Mittwoch, 5. Februar 2014

Was hat Jesus mit Politik zu tun? Rezension zu John H. Yoders “Die Politik Jesu, Teil 2

Ausgehend von der Feststellung, dass die Forschung zwar mittlerweile den sozialrevolutionären Charakter des Neuen Testaments allgemein sichtbar gemacht habe, christliche (gegenwärtige) Ethik bis dato aber (weitestgehend) versage, sucht Yoder nach einem neuen Verhältnis zwischen dem neutestamentlichen Befund und der zeitgenössischen Sozialethik, das die Autorität Jesu wieder in den Mittelpunkt stellt (vgl. S.7ff.; 28). Gegen etliche klassische Gegenpositionen beabsichtigt er deshalb, ein Verständnis Jesu nachzuzeichnen, aus dem seine direkte Bedeutung für die zeitgenössische Sozialethik deutlich wird (vgl. S.18); aus Gründen der Vereinfachung bezieht er sich dabei hauptsächlich und stellvertretend auf das Lukas-Evangelium.

So deduziert Yoder anschließend aus den Kapiteln des Lukas-Evangeliums “eine sichtbare sozio-politische, ökonomische Neuordnung der Beziehungen im Volke Gottes, und das durch sein Eingreifen in der Person Jesu als Gesalbter und mit dem Geist des Begabten.“ (S.41). Diese Neuordnung - bzw. damit verbundene Erneuerung des Gottesvolkes - beinhaltet nach Yoder sowohl sozio-ökonomischen Ausgleich zwischen Armen und Reichen wie auch ein neues Bewusstsein durch Jesu Botschaft, das als Anbruch einer neuen Zeit sogar den Heiden offensteht (vgl. S.40ff.). Selbst das Kreuz - als Symbol für die Hinrichtung Jesu - wird politisch verstanden, und zwar als Alternative zu Rebellion und Quietismus (vgl. S.45). Ab nicht nur Jesus erwartet(e) das Kreuz, sondern vielmehr jeder Jünger Jesu ist nach Yoder zu einem auf freiwilliger Gemeinschaft basierenden Lebensstil aufgefordert, der mit den Familienbeziehungen jener Zeit im Argen liegt und so als “Alternative zu den gängigen Herrschaftsstrukturen“ (S.48) im schlimmsten Fall ebenfalls den Tod mit sich bringen kann. Zusammenfassend formuliert Yoder (S. 63):

“Jesus war, in seiner von Gott beauftragten (d.h. verheißenen, angekündigten, messianischen) Prophetenschaft, Priesterschaft und Königsherrschaft, der Träger einer neuen Möglichkeit menschlicher, sozialer und daher politischer Beziehungen. Seine Taufe ist die Einsetzung und sein Kreuz der Höhepunkt dieses neuen Regimes; die Jünger sind aufgerufen, daranteilzunehmen.“

Yoder greift dabei das sog. Jubeljahr auf, das traditionell mit Brachliegen des Landes, Schuldenerlass, Sklavenbefreiung und Rückerstattung des enteigneten Familienbesitzes konnotiert ist (vgl. S.71ff.). All diese Aspekte findet er nun in der Verkündigung Jesu wieder; so nennt Yoder das Vaterunser “ein echtes Jubeljahrgebet“ , denn “die Zeit ist gekommen, dass die Gläubigen alle Schulden, die die Armen Israels bedrücken, abschaffen; denn auch eure Schulden bei Gott sind ausgewischt. “ (beides S.73). Mit anderen Worten im Zuge des Gleichnisses des unbarmherzigen Knechtes ausgedrückt: “Es gibt kein göttliches Jubeljahr für die, die sich weigern, es auf Erden anzuwenden.“ (S.75)

Dass es trotz der Torah - oder gerade auf Grundlage der Torah bei entsprechender Auslegung - diese sozialen Misstände zur Zeit Jesu gab, macht Yoder anhand des “prosboul“ deutlich (Kreditvergabe über einen Schleichweg; vgl. 75ff.). Gegen den “prosboul“ habe Jesus aber nicht nur einmalig im Jahre 26 aufgerufen, sondern Yoder redet sogar von dem alle 50 Jahre sich wiederholenden Jubeljahr, das womöglich blutige Revolutionen verhindert hätte (vgl. S.82). Dass es sich bei Jesu Verneinung von Waffengewalt nicht um einen Rückzug aus der Geschichte handelt, sondern vielmehr um passiven, gewaltfreien Widerstand, hebt Yoder eigens hervor (vgl. S.103ff.). Denn er ist davon überzeugt, dass Jesu Jubeljahr ähnlich real wahrgenommen wurde wie der Exodus (der Auszug Israels aus Ägypten) oder auch sonstige Kriege Israels, bei denen aber Gott für das Volk kämpft und, was Yoder in Form der Furcht vor dem Gottesgericht als wesentlichen Grund für die Ablehnung betrachtet, die Jesus vom Volk entgegengebracht wurde (vgl. S.98).

In einer die erste Hälfte des Buches abschließenden Zwischenbilanz stellt Yoder die zuvor aus dem Lukas-Evangelium deduzierten Thesen auch in den breiteren Kontext des Neuen Testaments. Den Aspekt der Nachahmung findet er dann auch in der gesamten Briefliteratur, entschält ihn aber von franziskanischer oder romantischer Frömmigkeit (vgl. S.108f.). Um - so das Fazit bis hierhin -  Jesus als Sozialrevolutionär ernstzunehmen, fordert Yoder indes fünf Modifikationen: 1. Die Einheit von historischem Jesus und geglaubtem Christus, 2. Von institutioneller und prophetischer Realität, 3. Das Reich Gottes als soziale Ordnung in Vergebung und Buße, 4. Gegen das Auseinanderdividieren von Politik und Sektierertum (als apolitische Haltung), 5. die soziale Ernerung der heilenden Gemeinschaft (gegen reinen Individualismus).

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