Erfahrung vs. Theologie & Offenbarung? Eine Auseinandersetzung mit dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas, Teil 4: Der ohnmächtige Gott

Wenn Jonas gegen Nietzsche auf Grundlage seiner ontologischen Spekulation die “Idee der Wiederkunft des Gleichen“ (29) ablehnt (also kein zirkuläres Zeitverständnis), weil die Gottheit in der Immanenz vollständig aufgehe und deshalb “Gott nicht der gleiche sein wird, nachdem er durch die Erfahrung eines Weltprozesses gegangen ist“ (30), verwundert es nicht, dass es für den Menschen bei Jonas keine wirkliche Ewigkeit geben kann, weil Gott selbst ja vollständig der Zeit unterworfen ist (vgl. 17) aber gleichzeitig ohnmächtig (= ohne Macht) und damit “kein Zauberer ist, der im Akt des Sorgens zugleich auch die Erfüllung seines Sorgeziels herbeiführt.“ (31)

Damit ist die Kernthese von Jonas klar (33): “Dies ist nicht ein allmächtiger Gott.“ So begründet er seine Kernbeobachtung, dass Gott in Auschwitz stumm gewesen sei (vgl. 2.2). Seine logische Begründung überzeugt dabei, wenn er Macht als “Verhältnisbegriff “ darstellt und sie nur ausgeübt werden könne in Beziehung zu etwas, was selbst Macht hat (35) - Allmacht ist, logisch betrachtet, streng genommen also unlogisch.

Was dagegen nicht überzeugt, ist seine Schlussfolgerung, göttliche Allmacht und Güte zusammen setze notwendigerweise gänzliche Unerforschlichkeit und damit Rätselhaftigkeit Gottes voraus, weil sich sonst nicht das Böse in der Welt erklären lasse (37). Jonas beweist erneut, wie schwarz-weiß er denkt, weil es - auch nach biblischer Überlieferung - nicht nur wahlweise den deus absconditus (verborgener Gott) oder den deus revelatus (offenbarter Gott) gibt (vgl. W. Brueggemann, Theology of the Old Testament, Minneapolis 1997, 317ff.). Ein klassisches Erklärungsmodell liefe ja beispielsweise über den freien Willen des Menschen (was im Übrigen logisch auch einer Allmacht Gottes widerspricht).

Indem Jonas explizit nun davon redet, dass Gott keinerlei “Macht der Einmischung in den physischen Verlauf der Weltdinge“ (42) besitze, schließt er den Bogen zu seiner Kernbeobachtung und stellt gleichzeitig eine Brücke zu seiner eklektischen Verwendung der biblischen Tradition her. Denn wenn Gott ohnmächtig, also gänzlich ohne Macht, ist und sich lediglich geistig dem Menschen annähern kann, wie Jonas an anderer Stelle mit explizitem Bezug zu Bultmanns neukantianistischem Welt- und Gottesbild betont (Erinnerungen, Frankfurt a.M. 2005, 345f.), muss geklärt werden, wie Jonas mit seinem jüdischen Erbe umgeht.

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