redet der Heilige Geist nach wie vor und gibt es so etwas wie das Sprachengebet/Zungenreden immer noch?

Alles das sind theologische Lehrmeinungen, die der eine so, der andere so beantworten würde und die je nach Situation unseren kirchlichen Alltag ziemlich durcheinanderbringen können. Heschel sagt aber nun, dass unsere Theologie - er war übrigens Jude - erst sekundär ist. Zunächst einmal müsse man Gott erleben (und nicht in Selbstzentriertheit verharren), was er unter dem Stichwort “Gebet“ verortet; drei Zugänge zum Gebet kennt er: 1. Leid, 2. seine Gedanken für Gott öffnen, 3. Preisen. Für das Theologiseren ist dabei natürlich besonders der zweite Zugang interessant.

Für das Verhältnis von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist nach Heschel nun entscheidend, dass Glaube im tiefsten Innern der Seele stattfinde, zu Ehrfurcht und Staunen führe, letztlich aber überhaupt nicht hinreichend mit Worten zu beschreiben sei (Heschel nennt dies “vorkonzeptuelles Denken“), was Heschel “Tiefentheologie“ nennt. Zwar verweist er auf die Heiligkeit von Worten, wie er sie v.a. in der (Hebräischen) Bibel findet; gleichzeitig ist er sich aber dessen Grenze bewusst, dass Worte völlig unzureichend seien, um die Herrlichkeit Gottes zu beschreiben. Erst auf dieser Grundlage des Glaubensaktes siedelt Heschel vier Komponenten von religiöser Existenz an, von denen eine Komponente die Theologie/Lehre ist. So ist für ihn die Bibel ebenso wie feste Gebete, Bekenntnisse u.ä. Teil der Tradition, die sich aus dem Glaubensvollzug einzelner herleitet. Heschel entgeht somit einer Autorisierung der biblischen Schrift und darauf aufbauender Theologie durch dogmatische Prämissen, indem er einerseits ihre Autorität an das Zeugnis einzelner bindet, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben (bzw. die Gott zu Seinen Propheten berufen und zu ihnen gesprochen hat); andererseits verweist er auf den göttlichen Charakter der Bibel dadurch, dass es den göttlichen Funken enthalte, der Seelen - also Individuen - entflamme (S. 240). 

Mich persönlich überzeugt dieser Ansatz aus mehreren Gründen:
1. Heschel arbeitet mit relativ wenigen dogmatischen Prämissen.
2. Vielmehr räumt er der eigenen Erfahrung einen eigenen Raum ein.
3. Es lässt die Möglichkeit offen, mehrere Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, was v.a. in Zeiten der Postmoderne interessant ist, aber schon auf das hebräische Weltbild innerhalb der Bibel zurückgehen dürfte und zu allererst mit dem westlich-logischen Denken in Konflikt gerät, das aber auch nicht das Maß aller Dinge ist.
4. Heschel räumt dem Moment der übernatürlichen Offenbarung Raum zur Erkenntnis ein, d.h. nicht nur rationale und wissenschaftliche Schlussfolgerungen können wahr sein, sondern auch “irrationale“ Dinge können Sinn machen (auch wenn der Fehlerquotient hier höher sein mag).

Zahlreiches mehr ließe sich aus diesen wenigen Gedanken Heschels herausholen. Über eine rege Diskussion würde ich mich an dieser Stelle deshalb umso mehr freuen. Besonders wichtig wäre zu diskutieren, wie solch ein Ansatz praktisch umgesetzt werden kann. Darüber verliert Heschel nämlich relativ wenig Worte; auch ist mir noch nicht ganz klar, wie er es sich vorstellt, wenn bestimmte Traditionen grundlegend infrage gestellt werden sollten, was momentan ja durchaus geschieht (man denke nur an die Beschneidungsdebatte; auch spezifisch christliche Themen werden ja immer wieder auf die Waagschale gelegt). Dennoch bin ich persönlich von dieser seiner Stoßrichtung wirklich angetan und werde mich sicherlich weiter mit ihm auseinandersetzen.

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