Montag, 5. März 2012

Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 2: Der stumme Gott

Der Punkt, bei dem Jonas startet und den er als eine Kernbeobachtung vorausschickt, ist die Erfahrung, dass Gott während der Schoa geschwiegen und damit nicht eingegriffen habe, während sein Volk - und v.a. seine Mutter - vernichtet worden sei; bereits in den ersten Sätzen seines Vortrages springt dem Leser dieser Punkt ins Auge - und dem Hörer ins Gehör (7) -, auf den Jonas im folgenden hinarbeitet und der nach den Vorüberlegungen den zweiten Rahmen zu seinem eigentlichen Kernstück, dem selbsterdachten Mythos (kommt noch:-), bildet.

Bevor jedoch Jonas auf Grundlage der Kernbeobachtung seine Theologie/-gonie über den Mythos entwickelt, die nicht nur zutiefst von der Erfahrung der Schoa geprägt ist, sondern auch zentrale Elemente seines philosophischen Denkens in sich vereint, unterscheidet er die allgemeine Frage nach dem Übel von der Frage nach dem Leid der Juden als erwähltes Volk Gottes. Zwar setzt er zunächst mit dem Bezug zur Untreue des Volkes Israel und zur Idee der Zeugenschaft Ansätze zur Erklärung des Leides an Israel selbst an (11); tatsächlich gilt sein Interesse aber der allgemeinen Frage nach dem Leid, wenn Jonas mit seinem Gottesbild zwar auf einer eklektischen jüdischen Tradition (später mehr:-) fußt, dann aber die Schoa qualitativ von jeder anderen Verfolgung gegen Juden unterscheidet. Denn während der Schoa sei Juden gerade nicht die Wahl zur Taufe gelassen worden, wie dies zuvor der Fall gewesen sei, womit die religiöse Motivation der Verfolgung der Juden ausgeschlossen sei. Vielmehr spricht Jonas von “Dehumanisierung“ (12) aufgrund einer “Fiktion der Rasse“ (13), womit er auf ein evolutionäres Konstrukt des Nationalsozialismus anspielt. Weil Jonas ebenfalls evolutionistisch-philosophisch denkt und gleichsam am Gottesbegriff festhalten möchte, stellt er sich der Frage, wie dieser Gott beschaffen sein muss, der solch ein Leid (bzw. dann auch grundsätzlich Leid in der Welt) zulassen kann.

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