Freitag, 7. Februar 2014

Was hat Jesus mit Politik zu tun? Rezension zu John H. Yoders “Die Politik Jesu, Teil 3

Im zweiten Teil seiner Studie wendet sich Yoder den Schichten ethischer Überlie-ferung der Apostel zu. Er beginnt beim Aspekt der Nachfolge (bzw. Nachahmung; beides nimmt er in eins zusammen) und verweist zunächst auf den Aufruf an die Jünger, unterschiedslos zu lieben (vgl. S.134), bleibt dort aber nicht stehen, sondern fordert vielmehr dazu auf, das Schicksal Jesu zu teilen - nicht als Gesetzlichkeit, als ob man faktisch auch gekreuzigt  werden müsse, sondern im Gegensatz zum lediglichen Lernen von Jesus (ähnlich hat schon Søren Kierke- gaard sehr pointiert zwischen Nachfolgern und Bewunderern Jesu unterschieden). Damit rückt er in Anklang an Dietrich Bonhoeffer das Kreuz Christi mehr und mehr in den Mittelpunkt, auch konkret für die Seelsorge, womit man aber gerade nicht von einem “allgemein-gültige[n] Rezept der Nachfolge Jesu im Neuen Testament“ (S.148) sprechen könne, sondern es geht Yoder ums Dienen statt zu Herrschen und Vergebung statt Feindseligkeit, wie zuvor bereits ersichtlich geworden ist.

Interessant ist auch, wie Yoder anschließend eine Parallele herstellt zwischen der Entmythologisierung von Engeln, Dämonen oder Mächten “als Überbleibsel[n] des antiken Weltbildes“ als “bislang ‘uninteressante[n]‘ Passagen des Neuen Testaments“ (S.158 + S.159) und fehlenden Aussagen ethischer Dimension. Mit einem Rückgriff auf Hendrik Berkhofs Interpretation nähert er sich sogleich den Mächten der Welt (z.B. menschliche Traditionen, Moral, Staat, Politik etc., modern gesprochen), die er als zwar von Gott geschaffen deklariert, aber ihnen auch die Rebellion und Gefallenheit vorwirft (vgl. S.160f.). Damit wird für Yoder deutlich, dass man ohne diese Mächte als Strukturen der Welt zwar nicht leben kann, mit ihnen aber auch nicht; vielmehr bleibt diese Spannung, so Yoder, erhalten in der Hoffnung auf das Erlösungswerk Gottes; durch Christus würden diese Mächte entwaffnet (S. 162ff.).

Weil nun diese Botschaft des Sieges Christi laut Yoder von der Kirche gepredigt werden muss, ist für ihn auch völlig klar, dass ein signifi-kanter Unterschied zwischen Kirche und Welt besteht, angefangen in ihrer bloßen Existenz und konkretisiert in menschlichen Beziehungen als echt soziales Leben (im Gegensatz zu reinen Predigten und Programmen; vgl. S.167ff.). Der Kirche kommt Yoder zufolge deshalb die Aufgabe zu, christliche Gemeinschaft zu sein, wo “Menschen demütig [werden] und ihr Verhalten [sich] ändert“ (S.174) - freilich nicht durch verursachte Schuldgefühle oder Äußerlichkeiten und radikales ethisches Engagement. Damit will er nicht “den an jeden Einzelnen gerichteten Ruf des Evangeliums“ außer Kraft setzen, denn für ihn ist Christus als Herr zunächst etwas sehr individuelles, das “trotzdem eine soziale, politische und strukturelle Tatsache [ist], die eine Herausforderung an die Mächte darstellt.“ (S.177)

Besonders explosiv - und so wurde das Kapitel auch anfangs rezipiert - ist dann auch Yoders Aufruf zur revolutionären Unterordnung. V.a. analysiert er dabei die Haustafeln aus den Briefen und widersetzt sich darin klassisch historisch-kritischen Positionen wie der von Martin Dibelius, die nach-jesuanische Kirche habe die Radikalität Jesu verlassen und ethische Richtlinien der Umwelt (z.B. der Stoa) aufge-nommen (vgl. S.185). In minutiöser Analyse der biblischen Texte legt Yoder deshalb im direkten Vergleich zum stoischen Ideal die Unter-schiede dar und findet im biblischen Text die messianische Ethik Jesu bestätigt (Fazit vgl. S.209).

Weiterhin bricht Yoder mit der traditionellen Lesart von Röm 13 (der Obrigkeit Untertan sein; sie ist von Gott eingesetzt) als Grundlage christlicher Staatslehre. Er setzt es in den größeren Kontext (v.a. zu Röm 12), verweist erneut auf den Aspekt von Leiden und dienender Liebe und betont gleichsam, dass es sich hier wohl eher um eine konkrete Ansage von Paulus an den konkreten Leser gehe, nicht so sehr also um etwas Verallgemeinerbares, womit Yoder die Einsetzung jeder konkreten Obrigkeit durch Gott infragestellt, nicht das Prinzip Obrigkeit und Ordnung (vgl. S.226f.). Zuvor schon hat er ja die Gefallenheit dieser Mächte - also auch des Staates - thematisiert (s.o.) und spricht in diesem Zuge auch über die Polizei, die Todes-strafe, Kriegsdienstverweigerung und den Ansatz von einem gerechten Krieg. De facto bringt er dabei theologisch-inhaltlich Röm 13 mit der Bergpredigt (Mt 5-7) überein.

Auch das Theologumenon der Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben befreit Yoder aus dem rein metaphysischen Bereich und zieht vielmehr Konsequenzen kosmischer wie auch sozialer Dimen-sionen (vgl. S.240f.). Gegen die klassisch-lutherische Position reha- bilitiert er das Gesetz als “gnädige Maßnahme Gottes, das Leben seines Volkes zu regeln, solange es auf die Ankunft des Messias wartete.“ (S.240) Statt nach einem gnädigen Gott zu suchen also - den hatte Paulus schon, so Yoder -, geht es Paulus “um die grund-sätzliche Frage der sozialen Gestalt der Kirche“ (S.241), die sich durch Öffnung den Heiden gegenüber und Versöhnung zwischen Juden und Heiden als Gemeinschaft aller Gläubigen darstellen soll und in der Vorstellung von dem neuen Menschen kulminiert (vgl. S.242ff.). Auch die Versöhnung von Menschen sonstiger unter-schiedlicher Herkünfte und sogar verfeindeter Völker spielt für Yoder eine entscheidende Rolle (vgl. S.250).

Im abschließenden Kapitel nimmt Yoder weitere Teile des Neuen Testaments in den Blick, um seine These von friedlichem Widerstand und Feindesliebe auszubauen. Besonderes Augenmerk schenkt er der Offenbarung des Johannes und dem Bild des Lammes. Yoder verbindet das triumphierende Leiden des Lammes mit der Ablehnung des guten Zwecks; nicht nur argumentiert er damit grundsätzlich gegen das Töten, sondern auch gegen den Willen, seine gerechten Ziele immerzu durchsetzen zu wollen (Vgl. S.264). Statt eine Metho- dik anzuwenden, um seinen Willen durchzusetzen, pocht Yoder auf den schlichten Gehorsam des Kreuzes Christi und überlässt die Lenkung der Geschichte Gott (vgl. S.265f.).

Obwohl Yoders Werk, wie anfangs angemerkt, bereits vierzig Jahre alt ist, besitzt es damit eine bemerkenswerte Frische, die einerseits an der interessanten Auswahl exegetischer Grundlagen liegt, ande- rerseits an Yoders systematisch-theologische Schlussfolgerungen, die die breite täuferisch-mennonitische Friedensethik widerspiegelt und gleichsam im Jesus der Evangelien verwurzelt. Für alle, die oftmals sowohl in ihrer traditionellen Lesart der Bibel wie auch praktisch herausgefordert herauswerden wollen, ist Yoders Werk auf jeden Fall allererste Sahne. Ein Anhang mit Infos zum Autor sowie ein aus- führliches Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur zum Werk selbst transportieren diese Ausgabe wirklich auf wissenschaftliches Niveau.

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