Montag, 23. Januar 2012

Zum Nachdenken: Abraham J. Heschel über das Verhältnis von Engagement und Gnade

“Die scharfe Trennung von Tora (Lehre, Gesetz) und Gnade, von Werken und Glaube stellt eine Hauptabweichung vom hebräischen Denken dar. Die Fixierung auf das persönliche Heil führt anscheinend dazu, daß die Offenheit gegenüber der Geschichte in säkularer und sozialer Hinsicht verstellt wird. Gesellschaftliche Mißstände, die im Verlauf größerer wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen entstehen, haben offenbar die Gefühle der sog. Säkularen weit mehr bewegt und erregt als das Gewissen der Frommen. Eine ähnliche Entwicklung kann man im Judentum feststellen, wenn eine ausschließliche Beschäftigung mit dem Ritual das Empfinden für soziale Fragen abstumpfen kann. In den Tagen der Bibel waren die Propheten erregt, während die Welt schlief; heute ist die Welt erregt, während Kirche und Synagoge sich geschäftig mit Trivialitäten befassen.“ - Abraham J. Heschel 

(Ders.: Erneuerung des Protestantismus. Eine jüdische Stimme [1963], in: Rothschild, F.A.: Christentum aus jüdischer Sicht. Fünf jüdische Denker des 20. Jahrhunderts über das Christentum und sein Verhältnis zum Judentum, Berlin/Düsseldorf 1998, 320.)

Kommentare:

  1. O, bei den jüdischen Geschwistern haben sie ähnliche Probleme wie wir? Ist ja einerseits tröstlich und andererseits schade.

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  2. Ja, und das Zitat stammt aus dem Jahre 1963:-(. Allerdings bezieht er sich damit sicherlich auf den nordamerikanischen Raum. Aber der Materialismus trifft uns alle. Heschel spricht in einem anderen Vortrag gar vom “Inter-Nihilismus“ als religionsübergreifende Macht, die gegen die Religionen eint, dem er einen sog. “Inter-faith“ entgegensetzen will, also das Zusammenhalten der drei großen abrahamitischen Religionen auf gemeinsamer Grundlage (Gottebenbildlichkeit, hebräische Bibel, Ehrfurcht vor dem einen Gott, usw.). Interessante Punkte, die Heschel schon in den 60er Jahren erkennt und heute nach wie vor aktuell sind.

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  3. Vielerorts könnte man in der christlichen Szene davon ausgehen, dass ein latenter Abgrenzungsprozess zur "Welt" immer noch elementarer Bestandteil der zu erzielenden christlichen Identität sei.

    Im Hinblick auf die Soziale Frage könnte man meinen, dass der Aufklärungskoeffizient innerhalb der "Szene" in weiten Teilen durch allerlei Wortnebel, klein gehalten wird.

    Frei nach dem Motto, Hilfe ist bestimmt Notwendig aber wir haben doch schon so viel anderes zu Tun. Es gibt so viele wichtige Konferenzen, Tagungen und wöchentliche Alltagsveranstaltungen. Jeder sollte sich daher am besten selbst engagieren.

    Das Gruppenkapital anstatt in Hilfsgüter, lieber in die neuste technische Erungenschaft stecken, weil die wöchentliche Zusammenkunft dann viel ansprechender für gerade die Leute wird, die zwar keine Hilfsgüter bekommen, aber ja - zumindest einmal wöchentlich - richtig nette Dinge bestaunen können, wenn sie denn wollen würden...

    Und ich hoffe inständig, dass solche gut gemeinten, jedoch radikal Abgrenzenden Ansichten wie diese hier:

    http://diegemeindegottes.com/Artikel/sieht-man-es-dir-an-dass-du-ein-Christ-bist

    nicht allzu viel Zulauf erhalten in unserer, ja orientierunglosen Zeit.

    Aber wieso sollte man sich auch aus seinem Graben, indem man es sich über lange Zeit so gemütlich gemacht hat auch herausspringen, wenn der General es nicht befiehlt.

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  4. Danke für Dein Post! Ja, dann kann ich Dir nur beipflichten. Allerdings muss ich mir zunächst einmal selbst an die eigene Nase packen. Bislang kann ich mich auch ganz gut hinter'm Schreibtisch verstecken. Heschel hat es aber sehr überzeugend vorgemacht, woran ich mir ein Beispiel nehmen könnte…

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  5. Für eine Veränderung der Denk-Schemata, welche ja maßgeblich sind für das praktische Handeln, gehört ja auch immer eine theoretische Fundierung und Abgrenzung zu den davor bestehenden. Und davor muss auf die Problematik hingewiesen werden. Daher: Danke für deinen Post. Ein guter Gedankenanstoß.

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  6. Wobei bei den Propheten die erste Aktion eine Aktion von Gott war. Erst dann folgte, meiner Meinung nach, die Reaktion ("Erregung")der Propheten.

    Kenne die Stoßrichtung von Herrn Heschel nicht. Bin aber der Meinung, dass bei uns Christen eher zu viel Beurteilung und Handeln (im Auftrag des Herrn) gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen gefordert wird. Ich halte Zurückhaltung für angebrachter. Mindestens das Deutlichmachen, dass man seine geistlichen Thesen gegenüber der Gesellschaft oder seinen Mitmenschen, als mit äußerster Vorsicht vorgebracht verstanden haben möchte. Die einzige Alternative dazu wäre, meiner Meinung nach, nur dann gegeben, wenn wirklich einer in der Autorität "So spricht der Herr" auftreten könnte. Und dazu bedarf es des direkten Handeln Gottes.

    Viele Grüße

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