Sonntag, 14. September 2014

Was war das tatsächlich Neue an Jesus? Guido Baltes, "Jesus, der Jude, und die Missverständnisse der Christen

In Zeiten postmoderner Plurifor- mität ist es für unsere Kirchen immer wieder wichtig und gesund, auf die Schlüsselfigur Jesus zu schauen und von Ihm her zu fragen, was Er eigentlich wollte und was das Besondere an Ihm war. Guido Baltes, promovierter Neutestamentler und evange- lischer Pfarrer, Dozent am Mar- burger Bildungs- und Studien- zentrum und Mitarbeiter im Christus-Treff, tut dies und legt mit seinem Buch "Jesus, der Jude, und die Missverständnisse der Christen" (Marburg: Francke, 2013, 2. Aufl. 2014) eine gut leserliche Einführung über die jüdischen Hintergründe Jesu vor. Denn das ist der entscheidende Kontext, in dem er ihn verortet. Anhand von acht thematisch ausgerichteten Kapiteln (+ Epilog) auf insgesamt 276 Seiten deckt Guido Baltes dabei insgesamt 80 Missverständnisse auf, die er in der christlichen Szene vorfindet. Denen begegnet er nicht nur in persönlichen Zeugnissen, sondern auch in brandaktueller christlicher Literatur der Emerging- und missionalen Szene wie bei Rob Bell, Michael Frost & Alan Hirsch, aber auch bei John Eldredge und auch dem wohl aktuell angesagtesten Neutestamentler der evangelikalen Szene, N.T. Wright; sie alle will Guido Baltes nicht diffamieren, sondern er korrigiert sie, weil er sie nach eigenem Zeugnis besonders schätzt. Damit kommt dem Buch neben den allgemein guten Informationen die aktuelle Brisanz zu. Denn es bietet zu jedem Thema ausführliche Lesetipps und Hintergrundinfor- mationen, bleibt dabei gut verständlich, regt zur weiteren Beschäf- tigung mit der Thematik an und zeigt die Rezeption Jesu in wichtigen Veröffentlichungen auf. Besonders erwähnt seien die zahlreichen Zitate aus der rabbinischen Literatur, die dem Leser nicht nur den Zugang zu dieser Textsorte erleichtern und schmackhaft machen, sondern auch zeigen, wie tief Jesus von Nazareth in der jüdischen Kultur, Theologie und überhaupt Welt seiner Zeit verwurzelt war.

Über die eigene Biographie als zeitweiser Auslandspfarrer in Jerusalem führt Guido Baltes in die jüdische Welt Jesu ein (Kap. 1) und erklärt, wie schon oben erwähnt, sein Anliegen: "Ich möchte Jesus als einen Menschen beschreiben, der nicht nur als Jude geboren wurde, sondern auch als Jude starb und auferstand." (7) Er will damit althergebrachte Vorurteile gegenüber dem Judentum abbauen und versucht, den Leser für die jüdische Welt des Zweiten Tempels sensibel zu machen, die er dezidiert von der israelitisch-davididischen Zeit wie auch dem modernen Judentum abgrenzt. Unter dem Titel "Jesus und seine jüdische Familie" (Kap. 2) werden Themen wie Beschneidung, religiöse Sozialisation oder auch ein falsch verstandenes Erwählungskonzept behandelt, wobei u.a. etwas klischeehaft en passant die Wichtigkeit von Ehe und Sex innerhalb der Ehe betont werden. Mit Kap. 3 baut Guido Baltes zurecht die Mauern besonders zum Pharisäismus ab und erläutert ausführlich die jüdischen Quellen jener Zeit, sodass deutlich wird, wie nah Jesus den dominierenden Lehren seiner Zeit stand (der nicht vorhandene Gegensatz zwischen Glauben und Werken/tun der Gebote sei an dieser Stelle eigens hervorgehoben). Jesu Stellung zum jüdischen Gesetz (Kap. 4) bestätigt diese Sicht und macht außerdem deutlich, dass es Jesus gerade nicht darum ging, das Gesetz (bzw. richtiger die Tora) abzuschaffen als etwas Temporäres oder gar Symbolisches, sondern als erfüllt zu sehen, auch wenn er manche Auslegung der Pharisäer nicht teilte. Fast überflüssig sollte eigentlich die Erläuterung sein, dass Jesus das Alte Testament (oder besser: Die Hebräische Bibel) in voller Gänze als autoritativ ansah, als Seine Bibel wertschätzte und den darin dargestellten Gott als Seinen Vater verkündete (Kap. 5); besonders begrüßenswert sind die Hintergrund- informationen über den Unterschied zwischen griechischem und hebräischem Denken sowie die Aufforderung, das Neue Testament vom "Alten" her zu lesen und nicht umgekehrt. In Kap. 6 deutet Guido Baltes Jesu Verständnis zum Jerusalemer Tempel; entgegen der aktuellen dritten Suche nach dem historischen Jesus wird Jesu Stellung zum Tempel - nicht ohne triftige Begründung - als äußerst positiv gedeutet. Auch Sein Verhältnis zur jüdischen Hoffnung (Kap. 7) bleibt nach Guido Baltes mit seiner dualen (nicht dualistischen!) Deutung zwischen gegenwärtigem und zukünftigem Reich Gottes, universaler und individueller Auferstehung der Toten und den Optionen von Himmel und Hölle ganz im Rahmen der damaligen jüdischen Erwartungen. Das abschließende achte Kapitel deutet auch Paulus als Verfechter des (natürlich messianischen) Judentums und betont u.a. das erst prozessartige Auseinandergehen von Judentum und Christentum als zwei distinkte Entitäten im Laufe der Jahrhunderte. 

Für manchen Leser sicherlich herausfordernd ist das Fazit des Buches, dass Jesus sich gerade nicht durch seine Lehren in signifi- kanter Weise von seiner jüdischen Umwelt unterschieden habe; vielmehr sei es die Person Jesu selbst, so Guido Baltes, in der sich die jüdische Hoffnung erfüllt habe und worin gerade der Unterschied zum sonstigen Judentum lege: 

"Im Mittelpunkt der neutestamentlichen Botschaft steht keine neue Lehre, keine neue Religion und keine neue Ethik, sondern eine Person. Diese Person ist Jesus, der Jude. Es geht darum, dass in diesem Juden Jesus Gott selbst Mensch wurde. Dass er sein Leben gab, um unseren Schuld zu tragen. Dass er von den Toten auferstanden ist, um uns den Weg zu einem neuen Leben in der kommenden Welt zu bahnen. Dass Jesus der Messias Israels ist und damit auch der Retter der Welt. Und dass er uns einlädt, ihm unser Leben anzuvertrauen. Darum geht es im neuen Testament." (254)

Auch wenn man nicht in allen Punkten folgen mag, liegt mit diesem Buch eine absolut wichtige und lesenswerte Grundlage vor, den Jesus der Evangelien besser zu verstehen, sofern man auch bereit ist, sich persönlich in seinem Glauben herausfordern zu lassen. Selbst der studierte Theologe wird dabei ganz neue Impulse und Informationen erhalten, sodass ich das Werk grundsätzlich als Standardlektüre an Bibelschulen, theologischen Seminaren und gar Universitäten empfehle. Dies Werk war hoffentlich nicht das letzte Werk seiner Art aus der Feder des Autors, denn was tatsächlich (aber verständlicherweise aufgrund der Fülle des Materials) viel zu kurz kommt, ist die Auseinandersetzung mit den übrigen Schriften des Neuen Testaments jenseits der Evangelien; die (echten) paulinischen Briefe und einiges mehr sind als literarische Werke ja teils deutlich früher/älter als die Evangelien selbst und bieten eigenständige, zumeist theologische Deutungen Jesu, die Guido Baltes aber fast vollständig außen vor lassen muss (mit Ausnahme des letzten Kapitels). Ein zweiter Band wäre also wünschenswert und gerade für den theologisch nicht-gebildeten Laien hilfreich und wichtig, um ein rundes Bild zu erhalten. Zudem dürfte Guido Baltes die ein oder andere seiner Thesen aus diesem Buch dann etwas entschärfen oder zumindest anders formulieren, da manche seiner sog. Missver- ständnisse aus meiner Sicht ihren Ursprung in den übrigen neutestamentlichen Schriften haben; bsp. wird ja der israelitische Opferkult laut Hebr 7 als unvollkommen beschrieben und durch Jesus als ein für allemal abgeschafft gedeutet, während Guido Baltes darauf mit keinem Wort eingeht. Wünschenswert wäre zudem in einer dritten Auflage eine noch genauere Argumentation seiner Thesen durch konsequente Belege. Natürlich schreibt er keine wissenschaftliche Abhandlung, es wirkt aber an manchen Stellen etwas schwammig, und er könnte dies durch wenige Fußnoten mehr leicht beheben; auch die sporadische und manchmal gegeneinander abwägende Kritik am evangelikalen und liberalen Lager wirkt teils zu pauschal und unpräzise. 

Diese Kritik schmälert aber den Wert des Buches keineswegs. Gerade auch für den postmodernen Gemeindebau ist diese Jesus-Einführung überaus hilfreich, weil sie a) zeigt, wie vielschichtig das Judentum des 1. Jahrhunderts und damit Jesus innerhalb einer gewissen Pluriformität darstellt, wie auch das Christentum des 21. Jahrhundert viel pluriformer ist als die oft so monolithisch dargestellte evangelikale Szene, und b) immer wieder die Spannung/Dualität zwischen Gegenwärtigem und Zukünftigem, Irdischem und Himm- lischem, Individuellem und Kollektivem, zwischen institutioneller und spontaner Glaubenspraxis und zwischen Sendung und Versammlung hervorhebt. Und genau diese Spannungen brauchen wir so dringend in unseren Kirchen, um nicht von einer Site vom Pferd zu fallen, wie dies manchmal in der aktuellen christlichen Literatur der Fall zu sein scheint.

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